Frühlingserwachen

Na endlich. Zu lange ist es nun schon viel zu kalt gewesen. Die wärmende Sonne setzt sich aber nur ganz allmählich durch, obwohl die Uhr vor Tagen schon erfolgreich auf „Sommerzeit“ umgestellt wurde, die Nächte kürzer und die Tage wieder länger werden und alle Vögel bereits da sind. Auch in meiner Werkstatt wird es wieder Frühling, zwar macht meine dicke Linde vor der Tür noch keine Anstalten, ihre Knospen platzen zu lassen, aber zuverlässig, wie jedes Jahr, versammeln sich ihre kleinen Freunde, die Feuerkäfer, vor meinen beiden Türen. Kaum steht die Sonne höher, sammeln sie sich und drängen nach innen und ich habe keine Ahnung, wieso sie das tun. Leider kann ich die vielen Käferchen nicht daran hindern, mich ständig jeden Tag wieder, zu besuchen! Ich sammele einige wenige ein und werfe sie hinaus, aber tags darauf sind alle wieder drinnen, so, als würden sie nirgends anderswo sein wollen.

Mein lieber Mann sagt, freu dich doch, dass diese Tierchen, dich offensichtlich mögen! Ja, wenn es nichts Schlimmeres ist, was meine Aufmerksamkeit einfordert, sollen sie laufen, wie und wo sie wollen! Sie tun es oft zu zweien, Hinterteil an Hinterteil gehängt, sind sozusagen am „laufenden Bande“ und im wahrsten Sinne des Wortes, ständig verliebt.

Während die Feuerkäfer Winterruhe hielten, ruhte ich nicht. Ich habe, solange es kalt gewesen ist, das Portrait meiner betagten Nachbarin „Ilse“ fertig gestellt. Sie einmal zu portraitieren, das war mir eine echte Herzensangelegenheit gewesen und ich wartete beharrlich auf diese Gelegenheit. Ilse war damals die erste Ansprechpartnerin für uns, als wir von der Stadt aufs Land gezogen sind und ihre Hühner legten zu dieser Zeit die schönsten Eier – auch für uns. Hühner hat sie inzwischen keine mehr zu versorgen und auch die Arbeit auf dem, direkt hinterm Haus gelegen Ackerland, dass durch ihrer Hände Arbeit herrliche grüne, auch gelbe Bohnen, süße Erdbeeren, Blumen aller Art und nicht zu vergessen, stattlichen Grünkohl hervorbrachte, wurde allmählich zu schwer für sie. Ihr bescheidenes Wesen und ein arbeitsreiches Leben im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten formten ihr schönes, mit sanften Gesichtszügen ausgestattetes Antlitz, und das war es, was mich schon immer an ihr faszinierte.

Aber erst jetzt schien die Zeit endlich reif und mit Hilfe ihrer Familienangehörigen, auch die Gelegenheit gekommen.

Der erste Brand ist gut verlaufen, der zweite steht an. Aber in meinem 700 Liter fassenden, nicht sehr großen Ofen (mit einem freundlichem Dank an Adam&Ziege!) muss intelligent gestapelt werden, damit jeder Hohlraum auch bestens ausgenutzt werden kann. „Ilses“ ausladendes Konterfei wollte einfach nicht hinein in die bestehende Lücke, deshalb muss sie nun auf die nächste Runde warten. Eigentlich ist es nicht viel anders, als beim Bäcker, der ja auch rentabel denken muss. Die frisch erstellten, kleineren „Backwaren“ trocknen in ihren Regalen, während die größeren Werke hierzu auf Sockeln mit Papier aufgestellt werden. Anders als beim Bäcker, der seine Waren wärmstens los wird und verkauft, stehen mir die fertig gebrannten Sachen erst einmal im Wege herum. Feines Gebäck will jeder, Kunst nicht unbedingt … da braucht es mitunter einen längeren Atem, wohlwollend interessierte und verständnisvolle Menschen und natürlich, reichlich Platz.

Meine vielen, unterschiedlich großen Protagonisten, fordern zunehmend Raum. Ideen sind gefragt! Bisher hatte ich immer Glück und kam die Zeit, so kam immer auch Rat. Also hoffen wir! Die besten Einfälle finden sich ja sowieso erst dann, wenn ein gewisser Druck besteht. Mangel – an was auch immer – hat auch sein Gutes und muss nicht nur schlecht sein, oder anders gesagt, jeder Nachteil hat auch seinen Vorteil!

Als wir noch ganz jung an Jahren waren, schafften wir uns zum Beispiel „secondhand“ eine alte Sesselgarnitur aus den fünfziger Jahren an. Sie war alles andere als modern, war seegrasgefüllt und das verwendete Holz (statt Pressspan), überzeugte uns. Die klare, schöne Linienführung erfreut uns noch immer. Das moderne Zeugs aus dem Möbelhaus, Ende der 80-igerJahre, es gefiel uns einfach nicht und war zudem, vergleichsweise teuer. Inzwischen sind mehr als 30 Jahre vergangen und wir lieben die beiden Sessel und das alte Sofa noch immer. Wir sind damit in höchstem Maße, anspruchsvoll eigen und also all die Jahre, unserer Zeit voraus und wir sind „modernst“ aufgestellt, denn jetzt lebt man endlich so wie wir es schon immer taten: „Retro“ und leicht angestaubt – „Vintage“. Warten muss man können…

Vor bald 20 Jahren ist das alte Sofa das letzte Mal „neu“ und mit einem blauen Bezugsstoff bezogen und sein Innenleben vollständig restauriert worden. Mit dem frischen Sofabezug kam auch eine Katze in unseren Haushalt gelaufen. In all den Jahren, die sie nun schon bei uns wohnt, setzte sie dem lieben Sofa natürlich ungewollt tüchtig zu. Bei jedem „Aufstieg“ (mehrmals am Tag) krallt sich der Kater nämlich bergsteigermäßig an der Sitzkante fest und hievt seinen Katerkörper dann schwungvoll nach oben. Der Bezugsstoff hat diese rüde Behandlung unserer Katze erstaunlicher Weise bisher ganz gut ausgehalten, war offenbar beste Qualität! Den Gebrüdern Harald und Wolfgang Türk sage ich an dieser Stelle vielen Dank, ihnen hatten wir unser Sofa damals anvertraut.

Immer, wenn die Katzenspuren allerdings allzu zu arg hervorzutreten drohen, muss ich aktiv werden. Mit der Dose! So auch jetzt wieder. Am besten zu realisieren ist das Sprayvergnügen im Freien. Erst nach 2-3 Tagen ist auch die letzte Geruchsspur verflogen, die Sitzfläche ist aber bereits nach einigen Stunden wieder belastbar, je nach Sättigungsgrad des Farbauftrags.

Was tut man nicht alles, um Besitzer eines originalen Graffiti-Designer-Art-Sofas zu sein! Dennoch, diese ungewöhnliche, antiquarische Sitzgruppe ist der Hingucker schlechthin. Unser Motto: aus der Not mach einfach eine Tugend! Erste Sprayer-Erfahrungen im Umgang mit Textil sammelte ich auf einem alten Teppich. Erlernt hatte ich das Sprayen innerhalb einer recht ungewöhnlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Lehnin und wendete diese Technik privat zum ersten Mal auf Gartenmobiliar und später dann, auch sehr mutig, am eigenen alten Auto an. Ich frische das typisch „Simonsche“ Blätterdesign, sowohl beim Sofa als auch beim Auto, ab und an auf, es trotzt aber ansonsten dem Alltag und seinen Tücken recht zuverlässig – so zum Beispiel in der Waschanlage.

Es macht mich nachdenklich, wenn ich bei meinen Fahrten über Land manchmal ganze „Sitzlandschaften“ am Straßenrand stehen sehe. Jungen Leuten möchte ich zurufen, übernehmt einen Pflegevertrag! Unserem Sofa und den beiden alten Sesseln wird solch grausames Schicksal nicht widerfahren! Was unzähligen Sitzmöbeln laufend angetan wird, sie selbst im Regen vor die Tür zu stellen, so dass sie wie gestrandete Schiffskörper in der Landschaft stehen, funktionstüchtig – aber als Unrat deklariert, ist alles andere, als nett. Solange unser Kater noch seinen Platz in der Sofaecke beansprucht, bleibt unser Sofa DAS „Designerteil“ der besonderen Art und es soll erst wieder neu bezogen werden, wenn er seinen letzten Atemzug getan hat, erst dann.

Aber wir hoffen ja, dass Katerchen so manchen Frühling in seinem Leben noch begrüßen wird, und sollte er womöglich nicht mehr springen wollen, wird er eben auf seinen Lieblingsplatz gehoben. So, wie auch all die verliebten, harmlosen Käfer in meiner Arbeitswelt bleiben dürfen. Sie laufen zwar total eingestaubt und bepulvert mit Glasur- und Tonpartikeln umher, „vintage“ sind somit auch sie, aber es scheint sie nicht sonderlich zu irritieren.

Maren Simon am 1.April 2018

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