Küstenwanderungen in die Steinzeit mit Hund

In diesem September sind wir seit 35 langen Jahren verheiratet, man möchte es kaum glauben. Jedem dazu gewonnenen Ehejahr wird traditionell ein bestimmter Name gegeben; so gibt es „diamantene“, „perlene“, „silberne“ und auch „eiserne“ Hochzeiten, es gibt sogar „grüne“ … Uns beide kümmerte jedoch noch nie, welche Sorte wir gerade begingen. Die eigenartige, auf „Kunst“ verweisende diesjährige Bezeichnung unserer lang währenden, ehelichen Verbindung, ließ mich allerdings interessiert aufhorchen!

„Leinwandhochzeit“ wird sie genannt.

Früher ließen sich die Eheleute unserer Altersklasse nämlich gern von Künstlern portraitieren, um ihren Kindern und Enkelkindern in guter Erinnerung zu bleiben. Die Aufgabe des Malers bestand dann darin, die Attraktivität dieser „besten Jahre“ – zwischen fünfzig und sechzig – auf einem Gemälde, vorzugsweise in Öl auf Leinwand, für die Nachwelt festzuhalten. Daher der Name.

Von uns gibt es genug (eher lustige) Portraits.

Mama und Papa – 1992

Mir scheint das Geschäftsmodell „Künstlerportrait in Öl auf LW“ leider ausgestorben zu sein, davon könnte jedenfalls kaum ein Kollege überleben … wer ließe sich denn schon noch darauf ein, sich von einem sogenannten Künstler, womöglich einem selbsternannten, verunglimpfend darstellen zu lassen, wenn man dies viel sicherer und einfacher selbst erledigen kann? Jeder benutzt doch heute ganz selbstverständlich sein Telefon dafür. Dabei brächte dieses Wagnis, was der Auftraggeber einginge, wenn er einen Künstler beauftragte, auch eine andere, interessante Komponente mit sich, nämlich dann, wenn er eine glückliche Wahl bei der Auftragsvergabe träfe! Dann wäre die Überraschung tatsächlich auch für das Leinwand-Hochzeitspaar eine gelungene und das Bild eventuell, mit etwas Glück, sogar eine Kapitalanlage …

Man lässt sich aber in der heutigen Zeit nicht mehr allzu gern überraschen. Die Zeit der Experimente ist vorbei. Vorbei jede Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, weil in manchen Berufen jede noch so winzige Art von “Qualifikation” zur Aufpolierung des Image benutzt werden kann. Diese Art „Qualitätsverwässerung“ verschafft Kräften Auftrieb, die echtes Potential behindern.

Bis die Ansprüche sich wandeln!

Wenn ich bedenke, wie lang unsere gemeinsame, nicht immer leichte, meist jedoch schöne Zeit nun schon währt, das ist ein Geschenk! Wir teilen Freud und Leid und unternehmen so oft wir es können, Schönes zusammen. So auch in diesem Jahr wieder im Land mit den schönsten Wolken am Himmel. Wobei ich anmerken will, dass wir nur die Statisten unseres Hundchens waren. Pünktchen nahm nämlich uns mit in ihre Ferien und nicht etwa umgekehrt. Wir lernten während der 15 Tage, die wir hinter unserer Hündin herliefen- und riefen, dass die bösen Coronaviren keine Erfindung unserer Zeit sind. Sie existieren ganz offensichtlich schon recht lange auf der Erde und hinterließen hier Spuren.

Doch der Reihe nach! Vielleicht erzählt Pünktchen von ihren Erlebnissen am besten selbst!

Reisebericht des kleinen Hundes.

Endlich war es wieder soweit; meine Menschen packten ihre Koffer! Sie kümmerten sich dabei wenig um mich und ich war ihnen andauernd im Weg, ein Indiz dafür, dass sie unter Druck standen. Ich beobachtete interessiert, ob auch was für mich eingepackt wurde; mein Bällchen mit der Strippe daran und vor allem auch der Schwimmknochen fürs Wasser und „Eselchen“ natürlich. Wie schön dachte ich bei mir, als sie mein Schlafkissen und auch mein weiches, blaues Badetuch einpackten, wir fahren ans Meer!

Die Fahrt in der Kiste war mal wieder nicht so toll. Ich döste die Stunden einfach weg. Um meine Box drumherum hatten sie all ihr Zeugs gestapelt; ohne deren schützende Wand aus Plastik, wäre ich in dem vielen, nutzlosen Krempel wohl verloren gegangen. Menschen benötigen derart viel Krimskrams, da kann man als Hund nur staunen! Wieso packen sie zum Beispiel im Sommer auch noch das Winterfell mit ein?

Zur Sicherheit, sagen sie! Und für alle Fälle!

Ich will gern zugeben, dass es dann tatsächlich ein wenig kühler wurde. Sie sind ja sehr empfindlich, denn sie sind eigentlich nackt und haben überall nur so wenig Haar und sind daher wenig gut klimatisiert … mal ist ihnen zu kalt, dann ist ihnen wieder zu warm. Scheint die Sonne, schmieren sie sich fettig ein, denn nur so können sie überhaupt ohne ihre Kleider unter freiem Himmel gefahrlos überleben. Regnet es, ziehen sie sich was über, damit sie nicht nass werden und womöglich auskühlen. Andauernden Stress bedeutet dieses – sich unentwegte Umziehen müssen – da haben wir Hunde es mit unserem naturgewachsenen Fell, doch sehr viel einfacher. 

Als wir spät am Abend ankamen, stellte ich erfreut fest, dass sie mit mir zu unserem Häuschen gefahren sind.

Diese Landschaft und hundefreundliche Gegend mit dem vielen Sand und Wasser bis zum Horizont ist schön bei jedem Wetter, egal, ob es aus Eimern schüttet, oder die Hitze brütet. Und ich liebe das kleine Haus mit seinem Dach aus Stroh, dem großen Garten und der schönen Wiese. Ich flitzte also als Erstes, um zu gucken, ob die Katze wieder da ist. Nein, war sie leider nicht, eigentlich schade. Im Haus war noch alles so, wie im letzten Jahr. Ich inspizierte zuerst den unteren Teil, wo Küche, Bad und Wohnzimmer sich befinden, und ich guckte nach oben, unters gemütliche Dach. Hier habe ich nämlich eine Art „Ausguck“; ein kleines Fensterchen direkt auf Augenhöhe und nur für mich! Davor stellen sie immer mein Bett und von hier aus bleibt mir beim Blick auf die grüne Wiese von oben, nicht das Geringste verborgen. Auch nicht die Katze.

Meine Leute wissen genau, wie gut mir das gefällt. Für unseren „Kontrolletti“, so sagen sie gern, ist das Fensterchen zum Garten so spannend, wie für Herrn Hitchcock, sein „Fenster zum Hof“ …

Keine Werkstattarbeit für Frauchen. Keine Zeit am Computer für Herrchen. Nur HUND sollten sie in diesen letzten Sommertagen haben zu ihrem Glück. Die Rechnung geht immer wieder auf, denn andere Hunde machen es mit ihren Menschen genauso. Dann gehen wir, ein jeder Hund mit seinen Menschen an der Leine, am Strand entlang und unsere zweibeinigen Lieblinge treffen aufeinander und sofort fangen sie an miteinander lebhaft über uns zu plaudern! Menschen sind so berechenbar und freuen sich über jeden noch so kleinen, freundlichen Kontakt zu ihresgleichen, das ist unglaublich! Die Lappalien, über die sie sich unentwegt unterhalten, werden mir manchmal aber doch zu viel, vor allem, wenn sie in ihrer Redseligkeit, kein Ende finden wollen.

Immer kommt diese eine Frage, die ich nicht mehr hören kann: „Was ist denn Ihrer für einer?“

Ich bin ein Mädchen! Ich muss sagen, deshalb sind mir Kinder lieber, denn die fragen nicht viel. Ich mag sie und sie mögen mich. Punkt. Von ihnen bekomme ich Kosenamen, wie „Struppi“ oder „Strolchi“ verpasst und die Kinder haben meistens dieselben Ideen im Kopf, wie ich sie habe. Andauernd brauchen sie Bewegung und wollen spielen, müssen aber auf ihre Eltern hören und dürfen nie so, wie sie gern wollen. Mit Eimern ausgestattet, sammelten die Kinder vom Campingplatz zum Beispiel ganz viele, dieser niedlichen kleinen Krötchen von der Straße, die nach dem Regen irgendwohin mussten. Die Kerlchen liefen jedenfalls alle in ein und dieselbe Richtung. Auch Seesterne und Krebse fischten sie mit kleinen Angeln aus dem Wasser heraus. Diese gab es im Campingladen zu kaufen und es wurden zum Ködern feine Fleischstückchen, Käse oder sogar Krabbenschwänzchen an ihnen befestigt, die mein Interesse weckten. Da schaute ich natürlich etwas genauer hin, denn das appetitliche Fleisch am Haken, das wollte ich zu gern kosten und die Kinder hätten mir auch gern den Gefallen getan und mich damit gefüttert – aber ihre doofen Eltern erlaubten es nicht.

Das Wasser der Ostsee ist hier voller Steine jedoch wunderbar klar! Während alle Hunde eifrig und souverän über die steinigen Hindernisse hüpften, humpelten ihre Menschen auf wackeligen, dünnen Beinchen hinterher, manche zogen sich sogar extra Badeschuhe dafür an. Sie hatten Angst hinzufallen, weil sie mit dem Glitsch auf den glatten, runden Steinen, nicht zurechtkamen. Da wächst nun einmal einiges drauf, Blasentang zum Beispiel, aber auch Algen – herrlich moosig anmutend und wunderschön grellgrün. Das ist wunderschönste Natur!  

Wir badeten jeden Tag gern und viel zusammen. Frauchen lieber noch als Herrchen, denn sie kühlte und bewegte gleichzeitig ihr kaputtes Knie beim Schwimmen! Zum Spielen hatte sie darum leider – im Gegensatz zu sonst – wenig Muße, schaute Herrchen und mir aber gern dabei zu und lächelte. Ach, diese dusseligen Menschen mit ihrem viel zitierten, „aufrechten“ Gang! Von wegen aufrecht … Frauchen, das kann man so sagen, liegt ständig mit beiden Beinen auf ihrer Schnauze.

Er warf jedenfalls immer wieder mit Schwung vom Steg aus mein Bällchen oder den tollen Schwimmknochen ins Wasser. Dieser sieht zwar schwer aus, ist es aber nicht, trotzdem wirkt er, wie zwei Nummern zu groß – total witzig. Wenn ich mit diesem großen, hantelartigen Teil in der Schnauze, wieder aus dem Wasser heraus wollte, kamen natürlich auch die anderen Hunde angelaufen, um ihn für sich zu beanspruchen und sie rannten mich beim jagenden Spiel nach dem Hantelknochen, bald um. Ich gab mich großzügig, was solls, waren doch die meisten von ihnen, viel stärker als ich! Doch Stärke allein reicht nicht. Im Zugriff effektiv, wendig und schnell, überraschte ich jedes Mal wieder meine großen Kumpels und auch deren Menschen, die gleich wieder wissen wollten: „Und was ist Ihre für ‘ne Rasse?“ Nur ein Berliner stellte angesichts meiner wilden Sprünge nüchtern fest: „Die Kleene macht Agility, wa?“

Kaum einer kennt Kromfohrländer, doch dieser Herr aus der Hauptstadt, der kannte sich anscheinend aus! Ja, viele meiner Kumpels machen tatsächlich mit ihren Leuten „Agility“, was eine Sportart ist! Dabei laufen Hunde mit ihren Menschen gemeinsam über Sportplätze, wobei allein die intelligenten Hunde allerlei Hindernisse auf Anweisung ihres Menschen zu überwinden haben und hierbei durch Lebens- und Lauffreude, Schnelligkeit und Ausdauer zu überzeugen wissen.

An der Ostsee traf ich viele tolle Hunde, doch zu meiner größten Freude stand plötzlich Willi vor mir, ein entfernter Verwandter aus meiner Kromi-Familie. Ich mag ihn sehr. Wir erkannten uns schon von weitem an unseren poppigen Frisuren und der ausgesprochen wichtig erscheinenden, tief schwarzen und etwas zu großen Nase, im bärtigen Gesicht. Willi sieht auch nass toll aus! Wenn mein Fell nass ist und ich mich mit Freude im Sand gewälzt habe, sehe ich leider aus, wie ein panierter, bereits sehr betagter und alter Hund von der Straße. Ein ganz liebenswerter zwar, das möchte ich an dieser Stelle betonen, aber eben sonderbar. Denn unterm Bauch hängen meine zarten Haare dann wie Fransen eines alten, mottigen Teppichs und das Wasser tropft von ihnen unlustig herab. Dunkle Punkte werden an den Beinen deutlicher sichtbar, die man kaum sieht, wenn ich trocken bin. Auch meine Barthaare, sonst das Besondere an mir, kleben in nassem Zustand seitlich angeklatscht an beiden Backen und meine Rute sieht aus, wie eine dünne Strippe, von der es ebenfalls tropft.

Ich behaupte, alle Hunde sind liebenswert, egal, wie sie aussehen. Sogar Katzen sollen ja viel netter sein, als ich annehme, dass sie es sind – jedenfalls, wenn ich meinen Menschen Glauben schenken darf. Und so wanderten wir immer wieder glücklich an verschiedenen Stränden entlang und meine Leute gaben anderen Leuten, mit oder ohne Hund, immer wieder bereitwillig Auskunft über mich, wenn sie gefragt wurden. „Ach, Ihre Hündin ist ja so drollig und so lebendig, wie reizend!“ Als wenn ich etwas Besonderes wär; dabei war ich einfach nur überglücklich. Jeder ließ es sich ja auch auf seine Weise gut ergehen!

Baden, flitzen, buddeln und nie stille stehen, daraus bestand mein Programm – sitzen, lesen, rauchen, laufen, laufen, Steine mit Loch finden, sich bücken und weiter laufen, und sich ab und zu beim Lesen, ein Bierchen genehmigen, – das war Seins. Damit wären wir beide, mein Herrchen und ich, diese 15 Ferientage völlig zufrieden und richtig gut ausgelastet gewesen. Wenn nur unser Frauchen nicht wär. Andauernd hielt sie ihre schnuppernde Nase auf den Boden gerichtet, schlimmer als ich es tu! Die ist immer am Sammeln und findet überall etwas, wo auch immer und bummelte auch diesmal wieder trödelnd vor sich hin – total rücksichtslos – so dass wir ständig auf sie warteten. Und dann musste er ihr auch noch helfen, ihre schweren Beutel nach Hause zu schaffen, weil sie ihr dickes, mit einer orangefarbenen Binde versehenes Knie, schonen musste, weshalb er leider kaum noch einen Nerv für meine Belange übrig hatte.

Ich finde ja, sie nimmt sich manchmal viel zu wichtig.

Nach dem Sturm war es anscheinend besonders lohnenswert den Blick nach unten gerichtet zu halten. Da schaute Frauchen kaum auf und suchte die Kieselschwemme am Strand nach irgendetwas Bestimmten ab, anfangs wusste ich nicht, wonach sie eigentlich so intensiv Ausschau hielt. Nicht lange und ich sollte schließlich erfahren, was es so Interessantes im Sand, zwischen herumliegenden Muscheln und Steinen, zu finden gab.

Leider musste ich draußen bleiben und wartete im Auto, weil die Beiden in ein Museum hinein gingen, in das Hunde nicht durften. Doch als meine Leutchen wieder heraus kamen und sich so heftig über etwas, anscheinend sehr Wichtiges unterhielten, dass sie mich auf meiner Hundefänger-Rücksitzbank völlig vergaßen, da wusste ich sofort, da kommt noch was! Sie redeten über Steine, doch das tun sie ja eigentlich im Urlaub immer. Sogar dem müffelnden Blasentang gewannen die etwas Gutes ab, weil sie ihn versehentlich geröstet haben! Noch immer riecht das trockene Kraut tatsächlich beinahe so fein, wie knuspriger Keks und hängt jetzt in der Werkstatt bei Frauchen, als langzeiterfrischender und Erinnerungen wach haltender, Geruchsverbesserer!

Der Grund, warum sie jedoch beide nach der Vitrinenschau im kleinen Museum so gut drauf waren, war der, dass sich dort ihre Vermutung, Tage zuvor am Strand doch tatsächlich uralte, steinzeitliche Gerätschaften gefunden zu haben, bestätigt hatte.

Der Steinzeitmensch, so sagen meine Leute gern, der steckt noch immer in uns!

“Mein Herrchen”, Mara H., damals 9 Jahre alt

Ob das jedoch auch für Hunde (und also auch mich) zutreffend ist, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich allerdings die lustigen Kinderzeichnungen anschaue, die meine Menschen zu Hause zu hängen haben, muss ich in mich hinein lächeln, dann denke ich mir, die haben natürlich wieder einmal total Recht! Menschen sind schon sehr komisch anzusehen und Menschenkinder sind so offen und ehrlich und geben sich ungekünstelt bei der Widergabe ihrer Emotionen. Sie werden in ihrem Bemühen, sich mitzuteilen, nur leider sehr oft nicht ernst genommen oder zumindest missverstanden, genau, wie wir Hunde.

Ich langeweilte mich ein wenig und so ergab es sich, dass ich eine alte dänische Zeitung im Papierkorb unseres Häuschens fand und darin schnüffelte. Herrchen wollte sie benutzen, um den eisernen Ofen damit zu füttern, weil meine Leute es sich bei einer Tasse Tee im Schein der Petroleumlampe schön warm und gemütlich machen wollten, denn draußen regnete es zu diesem Zeitpunkt Strippen. Das alte, lütte Haus ist aber sehr liebevoll eingerichtet, es machte uns daher nichts aus, auch mal drinnen zu verweilen. Es ist ein stilles, in zarten Grüntönen gehaltenes Haus mit blauer Eingangstür. Die wohl abgestimmten Farben schützen seine hölzerne Seele und erinnern mich jedes Mal wieder, ein bisschen an zu Hause. Früher stand das Häuschen einst woanders und gehörte einer kleinen, alten Frau (natürlich!) mit Hund. In den 60-iger Jahren wurde es an der einen Stelle ab- und an anderer Stelle 2008 neu aufgestellt (mit Häusern aus Holzfachwerk ist das möglich). Die neuen Besitzer achteten darauf, all die liebenswerten Details von damals, zu erhalten.

Und weil diese freundlichen Menschen Hunde mögen, liegt immer, wenn wir uns angemeldet haben, ein runder Teppich für mich bereit. Eine Leihgabe ihres eigenen Hundes Cito.

Darauf saß ich und stellte entzückt fest, dass mir aus meiner Zeitung ein bezaubernd schönes Mädchen direkt in meine Augen sah. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden von ihr. Frauchen las den Text zum Bild noch schnell vor, bevor das Papier in Flammen aufging. Dem Bericht zufolge gab es 2019 einen bedeutenden Steinzeitfund auf der Insel Lolland, im Süden Dänemarks. Das Mädchen, deren DNA in einem damals gekauten, steinzeitlichen „Kaugummi“ bis heute überdauerte, nannten die Forscher deshalb auch „Lola“. Anhand von Lolas Daten waren sie in der Lage das schöne Gesicht und auch das schwarze Haar dieser jungen Frau, zu rekonstruieren. Schwarzes (!) Birkenpech, das die Menschen damals kauten, enthielt Stoffe, die der Zahngesundheit – also dem Erhalt weißer Zähne – diente. Genau diese entzündungshemmenden Stoffe sorgten dafür, dass die DNA bis heute erhalten blieb und verraten den Archäologen sogar darüber hinaus, einiges über die damals im Umlauf befindlichen Krankheiten.

Woran war sie wohl gestorben? Abends dachte ich in meinem Körbchen noch lange an sie und ihre wunderschönen, blauen Augen. Sie erinnerten mich ein wenig an Sky, meine Huskyfreundin aus der Hundeschule … blaue Augen, so blau wie der Himmel und ich laufe und laufe … 

Hündchens Traumreise in die Steinzeit:

und wir haben Spaß und befinden uns an einem Strand mit ganz feinem Sand. Überall liegen schönste Steine zusammen mit kleinen, silbrig glitzernden Fischchen im Sand. Als meine Leute später und recht müde vom vielen Suchen und Finden, auf einer Restaurantterrasse Platz nehmen und ihre gewichtigen Rucksäcke abstellen, dämmert es bereits. Sie bestellen sich frischen Fisch und fressen nach meinem Dafürhalten an diesem Abend viel zu viel, ohne groß an mich dabei zu denken. Sie sind rundum mit sich zufrieden, schauen auf das Meer und genießen die letzten Sonnenstrahlen und trinken rosafarbenen Wein, der farblich zum Abendhimmel passt. Ich bekomme natürlich wieder nur das Übliche hingestellt!

Ich beobachte derweil die flinken Uferschwalben, wie sie auf Mückenjagd hin und herfliegen – wie auf einer „Achterbahn“ – rauf und wieder runter und immer gemeinsam mit ihren Jungen. Ich sehe, die kleinen Schwalben werden sogar in der Luft gefüttert! Plötzlich packt es mich und obwohl wir Kromfohrländerhunde angeblich – so heißt es jedenfalls in Fachkreisen, – nur wenig Jagdtrieb vorzuweisen haben, entwische ich meinen Menschen in einem unbeobachteten Moment, weil sie mich nämlich am anderen Ende der Leine, ihr feines Fresschen genießend, total vergessen haben. Und weil die schnellen Schwalben einen Steilhang ganz oben bewohnen folge ich meinem Bedürfnis, ihnen hinterher stürmen zu wollen, und ich renne über die kleinen Fischchen im Sand hinweg den steilen Berg hinauf – so schnell mich meine Beine tragen können.

Die Leine gibt nach, doch sie bemerken meine Flucht zu spät. Ich rempele eine dicke Dame um, sie stürzt, ihr wird aber sogleich geholfen, doch niemand nimmt von mir Notiz. Oben angekommen, bin ich plötzlich für alle sichtbar. Von unten krähen jetzt beide – Er und Sie – erfolglos zu mir hinauf und sie fuchteln mit ihren Ärmchen wie wild in der Luft herum, doch ich höre sie nicht. Zu interessant ist dieser Egotrip, und ich fühle mich groß und stark wie nie zuvor! Leinenpflicht? Was geht mich das an? Meine Menschen stehen mit einiger Verzweiflung im Blick und sorgen sich, nicht nur um mich. Andere Leute schauen ebenfalls zu mir auf und wieder wollen einige von ihnen wissen, was ich denn wohl für ein aufgeweckter und draufgängerischer, kleiner Hund sei! Ja was wohl für einer?

Ein Jagdterrier natürlich!

Obwohl ich gut trainiert bin komme ich an die Nisthöhlen der Schwalben leider nicht heran; ich finde aber ein Loch im Hang, groß genug, um hinein zu schlüpfen … und bin plötzlich in einer Höhle, dunkel, feucht und kühl. Darin am Ende des Tunnels, eine Grube und in der Grube viele Steine und alte, leider bereits von jemand anderem, gut abgenagte Wildtierknochen mit Zähnen daran. Auch scherbene Reste und kleine Skulpturen finde ich und rufe nun meinerseits nach unten um Hilfe. Ich belle laut, ja ich kläffe ganz aufgeregt! Und schieße in Windeseile den Steilhang wieder hinunter. 

Manche Leute halten jetzt vor Schreck gar die Luft an.

Was habe ich da bloß gefunden?

Ein halbes Gesicht aus Stein! … das kommt mir irgendwie bekannt vor, denn halbe Gesichter trägt Mensch jetzt! Wobei die untere Hälfte mit einem Lappen aus weichem Stoff bedeckt wird, nur die obere bleibt frei! Alles wegen Corona. Das Ding, das ich gefunden habe, ist offenbar auch zum Binden, denn es hat Löcher an beiden Seiten. Das Teil ist total gut erhalten! Menschliche Züge sind erkennbar; so zum Beispiel eine breite Wulst für die Nase mit vielen, ganz winzigen Löchern darin, in denen – sehr eigenartig – Moos oder anderes Pflanzenmaterial steckt.

Auffindesituation

Dort, wo ein Mensch, dort auch ein Hund, denke ich bei mir.

Und ich suche also nach einem Maulkorb aus Stein von dem besten Freund dieses Menschen. Doch leider bleibt die Menschenmaske aus gebranntem Ton das einzige benutzbare Stück, das ich finde. Sehr schade. Mein Frauchen lobt mich trotzdem und sie ist total happy, denn Keramik ist ihr Spezialgebiet! Die Schnüre und Bänder, die auf der Maske umher mäandern, geben ihr Hinweise auf das Alter dieses Dings, dessen Entstehungszeit einen ganz bestimmten und der netten Verzierung entsprechenden, erklärenden Namen trägt. Sie spricht von Gebrauchsgegenständen aus der „Trichterbecherkultur“ und erwähnt die Periode der „BandKNOPFkeramik“ – soso, Knöpfe gab es damals also auch schon!?

Der Sonnenuntergang zieht sich hin und mein Frauchen bemüht sich schließlich in der Absicht, über die Steinzeit mehr Erkenntnisse gewinnen zu wollen, voller Hochachtung und mit einem sogenannten „Schlagstein“ bewaffnet darum, einem dieser besonders dicken Feuersteine, die am Strand herumliegen und lange Schatten werfen, ein „Gesicht“ zu geben – und scheitert hierbei erst einmal gewaltig. Der blöde Stein macht nicht, was er soll, er zerspringt trotzig und unkontrolliert in unterschiedlich große und kleine, sehr scharfkantige Steinsplitter. Vorsichtshalber sammelt sie diese alle ein, damit sich niemand daran verletzen kann. Inzwischen ist es ganz dunkel geworden. Unten glitzern die Schuppen der zarten Fischchen im Sand und über uns funkeln die Sterne … 

Als ich es nahe am Wasser laut miauen höre, wundert mich das sehr; sind denn Katzen nicht eigentlich wasserscheu? … sie ist wegen der vielen herumliegenden, wehrlosen Fischchen hier ! … 

Und plötzlich bin ich hellwach! Tatsache, da ist sie ja endlich wieder!!! …  etwas fülliger und dreister noch als im letzten Jahr – aber sie ist es, eindeutig! Schließlich geht die Katze über die Wiese und hinein ins Gebüsch und sie scheint mich anzugrinsen – doch die Frage bleibt; wie haben die Steinzeitmenschen nur so präzise sein können? Wie haben die das fertig gekriegt, mit einfachsten Mitteln so derart spröden Steinen ihr Geheimnis abzulauschen, ohne konkret über physikalische Zusammenhänge und chemische Vorgänge Bescheid zu wissen? Über wieviel kreatives Denken und mutiges Handeln haben diese frühen Menschen bereits verfügt! Und wieviel Zuversicht und eventuell sogar Humor brachten sie auf, um erfolgreich in ihrer Welt zu überleben!

Er fand am nächsten Tag doch tatsächlich eine steinerne Spitze mit einem Steg daran, an welchem anscheinend zur damaligen Zeit, wo sie einst zum Einsatz gelangte, ein Ast oder ein Knochen mit Birkenpech befestigt worden ist, sodass ein schneller Speer oder ein Pfeil daraus wurde. Auch ein größerer, flacher Stein, der ein „Beil“ gewesen sein könnte, lag zwischen anderen Steinen nahe am Hang. Nicht so recht glauben wollend, was er da gefunden hatte, reichte Herrchen den Stein an Frauchen weiter. Die Struktur der Oberfläche solcher Steine ist immer eher ungewöhnlich und manche Stücke liegen darüber hinaus, auch außergewöhnlich gut in der Hand – das ließ sie stutzig werden! So zum Beispiel auch kleinere „Klingen“, welche eventuell einst dazu dienten, Tierhäute vom Leib der Beute abzuschaben, genauso, wie es Jäger auch heute noch tun, damit das Fell als Ganzes, möglichst gut erhalten bleibt! Die ursprünglich sehr scharfen und sichtbar „geschliffenen“ Schnittkanten spürt man noch heute. An seinem unbehandelten und naturbelassenem „Griff“ hielt man den Stein, um mit ihm zu arbeiten.

Das Gefühl, hier etwas Wichtiges gefunden zu haben, war so überdeutlich, dass sie die schlichten Steine an sich nahmen, ohne zu diesem Zeitpunkt Genaueres über ihre Funktion zu wissen.

Ergonomisch geformte und von daher ganz offensichtlich einem Zweck dienliche Gerätschaften, so dachten sie, müssen das sein. Und sie hatten anscheinend Recht! Mehr als 100.000 Jahre alte, aus dem Neolithikum stammende, prähistorische Produkte von Menschen hielten sie da in ihren Händen! Feuerstein ist sehr haltbar und er überdauert im Meer Millionen von Jahren ohne Schaden zu nehmen. Was wir heute noch finden sind vor allem die beiden Grundformen „Kern“ und sogenannter „Abschlag“, also Steinfragmente, deren gerade Kannten von menschengemachter Bearbeitung zeugen.

Frauchens Hirnströme leuchteten jetzt nicht nur im Dunklen, sondern sogar im Hellen total feurig und für uns beide, mich und mein Herrchen, gut sichtbar auf. Diese Feuersteinfunde aus der Zeit der Anfänge aller menschlichen Zivilisation mit ihren „Schlagmerkmalen“, die Naturbruch ausschlossen, beschäftigten sie und warfen Fragen in ihr auf. Während sie darüber nachdachte, woher wir kommen und wohin wir gehen, drehte sie einen kleinen Faustkeil in schönstem Schwarz, obsidian glänzend und somit fast als „edel“ zu bezeichnen, in ihrer Hand. Was wäre wohl geschehen, wenn die Menschen sich damals nicht so dermaßen klug angestellt und diese Werkzeuge und Waffen erfunden hätten? Gerätschaften, die die Vorläufer der Industrialisierung werden sollten! Der Menschen Vorfahren lebten noch im Einklang mit den Naturgewalten, deren Ideenreichtum zur Bezwingung derselben, muss man aber mit dem Wissen von heute, als den Anfang allen Übels, das die Menschen über viele Epochen hinweg auf der Erde anrichteten, bezeichnen.

ca. 5000 Jahre alte, prähistorische Steinzeitmaske

Alle Probleme, mit denen der heutige “Homo sapiens” des Anthropozän sich zu beschäftigen hat, nahmen also in der Steinzeit bereits ihren Anfang … Ackerbau und Viehzucht ließen die frühen Generationen von der Jagd unabhängig und sesshaft und damit auch bequemer werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen entwickelte sich allmählich das heraus, was „menschlicher Fortschritt“ genannt wird. Sie domestizierten und optimierten ihre Tiere die, anfangs nur Begleiter, später zu Fleischlieferanten werden sollten. Eigensinnige Wölfe erzogen sie um zu braven, angepassten Hunden, wie ich einer bin und aus angriffslustigen Säbelzahntigern, machten sie schmusige Stubenkätzchen!

Relikte frühester menschlicher Tätigkeit

Darüber grübelte Frauchen lange und setzte sich dann, mitten in der Nacht ruhelos und nicht schlafen könnend auf und schrieb ihre Gedanken nieder, wobei sie mir anscheinend auch beim Träumen zusah und aus den Zuckungen, die meine Beine vollführten, ihre Schlüsse zog. Seinen Schlaf hingegen, kann nichts stören. Selbst der heftigste Sturm, so wie der, der in der eingangs erwähnten Nacht unser kleines Haus attackierte und an seinen Fenstern und dem Strohdach rüttelte, pfiff und fauchte, störte mein Herrchen nicht – er schnarchte einfach friedlich weiter.

Muscheln, Seetang und Steine wurden dabei durcheinander gewirbelt, so dass alles, sich im Wasser und am Strand Befindende, einen neuen Platz zugewiesen bekam. Aus heutiger Zeit stammende und nach Ansicht meines Frauchens ebenfalls „schönste“ Dinge wurden, neben unglaublich viel abgerissenem organischem Material, welches überall herumlag, zutage befördert; abgerundete und vom Meer hin und her bewegte und von den Wellen geformte, in ihrer Textur weicher als Flint veranlagte, Ton- und Ziegelsteine zum Beispiel. Auch diese sind ungewöhnlich und sind Relikte, die von jüngerer, menschlicher Tätigkeit berichten. Rund geschliffene und wie vom Leben gezeichnete Formen mit mehr oder weniger weichen Konturen – Metaphern auf menschliche Biographien – und reichlich Material für ihre Arbeit zu Hause, das sich Frauchen – was sonst – natürlich mit nach Hause nahm!

Das Opel-Combo-Auto, das sie liebevoll ihren “Esel” und wegen der einladenden Türe hinten, “Hundefänger” nennt und das seit über 15 Jahren all diese ungewöhnlichen und schweren Lasten, ohne zu murren trägt, bräuchte eigentlich einen eigenen Blog, nur für sich. Genau, wie das alte Sofa.

Maren Simon am 14. und 22. September 2020

 

Nicht alles, was der kleine Hund träumte, entspricht der reinen Wahrheit und darf getrost als JAGD-Terrier-LATEIN belächelt werden, schließlich lebt ein interessanter Bericht nicht zuletzt von dem, was offen und ein Geheimnis bleiben darf! … genau, wie die Lügengeschichten eines Baron Friedrich von und zu Münchhausen.

Jørgen Riecks archäologische Sammlung gibt es aber wirklich. Sie entstand innerhalb eines Zeitraumes von 60 Jahren privater Sammelleidenschaft und beherbergt 50.000 Gegenstände aus dem Altertum, darunter auch Knochen und eine uralte menschliche Hirnschale; Relikte vergangener Zeiten, die man sorgfältig aufbereitet und mit erklärenden Texten versehen, in Vitrinen bei freiem Eintritt, bestaunen kann.

Adresse: Egebjergvej 4 in 6430 Nordborg, Dänemark

prähistorische Maske aus geschlagenem Flintstein

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