BLINDZEICHNUNGEN: Sie sind in den 2013/2014-er Jahren aus purer Lust am Experimentieren entstanden. Es braucht nur ein paar bunte Stifte und einen Spiegel dafür, um auf einem unbeschriebenen Blatt Papier, völlig neue Persönlichkeiten zu erschaffen. Insgesamt sind innerhalb dieses Zyklus‘ etwa 40 Blätter entstanden. Jetzt, bald 15 Jahre später, schaue ich drauf auf mein Werk und bin erfreut, denn ich habe sie all die Jahre nicht angesehen und unter Verschluss gehalten.
Diese Art des Herangehens ganz „ohne Sicht“ und ohne Kontrolle zu sein, lockert ungemein und hilft dem Zeichner dabei, sich von übereifriger und darum überflüssig trockener Perfektion, zu befreien oder wie in meinem Fall, diese gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Als der eigentliche Initiator meines Experimentes darf mein alter Werkstattspiegel gelten, der damals wie heute dort hängt und sein hineinblickendes Gegenüber, ein wenig verfremdet. Er entstammt noch einer Zeit der „alten Schule“, wo es einst zum feineren, guten Ton für die Spiegelwelt dazu gehörte, nicht ganz glatt zu sein. Die Person, die in solch einen Spiegel hineinsah, wurde mithilfe der leicht unregelmäßigen Oberfläche und des nie ganz reinen Spiegelglases, leicht verzerrt und mit Pünktchen übersät. Und auch mein Spiegel, der zusätzlich noch eine hübsche, rundumlaufende Facette besitzt, zeigt mir jedes Mal wieder ein charmant schräges, mit reichlich lustigen Punkten ausgestattetes, schönstes Bild von mir.
Für mich ist das Antlitz des Menschen ein wichtiges Thema, immer wieder arbeite ich mich deshalb auch an meinem eigenen Gesicht ab. Das ist die einfachste Art, ein Model zu haben, denn ohne mich gehe ich nicht aus dem Haus! Und so fing es an, mir regelrechten Spaß zu bereiten mit diesem schrägen, komischen alten Spiegel, der früher einmal in unserer dunstig-feuchten Basedow-Küche hing, zu experimentieren. Ich zeichnete also anfangs möglichst genau, was ich in diesem Spiegel sah; ein oval geformtes Frauengesicht mit dunklen Augen unter den geschwungenen Augenbrauen und dazwischen eine markant-spitze Nase … und zur Krönung obenauf, die Pinselquaste. Doch irgendwann reichte mir das nicht mehr aus.
Ich hatte genügend Erfahrungen gesammelt. Sogar im Schlaf könnte ich mich selbst gut portraitieren, ohne den Stift einmal absetzen zu müssen.
Und so fragte ich mich, welchen Einfluss auf das Ergebnis wohl Musik haben würde. Musik hat so derart viele Facetten zu bieten, nicht alles gefällt, manches ärgert die Ohren, anderes streichelt sie … und indem ich also die unterschiedlichsten Variationen bewusst ausprobierte und zeichnete, während ich die Ohren spitzte, registrierte ich deren jeweilige Schwingungen sehr genau, wobei ich daran denken musste, dass manch Musikfreund beim Konzertgenuss, einfach seine Augen schließt, um ja nur nichts zu verpassen. Dies war der zündende Gedanke mein Experiment zu starten! Denn nun brauchte ich nur noch zuzuhören, um die feinen Schwingungen, die vom Hirn übers Herz geflogen kamen in die zeichnende Hand fließen zu lassen, und daran anschließend, aufs Blatt zu übertragen. Ähnlich wie es seismographische Hightech-Instrumente oder Lügendetektoren tun.
Und nun fing es an spannend zu werden!
Jegliche Kontrolle über Bord werfend, tastete ich meine Gesichtslandschaft über längere Zeit regelrecht ab ohne jedoch den Entstehungsprozess meiner Portraits zu beurteilen. Denn darum ging es mir ja, ich wollte wissen, wie wohl das Resultat aussehen würde, wenn man zwar mitdenken, aber nicht konkret mitverfolgen kann, was geschieht. Es war interessant zu erleben, wie sich unterschiedlichste Striche, teils in unterschiedlichsten Farben, wild und scheinbar zügellos übereinander schoben, an manchen Stellen des Blattes mehr, an anderen weniger stark. Und wo ansonsten der Verstand oder zumindest die Erfahrung einem Künstler sagt, was er zu tun oder zu lassen und wann er vor allem aufzuhören hat, oder ob an einer Stelle eventuell mehr Intensität angebracht wäre, entschied während des blinden Zeichnens mehr oder weniger Freund Zufall allein und ganz ohne mein Zutun. Er ließ sich nur die Farben vorschreiben. Ihm war jedoch egal, ob Nase oder Augenpaar überhaupt an der richtigen Stelle saßen oder ob sich die gesamte Komposition an sich, zu sehr am Blattrande befand. Richtig und Falsch gab es plötzlich nicht mehr, ja es bedurfte nicht einmal mehr meines schrägen Spiegels um schönste, schiefe Resultate zu erhalten. 
Was dann infolgedessen zu einigen glücklichen und mich inspirierenden Überraschungen führte.
Ein schlichtes Selbstbildnis kann auf diese Art – obwohl man sich doch sehr genau zu kennen glaubt -, zu einer völlig neuen Erfahrung werden! Eigentlich hatte ich in jener Zeit mit etlichen „Baustellen“ zu tun, denn ich befand mich mitten drin in diesen dämlichen Wechseljahren und musste einige unschöne Krankenhaus-Erfahrungen verdauen. Mit diesen humorvollen Selbst-Analyse-Portraits bin ich sozusagen zu meinem eigenen Psychologen geworden! Und so kam es denn auch, dass ich irgendwann meinen lieben Mann in diesen Prozess mit einbezog, damit auch er sich mal so richtig ordentlich über sich selbst amüsieren sollte.
Was er dann aber leider nicht tat.
Er sah den Sinn dieser Prozedur einfach nicht ein. Bei ihm muss alles „Sinn“ haben, denn er ist Ingenieur. Es nervte ihn zudem sehr, immer nur meine Musike, die ich jetzt nicht mehr nur in der Werkstatt, sondern auch im Wohnzimmer in Stereo und damit bei besten Klangverhältnissen hörte, ertragen zu müssen. Weil ich keinen Spiegel mehr brauchte, war es schließlich egal, wo ich saß und zeichnete. Ich krümelte also Sofa und Couchtisch voll mit meinen bunten Pastellstiften und ich hörte J. S. Bach rauf und runter. Die tiefen Töne der Bach’schen Orgelwerke machten ihm ziemlich zu schaffen und ebenso die hohen. Doch darauf konnte ich beim besten Willen keine Rücksicht nehmen, schließlich steckte ich im Schaffensprozess einfach zu tief drin. Deshalb erschien es mir in dieser misslichen Lage tatsächlich als das Beste, nach seinen Favoriten zu fragen und diese dann – nur zur Abwechslung wenigstens ab und zu -, dann ebenfalls zu ertragen …
Was für ein Fehler! Denn nun revangierte er sich und zog seinerseits alle Register.
Als wir uns diese beiden letzten Zeichnungen unter diesem Text ansehen, da sagt er trocken, dass das gemein von mir wär gegenüber diesem großen Musiker, der Kenny Rogers gewesen sei. Doch es liegt mir fern ihn zu verunglimpfen … ich kann dazu nur sagen: Die Dosis macht das Gift! Fakt ist aber, dass die beiden Zeichnungen unten: „Mein Mann hört Kenny Rogers“ und „Ich muss Kenny Rogers hören“, deshalb die einzigen Versuche (2 von 4) ihrer Art geblieben sind – als ein letzter Versuch sozusagen – der zudem dieser, meiner humorvollen Phase des Blind-Zeichnens, ein jähes Ende setzten sollte.







