Die Fortsetzung meiner Arbeit mit dem Fragmentarischen
Wer in den weiten Landschaften Brandenburgs unterwegs ist, sucht meist Ruhe, Weite oder das märkische Licht. Ich suche nicht, ich finde (!) … steinzeitliche Feuersteine, Keramikscherben und immer wieder auch Glas in sämtlichen Variationen. Letzteres lässt sich an dieser Stelle nun besonders betiteln als das Leuchten im Verborgenen. Wenn ich durch die märkischen Wälder, über sandige Wege oder entlang alter Ackerränder streife und mein Blick immer wieder auch über den Boden gleitet, springen sie mich förmlich an: Glasscherben.
Immer mit Tüte oder Beutel gut ausgerüstet, nehme ich mit, was ich kriegen kann.
Das Suchen und Finden von allerlei unterschiedlichen Fragmenten zieht sich schon lange wie ein roter Faden durch mein bildhauerisches Schaffen. Doch Glas, mit dem ich seit einiger Zeit verstärkt zu arbeiten begonnen habe, besitzt eine noch ganz eigene, fast magisch zu nennende Anziehungskraft. Eine Scherbe, die jahrzehntelang im märkischen Sand lag, ist vom Wind, von der Erde und der Witterung gezeichnet. Ihre scharfen Kanten sind oft stumpf geworden, ihre Oberfläche matt. Und doch trägt jede eine unbändige Kraft in sich.

Das Paradoxon des Materials
Was mich an den gläsernen Fundstücken besonders fasziniert, ist ihr Widerspruch in sich. Zerbrechliches Glas gilt als der Inbegriff des Fragilen, des Verletzlichen. Wenn es bricht, bleibt scheinbar nur Zerstörung. Doch wenn ich diese Scherben in meiner Werkstatt sammele, sortiere und neu zusammensetze, oder sogar neue Scherben bewusst provoziere, indem ich Hand anlege, um zerstörerisch tätig zu werden, passiert etwas Erstaunliches: Die fertigen Porträts verströmen zwar weiterhin diese zarte, transparente Aura – aber sie stehen als Skulpturen ungemein solide, fest und unerschütterlich im Raum. Ebenso, wie ich selber.

Aus dem ehemals Zerbrochenen entsteht durch mein Wirken eine völlig neue, unnachgiebige Präsenz.
Immer wieder provoziere ich, dass es nur so kracht, weil ich natürlich nicht allein auf Gefundenes setzen kann, sondern meine Fundstücke – sowohl die aus Glas als auch solche aus Keramik – mit Gebrauchsgeschirr, Gläsern oder Flaschen, ergänzen muss. Beherzt kneife ich mit meiner Zange zu, die sich hierbei besonders bei dickerem Glas, ziemlich anstrengen muss. Auf diese Art ‚beiße‘ ich mir die großen Stücke zurecht, so, wie ich sie brauche. Jetzt bin ich nicht mehr nur Opfer oder Dekorateur, der Vorhandenes arrangiert, sondern werde zum Gestalter einer neuen Ordnung. Bevor das Portrait steht, sehen die unfertigen Stücke wie abstrakte Formen (ohne Titel) aus und besonders schön wirken sie, wenn das Licht zusätzlich durch eine transparente Plane zu ihnen hindurch, dringen muss. Licht ist ein Zauberer! …
… und Glas und Licht sind Geschwister …

Antlitz aus Bruchstücken
Jeder Spaziergang in Brandenburg, da, wo ich zuhause bin, wird also zu einer regelrechten archäologischen Spurensuche, die nicht nur steinzeitliche Materialien meint.
Ich weiß nie, was mir die Landschaft schenkt: Ist es das tiefe Grün einer alten Flasche, die matte Transparenz von Fensterglas oder ein seltener, farbiger Akzent? Jedes versehrte Fragment bringt seine eigene Geschichte mit. Und in meiner Werkstatt formen sich diese Zufälle der Natur schließlich innerhalb eines längeren Zeitraumes, zu präziser bildhauerischer Absicht. Stück für Stück setze ich sie Kante auf Kante, um daraus dann, meine Portraitfiguren als Hohlkörper aufzubauen. Nur so kann das Licht hindurch fließen – nur so kann es leuchten. Hinzu, zu den Gläsern, drapiere ich andere transparente Steine, wie beispielsweise Bleikristalle oder auch Achatscheiben à la Sigmar Polke (gemeint sind die von ihm gestalteten Achatfenster der protestantischen Kirche „Grossmünster“ in Zürich, Schweiz, 2009). Es macht nichts, dass diese (und auch meine) Steine eingefärbt wurden, sie sind trotzdem schön anzusehen.

Ich suche noch nach einem übergreifenden Namen für meine Kunst, denn „Skulpturen“, die sozusagen erst von außen nach innen durch Abtragen des Materials ans Licht gebracht werden müssen, heraus aus Elbsandstein, Marmor oder Holz beispielsweise, sind es nicht, und es handelt sich auch nicht um „Plastiken“ als solche. Denn dafür muss das zu bearbeitende Material weich (also plastisch = gefügig) sein, um von innen nach außen, aufgebaut zu werden, wofür sich Gips (über Draht) oder Ton eignen. Ich puzzele, collagiere und klebe aber bereits bestehende, feste Bruchstücke aus anderen, nicht mehr gültigen Formationen, zu neuen Konstellationen zusammen.
Also sind es Scherbenfiguren … oder besser gesagt:

BILDHAUER-COLLAGEN!
Derzeit arbeite ich verstärkt daran, nicht nur freie Köpfe (Beispiel Werkzyklus HE&ME) zu erschaffen, sondern konkrete Personen darzustellen, deren Charakter, Geist und Kunstverständnis, mich bewegen. Menschen also, die meinen Lebenslauf in irgendeiner Weise beeinflusst oder tangiert haben – wobei auch manche, die ich nie kennenlernen durfte, dazu gehören. Diese konkrete Herangehensweise allein mit Glassteinchen bewerkstelligen zu wollen, erscheint absurd. Ich werde hier wahrscheinlich farbiges Glas, mit zusätzlich von Hand geformten Keramikelementen, extra kombinieren müssen. Ähnlichkeit zu erzeugen, allein mit scherbenen Gläsern, das dürfte schwierig werden und bleibt deshalb alles in Allem, eine große Herausforderung.

Ich setze mich mit diesem, meinem anspruchsvollen Vorhaben, natürlich selbst gehörig unter Druck. Keine Frage. Anders als bei Kunstwerken, die ich frei erarbeiten kann, muss ich mich festlegen und kann hinterher nicht einfach ausweichen, falls das Resultat nicht gefällt. Das ist der Unterschied zur allgemeinen, heute so gefeierten Beliebigkeit, die sich alle Optionen offenhält. Kunstschaffen muss deshalb auch als intensiver, manchmal mühsamer, aber immer auch unendlich faszinierender Prozess verstanden werden, wo Verantwortung übernommen wird, damit Kunst wieder zu etwas Besonderem wird.
Aus den Scherben der Vergangenheit entstehen im Hier und Jetzt Charakterköpfe, die dem Betrachter fest in die Augen schauen und dennoch immer einen Rest von Zweifel in sich tragen. Denn ich bin ein Kind meiner Zeit und als solches, fließen meine Emotionen in meine Arbeit mit hinein. Die Scherbe als Ausdruck von Chaos und Kummer, der repariert und neu geordnet, zu etwas Gutem werden kann! Das ist doch ein schöner, ein faszinierender Gedanke, finde ich.
Kann es eine schönere Arbeit geben?
Der Umstand mit diesem stetigen „Hintergrundrauschen“ (wie bei anderen Leuten es ihr Tinnitus ist) konfrontiert zu sein, bedeutet für mich Antrieb, mich damit auseinandersetzen zu wollen. Dies „Rauschen“ ist mein Leitfaden, der mich zur Arbeit ruft und mir die Ideen vorgibt, die ich unbedingt noch in die Tat umsetzen muss. So gesehen bleibe ich (notgedrungen möchte ich sagen) jung und erfreue mich eines gesunden Tatendranges. Jetzt, in einem Alter, wo ich meine Fähigkeiten bestens trainiert habe und mein Erfahrungsschatz recht breit angelegt ist, da muss ich dies doch noch für meine Zwecke nutzen (!) … deshalb will ich gar nicht daran denken, irgendwann einmal aufzuhören.

In diesem Zusammenhang sei zum Ende hin erwähnt, dass es wichtig ist immer auch dazuzulernen.
Ich habe mich entschieden, trotz anfänglicher Bedenken, Künstliche Intelligenz hinzuzuziehen, diesen Text zu verfassen, weil ich mich gewundert habe, wieviel sie schon über mich weiß! Gleichzeitig erhoffe ich mir dadurch, KI einzubeziehen, nicht mehr mit einer anderen MAREN gleichen Namens in einen Topf von ‚unserer‘ KI geworfen zu werden. Meine nette Schreibhilfe bedankte sich sehr höflich für meine Hinweise und versprach Besserung in der Sache. Höflicher kann man kaum behandelt werden.
Maren Simon, September 2026

