Worüber schreiben, wenn wenig passiert?

Trotz wiederholter Kontaktbeschränktheit im Herbst, sind erstaunlicher Weise jedoch viele Fotos auf meinem Smartphone entstanden, ich sah sie durch, um einen roten Faden für diesen Text zu finden und wunderte mich. Viel Natur und viel Arbeit, immer im Wechsel, das klingt „gesund“, obwohl rein arbeitstechnisch betrachtet, auch bei mir manches nicht so gut läuft, wie ich es mir wünschte.

Kontakte nur mit Maske haben zu dürfen, steht dem Portraitieren von Personen im Wege. Natürlich finde ich trotzdem genug Themen, an denen ich mich abarbeiten kann. Darüber, was trotz Corona geht, will ich heute informieren. Man findet mich ja weder bei „Facebook“ noch bei anderen Internet-Anbietern, wie etwa auf „Instagram“ oder „Singulart“; auch die Plattform „Pinterest“ ist mir zu allgemein! Man findet mich nur bei mir – und nicht etwa in Hamburg. Dafür darf’s dann aber auch ein bisschen mehr an Information sein! Ich empfinde mich tatsächlich (recht selbstbewusst) als zu eigenwillig veranlagt und auch zu speziell, als dass ich mich in der Absicht, meine Kunst über den Bildschirm zu verkaufen, auf den großen kulturellen Tummelplätzen des Internets, mit den unterschiedlichst veranlagten Kollegen, vergleichen lassen wollte.

Von meiner Arbeit gibt es zu berichten, dass ich im Sommer die drei einzelnen Fragmente meiner eigenwilligen Plastik „Scherbenpracht I“ als Ganzes endlich im Garten aufgestellt habe. Von den Umständen ihrer Entstehung berichtete ich bereits in einem der zurückliegenden Texte. Die große Tante wurde sofort von den Meisen beäugt, für gut befunden und angenommen. Sie steht jetzt solide und scheint allen Wettern standzuhalten. Die vielen mühsamen Erfahrungen, die ich beim Aufbau dieser ersten, überlebensgroßen Plastik aus scherbenen Einzelteilen sammelte, will ich nun wie geplant, für die Erarbeitung einer zweiten Figur nutzen. Die erste Plastik diente sozusagen dem reinen Übungszweck und ist von eher spielerischer Natur, wenn auch ihre Scherbenthematik mit „Brüchen“ und deren Reparatur, nicht nur dem sonderbaren Material geschuldet ist, sondern vor allem mit verarbeitetem Schmerz zu tun hat.

Sich eines Problems spielerisch zu nähern, genau, wie die Elstern es tun, wenn sie mitunter ein  Nest nur zu „Übungszwecken“ anfertigen, bevor das eigentliche gebaut wird, schließt die Möglichkeit des Scheiterns nämlich immer mit ein. Im Geäst unseres Haselnussbaumes hatten die intelligenten Vögel 2014 solch eine vermurxte, erste trichterförmige Astansammlung errichtet – damals fanden wir bei sengender Hitze den kleinen Quaxl unten drunter. Keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist! Denn zum Fliegen war der gerade einmal seifengroße Vogel ohne Federn, noch viel zu klein! Seine Eltern hatten ihren Hauptwohnsitz beim Nachbarn, in dessen Tannenreihe angelegt und vielleicht ist das letzte und kleinste Kind „Quax“ beim Umzug in die nächstgelegene Obstplantage von einem Altvogel „Huckepack“ genommen worden und dabei dann, abgestürzt, wie der Bruchpilot. Daher der Name.

Ich muss oft an diese Sommermonate mit der jungen Elster denken, das war wie ein Geschenk!

Damals baute ich etliche, mit Vögeln bestückte, Portraitplastiken auf, wobei auch die Elster mehrmals verewigt worden ist. Jetzt sind es die Scherben, die mir meine Themen vorgeben. Als reichten die bereits vorhandenen in der Werkstatt herumliegenden Scherben nicht aus, gesellt sich immer wieder reichlich neues Material hinzu. Ich brauche aber Veränderung und sehne mich nach Ordnung in diesen wirren Zeiten! Deshalb wollen alle diese Fundstücke endlich einmal bis zur Neige verarbeitet werden. Mein innerer Zustand scheint jedoch ein einziges Chaos zu sein, weshalb mehr und mehr dazu kommt, anstatt weniger zu werden! Wie berichtet, fand ich im Urlaub Stücke von Tonziegeln am Ostseestrand, mit denen ich nun kürzlich ebenfalls und erst einmal nur zur Probe, eine Keramik aufbaute.

Die bunten, kartoffelartig rundgewetzten Ziegel mit ihren abgeschabten Kannten, wirken unwirklich und organisch weich und wohl gerade deshalb, hat die Plastik auch einiges zu erzählen.

Ich beabsichtige nun die bunten, kantigen Scherben aus dem Wald und von den Ackerwegen, mit diesen runden Ziegelfragmenten aus der Ostsee zu kombinieren, um eine große zweite Plastik daraus zu entwickeln. Wenn ich auch bei dieser zweiten Variante, die uns belastenden, gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem Vollzug der „Einheit“ mit ihren Deformierungen und Brüchen im Kopfe habe, möchte ich noch konkreter werden und das fängt bereits bei der Namensgebung an. Wir leben „spannungsgeladen“ zwar in Wohlstand, mit Bananen im Überfluss, dennoch in einer eher unruhigen Zeit. Wir identifizieren uns noch immer, ganz verschieden als „Sieger“ oder „Besiegte“, was es uns letztendlich unmöglich macht, ein „Ganzes“ zu werden.

„Verletzungen“ treten immer wieder zutage, doch die alten „Wunden“ sollen sich irgendwann schließen dürfen! Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass bereits vernarbte, verschwunden geglaubte Verletzungen, wieder aufbrechen können, und zwar immer dann, wenn man an eine damalig erfolgte Kränkung erinnert wird, die notwendige Aufarbeitung derselben all die Jahre über, jedoch ausgeblieben ist. Ein großartiges Thema, dass mir sowohl Möglichkeiten zur Entfaltung meines Könnens genehmigt, als auch genügend Spielraum für meine Phantasie bietet.

Bei der ersten Variante, aufgebaut im letzten Jahr, bediente ich mich bereits gewisser Raffinessen, die ich mir ausdachte, um das geborstene und brüchige Erscheinungsbild dem Betrachter zu „erklären“ beziehungsweise nachvollziehbar zu gestalten. Ich setzte „Tritte“, welche ich zugefügt bekam und die nun als Erklärung für das Instabile und Kaputte fungieren, „lyrisch“ formuliert in „Flügel“ um. Brüchig mit Flügeln in Schuhgröße 46 … das mag auf den ersten Blick absurd klingen. Aber diese mitunter nur kleinen und gut getarnten Aggressionen und „Sticheleien“ meiner lieben Mitmenschen, die versetzten mich doch gerade in die Lage, all meine Kraft dazu zu verwenden, in mir noch unbekannte Höhen, vorzudringen. Aus Trotz! Ich ging zwar in die Knie und es splitterte Manches in mir, aber ich gab noch nie klein bei, damals nicht und auch nicht heute – ich leiste immer Widerstand – nach dem Motto: jetzt erst recht!

Meine neu angedachte Plastik wird unsere, nach meinem Dafürhalten, desolate und völlig kranke Gesellschaft, zum Gegenstand haben. Sie ist somit ein zutiefst persönliches Bekenntnis und gibt Einblick in die Gefühlswelt einer sensiblen Person, die die Fallstricke dieser, ihrer Epoche in der sie überleben muss, zwar kommen sieht, diesen aber nur indirekt ausweichen kann, beziehungsweise, gar nicht. Ich fühle mich so oft, als liefe ich sehenden Auges geradewegs ins offene Messer hinein. Meine Plastiken sind darum sicherlich interessant für Psychologen und Philosophen, auf jeden Fall aber ein gefundenes Fressen für jeden Verhaltensforscher.

Portraitplastiken mit Titeln wie „Gemischte Gefühle“ (2017) und „Berührungsangst“ (2018) verhelfen dem Betrachter schon seit längerem auf meine Spur, hier greift das eine ins andere und zieht das nächste nach. Die Jüngste Protagonistin heißt „Kassandra“ und entstand im Coronajahr; angelehnt an die griechische Mythologie kommen der Seherin angesichts dessen, was die Zukunft uns bringt, die Tränen. Scherben und Tränen – das passt zusammen.

Denke ich an meine Scherbengeborene, fällt mir unwillkürlich Wieland Försters „Nike“ ein, seine „Siegesgöttin“, die an der „Brücke der Einheit“ Wache hält. Ich schätze die Arbeit des Schmerzens-Bildhauers Wieland Förster. Immer prägt uns das, was wir in jungen Jahren erfahren haben. Auch ich möchte aber, so wie er, kein „Opfer“ meiner Umstände, sondern eine „Siegerin“ sein und lege Wert darauf, meine Plastik nicht als Gegenentwurf aufzufassen. Wenn überhaupt, ist sie lediglich als eine Antwort zu seiner „Nike“ zu verstehen. Ich sehe mich als Vertreterin einer „verlorenen“ Generation. Bin durch den Osten geprägt im Westen nie angekommen. Bekam in der neuen Gesellschaft das Fürchten gelehrt ohne die „süßen Früchte“ des Sozialismus, je gekostet zu haben. Worauf hätte ich mich also – so jung an Jahren – berufen können, war ich doch nur ein „Frischling“ von der Leipziger Kunstakademie, zwar mit einem Diplom in der Tasche, doch wen interessierte das schon – bevor und nachdem die alte Gesellschaftsordnung zerbrach? Da nahmen sich beide Systeme nicht viel …

Jung / Frau /… unbeschriebenes Blatt im Wind /… und dann auch noch mit Kind.

Der Aufeinanderprall der Kulturen ist also mein Thema. Eine „Siegesgöttin“, möglichst stark, soll sie werden. Diese Arbeit relativ schnell hochzuziehen, ist kein Problem, denn „Hoch“ kann ich ohne Ende, aber all diese fragilen Teile oberhalb der Taille auch quer beieinander zu halten, wird schwierig werden. Gut, dass ich sämtliche, gemachte Erfahrungen beim Aufbau der ersten Arbeit, nun bündeln kann und keine Mühe scheute, auszuprobieren, was geht. Weiß ich doch nun ganz konkret, worauf ich zu achten habe, wenn sich der Schwierigkeitsgrad erhöht!

Vom Inhalte her möchte ich erreichen, dass jeder interessierte und weltoffene Betrachter sich später in ihr widerfindet, sich der einen oder anderen Seite mehr zuwendet und schließlich Fragen an die andere stellt. Ob er Antworten bekommen wird, hängt von jedem Einzelnen ab und auch davon, inwieweit der geneigte Betrachter Zugeständnisse, die andere Seite betreffend, zulassen kann. Ist es möglich Frieden zu stiften mit Humor? Denn eines ist sicher, meine Plastiken haben, selbst, wenn sie traurig sind, den Schalk im Nacken zu sitzen, was allein schon an der Wahl des Materials liegt! Ich darf am Realistischen nicht festhalten wollen, muss das Bedürfnis danach abschalten. Helden in heroische Posen brauchen entsprechende Materialien – Stein und Metall beispielsweise.

Meine, aus verschiedenen Teilchen zusammengestückelte Tante darf auch wieder vogelfreundlich und mit einer entsprechenden Behausung im Kopfbereich, punkten! Bei Plastik 1 funktionierte ich den ehemaligen keramischen (Bügel-) Verschluss einer alten, gläsernen Bierflasche zum „Ohr“ um, das den Meisen nun als Sitzknubbel dient.

“Scherbenpracht I”, Maren Simon, 2020

Die Kollegen kleckern Gips über ein Gestell aus Draht oder sie bauen ein temporäres, zur einmaligen Verwendung gedachtes (und daher meist ungebranntes) Model aus Ton, von dem mit Silicon eine Form für den späteren Guss, abgenommen wird. Sie kommen überhaupt nicht auf solche umständlichen Ideen, wie ich sie habe, weil ich in diesen Genuss, solch große Arbeit in Bronze verewigt zu sehen, nie kommen werde. Meine merkwürdigen Objekte müssen deshalb solide gebaut und bei mindestens 1060 °C gebrannt werden, um dauerhaft im märkischen Sand zu stehen. Belächelte man früher noch meine „Einfältigkeit“, so habe ich jetzt manchmal den Eindruck, inzwischen an Kraft gewonnen zu haben. Dafür gibt es gewisse Indizien, die ich sehr wohl registriere. Doch, woher soll ich wissen, dass tatsächlich auch wirklich ich es bin, die gemeint ist, wenn Mitteilungen leider nur mühsam und umständlich über Dritte, an mich herangetragen werden, in der Hoffnung, dass ich mich von diesen, hinreißen lasse, um dann entsprechend zu reagieren?

Wäre es nicht das Einfachste auf mich zuzugehen und mit mir zu sprechen, wie es früher einmal (!) ganz normal und üblich gewesen ist?

Man spricht heute von sogenanntem „Networking“, einem Talent, das ich nicht habe. Ich bin altmodisch und stelle mir unter einem, von gegenseitiger Achtung getragenem Miteinander, etwas ganz anderes vor. Ich verstand es in der DDR schon nicht mit „Vitamin B“ umzugehen und ich bin auch jetzt nicht in der Lage, aus gewissen günstigen „Gelegenheiten“, die ich wahrnehmen sollte, entsprechenden Nutzen zu ziehen. Ich empfinde es als völlig unangebracht, mich anbiedern zu müssen. Darunter leidet am Ende nur die Selbstachtung, was einen ungesunden Rundrücken fördern hilft und eine Form von Haltungsschwäche ist.

Rangordnungen geben vor, wer sich wem unterzuordnen hat, darum geht es. Und ich bin ja die (Künstlerin), von der man annimmt, dass sie „etwas wollen“ könnte und auch sollte! Natürlich, genauso ist es. Doch die eine Frage bleibt, ob tatsächlich ich am Ende diejenige bin, die sich etwas vergab, wenn die Gunst der Stunde ungenutzt verstrichen ist und in der Zukunft irgendwann einmal, Rechenschaft abgelegt werden muss. Hätte man mir in jungen Jahren öfter gesagt: „das ist aber wirklich ganz toll, liebe Frau Simon, wie sie das wieder gemacht haben“… dann wäre „Netzwerken“ wohl selbstverständlicher für mich.

Inzwischen habe ich zu viel zu verlieren und bleibe auf entsprechendem Abstand. Ich habe begriffen; egal was ich zu geben bereit bin, es bleibt doch immer zu wenig.

Fehlende Anerkennung; das ist nicht mein Problem! Und auch nicht die eventuelle Reue, die da jetzt möglicherweise bei einigen, eingesetzt haben könnte. Ja, ich mache es anderen schwer, denn „Ruhm“ und „Ehre“ sind nicht meine Triebfeder, um künstlerisch tätig zu sein. Und vielleicht wird man mich eines schönen Tages sogar verstehen und kann nachvollziehen, was in mir all die Jahre vorgegangen ist. Denn nächste Generationen beurteilen nicht in Konkurrenz, sondern sind befreit davon! Mein Dilemma ist doch einfach nur, eine starke Frau zu sein. Punkt. Der Preis für unabhängige Lebensart in Freiheit ist die „Soloselbständigkeit“ – ohne einflussreiche Unterstützer, ihre Daseinsform die Ausdauer, gepaart mit elendig langer Geduld …

Aber das Geheimnis der Freiheit ist der Mut! Und darum weiche ich von meiner Haltung, den Kopf immer oben behalten zu wollen, auch nicht ab.

Unser Garten, über den „Scherbenpracht I“ wacht, ist der Jahreszeit entsprechend seit ein paar Wochen schon, „obenrum“ total frei. Aus grünem wurde den lauen Oktober über, buntes Herbstlaub, ein einziges Schauspiel – was kann es schöneres geben? Zur Freude unserer Hündin, die darin raschelnd, fröhlich hin und her flitzte, ließen wir es eine Weile länger liegen und begannen erst in der späten Mitte des November, das viele Laub zusammen zu harken, als alle Blätter unten lagen. Es ist erstaunlich, wie man Tieren auf diese einfache und „faule“ Weise, eine Freude bereiten kann! Amsel, Eichhörnchen und Elster stocherten ebenso gern darin herum, wie der Igel, der sich nicht schlafen legen konnte, weil ihm lange Zeit viel zu warm war.

Jetzt, Anfang November, liegen frische Pferdeäpfel oberhalb der Rosenwurzeln, düngen und wärmen sie. Die letzte, zartrosa blühende Rose, erfreut uns noch immer, indem sie ihre Blüten von draußen ins Innere des Hauses schauen lässt. Und unsere Hündin schaut an der Rose vorbei von drinnen nach draußen. Pünktchen liegt zu gern vor der Terrassentüre und hat die niedliche Rötelmaus im Blick, die ihre Wintervorräte, direkt vor der Nase des Hundes und immer dichte an der Hauswand entlang laufend, in Sicherheit bringt. Wir werden sie im Winter wieder hören können, wenn die tippelnden Geräusche ihrer Füßchen sie verraten; weil die kleine Maus zwischen dem oberen und dem unteren Teil unseres fachwerkähnlichen Hauses, geschäftig umherwandert.

Sie gehört schon seit etlichen Jahren zum Inventar dazu. Was wären wir ohne unsere Tiere? Auch unser lustiger Hund tut sein Bestes, uns zu erfreuen. Allerdings erfordert sein Terrieranteil oft eine gehörige Portion Humor. Pünktchen kann so charmant sein! Sie schaut dann direkt in meine Augen und hält den Kopf schräg, auch ihre Ohren folgen einer geheimen Choreographie: das eine hängt ordentlich wie immer nach unten, das andere steht provokant schelmisch mit der Spitze nach oben. Und dann wartet sie,  eifrig mit dem Schwänzchen wackelnd solange, bis ich nicht anders kann und das ½ harte Brötchen zu ihr hinunter reiche.

Pünktchen braucht immer noch kleine Ansagen. Darum besucht sie die Hunde (Halter) Schule Kumpane noch immer und soll – so der Plan – eventuell sogar später einmal als „Begleithund“ mit Herrchen, pflegebedürftige Menschen besuchen und aufheitern, wofür ein Führungszeugnis gebraucht wird. Dabei ist wichtig, sich auf seinen Hund 100 %-ig verlassen zu können, Hund und Herr müssen nämlich ein Team werden und das braucht nun einmal seine Zeit. Nicht jeder Hund ist dafür geeignet. Unsere Hündin hat jedoch offensichtlich die Gabe, Menschen zum Lachen zu bringen und das muss man ausnutzen. Am besten funktioniert es, wenn Herrchen und Hund sich miteinander unterhalten.

Die unterschiedlichsten Hundetypen kommen in der Hundeschule zusammen und sozialisieren sich hier auf spielerische Weise gegenseitig. Alle kennen sich inzwischen gut und freuen sich, einander zu sehen. Schade nur, dass selbst unsere Trainerin Juliane, die ja ständig auf dem Übungsplatz oder in der freien Natur, immer aber an der frischen Luft mit unseren Tieren arbeitet, wegen „Corona“ nicht mehr arbeiten darf. Zumindest nicht gemeinsam mit den Haltern.

Ist das noch verhältnismäßig?

Noch vor dem Lockdown besuchten wir als größere Gruppe mit 15 Hunden für ein Wochenende lang, ein Hotel in Bad Schmiedeberg, ruhig und waldig gelegen und deshalb ideal. Wir hatten es ganz für uns allein. Das Personal gab sich dort so viel Mühe, obwohl die Umstände alles andere als gut zu bezeichnen waren. Normalerweise hätten viele Wanderer und Genießer das warme und sonnige Herbstwochenende zu nutzen gewusst, so aber blieben die Gäste aus.

Aber für uns hätte es kaum schöner sein können! Die Sonne schien und der blaue Himmel ließ das goldene Herbstlaub auf den Waldwegen kontrastreich aufleuchten. Und überall wuchsen Pilze. Man könnte annehmen, dass sie den Wandel des Klimas sogar mögen ; total trockene, heiße Sommer und darauf folgende Nässe im Herbst, diese Kombination tut ihnen anscheinend gut. 

Für mich, die ich an Formen aller Art interessiert bin, gab es da kein Halten. Ich hing mit Abstand vor mich hin bummelnd, der wandernden Truppe immer ein Stück nach und kaum hatte ich sie wieder eingeholt, sah ich das nächste Objekt im moosigen Waldboden stehen. Dabei geht es mir nie allein um essbare Exemplare, auch wundersame Baumpilze, oder solche mit „Staubkern“ und wie von der Hand eines versierten Keramikers angefertigt, wollen eingehend betrachtet werden. Besonders interessant finde ich die bereits dem Verfall preisgegebenen, alten Pilzexemplare! Solcherart verrottende Schönheit nutzt vielen; Mistkäfern zum Beispiel. An manchen Stellen trafen sie zu Vielt „lustig“ aufeinander, um gemeinsam delikat zu Speisen, wie in einem angesagten Restaurant.

Die meisten Hundefreunde interessierten sich aber für die essbaren Sorten, die wir spontan zwischen den einzelnen Übungseinheiten fanden. Nicht wissend, wohin damit, verstauten wir Maronen und Steinpilze in unseren Taschen und auch in den Kapuzen unserer Jacken. Sogar in unversehrten Kacktütchen begannen wir sie zu stapeln, weil es so viele Pilze gab und natürlich niemand daran gedacht hatte, auch noch ein Körbchen mitzunehmen; die Tütchen aber, die hat der Hundefreund immer dabei. So waren wir nicht nur spazierend, sondern darüber hinaus, auch suchend aktiv. Die Nasenarbeit, so lernten wir, strengt jedoch den Hund am meisten an. Pünktchen machte deshalb beim „Mantrailing“ mit, muss aber in Zukunft noch weiter an sich arbeiten.

Es machte ihr gemeinsam mit den Freunden aber sehr viel mehr Spaß und es war interessanter für sie, ihren hündischen Aktivitäten nachzugehen. So gestaltete sich die Tatsache, dass Pünktchen jetzt eine junge Dame ist und die Rüden ihren kleinen Hintern – selbst in unfruchtbaren Tagen – ausgesprochen attraktiv finden, nicht nur lustig, sondern sogar ziemlich anstrengend für uns Menschen. Pünktchen musste sich mitunter heftig ihrer Haut erwehren und das ärgerte sie, während die Rüden nur eines zu beschäftigen schien; sie irgendwann durch Ausdauer, endlich gefügig zu machen. Damit umzugehen und nicht gereizt zu reagieren, das lernten beide Seiten – und auch wir Menschen am anderen Ende der jeweiligen Leine. Wenn es jedoch zu arg zu werden drohte, nahm ein älterer Schäferhund die Kleine rührend in Schutz, was ich bemerkenswert fand. Seine ruhige „Ansage“ erwies sich als die beste Erziehung für die jungen, spritzigen Kerle.

So lernen die jungen von den älteren Tieren und die Halter müssen nicht immer kommandieren.

Natürlich, jeder hat auf seinem Handy genug Fotos gespeichert, die all das dokumentieren. Aber es erwies sich als interessant, unsere Hunde einmal aus dem Blickwinkel eines anderen betrachtet zu sehen. Erik Nowakowski, der 11-jährige Sohn unserer einfallsreichen Hundeflüsterin, hatte sich nämlich vorgenommen, unsere Lieblinge zu fotografieren. Gern unterstützten wir sein Bemühen und warteten gespannt, wie sich unsere Hunde dabei anstellen würden. Aber Erik kennt sich bereits gut aus mit den verschiedensten Sorten von Tieren. Er ließ unsere Rüpel zuerst auf der Wiese spielen, damit sie sich gegenseitig müde raufen und laufen sollten – dann mussten sie auf sein Kommando hin ordentlich „Sitz“ machen und in die Spiegelreflexkamera schauen.

<span style="font-size: 8pt;">Fotos: Erik Nowakowski, 2020</span>
Fotos: Erik Nowakowski, 2020

Diese Fotos, die nun an dies schöne, letzte Oktoberwochenende, (noch rechtzeitig vor dem 2. Lockdown) erinnern, sind – trotz der Jugendlichkeit des Fotografen – überzeugend und ausdrucksstark geraten und die Gesichtsausdrücke unserer geliebten Vierbeiner, interessant anzuschauen. Dabei finde ich erstaunlich, wie viele unterschiedliche Sorten von Hunden es gibt! Alle wirken ausgeglichen und sehen gutmütig aus und einige scheinen sogar zu lachen. Aber am interessantesten finde ich ja ihre Ohren, diese Vielfalt gibt es bei Katzen nicht.

Fotos: Erik Nowakowski, 2020

Angesichts dieses kleinen Fotoshootings mit Erik denke ich darüber nach, wie unschön sich diese Pandemie mit ihrer Verordnung zur Kontaktbeschränkung, für junge Menschen anfühlen muss. Sie wollen sich ausprobieren und sitzen stattdessen zu Hause herum, wie sollen sie da herausfinden, wo ihre Stärken liegen? Mir gibt zu denken, dass jetzt sogar die Schulen eventuell geschlossen werden müssen. Uns Alten kann es egal sein, wir entwickeln uns nicht derart schnell weiter, wie Kinder es tun, wenn sie in der Pubertät sind. Sie verpassen jetzt unglaublich viel von dem, was „jugendliche Leichtigkeit“ genannt wird und das ist schade.

Immer wieder sitze und schreibe ich an meinem Text in mehreren Abschnitten und wegen Corona, brauche ich diesmal länger, als sonst. Ich vermied es in den letzten Monaten viel zu unternehmen und besuchte nur solche Events, die ohne öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, gut mit dem Auto zu erreichen waren. Wobei „gut“ bedeutet, es entsprechend ohne viel Mühen, sicher abstellen zu können. Deshalb verlor ich die Mitte Berlins ein wenig aus meinem Blick. Am Sonnabend nutzte ich nun die Chance, um nach längerer Abstinenz, mal wieder nach Charlottenburg zu fahren und hier eine Ausstellungseröffnung zu besuchen. Allerdings und das ist kein Geheimnis, lässt sich eine solche, mit Abstand „geregelte“ Veranstaltung unter Coronabedingungen, kaum mit einer „richtigen“ Vernissage vergleichen.

Nur wenige Leute trauen sich momentan hinaus, es geht also auch anderen so wie mir, dachte ich und trug mich in die Liste ein. Mit dem Glas Wein, das mir von einer freundlichen jungen Frau gereicht wurde, machte ich mich auf zu meinem Rundgang und genoss es, die Kunstwerke in Natura berühren und nicht nur „online“, ansehen zu können – zumal sie auch wieder wunderbar beleuchtet worden sind. Ich ging mehrmals um die Bildhauerarbeiten, ausgestellt in der Galerie der Gießerei Noack, drumherum und „sonnte“ mich regelrecht in dem sanft-goldenen Licht, das viele von ihnen ausstrahlten. Ich sehe dann immer anhand der Arbeiten der Kollegen, was alles möglich ist. Das ist schon bemerkenswert und ich hätte wirklich große Lust, das alles einmal auszuprobieren …

Verheißungsvoll und irgendwie auch „festlich“ wirkte diese glänzende Ansammlung von Bronzen des Bildhauers Heinz Mack im großen Raum auf mich. Und amüsiert darüber, dass es sogar, wie passend zum Jahresende, einen auf dem Kopfe stehenden „Weihnachtsbaum“ zu betrachten gab, konnte ich nicht widerstehen und zückte mein Smartphone.

Denn „Spiegelbild mit Maske“, verschwommen und in wärmendes Gold gehüllt – ist nun einmal ein witziges Zeitdokument und das, bekommt man so, auch nicht alle Tage geboten. Der Abend versetzte mich jedenfalls in die entsprechende Stimmung und ich möchte sagen, Weihnachten, wie auch immer – kann kommen!

Alles Gute! Maren Simon, am 10.12.2020

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