Scherbenlese

Werkstatt im August 2026 Maren Grünemitten Simon

Auf der Suche nach dem verlorenen Glanz:

Scherbenlese in der Mark

Wer in den weiten Landschaften Brandenburgs unterwegs ist, sucht meist Ruhe, Weite oder das märkische Licht. Aber das ist nicht alles, was es hier zu finden gibt. Überall auf der Welt, so auch hier, liegen Scherben herum, die im Verborgenen leuchten. Sie springen mir förmlich entgegen. Da muss ich gar keine große Ausschau mehr halten, ich finde immer welche im märkischen Sand; solche aus Keramik und Porzellan und immer wieder auch welche aus Glas.

Das Suchen und Finden von derlei Kulturgut in Form von versehrten Scherben-Fragmenten zieht sich schon seit einiger Zeit wie ein roter Faden durch mein bildhauerisches Schaffen. Es fing mit den robusteren Sorten für tonscherbene Portraits an und findet nun seinen Höhepunkt in transparenten Werken, die ich mittels Scherben aus Glas erschaffe.

Füllmaterial für das Kaleidoskop

Glas übt eine ganz eigene, fast magische Anziehungskraft auf Menschen aus, in Kombination mit Feuer oder elektrischem Licht, wärmt es unsere Seelen. Darüber hinaus können uns diese schönen Scherben, die jahrzehntelang im märkischen Sand gelegen haben und von Sonne und Wind, von Feuchtigkeit und Erde und also von der Witterung gezeichnet sind, uns einfach nur erfreuen. Ja einige sind sogar fähig, uns zu trösten. Weil sie Erinnerungen wecken. Es ist eine Tatsache, dass sich nicht ohne Grund in kindlichen Hosentaschen oder Schatzkisten, immer und zuverlässig auch allerlei bunte, abgerundete Glasscherben und natürlich, auch Murmeln befinden müssen.

Ich konnte mir eine kindliche Freude daran erhalten! Meistens haben die Scherben ihre scharfen Kanten eingebüßt, sind oft stumpf geworden, ihre Oberfläche matt. Und doch tragen selbst die Kleinsten eine unbändige Kraft in sich. Ich lege diese kostbaren Reste, die bei meiner Arbeit mit Glas immerzu anfallen,  in mein Kaleidoskop … um dieses Kinderspielzeug dann, zur Inspiration oder einfach nur zur Entspannung zu nutzen.

… die reinste Freude

Das Paradoxon des Materials

Was mich an gläsernen Fundstücken fasziniert, ist der tiefe Widerspruch des empfindlichen Materials bei gleichzeitig, überaus starker Widerständigkeit. Jeder hat doch schon einmal Bekanntschaft mit fiesen kleinen Splittern oder der rasiermesserscharfen Kante einer Scherbe gemacht! Ja, sie taugen zur Not sogar als Waffe, wenn man gerade nichts anderes zur Hand hat als ein Stück Glas, zum Beispiel in Form von einer kaputten Flasche. Die Krimi-Filmindustrie lebt davon. Ich trage trotzdem keine Handschuhe, wenn ich mit meinen Scherben agiere, denn irgendwie arrangiere ich mich mit ihnen, habe sie in all den Jahren gezähmt und greife selbstsicher zu – ohne mich zu verletzen. Der Sturz in meine Scherbenkiste, der mir im letzten Jahr unfreiwillig passierte, war da die große Ausnahme; trotzdem hatte ich Glück (!) im Unglück und kam lediglich mit dem Schrecken davon. Es hätte aber auch gehörig daneben gehen können.

… alles ist möglich, auch wunderbare Experimente! Unten links: Nase und Zähne

Denn der Schnitt saß tief und er war lang – war von Freund Zufall so akkurat ausgeführt worden, dass es aussah wie echt: Wie ein echter Versuch in Sachen Suizid aufgrund von Lebensmüdigkeit. Heute ziert ein kleines Tattoo diese Stelle. Ich frage mich noch immer wie es dazu kommen konnte, dass ich fiel. Was es auch gewesen sein mag, ich habe sozusagen meine ‚Heilung‘ mithilfe der Sitzung im Tattoostudio, erfolgreich zelebriert. Es waren nichts Geringeres als die eigene Selbstachtung und mein Stolz, die ich nach einer längeren Zeit der Niedergeschlagenheit, wiedererlangen wollte. Die nicht leichtgefallene, weil so schwere Entscheidung, die ich vor Jahren treffen musste, weil ich von Teilen der Familie einfach nie verstanden worden bin – das weiß ich jetzt ganz sicher -, war aber richtig gewesen.

Bauchgefühl und Scherbenhaufen, sie bedingen einander …

Glas gilt als der Inbegriff des Fragilen, des Verletzlichen. Wenn es (oft aus Unachtsamkeit) zerbricht, bleibt scheinbar nur Zerstörung. Doch, wenn ich diese Scherben in meiner Werkstatt sammle, sortiere oder selbst welche provoziere und das somit entstandene Chaos dann als Collage, anschließend neu zusammensetze, passiert etwas Erstaunliches: Die fertigen Porträts verströmen zwar weiterhin diese zarte, transparente und von lebhafter Farbigkeit sprühende Aura – aber sie stehen als Scherbenpuzzle zugleich ungemein solide, fest und unerschütterlich im Raum (so wie ich auch). So entsteht aus ehemals Zerbrochenem eine völlig neue, unnachgiebige Präsenz. 

Ein Antlitz aus Bruchstücken

Abendsonne in der Werkstatt

Jeder meiner Spaziergänge (meist mit Mann und Hund) wird in Brandenburg, da, wo ich zuhause bin, zu einer archäologischen Spurensuche. Ich weiß nie, was mir die Landschaft schenkt: Ist es das tiefe Grün einer alten Flasche, die matte Transparenz eines einst durchsichtigen Fensterglases oder ein seltener, farbiger Akzent? Jedes neu gefundene Fragment überrascht und bringt seine eigene Geschichte mit. Bevor überhaupt zu erkennen ist, was es werden wird, wachsen diese Collagen Stück für Stück in die Höhe und entfalten dabei im sanften Abendlicht als abstrakte Skulpturen, wie man an der nebenstehenden Abbildung gut sehen kann,  bereits ihre erste magische Wirkung.

HE&ME bei der seitenverkehrten Betrachtung im Spiegel

Erst mit der Kombination vieler Gläser wird es interessant

In meiner neuen Werkstatt formen sich diese Zufälle, gefunden in der Natur, schließlich zu präziser, bildhauerischer Absicht indem ich sie mit extra zurechtgeschnittenem Glas des alltäglichen Gebrauchs aus dem Jetzt, kombiniere. Auch transparente Steine (Achate oder Kristalle) gehören dazu. Ich setze sie präzise Kante auf Kante, um Hohlkörper daraus entstehen zu lassen. Nur so kann sich das Licht seinen Weg durch meine Protagonisten hindurch auch erfolgreich suchen. Nur so kann es meditativ leuchten! In den letzten Wochen arbeitete ich daran, meine namenlosen Köpfe unter dem Arbeitstitel He&Me, endlich zum Abschluss zu bringen. Kürzlich nun erhielten sie ihre finale End-Behandlung in Form einer dunklen Patina, die ich sorgfältig aufbrachte um den Überschuss hinterher, wieder sauber runter zu wischen.

Und die nächste Ladung Scherben liegt schon bereit! Ich übe sozusagen mit ihnen den „Ernstfall“ um mich ganz allmählich auch an konkrete Personen, deren Charakter, Geist und Kunstverständnis mich bewegen, heranzuwagen. Es wird nicht einfach werden, real existierende Gesichter mittels Glascollage, zu portraitieren. Doch – einfach – war es ja noch nie gewesen, was ich mache. Ich wachse sozusagen jedes mal wieder ein Stück weiter in die Höhe mit meinen Aufgaben – wohin sonst?

So war das schon immer gewesen. Auch diese nächste, mich gehörig selbst unter Druck setzende Aufgabe, die den Aspekt der geforderten Ähnlichkeit nicht außer Acht lassen darf, werde ich meistern.

HE&ME Finale im August 2026, Maren Grünemitten Simon, Höhe des Figurenpaares ca. 70 – 75 cm

Künstlerisches Tätigsein ist ein intensiver, manchmal mühsamer und von daher oft auch langwieriger, aber unendlich faszinierender Prozess, der sich im Verborgenen abspielt. Aus den Scherben der Vergangenheit entstehen im Hier und Jetzt Charakterköpfe, die dem Betrachter – so kann man sagen – fest in die Augen schauen und doch stets einen Rest von Zweifel in sich tragen. Meine Portraits (besonders die namenlosen) sind also immer auch Abbild des eigenen, fragilen Seelenzustandes und des Versuchs der Überwindung dieser, meiner immer bleibenden Zweifel, die vor allem der Zeit geschuldet sind, in der ich lebe. Eventuell wird sich dieser Aspekt für zukünftige Generationen, noch als spannend erweisen.

Kann es eine schönere Arbeit geben?

 

Maren Simon August/September 2026

Comments are closed.