SOMMERTAG

Maren Simon, “Flora”, Ton frei aufgebaut, Rakubrand, 2019

Nach den regenreichen Tagen würde eine trockene und heiße Phase kommen – das war abzusehen und wir tätigten aus diesem Grunde einen überfälligen RAKU-Brand, wobei die noch im Garten steckende Feuchtigkeit, für unsere Entscheidung eine entscheidende Rolle spielte.

Ich experimentierte diesmal für eine Ausstellung unter anderem auch mit Vasen. Dieses „Gefäßprojekt“, bei dem ich Malerei und Zeichnung auf meinen Objekten feiere, befindet sich noch im Versuchsstadium, denn ich bin kein gelernter Keramiker. Einige meiner antik anmutenden Gefäße hielten ihr Versprechen – eine Vase zu sein – einfach nicht und gaben nach der Befüllung mit Wasser, dieses apart wieder nach unten hin ab. Die nächste Serie muss dahingehend dringend verbessert werden, wenn es auch immer machbar ist, kleinere Poren im Nachhinein zu verschließen. Die Vasenobjekte füllten sehr schön die vielen Zwischenräume, der im Ofen stehenden Portraitplastiken. Eine solcherart dicht und sorgfältig gestaltete Aufstellung, sorgt für gute „Brennklimatik“.

Ausgangspunkt für den Themenbereich „Vase“ war der Aufbau eines „sperrigen Blumenbouquets“, wieder entstanden unter Verwendung von Scherben; ein Objekt, dass man aufgrund der kaputten und damit unbrauchbaren, schrägen „Vasenkonstruktion“, die den „Blütenstrauß“ hält, gar nicht anders als „nicht intakt“ interpretieren kann. Ich entschied spontan diese Arbeit ohne RAKU-Effekte zu belassen. Weniger ist manchmal mehr. Obwohl ich es zuerst anders vorgehabt hatte, kamen mir gewisse Bedenken. Das raue und pastellfarbene, hellere Erscheinungsbild wirkte auf mich plötzlich so fragil und bei aller Strenge auch zart, als ich es im Garten und somit im neuen Kontext stehend, anschaute. Das Ensemble wirkt, wie aus „Eis“ aufgebaut, was zu der Hintergrundthematik ganz wunderbar passt.

Ganz anders behaupten sich die eher schwer wirkenden, dunkleren Rakuobjekte. Ich halte meinen Blick bewusst „offen“ für solche gegensätzlichen Kontraste und diese Unterschiedlichkeit meiner vielgestaltigen, plastischen Werke fasziniert den gewogenen Betrachter dann immer wieder.

Auch FLORA bekam nun endlich ihre extravagante Patina eingebrannt und das rosige Blumendekor, das ich im Anschluss an meinen RAKU-Brand an ihrem Kragen befestigte, hebt sich jetzt wunderschön vom Rest dieser, ebenfalls ausgesprochen dunkel gehaltenen Plastik, ab. Im Gesicht brachte ich gezielt etwas mehr Glasur auf, sodass sich hier nun die typischen Linien und Sprünge zeigen, anderswo aber nicht. Nur ein Hauch Glasur sorgte dafür, dass zwar viel Grün erhalten blieb, aber das Rauchig-Dunkle trotzdem überwiegt und die Plastik ohne jeden Glanz geblieben ist. Die wenigen Krakelees auf den rosigen Wangen lenken jetzt jedoch alle Aufmerksamkeit genau in ihr warmherziges Gesicht, obwohl die bunten Rosen selbstverständlich versuchen, diesen ersten Blick für sich zu beanspruchen. Die künstlichen, knallig leuchtenden Farben buhlen förmlich um die Gunst des Betrachters. Dass ihnen das nicht gelingen will, freut mich und macht in meinen Augen das Besondere von FLORA aus.

Ich gewähre nur wenigen Interessierten einen Einblick in dieses RAKU-Brand-Prozedere in unserem Garten. Es ist mir lieber, wenn wir unter uns bleiben. RAKU-Routine, über die meine Kollegen im Allgemeinen verfügen, wenn sie das aufwändige Freibrandverfahren gern vor Publikum vorführen, stellt sich bei mir nicht ein. Die Herstellung kleinerer Gebrauchskeramik ist nicht nur überschaubarer, sie ist auch weniger kraftaufwendig und leichter zu händeln. Das ist etwas völlig anderes, als wenn wir diese schweren, erdigen Objekte durch den Garten bugsieren und die Hitze uns hierbei zu schaffen macht. Ich habe dann kein Auge für Eitelkeiten übrig und versuche bewusst möglichst unbeeindruckt und frei von allen Effekten zu bleiben und Gewohnheiten gar nicht erst zu kultivieren. Jeder Brand gestaltet sich daher anders und ist damit ein einmaliges Ereignis. Dazu will jeglicher Publikumsverkehr einfach nicht passen. Auch ein gemeinsames Arbeiten mit Kollegen möchte ich deshalb nicht provozieren, denn ich kann nicht dafür garantieren, dass das Ergebnis nachher auch gefällt! Meine Vorstellung von dem, was schön ist, unterscheidet sich von dem Schönheitsbegriff anderer Menschen. Die Fähigkeit anzunehmen, was der Zufall uns schenkt, teilen mit mir nur sehr wenige. Die meisten möchten Kontrolle ausüben, sie favorisieren dann ein festes Ergebnis, welches sie vom RAKU erwarten. Da kann ich mit meinem Herangehen, großzügig und uneitel wie ich bin, nur enttäuschen.

Dennoch sollten dieses Mal zwei Besucher dabei sein dürfen.

Wenn ich RAKU mache, geht es mir nicht in erster Linie um die effektvollen Krakelees und schon gar nicht um glänzende Farben, sondern um den vermittelnden Charakter der eher matt gehaltenen Farbe Schwarz. Die eingebrannten, rauchig-dunklen Schatten, die viele meiner Figuren überziehen, wirken zusammenführend. Mitunter bin ich selbst überrascht von dem Ergebnis.

Die größte Überraschung für uns beide diesmal war mitzuerleben, wie sich Pünktchen in unseren RAKU-Betrieb eingliedern würde. Wie würde sie es verkraften, an diesem Tage einmal nicht die erste Geige zu spielen? Unsere Gäste hielten das junge, quirlige Kerlchen natürlich in gewisser Weise bei Laune, was ein schöner Nebeneffekt dieses Besuchs war. Doch in erster Linie kam er wegen des Ofens, um uns bei der Arbeit daran zuzusehen, denn wir werden einiges verändern müssen, damit es in Zukunft für Jörn und mich leichter wird. Wir gehen dieses Problem ganz langsam an, denn noch befindet sich der Hund in der Ausbildungsphase und es braucht gerade viel Zeit und auch Geduld. Ich nehme Pünktchen aber dennoch öfter mal mit in die Werkstatt, denn hier ist der beste Ort für ein „Anti-Frust-Training“. Darauf zu warten, bis ich mit meiner Arbeit fertig bin, ist nicht lustig für den agilen Hund, der gern bestimmen würde, was passiert. Deshalb muss es gezielt geübt werden!

Auf dem Hundeschulgelände wird daher, neben lustigem Welpen- und Junghundespiel, immer auch der ernsten Seiten des Hundehalterlebens gedacht. Manch einer ohne Hund amüsiert sich ja allein schon über das Wort „Hundeschule“. Im Stadtbild geben Hundebesitzer mitunter tatsächlich ein eher lustiges Bild ab, wenn der Mensch vom Hund ausgeführt wird! Als Hundehalter muss man schon allein aus diesem Grund die eine oder andere brüske Bemerkung tolerieren können, wenn man über einen Kamm mit anderen geschoren wird. Deshalb wird des Hundeliebhabers Horizont während der Lehr- und Übungsstunden mit und am Hund auch in dem Sinne geweitet, nicht nur den Hund, sondern auch seine Mitmenschen besser einzuschätzen und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Wobei es vorkommen kann, dass der Hund lernfähiger und einsichtiger ist, als so mancher Mensch.

Einfühlungsvermögen ist das Wort, welches für alle gelten sollte. Auf dem Hundeplatz der Hunde-halter-Schule (denn zuerst muss der Halter lernen den Hund zu führen) stehen für knifflige Situationen die zwei erfahrenen Hündinnen der Trainerin bereit, die ein Auge auf Störenfriede haben und eingreifen, sobald sich einer daneben benimmt. Vielleicht sind Menschen mit Hund darum, nicht immer, aber doch sehr oft sehr viel entspannter, weil sie auf diese Weise erleben, wie einfach es sein kann! Nur durch Gesten, Körpersprache und Blicke teilen sich die beiden Australian Kelpies den Raufbolden, die sie auf dem Kieker haben, mit. Selten hört man ein grollen aus ihren Kehlen, wachsam behalten die agilen Hütehunde alle Junghunde (mitunter mehr als 15) im Blick, auch unser Pünktchen gehört dazu. Die ist jedes Mal, wie ein „Flummi“ und rennt wie der ausgestopfte Hase an der Strippe beim Windhundrennen, in einer Tour übers Gelände, um die anderen, größeren Hunde zum Spiel zu animieren.

Allen Hitzköpfen hilft im Anschluss an diese Toberei in jedem Fall aber, eine schöne Abkühlung! Doch wer jetzt keinen Pool hat, baut sich keinen mehr. Wer jetzt in der prallen Sonne sitzen muss, wird schlicht verdorren, wird sich quälen, sich nach Kühle sehnen … Ist es besonders heiß, so wie in diesen Tagen, suchen wir Abkühlung in den nah gelegenen Wassern und erfrischen uns dort. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Pünktchen, dass es ohne Hilfe und von ganz allein schwimmen kann! Waldgewässer haben ja ihren eigenen Charme. Ich sitze deshalb gerne und zeichne dort auch mit Hund. Dabei ist mir wieder sehr schmerzlich ins Bewusstsein gerückt, wie sich diese, von der letzten Eiszeit geformte Wald- und Seenlandschaft inzwischen verändert hat. An der Badestelle des Colpinsees schwimmt momentan dicke und unappetitliche Algensuppe umher und der ehemals helle Strandbereich ist jetzt schwarz verfärbt. Auch als fachunkundiger Mensch kann man den Notstand, in dem sich das einzigartige Kleinod befinden muss, erkennen. Der Wasserstand ist niedriger als sonst. Die kleinen Bachläufe, die die unterschiedlich großen Gewässer des Lehniner Waldareals miteinander verbinden, sind schon seit einiger Zeit versiegt und ihr angrenzender, ehemals morastiger Untergrund, liegt nun leider trocken; die Flora ändert sich und mit ihr auch das Leben der Tiere.

Einen kleinen moorastigen Flecken, geheimnisvoll und bezaubernd, aber ohne Zugang für den zerstörerisch auftretenden Menschen, entdeckten wir bei einem unserer Spaziergänge rein zufällig. Nur das Einhorn fehlte, sonst wäre es hier so schön, wie im Märchen. Hier kann man den Eindruck bekommen, dass die Welt noch in Ordnung ist; Libellen gleiten fast lautlos über Seerosenteppiche hinweg, das seidige Wasser lockt hellgrünlich, aber klar, darin die Blätter und Stängel einer verschlungenen Seerosenunterwasserwelt, zwischen denen sich kleine Fische tummeln. Sogar eine lange Schlange glitt sachte über die glatte Wasseroberfläche von einem Uferbereich in den nächsten, dicht an uns vorbei. Offenbar reichlich vorhanden auch viele Vögel, nicht zu sehen, aber ständig und laut im dicht wuchernden Schilfgürtel zu hören! Diese wild gewachsene Ordnung ist für den Menschen – bloß gut – absolut unattraktiv, besonders deswegen, weil es sich um ein bevorzugtes Revier sämtlicher Mückenarten handelt.

Nur die nah gelegene Autobahn stört diese Idylle. Der von ihr ausgehende Lärm ist im gesamten Lehniner Waldgebiet mehr oder weniger präsent. Einher mit der Autobahn gehen Abfall, Schmutz und Dreck. Wer keine Lust hat Abgetakeltes aufwendig zu entsorgen, setzt seinen Unrat an stillen und abgelegenen Orten gern aus. Bei unseren Wanderungen finden wir deswegen immer wieder Merkwürdiges; herrenlose halbe Autos zum Beispiel, auch Autositze ohne Auto, Malereimer mit Farbresten darin, Renovierungsabfall sowieso und sogenannte „weiße Wahre“. Auch ein unbrauchbar gewordenes Schlauchboot in Knallgelb liegt mitten im Wald und da es aus Plastik ist, wird es wohl sehr lange dort verbleiben. In seinen Dellen sammeln sich Nadeln und bei Regen auch Wasser, in dem Mückenlarven gedeihen.

Die Wirtschaft findet für schlechtes Benehmen und Mangelverhalten immer eine Ausrede. Es heißt dann gern, es ginge nicht anders, da könne man leider nichts machen, die „Menschen müsse man da abholen, wo sie nun einmal gerade stehen“. Bis es jemand vormacht und Verbündete findet, werden Probleme kleingeredet und jene, die sich darüber aufregen, werden als „Spinner“ bezeichnet. Dabei weiß jeder, dass gern mit dem Kopf durch die Wand dem Weg des geringsten Widerstands gefolgt wird. Das ist nicht nur im Großen so, sondern auch der sogenannte „kleine Mann“ versucht natürlich pfiffiger als der andere, neben ihm agierende zu sein und lebt seinen puren Egoismus selbstverständlich auch aus, wenn er kann. Aber im Laufe der Jahre wird sich das alte Denken in ein vernunftbetontes wandeln müssen. Wenn der Protest zu groß wird und der Gegner an Kraft gewinnt, wenn immer mehr Menschen Partei ergreifen und sich anstecken lassen, kann die Chose kippen! In Sachen Kohle und der ewigen Diskussion um die Arbeitsplätze in der Lausitz, wendet sich ja gerade das Blatt, doch der Weg dorthin war weit!

Wenn der Planet am Verdursten ist, verdursten auch wir, darum sind endlich Alternativen und nicht die ewig gestrigen Argumente gefragt. Immer wieder finde ich Artikel in der Presse, die davon berichten. In diesem Zusammenhang freut es mich zu erwähnen, dass unser Sohn Carsten in Jena am Max-Planck-Institut für Biogeochemie kürzlich seine Doktorarbeit eingereicht hat und wir hoffen mit ihm und drücken ihm die Daumen. Der Erfolg – so sagt das Sprichwort – hat viele Väter und ich füge hinzu: er hat auch viele Mütter! Unser Sohn verdankt unter anderem auch seinen sehr engagierten Lehrerinnen von früher, dort angekommen zu sein, wo er heute steht. Man darf nicht unterschätzen, dass bereits in der Grundschule Persönlichkeiten geformt werden.

Ich schreibe über diesen Sachverhalt etwas detaillierter, weil viele Leute glauben, man bekäme nur in der Stadt die beste Ausbildung. Sie glauben, man müsse seine Kinder auf „bessere“ oder in sogenannte „Freie Schulen“ schicken und die Nähe der Städte suchen, um dem Nachwuchs in entsprechenden Netzwerken der gleichgesinnten, elitären Elternschaft, die passenden Verbindungen zu ermöglichen, die ein zügiges Vorankommen sichern helfen. Dafür zahlen sie dann auch bereitwillig und gern, so, als handelte es sich bei der „richtigen“ Schulwahl um einen Freibrief zum Erfolg. Ich denke, dass das ziemlicher Humbug ist. Auf die inneren Werte kommt es doch zuerst einmal an, das alleinige Setzen auf begünstigende, äußere Umstände ist Selbstbetrug. Was nützen all die oberflächlichen Verbindungen, wenn die einfachste Verknüpfung zur wahrhaftigen Bildung, der des Herzens, abgerissen ist?

Industrielicht contra Mondlicht

Unser Sohn Carsten Simon beschäftigt sich am MPI mit den Ressourcen „Boden“ und „Wasser“, einem immer wichtiger werdenden Themenbereich, denn unsere Anwesenheit lässt sich überallhin, selbst bis in kleinste, mit dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbare Räume, nachverfolgen. Überall ist der „Fußabdruck“ des Menschen präsent: in den dunklen Gefilden der Tiefsee und an den Poolkappen, im All und auf dem Mond genauso, wie in den tieferen Schichten des Erdmantels. Alles Regenwasser muss auf seiner Reise zu den Grundwasserspeicherseen zuerst durch sandige Strukturen mit ihren organischen Bestandteilen aus Blättern, Nadeln und Bodentieren, der sogenannten „Streuschicht“ hindurch, um dann im „Oberboden“ von Zersetzern, wie Bakterien und Pilzen, empfangen zu werden. Schließlich wandert die Feuchtigkeit im günstigsten Fall weiter nach unten zum „Unterboden“, wo sich das Grundwasser normalerweise ansammelt. Darunter befindet sich das verwitterte Ausgangsgestein. Carsten analysiert diese Prozesse, findet allerkleinste, vom Regenwasser gelöste Bestandteile, auch jene, die von menschlicher Aktivität berichten, er filtert sie mit beeindruckender Technik heraus, bewertet und dokumentiert sie.

Quelle: https://twitter.com/maxplanckpress/status/1110575288042377216

Wer durch Wald und Flur wandelt, der spürt, dass der Boden immer trockener wird. Moose und Flechten knistern unter unseren Füßen und können eventuell abregnende Feuchtigkeit kaum noch halten. Wissenschaftler betonen immer wieder, wie wichtig gerade jetzt die alten, erwachsenen und entsprechend starken Bäume sind, dennoch, wir haben in sorgloser Weise unsere Umwelt lang anhaltend und entscheidend verändert. Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer neuen, geochronologischen Epoche, dem sogenannten „Anthropozän“. Nun liegt es an ihnen herauszufinden, wie krank unser schöner, blauer, „fiebernder“ Planet (Zitat H. J. Schellnhuber) tatsächlich ist und ob man ihm noch helfen kann.

Wälder sollen wieder aufgeforstet werden und die neuen Erkenntnisse, dabei auf Monokulturen zu verzichten, werden immer lauter vorgetragen. Aber die jungen Bäume bedürfen einer umfangreichen Pflege und sie müssen vor der zunehmenden Hitze und damit einhergehendem Stress, in Schutz genommen werden. Ehe sie nämlich stark genug sind, um für sich selbst zu sorgen, brauchen sie menschliche Hilfe in größerem Ausmaß, als dies damals noch ihre „Baum-Großeltern“ nötig hatten.

„Herr, der Sommer war sehr groß“, dichtete Rilke. Doch heute macht uns die Aussicht auf solche „großen“ Naturereignisse einfach nur noch Angst. Wenn ich im Hundebadesee-Paradies bei den wunderbar filigranen Seerosen sitze und direkt daneben die donnernden Laster auf der Autobahn höre, frage ich mich, ob es nicht früher schon Alternativen zu immer mehr ausuferndem, menschengemachtem Wachstum gegeben hätte. Solange aber die „Entwickler und Gestalter“ nur den eigenen Tellerrand im Blick behalten und Futterneid eine lobenswerte Eigenschaft darstellt, genau wie „Punkte sammeln“ beim Discounter, wird sich nicht viel verändern – denn es ist der schnöde Eigennutz, der uns engherzige Entscheidungen treffen lässt.


Maren Simon am 30. Juni 2019

5. Juli 2019

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Mit Pünktchen auf den Hund gekommen

Satzzeichen sind ausgesprochen wichtig. Ich habe gelernt mit typographischen Zeichen und Schriften umzugehen, als ich in Leipzig „Grafik“ studierte. Jetzt sind wir auf den Hund gekommen und wie sollte es anders sein, natürlich ist unser Exemplar kein gewöhnlicher, sondern ein besonderer Hund! Es ergab sich nämlich, dass wir passend zur Typographin, einen Hund mit „Pünktchen“, „Kommas“ und „Anführungszeichen“ (ohne direkte Rede) bekamen. Wir wählten vorab unter den soliden „Mittelklassemodellen“ den richtigen Typ Hund, wir wollten einen „Begleithund“ nicht klein und nicht groß sollte er sein, eher ruhig und nicht aggressiv veranlagt und einer Sorte angehören, die über reichlich Intelligenz verfügt. Was wir dann vor gut 4 Wochen, am 17. April, beim unserem freundlichen Züchter in der „Streusandbüchse“ abholen durften, war ein winziger Welpe, ein kleines Hundchen, wie frisch vom Designer und mit lebhaftem Schwänzchen, unser Pünktchen!

Unsere kleine Hündin ist jetzt ca. 14 Wochen alt und sehr agil, sie ist einfach wunderbar! Ein „bunter“ Künstler-Hund ist sie aber nicht, sie besitzt eine weiße Grundfarbe und hat kräftig karamellfarbene Flecken darauf. Das namensgebende, „typographisch“ anmutende Pünktchen sitzt beinahe perfekt mittig auf dem Steißbein, genau genommen sind es sogar zwei – denn ein kleineres Pünktchen befindet sich zusätzlich 3 fingerbreit über dem größeren. Das größere Pünktchen bewegt sich beim Spazierengehen ziemlich witzig auf und ab, wenn des Hündchens Hinterteil vor unseren Augen hin und her wackelt, unser kleiner, eifriger Hund ist seiner Truppe natürlich immer gern ein Stück voraus.

Nach und nach kommen neue, zarteste, kleine Flecken hinzu. Pünktchens Haarkleid verändert sich noch von seidig weich, bis hin zu „rauhaarig“ und mit der Pubertät wird sie sogar noch einen Bart bekommen! Darauf warten wir gespannt, denn das ist ja überhaupt das Beste, ein Mädchen mit Bart! Die kleine Hündin berührt unsere Herzen, denn sie ist lebhaft und freundlich, vorurteilsfrei und klug … und schön ist sie auch noch.

Somit übertrifft das Tierchen alle unsere Erwartungen, kaum zu glauben – was für ein Glück!

Bisher bekamen wir unsere Tiere meistens „von oben“ zugewiesen. Wir fanden sie (außer Kaninchen Herrmann) alle in misslicher Lage auf und halfen ihnen zu überleben, woraus sich dann, besonders bei der Katze, eine lebenslange Zuneigung entwickelte. Alle waren sie uns lieb und ans Herz gewachsen. Igel „Stachli“ blieb uns treu, indem er sich nahe am Haus sein Lager aus Herbstblättern baute, an das wir nie Hand (oder Forke) anlegten. Im Laufe der Jahre wurde der Haufen immer größer und ob es heute noch derselbe Igel ist, der dort nach bald 25 Jahren haust, darf bezweifelt werden. Doch der Überwinterungshaufen blieb in all den Jahren, ohne Unterbrechung bewohnt! Vielleicht sollte ich ihn schnell noch malen, denn „Haufen“ in Öl bringen momentan, siehe Claude Monets „Meules“ („Heuschober“, gemalt 1890), Millionen!

Ab und an bekommen wir auch besonderen Besuch von der Elster. Sie sitzt dann etwas länger in unserem Garten und in einigem Abstand zu uns in den Zweigen des Rosenstrauchs und auf Augenhöhe zu uns, anstatt hoch oben. Wir rufen und er (oder sie) schaut zurück, hält den Schnabel leicht schräg und wartet. Deshalb glauben wir, dass es „unsere“ Elster „Quax“ ist. Die letzten Pflegegäste, die beiden Spatzen „Horsti“ und „Fritzi“, kommen sicherlich auch regelmäßig nachschauen, wie es uns so ergeht, allerdings sind sie vom Rest ihrer Truppe leider überhaupt nicht mehr zu unterscheiden, sie sind ja ständig in „Familie“ und nie allein. Optisch betrachtet, gehen die beiden in ihrer Spatzenbande unter. Da kann man nur hoffen, dass es ihnen (und den 50 anderen) gut geht.

Der auf Eigensinn bedachte Kater fand damals schnell seinen Rhythmus und lebte sowohl dicht bei uns, als auch geheimnisvoll des Nachts, ohne seine Menschenfamilie. Unsere Hündin möchte indes an allem teilhaben, was ihre Leutchen so zu tun pflegen. Mit Pünktchen ist es im Wald viel schöner, als zu zweien allein! Nie wollte der Kater mit in den Wald! Er blieb nach 20 gemeinsamen Metern des Weges einfach stehen, drehte sich um und trabte zurück nach Hause. Bei unserer Rückkehr schlief er dann gemütlich zusammengerollt in seiner Gartenkiste.

Unser neues Familienmitglied erschnuppert auf kindliche Weise alles Neue und sein freundliches Wesen füttert unsere Gemüter mit Glückshormonen. Alles ist interessant und muss mit der Nase genauestens analysiert werden! Der morgendliche Gang durch den Garten beginnt mit einem Ritual; in übermütiger Weise, werden mit der Schnauze all die Blättchen der Blumen angestubst, die es wagen, frech in Hündchens Weg hineinzuhängen … Lebensfreude pur … Schön, dass unser Hund ein „Frühlingswelpe“ geworden ist. Ein „Winterhund“ hätte als erstes die Kälte kennen gelernt und hätte mit Schneebällen spielen müssen … bei Pünktchen sind nicht nur, die auf langen Stielen baumelnden, roten Blumenköpfe der Tulpen beliebt, auch Kienäppel aus dem Wald hat sie zum Zerpflücken gern. Genüsslich und geduldig werden die kleinen, hölzernen Kunstwerke in sämtliche Einzelteile zerlegt. Eine Leidenschaft, die sie schon im Welpenställchen, das sie sich mit den acht Geschwistern teilte, ausleben durfte. Alle Welpen dieses Wurfs strahlen Dankbarkeit für jede noch so kleine, von wem auch immer erhaltene, freundliche Zuwendung und alles, was sie umgibt, mit jeder Faser ihres Körpers aus. Man kann gar nicht anders, als diese zu erwidern.

Übersetzt heißt das: es ist einfach nur schön auf dieser Welt zu sein.

Ein neuer Lebensabschnitt hat deshalb auch für mich und meinen Mann mit Hund begonnen! Wir haben in den letzten Wochen so viel gelacht, einfach wunderbar. In ähnlich witzige Situationen, wie mit unserem Welpchen, kamen wir zuletzt vor 5 Jahren mit dem klugen Quax. Alle Rabenvögel, zu denen auch die Elstern gehören, sind äußerst intelligent, denn sie wissen, was es bedeutet Langeweile zu haben und kommen dann, wenn sie welche verspüren, auf dusselige Gedanken, besonders die pubertären Jungen! Beim Quaxl saß damals bereits, obwohl er noch ganz klein war, der Schalk in seinem blauäugigen Blick und auch hier konnte man gar nicht anders, als den Kleinen zu mögen! Mutter Natur dachte sich das wirklich richtig gut aus; Kinderaugen lassen uns weich werden, egal ob Menschlein oder Tierkind.

Nun lernt der kleine Hund, was ein großer Hund wissen und können soll und dazu muss er die geschützte Umgebung seines Gartens immer wieder verlassen. Ich führte unser Pünktchen aus diesem Anlass auch durch die Kulturhauptstadt Berlin. Mit den vielen Beinen, die sich um sie herum bewegten, ging sie sehr schnell erstaunlich souverän um, Bahnfahren im Berufsverkehr – kein Problem – sogar an einer Ausstellungseröffnung in der Galerie von Michael Schultz nahmen wir gemeinsam teil – aber steile Treppen nach unten, die hinab ins Dunkle führenden U-Bahnschächte, sie sind die Hölle für den kleinen Hund. Die Geräusche und der Lärm, den die Bahn im „Keller“ verursacht, flößten dem kleinen Kerlchen unglaublich viel Respekt ein. Wir üben jetzt jeden Tag zu Hause und gehen dazu die Treppe hinab, die in unseren dunklen Keller führt. Unser Hundekind protestiert jedoch jedes Mal lautstark quickend und sieht diese Maßnahme einfach nicht ein. Somit werden wohl noch einige U-Bahnschacht-Berlinausflüge folgen müssen. Dem kleinen Hund vom Lande machte es hingegen gar nichts aus mit mir von einer Galerie in die nächste laufen zu müssen. Bei Regen kann es mit „Kultur“ sogar sehr angenehm sein! Frauchen musste heftig an der Leine ziehen und bitten, damit es weiterging. Am liebsten wären wir bei „EIGEN+ART“, zwischen Tür und Angel und nach draußen schauend, einfach sitzen geblieben …

Plötzlich merkt man, woran es liegen könnte, in gewisse „Lagen“ zu geraten, ohne es zu wollen! Es liegt an der Körpersprache und der Haltung. Zu „weich“ bekam ich ja öfter schon zu hören. In der Welpenschule erfuhr ich nun, dass sich mein Protest dem Hund gegenüber, wenn der anders will als ich und er mich beim Raufen zu dolle zwackt, als eine einzige Aufforderung zum Weitermachen anhören würde … wie bitte? In der Tat, bin ich der „Oberraufpartner“ für unseren Hund. Ich bin aber auch „Schmusetante“. Schließt sich das nicht gegenseitig aus? Wenn es mir zu viel wird und ich laut werde, macht es dem Hund erst so richtig Spaß, mich zu knuffen und zu beißen und dabei zu knurren und zu grummeln, wie ein alter, besonders dicker Hund. Das kann ich nicht leugnen, genauso ist es.

Meine „subtilere“ Art der Ansage versteht unser Pünktchen dennoch – es dauert nur ein bisschen länger, bis es darauf reagiert, das will ich gern zugeben. Mit ihrem kleinen, scheinbar immer lächelnden Schnäuzchen sieht sie einfach lustig und liebenswert aus und das ist sie meistens auch – aber nicht immer. Man kann sich kaum vorstellen, wie weit sie diesen kleinen, ewig lächelnden „Strichmund“, der direkt unter der großen Nase von den Züchtern in Zusammenarbeit mit Mutter Natur platziert worden ist, bereits aufsperren kann, darin die spitzen Zähnchen! Also bemühe ich mich nun im eigenen Interesse darum alle meine Ansagen kurz und knapp und möglichst klar an den Hund zu bringen. Doch das kleine charmante Kerlchen ist ein Schelm. Und es weiß offenbar, dass es niedlich aussieht und es scheint, als mache es ihm eine große Freude die gefühlige Erwartungshaltung seiner Menschen zu unterwandern.

Es tut mir Leid, aber ich kann da einfach nicht den nötigen Ernst aufbringen und auch nie richtig böse sein.

Im Gegensatz zu Menschen, welche die Schwächen anderer nicht in Großzügigkeit anerkennen, sondern nur zu ihrem Vorteil nutzen wollen, kann der kluge Hund unterscheiden. Ich habe den Eindruck, unserer schätzt an seinem „Frauchen“ das eher Sanfte und Ruhige, denn es bedeutet für Pünktchen wohl eine andere Form von Stärke, vor allem aber, Geborgenheit. „Herrchen“ organisiert dagegen die großen Spaziergänge im Wald und an der frischen Luft. Mit Rucksack und Proviant sorgt er im Freien und am Elektrokocherd auch zu Hause, für das leibliche Wohl seines Rudels. Ganz offensichtlich werden unser beider guten Eigenschaften vom Hund gleichberechtigt anerkannt, ohne hierbei die jeweiligen menschlichen Schwächen, für sich auszunutzen. Im Gegenteil! Der kleine Hund ist stets sehr diplomatisch und verteilt seine Liebe gleichmäßig. Pünktchen genießt entspannt in unserer Mitte das Leben, genau, wie es Kater Micio zu seinen besten Zeiten tat.

In der Werkstatt in Werder steht nun ebenfalls eine Kiste mit Bett darin, dicht an der Glastür und bereit für den Hund. Geht eine der werderschen, rot getigerten Katzen an meiner Ladentüre vorbei, wird kräftig gebellt und der kleine Hund stellt sich straff auf seine Hinterbeine und es drängt ihn, da hinterher zu wollen. Das Lustige ist ja, dass ich mir einbildete, unser Pünktchen „katzenfreundlich“ einstimmen zu können. Es soll ja sogar Menschen geben, die aus ihren Hunden „Vegetarier“ machen können. Pünktchen darf also gezielt in Micios alter Katzenhöhle, einem relativ festen eiförmigen Gebilde aus Filz, schlafen und kuscheln, solange sie dort noch hineinpassen will. Im Ei duftet es sicherlich noch nach Katz und es macht Spaß innen drinnen sitzend, mit dem Ding durch den Raum zu kugeln, aber die erhoffte, vermittelnde Wirkung auf den Hund, sie bleibt scheinbar trotzdem aus. Dabei dachte ich in Nächstenliebe auch an Nachbars Katzen – insgesamt 3 Stück an der Zahl, die möglichst unbehelligt bleiben sollen!

In unserem Hund steckt nämlich, neben dem großen und ruhigen, von der französischen Westküste „Lan Vendée“ stammenden, weichfelligen „Grand Griffon Vendéen“, auch ein gutes Stück des agilen, drahthaarigen, britischen Foxterriers“ verborgen. Im „Kromfohrländer“ sind beide Rassen vereint. Im günstigen Fall ergänzen sich beiderlei gute Eigenschaften, aber es kann natürlich auch vorkommen, dass eine Seite ein wenig mehr dominiert. Es wird also noch spannend werden.

Sofaplatz = Lieblingsplatz – genau wie bei der Katze!

Sämtliche, auch von weiter her kommende Katzentiere verbringen gerade ihre „Wellnesswochen“ in unserem Garten – die Vögel haben Junge. Alle drei Samtpfoten (und der Schwarze, der gerne zu Besuch kommt) registrierten bereits stirnrunzelnd, neuerdings einen „Störfaktor“ im simonschen Schlaraffenland zu haben. Es ist abzusehen, dass das noch kleine, noch unerfahrene, so lustig kläffende Pünktchen, sein Refugium mit zunehmendem Alter, stärker als bisher, verteidigen wird. Bloß gut, dass unser Hund im Hause seinen Platz hat und nicht ständig ebenfalls, wie die Katzen, auf der Lauer liegen wird. Hoffen wir, dass unser „Garten Eden“ für alle Wildgartenliebhaber ein solcher bleibt und die Nachtigall weiterhin ungestört ihr Lied darin singen kann.

Maren Simon am 19. Mai 2019

19. Mai 2019

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Unsere abgewickelten Leben – wie wir uns von unseren “Millionenobjekten” verabschieden mussten

Manchmal kann es sehr schnell gehen; erst richtet man sich gemütlich ein, das Nest wächst, doch dann wird der ganze Baum gefällt und das alte Leben einfach für überholt erklärt … Wir steuern auf 30 Jahre deutscher Einheit zu und Fragen tun sich noch immer auf, denn damals wurden die Existenzen vieler Menschen durcheinander geschüttelt, was zu Ergebnissen führen sollte, unter denen wir auch heute noch zu leiden haben.

Ich möchte betonen, wenn ich nun ausführlicher werde und über jene Zeit berichte, in die just unsere Familienplanung gefallen ist, dass ich hier nur für mich und meinen Mann sprechen kann. Ich bin weit davon entfernt, die Lebensläufe anderer Menschen antasten und beurteilen zu wollen, weil Menschen die Wendezeit nun einmal sehr unterschiedlich erlebten! Gefühlt sind aber die “richtigen” Leben vieler “Ostler” über Nacht zu “falschen” geworden. Die Menschen mussten sich im wahrsten Sinne des Wortes „neu erfinden“ und die alten Werte hinterfragen. Wenn Westdeutsche die Ostdeutschen auch heute noch in abwertender Form beurteilen, dann negieren sie genau diesen Sachverhalt, der den „Ostlern“, die sich wie im „Schleudersitz“ fühlen mussten, Unglaubliches abverlangte, während die gemütlichen, „warmen Sessel“ der „Westler“ nicht angetastet wurden.

Es ist noch nicht “zusammengewachsen, was zusammen gehört” nach wie vor liegt zwischen der jungen Generation, die jetzt aufeinander zugehen will und nach einer gemeinsamen Zukunft strebt, leider immer noch so viel Müll, dass die Fragen zur Herkunft – besonders derer aus der alten DDR – von uns Älteren beantwortet werden wollen. Auch ich sehe mich gezwungen zu erklären, wie wir zu unserem Haus gekommen sind, weshalb dieser Blogeintrag überhaupt notwendig wird. Ist die Religionsfrage die vorherrschende, die sich unter Umständen den “Ostlern” stellt, wenn es um die Westdeutschen geht, so gibt es umgekehrt bei den ehemaligen Ostdeutschen der Möglichkeiten viele, die interessieren könnten!

Das Nichtwissen darüber, aus welchen Familienverhältnissen einer stammt und was einer vielleicht “vorher” war und was er später auf welche Art und Weise wurde, belastet und will geklärt werden. Leider gibt es einige Altbundesbürger, die lediglich auf Vermutungen in Verbindung mit “gefährlichem Halbwissen” setzen. Ihnen ist eine leichtfertige Erklärung in Schwarz/Weiß noch immer die Liebste, weil sie Vorurteile bedient. Es sind hier aber vor allem die Grautöne, die dominieren!

Natürlich gab es Menschen, die, sowohl in dem einen, als auch im anderen System – egal welche Funktion sie darin innehatten – stets oben schwimmen sollten, was aber keine Frage des gerade herrschenden Systems, sondern eher eine Charakterfrage ist. “Wendehälse” gab es viele. Ebenso wie Wendegewinner oder -Verlierer. Wer als DDR-ler damals Haus und Hof besaß, hatte es relativ gut und konnte sich entspannt zurücklehnen. Nicht wenigen wurde diese Lebensgrundlage aber dadurch entzogen, weil frühere Besitzer plötzlich Rückübertragungsansprüche geltend machten.  Einige der davon Betroffenen bekamen für ihren Auszug eine Abfindung, die ihnen den Neuanfang erleichtern half, andere bekamen solch eine Vergütung nicht. Der ungenaue Kenntnisstand all dieser “Sachverhalte” öffnete mitunter ein weites Feld für Spekulationen aller Art innerhalb der Nachbarschaft, die an diesen Vorgängen interessiert Anteil nahm.

Die Golfsaison ist eröffnet, Maren Simon, Mischtechnik, 1999

Plötzlich stand auch im Osten das Geld im Vordergrund und es begann unschön alle Facetten des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu dominieren und so förderte die neue Gesellschaftsordnung vermehrt auch negative Charakterzüge zutage, die bis dato in den Menschen nur “geschlummert” hatten. Die Frage nach Besitz – wem was gehört – wurde immer wichtiger.

Wenn ich über unsere Jugend schreiben will, werden auch bei mir alte Wunden wieder aufgerissen. Uns sind einige Narben zurückgeblieben. Inzwischen hat sich aber die Zeit, wie ein Wundpflaster, schützend über die kaputte Oberfläche gelegt. In Dankbarkeit an das, was gut war und gut werden sollte, relativiert sich alles Traurige und Erniedrigende, was wir in der Zeit vor und nach der Wende durchmachen mussten. Beide Systeme hatten uns – jedes auf seine Art und Weise – arg zugesetzt und auch geschadet. Durch beide erfuhren wir aber auch Gutes. Ich bedauere es sehr, dass die große Chance vertan wurde sämtliche positive Errungenschaften, die in beiden Staaten existierten, innerhalb etwas gänzlich Neuem zusammenzuführen.

Mit der Beendigung des Studiums 1987 begann ein neuer Lebensabschnitt für mich und meinen Mann. Unser bis dahin „wildes“ Leben gaben wir auf, heirateten und gründeten eine Familie. Mit dem Diplom in der Tasche hatte ich weder Aufträge, noch besaß ich einen Raum zum Arbeiten. Wir wussten auch nicht, unter welchen Umständen wir als Familie zusammenleben würden, sobald  Jörn ein Jahr später, ebenfalls sein Studium beenden würde. Meine Eltern erbarmten sich unser und nahmen auch ihn bei sich auf.

Erst als unser Sohn im Juni 1988 geboren wurde, erhielten wir ein sogenanntes Anrecht auf Wohnraum. Ohne “Beziehungen” lief in der DDR kaum etwas, weshalb wir im Endstadium des Sozialismus beim Wohnbebauungsplan „40 Jahre DDR” auch schlicht vergessen wurden! Obwohl wir bereits verheiratet und sogenannte “Studienrückkehrer” und also nicht mehr ganz jung an Jahren waren, bettelten wir vergeblich und sprachen bei vielen Stellen vor. Mit unserer kritischen Einstellung und Widerborstigkeit gegen alles staatlich Verordnete, konnten wir natürlich keinen Blumentopf gewinnen, denn den damaligen “Seelenfängern” ist es nie gelungen uns Starrsinnige zu vereinnahmen, obwohl es dafür der Gelegenheiten viele (Lehre, Armeedienst, Studium) gegeben hatte. So muss man der Richtigkeit halber erwähnen, dass wir im Gegensatz zu anderen, klügeren Leuten, irgendwie auch selber schuld an unserem Zustand – frei wie die Vögel zu sein – gewesen sind.

Babelsberger Selbstbildnis Maren Simon, Aquarell

Das hatten wir nun davon.

“Dringlichkeit” hieß das Wort, das Türen öffnete. Solange kein Kind da war, brauchte es keine entsprechende Versorgung und wir merkten mehr und mehr, wie egal wir “Studierten” dem Arbeiter- und Bauernstaat, ohne das umgangssprachlich “Bonbon” genannte Abzeichen am Revers, offensichtlich waren. In der Schlange bei der Wohnraumlenkung standen wir ganz hinten an und hetzten – gefangen wie im Mäuselabyrinth eines Experimentallabors – von einer Stelle zur nächsten, ohne je irgendwo anzukommen. Immer wussten die diensthabenden Mitarbeiter bereits über uns Bescheid und vertrösteten uns gezielt mit entsprechend rührigen, aber leeren Worthülsen. Auch bei meinem Berufsverband, den ich um Unterstützung bat, vertüttelte ich umsonst meine Zeit. Auch hier fühlte ich mich mit meinen Sorgen nicht ernst genommen.

Als wir dann endlich einige Objekte anschauen durften, geriet uns immer dann, wenn wir die Renovierungsarbeiten fast abgeschlossen hatten, irgendetwas dazwischen! Die erste Wohnung bekam ganz plötzlich akuten Hausschwammbefall. Nach der baupolizeilichen Sperrung derselben, zog dann zügig ein sogenannter “Hundertprozentiger” in die durch uns hergerichtete Wohnung ein. Wir erfuhren davon durch die Nachbarn, die lieber die “jungen Leute” behalten hätten. Ein anderes Mal durften wir uns das Objekt zwar ansehen und waren begeistert, aber die Wohnung bekamen wir dann doch nicht zugesprochen, weil der Balkon der freundlichen Dame, die in kleinere Gefilde umziehen wollte und Frau Bombe hieß, leider “abzustürzen” drohte, ausgerechnet, nachdem wir die Wohnung besichtigt hatten…

Und als dann sogar die in Aussicht gestellte Plattenbau-Siedlung im Potsdamer Stadtteil Drewitz, trotz ausgezeichneter “Planwirtschaft 40 Jahre DDR”, nicht rechtzeitig fertig wurde, resignierten wir beinahe, derweil ich immer unbeweglicher und dicker wurde und unsere Stressresistenz ab- und somit für uns die “gefühlte” Dringlichkeit mehr und mehr zunahm.

Unser Sohn erblickte das Licht der Welt und wir saßen noch immer bei meinen Eltern fest.

Die Betriebsleitung meines Mannes half uns aber sehr freundlich mittels einer provisorischen Überbrückungslösung aus der Patsche, sodass wir nun beinahe, wie eine richtige Familie, zusammen leben konnten. Leider handelte es sich bei dem Objekt um eine einzige Baustelle und in dem kleinen Haus kämpften wir gegen feuchte Wände an. Tapfer harrten wir aus und machten das Beste aus unserer scheiß Situation und das hätte nach Ansicht der Wohnraumlenkung auch ewig so weiter gehen können! Denn unsere mickrigen Sorgen waren für die Genossen, angesichts der sich ankündigenden DDR-Endphase-Problematik, wohl nur ein Klacks. Während unser Anspruch auf Normalität wieder und wieder aufgeschoben wurde, enteilte uns aber unser Leben!

1986 geschah die Kernreaktorkatastrophe in Tschernobyl, weswegen die Ärzte in der DDR auch Jahre danach noch aufmerksam alle jungen Mütter und ihre nach `86 geborenen Babys, beobachteten. Unser Söhnchen weinte viel als er noch ganz klein war. Ich konnte ihn mitunter kaum trösten, ständig schrie er, scheinbar völlig grundlos. Er überspannte seinen kleinen Körper und wirkte dabei fast, wie ein Athlet und wollte doch, obwohl er so “sportlich” rüberkam, einfach nicht krabbeln! Entsprechende Untersuchungen wurden notwendig, die uns Eltern stark zusetzten. Der kleine Körper wurde geröntgt und Hinrnwasser mittels einer stählernen Kanüle aus der Fontanelle entnommen. Auch seine Äugelein wurden speziell untersucht, wobei sie seine Pupillen mit Augentropfen weiteten.

Wir waren beide so traurig, doch der Kleine entwickelte trotz allem ein drolliges Gemüt. Mit den Worten “so ein sonniges Kerlchen“ wurden wir regelmäßig in der Kindersprechstunde empfangen. Bald bewegte er sich äußerst munter auf seinem Hintern rutschend umher und mit Hilfe seines Kindergestells, indem er sicher, wie in einer „Hose“ hing, wobei die Füßchen Bodenkontakt hatten, rollte er durch die Bude, dass es nur so eine Freude war. In einer anderen „Hose“ hing er baumelnd mittels einer Stahlfeder, die am Türrahmen zur Küche befestigt wurde. Darin hopste unser Kind so oft es nur konnte, freudig und mit viel Gekreisch, auf und nieder und trainierte dabei seine Beinchen. Alles an ihm war in ständiger Bewegung und vielleicht war das die beste Therapie für uns alle.

Mutter und Kind, Übergangslösung in Babelsberg, 1988

Dennoch, das Wort „Behinderung“ fiel und man informierte uns darüber, dass unser Sohn „nie richtig würde laufen können“ … wir bekamen Auflagen geduldig und ruhig zu bleiben und sportliche Übungen mit ihm zu machen. Wir sollten dabei „lustig“ sein und mit ihm lachen, durften den Kleinen unsere Betroffenheit nicht spüren lassen. Als er dann überraschend und ohne die Krabbelphase je durchlaufen zu haben, selbstbewusst auf seinen beiden Beinchen stand und seine Runden freudig kreischend in ihrem Sprechzimmer drehte, freute sich auch die zuständige, freundliche Ärztin sichtlich mit uns.

Die Kinderärzte hatten sich alle – Gott sei Dank – geirrt.

Bei dem für unseren Wohnbezirk zuständigen Parteigenossen legten wir in dieser Zeit Beschwerde ein und drohten damit, die anstehende Wahl zu boykottieren. Nur durch diesen „Kunstgriff“ unsererseits kam in die Wohnsache SIMON dann endlich Leben! Und im Mai ’89 erhielten wir ganz plötzlich eine Zuweisung für eine als “schwer vermittelbar” eingestufte und nahe dem Neuen Garten gelegene Altbauwohnung. Unser Kind war zu der Zeit, als wir den Mietvertrag unterschrieben, bereits ein Jahr alt. Die Wohnung befand sich in der oberen Etage einer italienisch anmutenden Villa, erbaut um 1900 und war ohne jeden Komfort: 4 Zimmer – 3 Kohleöfen – ein Balkon – eine “kalte” Küche – kein Bad – eine Toilette auf dem Flur. In die nicht beheizbare Küche bauten wir selbst eine Dusche ein.

Aber unser neues Wohnzimmer war bereits von anderen Mietern zuvor, in Ansätzen renoviert worden, ein Umstand der fast zu schön gewesen ist, um wahr zu sein und uns irgendwie bekannt und auch verdächtig vorkam. Wir ignorierten jedes mulmige Gefühl und sollten bald zu spüren bekommen, dass wir diese Wohnung nicht ohne Grund erhalten hatten. Von den fürsorglichen Genossen der Wohnungsvergabestelle sind wir nämlich direkt zu des “Teufels Großmutter” vermittelt worden und als wir es bemerkten, war es bereits zu spät. Zugegeben, anfangs gaben sich unsere beiden Vermieterinnen, Mutter und Tochter, sehr aufmerksam und interessiert … denn der Bau des alten Hauses wurde damals von einem bekannten Potsdamer Künstler in Auftrag gegeben, dessen Nachfahren sie waren und der nette Zufall, nun ausgerechnet eine Künstlerin und deren Familie als Mieter bekommen zu haben, gab dem Haus eine entscheidende Facette seines ehemaligen Flairs zurück.

Mit der Wende wurde die alte im Grünen gelegene Villa, trotz ihrer Mängel, aber leider sehr bald zu einem spekulativen “Millionenobjekt” erklärt. In Folge dessen wurde unsere Anwesenheit im Hause B. zunehmend als lästig empfunden, was man uns deutlich zu spüren gab. Die verschiedensten Leute kamen und gingen und sie wollten sich natürlich auch in unseren Räumen umsehen. Wenn ich heute zurückschaue kann ich darüber, wie sich dieser Umstand für uns im Einzelnen gestaltete, sogar lachen, aber damals blieb es uns im Halse stecken.

Indizien sprachen dafür, dass sogar in unserer Abwesenheit (z. Bsp. während des Urlaubs) “Führungen” stattgefunden hatten. Diese waren unter anderem auch der Neugierde der beiden Vermieterinnen geschuldet, die sich mithilfe des Zweitschlüssels und unter dem Vorwand, den Schornsteinfeger auf das Dach begleiten zu müssen, in unserer Privatsphäre “ab und an umschauen” und dort nach dem “Rechten” sehen wollten. Um den Verdacht zu prüfen präparierte ich unseren Eingangsbereich mit einem meiner langen Haare und klebte es, wenn wir die Wohnung für längere Zeit verließen, zwischen Rahmen und Tür. Ich dokumentierte den Sachverhalt sicherheitshalber mit der Kamera. Es waren dann nicht nur zerrissene Haare, die verärgerten, sondern auch der Umstand, bei der Rückkehr des Öfteren von einem blumigen Parfümduft empfangen zu werden, der nicht meiner – mir aber wohlbekannt war!

Schließlich ließen wir das Türschloss auswechseln und gaben den Zweitschlüssel unserem freundlichen Nachbarn in Obhut. Die Entrüstung über den Vertrauensverlust war groß und wir fühlten uns deshalb auch nur bestätigt darin, recht getan zu haben, indem wir die „Frechheit“ privat bleiben zu wollen, durchsetzten.

Angesichts merkwürdiger Formulierungen im Mietvertrag hätten wir uns vieles vorab denken können. In Anbetracht der Tatsache wohnraumtechnisch gesehen, überhaupt untergekommen zu sein, ließen wir aber von Beginn an zu viel Nachsehen durchblicken und blieben selbst in Situationen beherrscht, wo andere an unserer Stelle, bereits am Ausflippen gewesen wären. Das war völlig falsch verstandene Liebesmüh! Mit Humor versuchte ich stattdessen die sich aufbauenden Spannungen zu entschärfen, aber sie besaßen keinen. Mein Problem war, dass ich mich tagsüber (freischaffend und allein) zu Hause aufhielt und in meiner Eigenschaft als Künstlerin, das beste Angriffsziel für die Übergriffe der beiden Damen abgab. Ich konnte von Glück sagen, dass wenigstens klein Carsten im Kindergarten gut aufgehoben war und “sans souci” spielend, dort seine Vormittage unter Gleichaltrigen verbrachte.

Alle zwei Wochen stand die Treppenreinigung an. Natürlich wurde ich auch hier genauestens kontrolliert und nie war ich gründlich genug! Dabei strotzte das Haus an sich – von seinem ganzen Erscheinungsbilde her – nicht gerade vor Ordentlichkeit, aber irgendetwas, manchmal ein Krümel nur, war immer. Ich fand dann entsprechende, belehrende Zettelchen im Briefkasten vor, die mit “Hausbesitzer” unterschrieben waren. Ein anderes Mal war das Kind zu laut, mal störte der Kinderwagen, mal schien es, war unser Besuch das Problem. Unsere “Vergehen” zu bemängeln diente allein der Demonstration ihrer Macht, die sie mit reichlicher Willkür betrieben. Ich behielt meinen humorvollen Blick und legte meinerseits Zettel in den Postkasten der Damen zurück, die ich mit “Hirnbesitzer” unterzeichnete. Mir war aufgrund der ewigen Nörgelei um – Nichts – jeglicher Respekt abhandengekommen.

Lärmschutz war zu der Zeit, als die Villa erbaut worden war, noch kein Thema – nicht so, wie heute! Wenn unten etwas lauter gesprochen oder gar “gesungen” wurde hörten wir das, aufgrund der strohgefüllten Deckenkonstruktion. Geräusche und Lüfte wanderten wie selbstverständlich im Hause – der Thermik gehorchend – umher und so stiegen sämtliche Kochgerüche von unten zu uns auf und umgekehrt, nervten die Lebens- und Dielengeräusche von oben, die beiden Frauen in den unteren Etagen.

Abhörsystem, Maren Simon, Federzeichnung, 1990

Meinen Briefen, die ich in meiner Verzweiflung vielen lieben Menschen schrieb, fügte ich kleine, witzige Zeichnungen hinzu, die mir immer wieder zum Thema “Hauseigentümer kontra Mieter” eingefallen sind und habe auf diese Weise sämtliche Gemeinheiten verarbeitet. Es gab einige Leute in unserem Umfeld, die voller Vorfreude nur darauf warteten, dass bei uns die “Luft wieder brannte” und ich einen Grund hatte, entsprechende Briefe mit spaßigem Inhalt zu versenden.

Denn eine Gemeinheit jagte die nächste …

Auch in Babelsberg wurde das kleine Einfamilienhaus, indem Mutter und Vater bis dato gelebt hatten und in dem ich aufgewachsen bin, über Nacht zu einem “Millionenobjekt” deklariert und genau wie wir in der italienischen Villa, wohnten auch sie nur zur Miete darin. Meine Eltern fühlten sich an ihre Zeit von Flucht und Vertreibung erinnert und ein zweites Mal ihrer Würde beraubt. Sie empfanden als „Wendeverlierer“ Scham, gleichzeitig aber auch so etwas wie Stolz. Beide waren beruflich noch immer aktiv und mein Vater wurde von der Dorfschule in Drewitz zur damaligen Pädagogischen Hochschule in Potsdam berufen, doch seine Abteilung, die, in diesem Zusammenhang sei es erwähnt, sinniger Weise “Bereich Kultur” hieß, hielt sich nicht und wurde “abgewickelt” – was für ein schlechtes Omen!

Überhaupt war es so, dass andauernd irgendetwas abgewickelt werden musste nur, um dann anschließend wieder neu erfunden zu werden!  

Meine Mutter – Abschied von Babelsberg 1994/95

Als uns der Vater starb, war ich gerade einmal 30 Jahre alt. In der Doppelrolle, einerseits die älteste Tochter meiner Mutter und andererseits junge Mutter meines kleinen Sohnes zu sein, blieb mir wenig Raum für die eigene Trauer. Wenn ich in der Nacht dem Druck nachgab, liefen mir die Tränen. “Schöne Aussicht”, “Das Millionenobjekt”, “Entmietet”, “Das verlorene Paradies” oder ,,Abschied von Babelsberg” hießen meine Bilder, die damals entstanden sind. Freunde von uns erwarben einige und bekundeten auf diese Weise ihre Solidarität. Leider behauptete sich die Malerei des Ostens lange Zeit nur sehr schwer oder gar nicht. In Potsdams Kulturszene kam zwar Bewegung, jedoch mit einer Tendenz, die dem Westen huldigte und den Osten anfangs lediglich duldete – nicht aber, respektierte.

Gefühlt war alles “Realistische” totgeweiht, nur das ,,Abstrakte” durfte leben und wurde hofiert.

Ich sollte mich von der indirekten, nie ausgesprochenen Ablehnung, welche mein Selbstbewusstsein auf eine harte Probe stellte, nie wieder so richtig erholen. Ich freundete mich stattdessen mit dem gewonnenen Eindruck, einfach nicht über die richtigen Argumente zu verfügen an und richtete mich zunehmend einzelgängernd darin ein. Ich befand mich mit einem Hochschulabschluss so kurz vor dem Fall der Mauer und der Tatsache, ein Kleinkind in meiner Obhut zu haben, genau an der Schnittstelle zwischen den Welten, was die Aussicht auf eine Chance zur Etablierung meiner Fähigkeiten, erheblich verringerte. Bereits in der DDR erfolgreich aufgetretene Kollegen, die auf ihre alten Freundschaften und auf ihre Bekanntheit in der Kulturszene bauen konnten, hatten es da wesentlich leichter, wieder festeren Boden unter ihre Füße zu bekommen.

Mit meiner Leipziger Ausbildung war ich den Potsdamern zu allem Überfluss ein Dorn im Auge. Ich empfand mich als Einheimische wie ein “Fremdkörper” in den eigenen Reihen. So am Rande stehend nahm ich Kassandragleich sämtliche Strömungen und auch die Tendenz wahr, dass die Gesellschaft sich in kleine, sich ablehnende Gruppen aufzuspalten begann, die sich gegenseitig anfeindeten. Wollte einer eine Sache gezielt voranbringen, musste er immer mit einem Gegenentwurf rechnen. So kam es, dass auch ich einige Male auf diese Weise meine Stimme innerhalb eines Projekts verlor und ausgehebelt wurde. Diskussion und Streit – an sich etwas Positives – sind dann mitunter lediglich als Alibi benutzt worden, sich in der eigenen Sache Gehör zu verschaffen, nur, um die entsprechend gewünschte Aufmerksamkeit dann auf sich selbst lenken zu können. Diese, von mir als unaufrichtig empfundene Profilierung auf Kosten anderer, trug meiner Ansicht nach zur Abwertung jeglicher Art von “Kultur” bei. Dass „eine Hand die andere wusch“, das lief auch in der alten DDR nicht anders als im danach folgenden Westsystem, nur richtete sich in der DDR nicht alles nur allein nach dem Gelde aus. Dafür war allerdings eine korrekte politische Gesinnung, die sich der Parteiführung anzudienen hatte, Pflicht, wenn man in dem Staat DDR weiter kommen wollte.

Das neue Motto, das der staatlich verordneten Politik folgen sollte, hieß “der Stärkere gewinnt”. Wer zu schwach wirkte, weil er zu leise auftrat und deshalb nicht voran kam, war selbst schuld! Und so bekam auch ich damals zu hören, dass ich „mein Licht selbst unter den Scheffel stellen” würde, was ich als eine einzige Frechheit empfand! Denn, das lernten wir schnell – der “Stärkere” ist nicht immer auch der Genialste und der Lauteste nicht immer auch derjenige, mit den besten Argumenten!

“Potsdamer Parkduell”, Maren Simon, Mischtechnik, 2005

Diese leidigen Erfahrungen prägten allerdings meine Arbeitsweise derart, dass ich heute noch immer versuche, mich alleine “durchzuwurschteln” und danach trachte, Abhängigkeit zu vermeiden. Vertrauen zu entwickeln habe ich in meiner, von “Brüchen” belasteten „Sozialisierungsphase” nach Beendigung meiner Studienzeit, einfach nie gelernt! Dafür lernte ich, dass ich nur allein für mein Seelenheil sorgen und mich nicht auf andere dabei verlassen darf. Ich versuchte es natürlich trotzdem, scheiterte aber regelmäßig, weil ich immer autark darauf bedacht gewesen bin, mich nie in Gänze unterordnen zu lassen. Meine Freiheitsliebe wurde mir dann zum Nachteil gereicht, was verständlich und auch irgendwie nachvollziehbar ist.

Die Beschaffung von Sach- und Geldmitteln für “Projekte” aller Couleur wurde wichtiger als die “Kunst”, für die man sie brauchte. Der Beruf des „Künstlers“ bekam auch dadurch eine gewisse Beliebigkeit angehängt, die ihn zum „Allrounder“ abwertete. Kunst strahlte jetzt vermehrt „Leichtigkeit“ und „Schönheit“ aus. Eine Kombination, welche eher die „Oberfläche“ bediente und Tiefe eher vermissen ließ – für mich ein Unding. Aus dieser Entwicklung heraus resultierende Spannungen sollten auf meiner dünnen Haut dauerhafte Spuren hinterlassen.

Im Durcheinander der Wendezeit hatte jedoch wenigstens mein Mann eine glückliche Begegnung! Er traf auf jemanden mit dem es möglich war, sich in Gegenseitigkeit anzunehmen, trotz aller Unterschiede und ohne hierbei die üblichen Vorbehalte zu bedienen. So kam er in diesen wirren Zeiten zu einem Angebot, das er nicht ablehnen konnte, weil es uns ermöglichte unsere mangelhafte Wohnsituation endgültig zu beheben. Ich erinnere mich noch genau daran, wie lange wir trotzdem hin und her überlegten und dabei das Wort “Moral” wendeten und drehten – nächtelang – nur wenige Menschen wussten davon.

Etliche, gut ausgebildete Fachkräfte verließen ja während dieser Zeit die Region Brandenburg in Richtung Westen, weil sich die Bezahlung dort einfach viel besser gestaltete als hier und man in den alten Bundesländern mehr Möglichkeiten zur Entfaltung angeboten bekam. Mit der Öffnung der Glienicker Brücke wurde auch für uns Potsdamer die Nähe zum westlichen Teil Berlins in einer Weise Realität, die uns die damalige Entscheidung erleichtern half. Wir durften innerhalb der alten Grenzen bleiben und bekamen dennoch Zugang zu allem Neuen, das direkt vor der Haustüre auf uns wartete.

Junge Leute aus der ehemaligen DDR, das war allgemein bekannt, verfügten über eine solide Ausbildung und mein Mann erfüllte genau die geforderten Ansprüche! Er hatte an der TU in Dresden erfolgreich Maschinenbau studiert, war streitbar und selbstbewusst, ein zielstrebiger junger Mann, der sogar verstand, seine damaligen Professoren von seinen Ansichten zu überzeugen. Allein dieser, seiner neuen Tätigkeit im Westteil Berlins, verdankten wir letztendlich, völlig auf uns allein gestellt, in Folge gut über die Runden gekommen zu sein. Und dieser Aspekt rief leider diverse Neider auf den Plan, denn es schien uns nach all den traurigen Vorkommnissen, von denen kaum einer wusste, jetzt einfach viel zu gut zu gehen!

Ihre Verachtung gipfelte in einer Ansprache, in der das Wort “Arsch” – in den man uns angeblich am laufenden Bande “kröche”, mehrmals vorkam. Aus den negativen Gefühlen, in deren Zentrum wir jungen Leute uns befanden, machten unsere Vermieterinnen auch keinen Hehl. Unser Dasein begann sich innerhalb des Hauses immer ungemütlicher zu gestalten und die Lage spitzte sich zu. Ich hielt es kaum noch aus, wollte nur noch weg.

Millionenobjekt am Neuen Garten

Sie besaßen dieses “Millionending” und fühlten sich anscheinend trotzdem desolat. “Jammerossis” gab es tatsächlich! Heute kann ich mit dem nötigen Abstand sagen, dass es sich dabei sehr oft ausgerechnet um solche Mitmenschen handelte, denen es besser ging, als all den anderen “Ossis” und die eigentlich nicht nötig gehabt hätten, sich selbst zu bemitleiden. Diese Menschen wollten, nachdem sie sämtliche Vorteile mitgenommen und für sich gesorgt hatten, dann auch recht schnell die trennende Mauer wieder haben. Wem es wirklich schlecht erging, der klagte nicht, denn diesen Leuten hatte es in den meisten Fällen die Sprache verschlagen! Man machte halt das Beste aus der neuen Situation und hegte im Stillen die Hoffnung, es würde schon irgendwie werden.

Bei uns stand inzwischen eine Mieterhöhung an und wir sollten für ein “Bad” zusätzlich zahlen ohne ein Bad bekommen zu haben. Unfassbar! Natürlich weigerten wir uns diese kuriose Form der Mieterhöhung anzuerkennen, hatten wir die Dusche in der Küche doch selbst dort platziert! Pünktlich zum Herbst wurde einer unserer Kachelöfen vom zuständigen Schornsteinfegermeister wegen bestehender Erstickungsgefahr gesperrt und so gab es dann statt einer Erhöhung, sogar Mietminderung.

Unsere Auseinandersetzung begann allen Beteiligten gleichermaßen auf die Nerven zu gehen.

Deshalb führte eine sogenannte „Hausverwaltung” die Geschäfte im Interesse der Vermieterinnen weiter und unsere Mietminderung hatte zur Folge, dass wir eine fristlose Kündigung zugestellt bekamen, binnen derer wir innerhalb von 14 Tagen, aus der Villa ausgezogen sein sollten. Der Schikane zu entrinnen war unmöglich. Kampflos aufzugeben kam aber auch nicht in Frage. Ich erinnere mich noch genau, wie ich kreidebleich stand und ihm, der mir da mit dem unfreundlichen Brief in der Hand an der Schwelle zur Tür gegenüber stand, sichtlich Leid tat. Anfangs hofften wir noch auf eine gütliche Einigung, die erniedrigende Juristensprache belehrte uns aber eines Besseren. Wir sahen uns mit Lügen und bewusst falsch formulierten “Tatsachen” konfrontiert und wir brauchten entsprechend fachlich ausgebildete Unterstützung. So lernten wir sehr schnell, wie die neue Gesellschaftsordnung tickte und versuchten, es sportlich zu nehmen. Denn um das Einzelschicksal von Personen, beziehungsweise, um das Menschliche an sich, ging es ja schon lange nicht mehr … dem schnöden Sachverhalt (in Verbindung mit Geld) galt das alleinige Interesse. 

Nachdem der Gerichtsvollzieher uns besuchte, sahen wir uns deshalb auch gezwungen, einen Anwalt zu bemühen. Mit seiner Hilfe verhinderten wir das Schlimmste; nämlich mit Kind und Hab und Gut auf die Straße gesetzt zu werden. Solche Erfahrungen wünsche ich keinem! Ich war nur noch ein Strich in der Landschaft und alles in mir sehnte sich danach, diesen unerquicklichen Ort endlich verlassen zu dürfen. Sechs Jahre unseres Lebens sahen wir uns der Willkür dieser beiden, ganz offensichtlich vom Leben enttäuschten Frauen, ausgesetzt. Über die „üblen“ Auswirkungen des “absterbenden Kapitalismus” wussten wir alle, dank des „Staatsbürgerkundeunterrichts“ in unseren Schulen, Bescheid! Dass sich aber der einst solcherart sozialistisch geprägte, ,,fortschrittlichere” Mensch derart schnell zum “Wolf im Schafspelz” wandeln sollte, das war eine völlig neue Erfahrung für uns – solcherart umgekrempelte „schwarze Schafe“ waren gefräßiger, als die echten „Wölfe“ aus den alten Bundesländern es waren, über die in Foren an „runden Tischen“ gemeckert wurde.

So bereiteten wir schließlich Anfang’ 93 schweren Herzens unseren Weggang aus Potsdam vor und zurrten unter anderem auch die große und sperrige Rolle unseres Wohnzimmerteppichs auf dem Dach des Kombis fest. Unsere Villenbesitzer spürten wohl, dass da etwas nicht stimmen konnte und wir sahen, wie sie unser Treiben mit einiger Bestürzung in den Augen, beobachteten. Als die Kündigung pünktlich 14 Tage vor unserem Auszug per Einschreiben eintraf, vernahm ich dann auch einen entsetzten Schrei der Alten derer von Basedow aus der Kellerküche ihres Millionenobjekts.

Die Botschaft demnächst ohne Mieter (und finanzielle Einnahmen) zu sein, war angekommen!

Schlüsselübergabe

Derartig Erniedrigendes wollten wir nie wieder erleben, weshalb wir ein neues Mietverhältnis nicht in Betracht zogen. Wir mobilisierten stattdessen all unsere Kräfte und bauten uns ein kleines, aber eigenes Haus. Bei dem leisesten Verdacht, womöglich nur wieder für die Interessen anderer benutzt zu werden, zogen wir die entsprechenden Konsequenzen. Jetzt, da ich an diesem Text schreibe, muss ich sagen, dass sich Menschen auch im Ostteil der Bundesrepublik seit der Wendezeit immer schwerer im Umgang miteinander anstellen. Sie interessieren sich jetzt genauso wenig für ihr Gegenüber und reden nicht mehr miteinander, wie die einst von ihnen verteufelten “Wessis” es zu tun pflegen. Anscheinend sind auch wir “Ossis” endlich im wilden Westen angekommen! Allgemein versagt man sich gern jeden Respekt untereinander und gibt sich arrogant nur, um nicht auf die Argumente des anderen eingehen, oder sie gar akzeptieren zu müssen! Jeder, der etwas auf sich hält, möchte jetzt auch im Osten gern ein Alphatier sein und jeder will deshalb natürlich auch nicht hinten, sondern ganz vorn – neben dem Busfahrer sitzen!

Der gefühlte Unterton hierbei lautet, nur wer “schwach“ ist, der gibt auch Klein bei.

Die Umstände unserer Wohnraumsuche und der frühe Tod meines Vaters, einhergehend mit dem Verlust des Elternhauses mitsamt unseren eigenen gemachten, schlimmen Erfahrungen als Mieter, das wirkte in seiner Komplexität unglaublich erdrückend. Proportional dazu leuchtete unser junges, wiedergefundenes Glück ein gesundes Kind zu haben und Potsdam in guter Verfassung verlassen zu können, dann aber umso heller nach außen hin auf, je mehr Landluft wir atmeten. Endlich konnten wir uns entfalten und auch klein Carsten war glücklich, endlich durfte er toben – am liebsten tat er es im nahen Wald und auf den umliegenden Wiesen, auch in unserem kleinen Garten und er wünschte sich sehnlichst ein Tier, damit er einen Spielgefährten haben würde. Es sollten im Laufe der Jahre mehrere werden …

Pünktlich zur Einschulung hoppelte dann als erster Gast ein Zwergkaninchen in unsere Familie. Wie lustig, aber auch wie wehrhaft diese Tierchen sein können! In der alten Villa wäre es unserem Sohn nie möglich gewesen, solche amüsanten (und auch weniger amüsanten) Erfahrungen fürs zukünftige Leben sammeln zu können, wie diese, mit seinem kleinen, frechen Herrmännchen! Und so wurde das – im Allgemeinen als possierlich und niedlich unterschätzte, freiheitsliebende Karnickel, das, solange es lebte eine ziemlich witzige und selbstbewusste “Persönlichkeit” darstellte, zum Symbol für die neu gewonnene Freiheit unserer kleinen Familie.

Damit unsere Geschichte auch später für andere nachvollziehbar bleibt, klemmten wir alle Vorgänge zu unserer ungeliebten Potsdamer Vergangenheit sorgsam zwischen zwei Aktendeckel und stellten den Ordner ins Regal – andere Ordner mit unschönen „Vorgängen“ gesellten sich später leider hinzu, denn die „Vernunft“ war nach der Wende, genau wie die „Regentrude“, wohl eingeschlafen … was einen allgemeinen “Klimawandel mit Dürreperioden” zur Folge haben sollte. 

Fazit: Im “Käfig” festgehalten zu werden, verbiegt den Charakter! Wer sich gezwungen sieht, stets nach den Vorgaben und Regeln anderer leben zu müssen, findet keinen Weg zu sich selbst und wird früher oder später ruppig. Wer dagegen einzig und allein tun und lassen kann, wie und was er will, bleibt unterfordert und wird unzufrieden sein und wird nie wissen, was ihm zum Glücklichsein fehlt.

Im neuen Zuhause

Zu einer “runden” Persönlichkeit heranreifen wird nur derjenige, der, was auch passiert, seine Stacheln behält.

Maren Simon, 31. März 2019

2. April 2019

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Alles Gute zu meines Vaters Geburtstag am 14. Februar. Ein Nachruf.

Mein Vater verstarb vor 27 Jahren binnen eines halben Jahres. Sein Ausfall als Familienoberhaupt riss eine große Lücke in unsere Familie. Ich bewahre sein Bild in meinem Innersten, er begleitet mich und mein Tun, denn mein Vater war zu seinen Lebzeiten gleichsam auf einer Wellenlänge mit mir, manchmal spreche ich mit ihm, wenn ich auf dem Friedhof bin.

Rudolf Gustav Sauer wurde 1934 in Hamburg geboren und seine Familie gelangte während der Kriegswirren nach Potsdam. Er studierte in Berlin das Fach Kunsterziehung, arbeitete als junger, diplomierter Lehrer an verschiedenen Schuleinrichtungen und war zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dort im Bereich Kultur, tätig.

Ich habe meinem Vater vor allem zu verdanken, in mir die Liebe zur Kunst geweckt und diese immer auch unterstützt zu haben. Dank ihm bin ich bildende Künstlerin geworden. Sowohl meinem Vater, als auch dessen kunstinteressiertem Vater, meinem Großvater Gustav Sauer, war es nicht möglich, das künstlerische Potential, welches sie in sich trugen, weiter auszubauen. Mein Großvater blieb bis ins hohe Alter ein Hobbymaler, sein Sohn – mein Vater Rudi, wandelte eher auf kunsttheoretischen und kuratorischen Pfaden.

Dies tat er aber außerordentlich gewandt, denn das Wissen, welches er in sich trug, war äußerst breit gefächert und er erweiterte es ständig. Zusammen mit seiner erstgeborenen Tochter, also immer mit mir an der Hand, besuchte er die verschiedensten Ausstellungen von abstrakter und realistischer Kunst in Museen und Galerien und er liebte sakrale Bauten, auch dorthin nahm er seine Familie mit. Wie ein Schwamm saugte ich diese, alles Künstlerische begünstigende, früh-förderliche Atmosphäre in mich hinein und lernte spielend leicht Kunstwerke als solche zu erkennen und zu werten. Und so wusste ich schon damals, als kleines Mädchen, welches Bild ich liebte und welches eher nicht, und vor allem konnte ich auch erklären, warum.

„Maren liebt alle Tiere, besonders alle Hunde“… darum hatte ich meinen Lieblingshund portraitiert!

Vaters Arbeitsraum befand sich neben dem Keller unterm Haus. Dieser Raum verfügte über ein großes Fenster, welches sich auf einer Ebene mit dem Garten befand. Vaters Bücherregal dort war – neben dem Garten mit einem Loch im Zaun hinaus ins Freie – mein bester Freund in Kindertagen. Er selbst saß zu gern in diesem unteren Teil des kleinen Hauses, um dort ungestört lesen zu können. Er wusste, dass ich in seiner Abwesenheit seine Lesestube ebenfalls besuchte, denn ich stöberte gern und oft in den Regalen mit den dicken Kunstbänden. Wenn ich ein Buch nicht ordnungsgemäß zurückstellte, oder ein „Eselsohr“ hinterließ, bekam ich Ärger. Später saß auch mein Mann sehr oft mit ihm in diesem Kellerraum, da waren dann beide Männer ungestört unter sich, tranken manchmal ein Gläschen, rauchten und unterhielten sich dabei über Gott und die Welt. Jörn erinnert sich sehr gern an diese Momente.

Rudolf Sauer war die geborene „Lehrerpersönlichkeit“, war durch und durch Erzieher und ein souveräner „Persönlichkeiten-Entwickler“, auch zu Hause. Ich liebte, achtete und respektierte ihn und stand ihm immer sehr nah. Es war für uns Kinder besonders schön, wenn er neben der notwendigen Strenge auch ab und an seinem Humor freien Lauf ließ und alberne Späße mit uns und manchmal auch mit unseren Freunden machte. Einfallsreich und lustig konnte er sein, war oft auf unserer Seite, genau wie sein Vater es immer gewesen ist. Noch Jahre später nach Großvaters Tod fanden wir Schokolade aus Hamburg in Verstecken, die der Opa heimlich für uns angelegt hatte. Als Großvater Gustav starb, war ich fünf Jahre alt und ich erinnere mich noch sehr genau daran, genauso, wie an den Tod meiner Oma Emma, Mutters Mutter. Sie trug ihre langen Haare zu einem Dutt geflochten und benötigte, genau wie ich, nie einen Friseur. Diese beiden Alten waren mir sehr warmherzige, liebe Menschen, denn sie hatten das Wohl ihrer Familien, trotz aller erlittenen Strapazen in ihren Leben, nie aus den Augen verloren. Derart gut aufgehoben und angenommen, wie in meiner Kleinkindphase sollte ich mich nie wieder fühlen.

Als dann 1992 mit nur 58 Jahren mein Vater starb, brach für mich jener letzte Teil in der Familie weg, der die besondere Sprache mich der Welt mitzuteilen, verstand.

Im Frühling 1962 und danach notierte meine Mutter anfangs meine Fortschritte in einem DIN A5 Schulheftchen. Sie hatte wohl manchmal ein schlechtes Gewissen, weil mich meine Eltern wegen ihrer Arbeit in ihren Schulen vormittags des Öfteren allein lassen mussten. Die Beiden schrieben sich Notizen zu Fütterung und Verdauung auf Zettel – lauter Angaben, die der jeweils Übernehmende des Kindes brauchte. Meine Mutter hatte einige dieser Notizen all die Jahre für mich aufgehoben und gab sie mir später. Ich hatte den Umschlag mit der Loseblattsammlung dann fast vergessen, fand ihn jetzt wieder und bin ihr heute sehr dankbar dafür. In einer metallenen Kiste bewahre ich die mitunter recht lustigen, aber oft in Eile rasch hingeschriebenen Zeilen aus der frühen Zeit meiner Kindheit auf.

Sie schrieb liebevoll von jedem neuen Zähnchen, welches „ihr Mäusele“ bekam und hielt auf einer kleinen Zeichnung fest, wo und wie sie es taten. Ich lese all das mit Erstaunen. Ein kleiner abgerissener Streifen karierten Papiers gibt 1967 aber auch Auskunft über ihren Ärger, den sie offensichtlich empfand, weil Vater und Tochter damals schon „gemeinsame Sache“ machten: „Dass du und der Vati immer böse seid, das lasse ich mir auch nicht gefallen“, schrieb sie, da war ich fünf, und sicher war ihre Bemerkung einfach nur lustig gemeint, denn ich konnte ja noch nicht lesen. Ich brachte ihr zur Wiedergutmachung Blümchen aus dem Garten, wobei sie erfreut festhielt, wie gleichmäßig lang alle Stängelchen dieses kleinen Sträußchens von mir gepflückt worden waren.

„Pappili und sein Püppili“ machten indes offensichtlich das Beste aus allen, mitunter auch noch so vertrackten Situationen. Auf einem Stück Papier entschuldigt er sich für das „Schlachtfeld“, das wir hinterlassen hatten, bevor er mit mir zu einem Spaziergang aufbrach. Über diese Harmonie zwischen Vater und Kind hätte sich meine Mutter auch freuen können, denn meine Eltern, sie hatten zwar ein Kind, aber sie hatten dafür wenig Zeit (und für das zweite hatten sie dann noch weniger). Wir müssen aber lernen zu akzeptieren, dass Probleme bereits unter Umständen bestehen, wenn man noch das kleine, auf Hilfe angewiesene Kind seiner Eltern ist, obwohl sich die frühen, liebevoll verfassten Berichte beider Elternteile so interessant lesen! Und wir müssen begreifen, dass sich diese „Unpässlichkeiten“ nicht so einfach erklären und fassen lassen, weil auch die Eltern früher einmal kleine und hilflose Kinder gewesen sind und als solche waren auch sie auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen. Vielleicht hatten auch sie Defizite hinnehmen müssen.

Auch in der Familie meines Mannes gab es dem kleinen Sohn gegenüber, bereits zu der Zeit, als er noch ein Baby war, solch ein missverständliches Verhalten, denn er hätte eigentlich, nach Ansicht seines Vaters, ein Mädchen werden sollen. Als dann die ersehnte Tochter einige Jahre später kam, waren alle Chancen des kleinen Jungen auf Besserung seiner Situation, wie weggeblasen. Der erwachsene Sohn, mein Mann, ist schließlich von der Familie ausgeschlossen worden, ja man könnte auch sagen, er wurde „weggebissen“. Manch einer freut sich über einen „Stammhalter“ und klagt, wenn sein Mädchen bei einer späteren Heirat den „guten“ Namen ihrer Herkunftsfamilie abgeben muss, andere ärgern sich über eine mögliche „männliche Konkurrenz“ des heranwachsenden Sohnes, der selbst zu einem „Rudelführer“ werden muss und gar nicht anders kann.

Dabei fühlen Frauen und Männer in Familienfragen sehr verschieden und viele Faktoren beeinflussen die Reaktionen. Heute weiß ich, dass für meine liebe Mutter schon damals weniger die Fakten, als die in ihr ausgelösten, negativen Emotionen zählten. Manche damalige Kränkung muss sie regelrecht gepflegt haben. Und so bin ich dann später stellvertretend für die „Verfehlungen“ meines Vaters in die Pflicht genommen worden. Meine Mutter beurteilt in erster Linie danach, wie sich etwas für SIE anfühlt. Die Beweggründe des „Übeltäters“ hält sie sich vom Leibe. Sorgfältig abgespeichert werden alle Animositäten gut konserviert und in ihrem empfindlichen Innersten bewahrt.  

Immer wieder bekam ich deshalb zu spüren, wohl eher nach meinem Vater als nach meiner Mutter geraten zu sein. Gewisse Charaktereigenschaften und Neigungen habe ich definitiv vererbt bekommen. Dadurch wurde ich zu „Vaters Tochter“ – aber ich suchte mir das nicht aus. In diesem Umstand liegt jedoch all unser tragisches, familiäres Konfliktpotential verborgen! Mit dem Tod des Vaters begann aus diesem Grund die Familie auseinander zu fallen. Erschwerend kam hinzu, dass die Wende, einhergehend mit dem Zusammenbruch der DDR, sämtliche Lebensläufe durcheinander wirbelte.  Was sich nicht in Worte fassen ließ, malte ich zu dieser Zeit auf zartestes, brüchiges Papier, so auch unser Ankommen in einer kleinen, dörflichen Gemeinde Potsdam-Mittelmarks, wo wir inmitten von Wiesen, Äckern und Obstbäumen eine neue Heimat für uns fanden.

Es sollte lange dauern, ehe die Farben wieder heller wurden. Im Zuge der verschiedenen Wohnortwechsel traten neue Menschen in unsere Leben, neue Wertvorstellungen und Ansprüche kamen hinzu und alte Erfahrungen mussten sich mit den aktuellen arrangieren. Wie jeder damit umging definierte sich über die jeweilige Haltung und diese richtete sich auch nach den Möglichkeiten, die man hatte oder nicht hatte. Ein „weites Feld“ … würde Fontane sagen.

Vieles wäre auch „familienhistorisch“ betrachtet anders verlaufen, wenn der Vater nicht derart früh als Familienoberhaupt ausgefallen wäre und wenn er heute noch unter uns Lebenden weilte. Rudolf Gustav Sauer hätte die Familie beieinander gehalten, da bin ich mir sicher – und das „schwarze Schaf“, von dem meine Mutter behauptet, ich würde mich selbst dazu machen, hätte er in Schutz genommen. Aber nun ist meines Vaters Familie Geschichte. Mit diesem Text knüpfe ich sein Leben an meines und versuche auf diese Weise, wenigstens zu seinem 85-igsten Geburtstag, ein kleines Licht für ihn zu entfachen. Die qualvollen Bemühungen, sämtliche Irrtümer auch im Namen meines Vaters zu korrigieren, stelle ich nun ein. Ich habe einsehen müssen, dass dies vergebliche Liebesmüh ist. Alles das, was einer Mehrheit dienlich ist, benötigt nämlich keine Korrektur, im Gegenteil! Die im wahrsten Sinne des Wortes „eingefrorene Liebe“ schützt jene, die genau wissen, wo das Unrecht zu Hause ist.

Manchmal fühle ich mich, als säße ich mitten im Theater, sehe den wortgewandten „Iago“ aus Shakespeares „Othello“ direkt vor mir und denke, diese weniger schönen Erfahrungen, die ich machen musste, haben aber auch ihr Gutes, denn sie wirkten sich auf mein weiteres Leben aus, wie ein Bad in „Drachenblut“ : Ich mag keine „Spielchen“, spüre Manipulationen und lasse Täuschungsmanöver abgleiten. Ich habe ein gesundes Misstrauen jeglicher Idealisierung gegenüber entwickelt. Die direkte, von gegenseitiger Achtung geprägte, offene Ansprache von Mensch zu Mensch, ohne jede Erwartungshaltung, halte ich für die einzig wahre.

Unsere kleine Göhlsdorfer Familie steht nun schon seit Jahren allein. Dafür ist in zuverlässiger Weise gesorgt worden. Doch wir haben gelernt damit umzugehen und nun ist es, wie es ist!

Immer, wenn ich zu Vater auf den Friedhof gehe, schaue ich an dem starken Stamm des Eichenbaumes hinauf, der dicht neben seinem Grab in den Himmel ragt. Als ich vor längerer Zeit einmal bei strahlendem Sonnenschein dort gewesen bin, erfreute ich mich an einem herrlichen Blau, das an jenem wunderschönen Tag, zwischen seinen filigranen Zweigen hing. Ich dachte, des Baumes Wurzeln werden in Kontakt zu meinem Vater stehen und seine Energie in die vielen Zweige leiten, was ein tröstlicher Gedanke ist. Das Grün ihrer Blätter im Frühling liest sich dann, jedes Jahr wieder, wie eine Botschaft der Hoffnung für mich. In den Tagen vor Weihnachten brachte ich ihm eine Christrose und setzte sie, gut beschützt, in einen gebundenen Kranz aus Tannenreisig. Sie blüht derzeit wunderschön. Bei einem Besuch etwas später ließ ich ihm zwei Schnittrosen da. Als ich kürzlich wieder vorbeischaute, standen sie noch immer, wie frisch aufgestellt.

Diese beiden Rosen, eine in Zartrosa steht für mich, die andere in Orangerot für meinen Mann, gestalten sich, bei aller Zartheit, verblüffend zäh und sie erscheinen mir bei diesen winterlichen Temperaturen (gut abgehärtet!) sogar viel haltbarer und blühen sogar noch besser, als sie es bei (allzu gemütlicher!) Wärme zu tun pflegen. Vielleicht sind sie am Valentinstag, zu seinem Geburtstag, dem 85-zigsten, noch immer am Blühen.

Maren Simon, in Gedanken – nicht nur bei meinem Vater, zum 14. Februar 2019

 

9. Februar 2019

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Wanderungen in der Gießerei – mein Bronzezeitalter beginnt

Patinierabteilung, Giesserei Hermann Noack

Über Silvester bekamen wir u.a. auch liebe Grüße aus Afrika mit vielen wilden Tieren im Anhang zugeschickt. Savannen und gebirgige Schluchten, sowie wunderschöne Landschaftsaufnahmen vom südlichsten Zipfel Afrikas, dem „Kap der guten Hoffnung“ und den Victoriafällen. Wer sich solch eine Reise vornimmt, der weiß genau, warum er die damit verbundenen Strapazen, auf sich nimmt. Es muss eine sehr schöne Reise gewesen sein.

Und wir? Wir tun nichts dergleichen Beeindruckendes, wir gehen in unseren Wald, oder spazieren in Friedrichs winterlich grauen Gärten und Parks herum. Ein Lächeln schleicht sich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, in mein Gesicht, denn ich bin in den letzten Tagen an einem der interessantesten Orte überhaupt gewesen! Ein jeder muss seine Prioritäten setzen und so stecke ich all meine Energie zuerst einmal in meine Kunst. Während der Reisende von seinen schönen Erinnerungen bis zum nächsten Urlaub zehrt, ist das Wort „Reisebüro“ für mich und meinen Mann zu einem Fremdwort geworden, stattdessen haben wir, aufgrund meiner gut gedeihenden Kunstproduktion, bald keinen Platz mehr zum Treten! Aber ich muss sagen, alle meine Protagonisten um mich zu haben und zu sehen, wie die „Familie“ stetig wächst, beruhigt! Auch das ist eine Form von Altersvorsorge. Wenn nicht für heute, dann sehr wahrscheinlich, für morgen.  

„Wanderungen durch die Gießerei“, so könnte ich meine Erlebnisse in Berlin Charlottenburg übertiteln und auch hier finden sich „wilde“ Tiere: „Henry“, die kleine, französische Bulldogge von Herrmann Noack zum Beispiel, oder „Biene“, die junge Dackelhündin. Beide Hündchen begrüßten mich verspielt auf der Büroetage in der Gießerei, als ich noch im letzten Jahr vor nicht allzu langer Zeit, meine Scherbenkatze abformen ließ. Inzwischen ist auch die zweite Bronze fertiggestellt.

Die Atmosphäre dieses Betriebes, der sich der Kunst verpflichtet fühlt und für Bildhauer aller Temperamente tätig wird, ist einzigartig. Erstaunt registrierte ich bei meinem ersten Besuch im alten Jahr, die vielen baumelnden Meisenknödel die sich, inmitten Berlins, auf dem Gießereigelände an vogelfreundlichen Sträuchern befanden. Amüsiert fragte ich mich, als ich bei weiteren Besuchen die Vögel an den gefüllten Futterständen sah, wer in der Gießerei wohl dafür zuständig sei, jeden Tag die „wilde“ Population der Vogelwelt dieser Stadt, hier bei Laune zu halten! Mein Auto stellte ich direkt unterhalb von „Humpti Dumpti“, dem Flugreisegerät von Jonathan Meese ab und fühlte mich wie auf Entdeckertour, ganz so wie damals, als ich mein „Tonzeitalter“ in Sachen Bildhauerei einläutete und das erste Mal in Glindow, bei meinen märkischen Wanderungen durch die Landschaft der „Glindower Alpen“ mit Staunen, auf das Ziegeleigelände traf.

Solche bodenständigen Orte, wo Menschen in Gemeinschaft mit ihren Händen etwas Erhabenes schaffen und hierbei weder Hitze, noch Staub oder Lärm fürchten, ziehen mich an. Auf dem riesigen Gießereigelände stehen einige Skulpturen, denen man unweigerlich begegnet, bevor man durch das große Tor der Gussabteilung zu den anderen Werkstätten im inneren des Gebäudekomplexes gelangt. Neugierig schaute ich in jede Nische, um herauszufinden, welcher jeweiligen Tätigkeit wohl in den unterschiedlichen Werkstätten nachgegangen wird. Bei dieser Gelegenheit verlief ich mich auch das ein- oder andere Mal und lernte dabei freundliche, offene Menschen kennen, die mir gern Auskunft darüber gaben, was sie den Tag über tun und worin ihre Aufgaben, innerhalb des weitläufigen Gießerei-Organismus, bestehen.

Der Modellbauer und Abformer zum Beispiel. Gut zu wissen, dass es jemanden für solche Fälle gibt, wenn man selbst nicht weiter weiß! Wer beispielsweise nur ein kleines Atelier hat und deshalb über wenig Platz verfügt, so wie ich, der kann mit Unterstützung von Herrn Kaul dennoch ausufernd große Bronzen entstehen lassen! Wenn mich tatsächlich jemand fragen sollte, liebe Frau Simon, dieses kleine faszinierende Tonmodell da, das ist so wunderbar, gibt es das auch in Groß? Dann kann ich sagen, klar doch! Kein Problem!

Sowohl Frau Brückner, meine, mir zugeteilte Ansprechpartnerin für alle Fragen, als auch Herr Noack der Jüngere, berieten mich tatkräftig dabei, meine erste Wahl in Sachen Patinierung zu treffen. Anhand bereits fertiggestellter Kunst, die auch an vielen Orten im Bürokomplex der Gießerei zu finden ist, konnte ich während eines kleinen gemeinsamen Rundgangs beurteilen, wie sich die endgültige Wirkung verschiedenster Patinierungen, am Ende ausnehmen würde.

Die Liste derer, die hier bereits ihre Werke gießen ließen, ist lang und besteht aus lauter klingenden Namen, wie zum Beispiel Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, Georg Kolbe und Wilhelm Lehmbruck, Anselm Kiefer, Joseph Beuys, Georg Baselitz, der seine Bronzen bemalt, weshalb ich mich mit ihm gern einmal unterhalten würde – aber ich weiß, von künstlerisch tätigen Frauen hält er nicht viel – und natürlich nicht zu vergessen, Henry Moore. Kein Wunder, denn die Gießerei Hermann Noack besteht seit 1897 bis heute – in vierter Generation. Seit 2009 gibt es den neuen, größeren und entsprechend modern ausgerichteten Standort in Berlin Charlottenburg mit einzigartiger, archaisch anmutender Werkstattgalerie.

Die Firma wird derzeit von Seniorchef Hermann Noack III und Sohn Hermann Noack IV zusammen geleitet. Herr Noack III dreht einmal in der Woche seine Runde und begrüßt dabei jeden seiner Mitarbeiter persönlich. Das ist eine verbindliche, sehr sympathische Geste, finde ich. Als ich den ersten Katerabguss in Augenschein nahm und mein tönernes Original abholte, begegnete ich ihm ein erstes Mal und stellte mich vor und erklärte begeistert meine Absicht, gern öfter kommen zu wollen. Da schlug er mir lachend und zu meiner Verblüffung sehr herzlich auf die Schulter „na, das machen se mal“… sagte er und ging wieder.    

Scherbenkatzen, bunt und braun, Maren Simon 2018

Zu Beginn des neuen Jahres ist nun auch die zweite der beiden Scherbenkatzen patiniert worden. Guss Nummer 1 ist von klassischer Natur und in Braun gehalten, bei dem anderen wurden innerhalb eines „Tierversuchs“ zusätzlich zum braunen Grundton, einzelne, auf der Bronzehaut gut sichtbare „Scherbenstückchen“, mit verschiedenen Farben versehen, wobei sich der Patineur, Alexander Seitz, in meinem Beisein für dieses Problem viel Zeit nahm. Wenn man ungewohnte Wege beschreitet ist man ja notgedrungen erst einmal allein unterwegs und muss zusehen, Mitstreiter zu gewinnen, die sich von der eigenen Idee „anstecken“ lassen. Viele Farben nebeneinander, als „Patchwork“ zu setzen, das könnte auch dazu führen, dass optisch betrachtet, die ganze Plastik „auseinanderfällt“ – um jedoch für zukünftige Projekte eine gewisse Sicherheit zu erhalten, musste ich es ausprobieren dürfen und musste direkt miterleben können, was da passiert und welche Möglichkeiten sich mir eröffnen würden.

Ich dachte, mit Acrylfarbe bemalen kann ich die Bronze immer noch …  

Weil das Experiment aber geglückt ist, habe ich Blut geleckt und hätte jetzt gern mehr! Ich freue mich sehr, denn da ist etwas völlig Eigenes aus meiner ursprünglichen Arbeit heraus erwachsen, etwas, bei dem ich zwar Urheber und Regisseur bleibe, dennoch einen gewissen Abstand habe, weil jetzt die versierten Hände vieler Menschen am Ergebnis beteiligt sind. Man sieht die eigene Arbeit plötzlich mit anderen Augen. Einzig bei der Abschlussbehandlung in der Patinierabteilung würde ich den Pinsel (und den Brenner!) zu gern selbst einmal schwingen wollen, aber es sind Feuer, Flamme und giftige Dämpfe mit im Spiel, weshalb es so einfach nicht geht, ohne genau zu wissen, was man da tut. Schon allein aus arbeitsschutztechnischen Gründen nicht. Leider.

Auch die Noack-Mitarbeiter sind allesamt Individualisten, die ihre Arbeit sehr ernst nehmen, das respektiere ich. Aber ich habe die Möglichkeit, doch wenigstens mit Bürste und Lappen eingreifen zu können und das pulverige Material herunter zu wischen, um somit gewisse Stellen – sehr subtil – wieder freizulegen. Ich stellte zu Übungszwecken das Szenario zu Hause nach und mischte mir eine acrylhaltige Farbe an, mit der ich versuchte, die Eigenschaften, der von mir favorisierten „Amerikanischen Patina“, nachzuahmen, indem ich sie „kalt“ auf die Bronze auftrug und zum Teil wieder herunterwischte, bis das Ergebnis meinen Vorstellungen entsprach. Diese „Kalt-Patina-Ersatz-Übung“ bot die Möglichkeit, mich des bronzenen Materials anzunähern und an Sicherheit zu gewinnen. Hier souveräner zu werden und mich nicht einschüchtern zu lassen von dem kühlen und gewichtigen Metall, dessen aufwendig in Form gebrachtes Endresultat, mir so viel Respekt einflößt, will ich anstreben, möchte meine Befangenheit loswerden. Aber ich merke schon, dass nach diesen ersten und vorsichtigen Schritten meinerseits, die Einfälle zu sprudeln beginnen. Ich denke bei der Arbeit mit Ton, Scherben und anderen Dingen, jetzt also vermehrt auch in „Bronze“.

Sprudelnde Einfälle – ein Zustand, der einer der schönsten meines Berufsstandes ist! Allerdings muss ich, wenn ich diesen Gestaltungsdrang nutzen und am Laufen halten und in Sachen „Bronze“ tätig bleiben will, auch entsprechende, zahlungswillige Abnehmer finden. 

Besonders herausfordernd für meinen Ein-FraumitMann-Kunstbetrieb ist, wie schon des Öfteren erwähnt, die Arbeit am Freibrandofen. Je älter wir werden, umso schwieriger wird es allerdings werden, dem kräftezehrenden Gestaltungsaufwand gewachsen zu sein. Ich arbeitete all die Jahre frei nach dem Motto „aus Kacke mach Bonbon“ und hielt den finanziellen Aufwand so gering, wie möglich. Aber, wenn ich nun die bronzene Vervielfältigung meiner Keramiken angehe, und darauf hoffe, die „Früchte“ zu ernten, die ich in all den Jahren, beinahe vollkommen „verdienstfrei“ und in selbstausbeuterischer Manier, angebaut habe, muss ich dies auch finanzieren können. Es wäre schön, wenn ein Kreislauf in Gang käme, der es mir erlaubte meiner Arbeit, nun auch innerhalb des Gießereibetriebes, entspannt nachgehen zu können.

Seit ich die Gelegenheit bekam, einem bekannten, renommierten Berliner Galeristen von meiner Arbeit berichten zu dürfen, ist aber erfreuliche Bewegung in mein Leben gekommen.

Bislang fühlte ich mich ähnlich unverstanden, wie der Igel, der seinen Garten verließ, um im naheliegenden Wald ein Teil der dortigen Gemeinschaft zu werden. Er wäre aber lediglich geduldet worden, wenn er sich seines stacheligen Mantels entledigt und sich angepasst hätte und fühlte sich deshalb nicht wirklich angenommen. „Wenn du bei uns bleiben willst, werde so wie wir“, verkündete ausgerechnet das Stachelschwein, Anführer dieses Waldes. Nachdem sich beide – schon wegen ihrer Stacheln so Ähnlichen – einander gegenüber standen, um ihren Disput auszudiskutieren und hierbei der Igel, sich zu einer stacheligen Kugel formend, gewann, wendete sich das Blatt. „Soso ein Igel!“ … sagte der Anführer des Waldes und seine Gefolgschaft wurde plötzlich ganz freundlich – jetzt sollte er bleiben und sogar alle seine Stacheln behalten dürfen! Was ihm irgendwie suspekt vorkam und er dachte daran, diese launige Gesellschaft einfach nur noch verlassen zu wollen, seines Stolzes wegen. Ihn hatte er sich, trotz der Demütigungen im Stachelschweinwald, nämlich bewahrt.

Von vielen, solcherlei Enttäuschungen zermürbt und zunehmend misstrauischer werdend und kaum noch in der Lage, sich auf andere, fremde Menschen einzulassen, muss derjenige, der Vorwürfe erhält „stachelig“ zu sein, umgehen können. Er muss dann bereit sein, das Glück für sich in einem etwas entfernter liegenden „Wald“ zu suchen und zu finden!

Für mich bedeutet das, nicht in Berlins Mitte, wo ich annahm, eigentlich am ehesten hinzugehören, bin ich richtig, sondern stattdessen, anscheinend im westlichen Teil Berlins, in Charlottenburg! Am letzten Tag meines Aufenthalts in der Gießerei, traf ich ein zweites Mal auf Herrn Noack Senior, der wieder seinen wöchentlichen Rundgang abhielt und mit Cora Kühn, die zur Zeit in der Gießerei ein Praktikum absolviert, auf dem Gang beisammen stand. Ich wollte mich vor allem von ihr verabschieden, denn Cora war so freundlich gewesen, in der Mittagspause ihr Tomate-Mozzarella-Brot mit mir zu teilen. Eine scherzhafte Bemerkung meinerseits führte wiederholt dazu, dass Herr Noack III mir gut gelaunt und lachend, beherzt auf die rechte Schulter klopfte, so, dass ich gegenhalten musste, um nicht ins Schwanken zu geraten. Ich glaube nun zu wissen, dass sich ein „Ritterschlag“ in etwa genau so anfühlen muss!

Offenbar bin ich endlich angekommen. Dort, wo ich immer schon sein wollte.

Maren Simon, am 20. Januar, mit Optimismus!!! für das junge Jahr 2019

Das Buch für Kinder ist übertragbar auf sämtliche Lebenslagen in Büro, Familie und Kulturalltag:

„Vom Igel, der keiner mehr sein sollte“, Text von Isolde Stark und Illustrationen von Petra Wiegandt, erschienen im BELTZ Kinderbuchverlag, ISBN: 978-3-407-77120-9

20. Januar 2019

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Die letzten Tage des Jahres – Weihnachten orientalisch

Mein kleiner Edeka-Weihnachtsstern vom letzten Jahr bekam doch tatsächlich pünktlich und der kalten Jahreszeit entsprechend, ein erstes rotes Blatt. Kaum war das kleine Blatt da, saß auch schon wieder ein Feuerkäfer darauf, so, als würde er das Rot zu seinem Glück brauchen. Nach und nach kamen mehrere kleine rote Blätter dazu. Eigentlich schaffen das nur Gärtnereien mit optimal, an den exotischen Lebenswandel der Familie von Euphorbia pulcherrima angepassten, Bedingungen. Dort wachsen dann diese Schönheiten, allesamt Wolfsmilchgewächse, die für meinen kleinen Freund so interessant sind, bei entsprechend auf sie abgestimmten Lichtverhältnissen.

Je größer und umso mehr der roten Blätter des Weihnachtssterns, umso aufdringlicher die Werbung in den Medien, die uns – wie jedes Jahr wieder – neben der Beschenkung und Bewirtung zum Feste,  vor allem „Nächstenliebe“ und „Familie“ möglichst schon ab Oktober in Dauertonendlosschleife als die großen herzigen Hauptthemen der letzten Tage des Jahres, schmackhaft machen sollen. In den weihnachtlich geprägten Familienfilmen gibt es meist nach allerlei durchstandenen Turbulenzen ein „Happy End“, im realen Leben kann man sich darauf jedoch nicht verlassen.

Wir mussten auf dem Wege der Liebe unseren Lebensmittelpunkt verlassen und erst einmal etliche Kilometer mit dem Auto fahren, um in der Studentenbude unseres Sohnes, einen Tag vor dem eigentlichen Feste, in seiner „Herberge“ in Jena, wärmstens aufgenommen zu werden. Alle anderen Bewohner waren ausgeflogen und bei ihren jeweiligen Familien zu Hause und wir hatten also die „sturmfreie“ Bude aus diesem Grund, für uns allein.

Sonst nahm ja immer der Sohn die Fahrerei auf sich, doch in diesem Jahr ergab es sich, dass wir den Besuch bei Freunden mit dem christlichen Fest und einer kleinen ersten Weinverkostung (siehe Blog vom Oktober) verbanden. Das Fest der Liebe bedeutet ja nicht nur allein Geborgenheit im Kreise der „Familie“ zu erfahren, auch Freunde haben hier selbstverständlich ihren Platz. Und dies besonders dann, wenn, wie in unserem Fall, leider die familiäre Pein eher zu Traurigkeit Anlass gibt, anstatt zur Freude.

Es gab an jenem ersten Abend bei unserem Sohn ein feines Essen ganz ohne Fleisch, dafür mit allerlei unterschiedlichem Gemüse und Nudeln dazu. Wie bei den meisten jungen Menschen heute üblich, favorisiert er die neue Essenskultur. Unter einem kleinen, liebevoll geschmückten Bäumchen saßen wir später in seiner geräumigen Küche der WG auf dem dicken Ledersofa zu Dritt, unter der großen Weltkarte an der Wand und sahen uns den TATORT auf seinem PC an. Wir schliefen alle gemeinsam in seinem Zimmer unterm schrägen Dach, was mich an meine eigene Studentenzeit erinnerte, damals, als meine Eltern uns in meiner Studentenbude besuchten.

Sie mussten, aneinander gedrängt wie zwei Grillwürstchen, auf meiner betagten „Wanzenburg“ pennen, einem Utensil, dass ich von der Vorbewohnerin übernommen hatte und welches sich dadurch auszeichnete, sich in meinem damaligen, recht kleinen Zimmer, mächtig wichtig hervorzutun. Wenn man zu zweien auf der Liege lag, rollten die Körper zueinander, ob man es nun wollte oder nicht, die Vertiefung in der Mitte machte es unmöglich, sich diesem Vorgang zu entziehen. Im Winter war die Wohnung, die lediglich über einen Kachelofen verfügte, arschkalt. War ich allein und kam mit dem Kohlenschleppen kaum nach, blieb ich möglichst lange in der Schule und verkroch mich dann, spät am Abend zu Hause angekommen, sehr schnell unter meinem dicken Federbette. War ich zu zweien, eröffnete sich das ganze Potential dieser ulkigen Beschaffenheit meiner Wanzenburgliege, deren sprungfederngestaltetes Innenleben, aufgrund längerwährender und heftiger Benutzung vor meiner Zeit, mittig total ausgenuddelt worden war.

Wenn es dann allerdings in meiner kleinen, Leipziger Dachgeschossbehausung derart kalt wurde, dass die Leitungen einfroren und das Klo eine halbe Treppe tiefer gelegen, nicht mehr zu benutzen war, blieb mir nur noch – Weihnachten sei Dank – die Flucht nach Hause.

Unser Sohn hat in heutiger Zeit einen viel besseren Komfort zu bieten! Er wird fernbeheizt und verfügt über genügend Platz für mehrere Besucher gleichzeitig! Auf den zwei Etagen der großen Studentenwohnung stehen den vier Bewohnern zwei schöne Bäder zur Verfügung. Carstens Zimmer ist ausgesprochen warm und gemütlich eingerichtet. Es freut mich immer wieder, alle seine Schätze anzusehen, die das Flair dieses Raumes mit zwei gegenüberliegenden Dachschrägen, jede mit einem Fenster versehen, bestimmen.

Das Ambiente, bestehend aus (kostengünstig) von der Straße eingesammelten, alten Tischchen, darauf gestapelten Büchern, Bildern – mit und ohne Rahmen und Fotos mit humorvollen Texten dazu, diversen Steinen – allesamt liebevoll drapiert in Schachteln, Muscheln aufgereiht an Fäden und Pflanzen in Ampeln, lässt die sensible Hand seines Bewohners erkennen. Interessante Plakate an den Wänden runden das studentische, leicht chaotische Sammelsurium ab.

Überdacht wird all das von einem ungewöhnlichen Geschenk seiner Freundin Aline vom letzten Jahr: einem orientalisch anmutenden, mit Ornamenten reich versehenen Baldachin aus leichtem Stoff. Sich nach unten hin leicht wölbend, schafft er eine ganz eigene, behagliche Atmosphäre. Carstens Schreibtisch mit der Technik von heute, inmitten dieses Raumes und unter dem Baldachin, bildet den notwendigen Kontrast durch das Vorhandensein einer sachlich-klar strukturierten Fläche, die allein der Arbeit untergeordnet ist. Nur ein von Muttern gestaltetes Pflanzenbehältnis mit „Elefantenohren“ darin, darf am Rand stehen und verbindet die Schreibtischwelt mit dem Rest.

Der Blick in dieses einzigartig gestaltete Zimmer gibt Auskunft über einen sensiblen Charakter mit offenen Augen für Natürliches, Absurdes, Lustiges und auch Nachdenkliches. Keine Frage, er tritt in Alexander v. Humboldts Spuren, auch der war einst Student in Jena gewesen und wirkte später dann, ebenfalls stetig sammelnd und findend, als erfolgreicher Naturforscher weit über Europa hinaus – seine gesammelten Exponate kann man heute u.a. im Berliner Naturkundemuseum bewundern. Es ist schön, wenn man als Elternteil miterleben darf, dass der Nachwuchs ganz offensichtlich seinen Weg gefunden hat und dort angekommen ist, wohin sein Herz ihn einst getragen hat und wenn er auf eignen Beinen stehend, sein Leben meistert. Von uns bekam er zu Weihnachten u. a. auch diverse metallene Kisten für all diese Objekte in Aussicht gestellt, damit sie sicher aufgehoben sind, falls er sich denn irgendwann einmal gezwungen sieht, in kleinere Gefilde umziehen zu müssen.

Seine Talente finden sollte jeder junge Mensch bereits möglichst vor der Pubertät. Auch die inzwischen erwachsen gewordenen Kinder unserer Freunde aus Studententagen, bei denen wir als Familie am 24. Dezember weihnachtlichen „Unterschlupf“ gewährt bekamen und mit denen gemeinsam, wir das Fest der Liebe feierten, sind auf guten Wegen. Ihre Talente erspürten auch diese beiden bereits in jungen Jahren schon, lernten stetig hinzu und bauten sie aus. Der Ältere (Max) war schon immer ein musikbegeisterter „Erfinder“ gewesen und ebenso wissbegierig ist auch die Jüngere (Lena), mutig und ausgesprochen sprachbegabt geht auch sie ihren Weg. Haben doch anscheinend wir Alten so manches richtig gemacht! Ein indisches Sprichwort besagt, wer seine Kinder liebt, der lässt sie reisen, da passt auch ganz aktuell, Alexander von Humboldts Satz dazu: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“.

Die Welt bereisen kann ein jeder nur auf seine Weise, mit den finanziellen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, aber im Geiste beweglich sein und es im Alter dann auch bleiben, dazu braucht es kein Geld. Und genau das haben wir versucht unseren Kindern zu vermitteln.

Die „Herberge“ unserer befreundeten Familie verfügt über viel freien Raum und entsprechend dazu, auch über viele Schlafgelegenheiten, so dass es ein paar gemeinsame Tage mehr werden durften. Und was für Tage und vor allem Nächte das unter Hilfe aller Beteiligter, geworden sind!

Das gemeinsame Essen und Anstoßen auf Vergangenes und Kommendes sind wesentlich wichtig zu Weihnachten, aber auch die kleinen, in unserem Falle – Julklappgeschenke – die die Freundschaft erhalten, sind es. Streckenweise waren 10 Personen anwesend, entsprechend munter gestaltete sich das Treiben beim Auspacken und diskutieren darüber, wer-was-von-wem erhalten hatte. Zu später Stunde wurde es dann bei Kerzenschein besinnlich, weil es überall im Raum aus allerlei porzellanenen Gefäßen und solchen, die aus Filz gestaltet worden sind, unter Klavierbegleitung warm herausleuchtete.

Kein noch so großer, in angesagten, modischen Farben geschmückter und kühlem LED-Licht erstrahlender Baum, kann es mit der Wärme aufnehmen, die ein naturbelassenes, beleuchtetes Stückchen Filz spendet, wenn es  in eine solch schöne Form gebracht worden ist, wie unsere Gastgeberin sie zu gestalten vermag. Weniger ist manchmal mehr! Früher gab es in den Höhlen unserer Vorfahren Höhlenfeuer, um die sich alle versammelten. Heute gibt es Kerzenschein.

Die herzliche, heimelige Atmosphäre dieser vielen kleinen Lichter überall in der Wohnung in Verbindung mit den Klängen des Klaviers, beförderte unter dem zusätzlichen Einfluss von alkoholischen Getränken, u. a. der überraschend interessant schmeckenden, ersten Verkostung des eigenen Weines aus Beeren der Sorte „Isabell“, (die ein sehr eigenes Aroma entwickelt und jetzt noch ein wenig ausgebaut werden soll) einen Prozess, der aus der kleinen, ursprünglich weihnachtlichen Hausmusike nach einiger Zeit, eine richtige „Jam-Session“ entstehen ließ.

Unser Sohn hatte vorsorglich seine beiden Djemben mitgebracht, Familienvater Berni spielte, wie schon erwähnt, Klavier und Sohn Max saß inmitten lauter blinkender „Kisten“ auf einem Schafsfell am Boden unterm Weihnachtsbaum, um mit dieser leuchtenden Technik die tollsten, sphärischen Klänge zu erzeugen. Er spielte eine Art „Spontan-Beat“ unter Mithilfe seines PCs und setzte den Synthesizer ein, um uns alle in eine andere Welt zu transformieren. Unsere beiden anderen Musiker dieses Trios reagierten auf den tonangebenden Techno, und dieses spontane Spiel war so energiegeladen und heftig und es ging bis in die frühen Morgenstunden hinein, dass ich mich verwundert fragte, ob denn die Nachbarn wohl verreist sein müssen, mit denen sich unsere Freunde eine gemeinsame Hauswand teilen, sonst wären sie nämlich aus ihren Betten gefallen.

Das Stück, welches wir „Weihnachten orientalisch“ tauften, war dann der Knüller, wobei es sich ergab, dass ausgerechnet ich mit einem Gläschen trockenen Weins zu viel, den Gesangspart übernahm: Schallala, lala, lala, Weihnachten ist da … und schon wieder vorbei …

Dank Handy – unvergesslich

 

 

 

 

Maren Simon am 30. Dezember 2018

30. Dezember 2018

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Farbesatt Numero zwo

Die leuchtend gelben Blätter von Nussbaum und Ginko hielten in diesem Jahr besonders lange aus und wollten sich von ihren Bäumen kaum trennen. Eine kältere Nacht führte nun vor kurzem dazu, dass alle Blätter gleichzeitig fielen und es beinahe ohne Übergang plötzlich kahl im Garten wurde.  

Jetzt ist es tatsächlich November geworden, so, wie man ihn kennt. Jetzt müssen wir es uns drinnen wieder gemütlich machen. Bis vor ein paar Tagen badeten die Spatzen noch zu Fünfzehnt in ihrer Wanne aus Stein, ein letztes Mal und alle gleichzeitig. Sie veranstalten jedes Jahr zum Abschluss der Badesaison, solch ein Fest. Alle unsere Vögel kommen dann zusammen, stellen sich an, warten, bis sie an der Reihe sind und steigen hinein. Dann spritzen sie nur so um sich und haben offenbar einen riesen Spaß dabei, so dass das Badewasser laufend ergänzt werden muss. Ich wundere mich nur darüber, dass die Vögel es im Sommer scheinbar weniger nötig hatten, sich zu erfrischen, als jetzt, wo die Temperaturen doch seit einigen Tagen schon sehr viel ungemütlicher geworden sind. So denke ich, hat es tatsächlich mit der Reinigung zu tun und damit, das Gefieder nach dem Bade ordentlich zu putzen und schön einzufetten, damit der Winter kommen kann. Sie futtern jetzt auch extrem viel und bevorzugen unsere, extra für sie geknackten Nüsse, vom eigenen Walnussbaum.

Wenn es mich bei Nieselregen und ungemütlichen Temperaturen im Minusgradbereich irgendwann doch nach Farben dürstet, habe ich das dringende Bedürfnis meine ehemalige Gärtnerkollegin Margit auf ihrer Arbeitsstelle im Berliner Umland zu besuchen, denn dort gibt es, obwohl draußen alles frostig Grau ist, Farbesatt anzuschauen. Die schönsten Blumen stehen hier in einer kühlen Halle und warten auf Blumenbinder und Floristen, die dann aus ihnen die prachtvollsten Sträuße binden. Margit inhaliert also den ganzen langen Arbeitstag über sozusagen, Schönheit pur. Doch ab und an braucht sie eine Rauchpause und dann ist meine Gelegenheit für eine kurze Stippvisite gekommen. Die Blumen sind fast alle ohne eine Spur von Duft, den haben sie leider der Pracht und Größe ihrer Blüten opfern müssen, aber sie leuchten dafür in den herrlichsten Farben. Nach ihnen sortiert stehen sie in ihren Kübeln und diese Farbenpracht, die in allen Schattierungen des Regenbogens leuchtet, fasziniert mich total und ich sauge alle diese Farben förmlich auf.

Ich habe schon oft während meiner Besuche gedacht, wie meine Freundin da so inmitten dieser blumigen Pracht zugange ist und all diese schönen Gestalten unter ihrer Obhut hat, das ist faszinierend und erinnert mich in gewisser Weise, an die Göttin FLORA, die in ihrem Reich alle Pflanzen unter sich hat und diese hegt und pflegt und behütet. Naturhistorisch betrachtet, wird nach ihr der gesamte Reichtum an grünen Gewächsen auf unserer Erde benannt. Margit kenne ich seit Jugendtagen, als wir beide noch als Junggärtner im Potsdamer Umland arbeiteten. Während ich die Sparte wechselte, blieb sie den Pflanzen treu, heute steht sie im Blumengroßmarkt ihren Mann und kann kräftig zupacken, wenn es sein muss. Ihre Hände und die ganze Erscheinung sprechen davon. Der Gedanke, mich mit dem Bild der FLORA auseinandersetzen zu wollen, kam mir in den Sinn, als sich mir ein Kontrast zwischen den üppigsten Rosengebinden in sämtlichen Farben einerseits und der leisen Melancholie meiner Freundin andererseits, offenbarte.

Gehüllt in eine robuste Arbeitskleidung – warmes, grobes Hemd mit wollener Jacke darüber, entspricht meine Gärtnerfreundin der idealisierten, geschönten und langweiligen FLORA nämlich überhaupt nicht. In sämtlichen bildkünstlerischen Darstellungen wird ja eigentlich immer eine, mit dem Frühling assoziierte, liebreizende und leicht bekleidete, jugendlich anmutende Frau mit Blüten im Haar gepriesen, die besonders den Anforderungen bedürftiger Männerherzen entspricht. Für die schon etwas reifere Frau, nachdenklich, lebenserfahren und mutig sich ihrer Haut erwehrend, ist da kein Platz. Es geht ihr ähnlich so, wie der Werderaner Baumblütenkönigin, die auch nur ganz jung an Jahren sein darf. Mir macht es von daher eine große Freude jegliche Erwartungen zu unterwandern, um bei der Gestaltung meiner FLORA nun, beherzt all die überholten Klischees, links liegen zu lassen.

Wenn meine Freundin ihre Rauchpause genießt und der Zigarettenstummel in ihrer rechten Hand das Ende derselben signalisiert, der nächste Kunde ihre Aufmerksamkeit einfordert und meine Freundin kompetent und souverän, wie immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen gelassen und geduldig bleibt, dann spüre ich, wie wichtig Menschen und ein freundliches Miteinander für sie sind. Derart bodenständig veranlagt, war sie denn auch überhaupt nicht erpicht darauf von mir ins Visier genommen und portraitiert zu werden, im Gegenteil. Ich musste lange warten, bis der rechte Zeitpunkt gekommen schien, und sie sich endlich damit abgefunden hatte, da nicht drum herum zu kommen. Tatsächlich wehrte sie sich, bald 7 lange Jahre schon dagegen, von meinem künstlerischen Blick vereinnahmt zu werden, aber nun war es endlich soweit. Eine kleine Zeichnung von 2011 lag schon seit langem bereit, dazu kamen nun noch zwei neuere, die ich auf ihrer Arbeitsstelle während der erwähnten Rauchpause machen konnte, ergänzt von einer, aus mehreren Fotos bestehenden Fotostrecke. Margit frontal mit Brille und ohne, mal im Profil von der Seite, mal ernst, mal lächelnd, ihr Gesicht mehr von unten oder mehr von oben – jetzt hatte ich genug „Material“ beisammen und nun gab es kein Halten mehr, ich konnte endlich mit der Arbeit beginnen.    

Wenn ich mein Thema gefunden habe und die Person schon längere Zeit kenne, geht es meistens recht schnell. Erst baute ich in groben Zügen den Torso auf, wobei frühere Erinnerungen und heutige Erfahrungen gleichermaßen in meine Hände flossen und die grobe Form beinahe ganz von allein bestimmten und dann widmete ich mich den Einzelheiten. Diesen unterbewussten Prozessen des Findens zu trauen und diese, ohne jeden Druck zuzulassen, ist eine Gabe.

Margit gab mir schließlich ihr o.k. unter der Bedingung, ihre Brille bitteschön wegzulassen. Wir kennen das von Fotos, die wir, wenn wir uns darauf abgebildet sehen, mitunter viel zu kritisch als nötig betrachten. Ihre Befürchtungen ignorierte ich, ließ die Brille aber tatsächlich weg. Jeder Mensch hat schließlich seine ureigenen Schwachstellen, die heute vielleicht enorm wichtig erscheinen und morgen niemanden mehr interessieren. Nach solchen Kleinigkeiten suche ich auch nicht, sondern trachte danach, die Einmaligkeit jedes Menschen und das Besondere, das ihn jeweils ausmacht, zu ergründen. Es geht mir immer um den Kern der Persönlichkeit und diesen lege ich frei und arbeite ihn heraus. Ich verachte das Bemühen um Ähnlichkeit nicht, auch ich versuche es so gut, wie möglich hinzubekommen, dies aber ohne jeden Druck! Deshalb arbeite ich gern an zwei Figuren gleichzeitig, so beiße ich mich nie fest und der Blick bleibt frei. Und manchmal hilft mir auch mein Freund Zufall. Er mischt sich mitunter ein, wenn ich bereits unterschwellig weiß, dass ich ein Problem habe. So muss es auch bei der FLORA geschehen sein, als er dafür sorgte, dass sie mit ihrer gesamten Vorderfront in meiner Werkzeugablage gelandet ist.

Ich bin dankbar, dass dies passierte, wenn ich auch zuerst recht bedeppert geschaut haben muss!

Aber der allzu perfekte Zustand, den meine FLORA Anfangs aufzuweisen hatte und der mir suspekt erschien, der war mit einem Schlag in sein Gegenteil verkehrt worden. Und ich sah sofort, nachdem ich die Tante vorsichtig angehoben und zurück auf ihre Gipsplatte gestellt hatte, dass das Malheur nur als ein solches getarnt – ein Angebot gewesen ist! Ich brauchte nur von innen wieder ein wenig gegenkloppen – ganz vorsichtig, um die Arbeit des lieben Freund Zufall bloß nicht zu zerstören – und gut. Das leicht Schräge, das nach dem Aufprall in ihrem Gesicht jetzt auffällt, steht ihr gut und ergänzt zudem das, einer FLORA eigentlich nicht zugehörige Utensil, diesen krummen, komischen Zigarettenstummel in ihrer, vom Aufschlag ebenfalls leicht verdrehten Hand!

Der geneigte Betrachter wird sich zwar wundern und sich fragen, woher wohl die Abdrücke in ihrem total abgeflachten Pony herrühren, er wird aber auch das Rosige, Frische in ihrem Gesicht bemerken und er wird das Grün in ihren Haaren als nicht störend empfinden, weil es genauso sein muss! Auf ihrem Kleid trägt sie herbstliches Laub, statt Blümchenmuster, ein Füllhorn hat sie auch nicht dabei. Dafür die Kippe! Blumen gebe aber auch ich ihr mit auf den Weg. Poppig und Knallig will ich sie haben, auch wenn Margit Pastellfarben lieber mag. Sie sagt, sie liebt die lachsfarbenen Sorten unter den Blumen, auch Altrosa darf es sein, nur nicht dieses scheußliche Pink. Früher war das nicht so, sagt sie, es wird wohl an den Wechseljahren liegen…

Mir muss das egal sein! Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich möchte, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, der lebendigen Kraft Ausdruck verleihen, die ich mit meiner Gärtnerfreundin in Verbindung bringe. Bei der qualmenden FLORA ist mir nur zweitrangig wichtig, der Realität entsprechen zu wollen, um ein naturgetreues Abbild geht es mir nicht. Nie kann der Künstler die Natur kopieren, nie kommt er in Gänze an das lebendige Original heran! Er muss etwas Neues schaffen. Vielleicht wird FLORA, mit etwas Glück, ein Kunstobjekt, das spricht!

So, wie ja all die anderen tönernen Protagonisten aus meiner staubigen Werkstatt es scheinbar tun, wenn sie sich in ihren Regalen und auf Sockeln stehend, miteinander zu unterhalten scheinen. „Ilse“ Beispielsweise, meine betagte Nachbarin, deren Konterfei wirkt in sich gekehrt und scheint auf etwas zu warten. Die Keramische Plastik des Malers Arno Rink hingegen, durcheilt leicht rückwärtsschauend nach vornehastend, meine Räume. Der Grafiker Horst Janssen hält auf seinem Sockel einen Monolog, während die Xanthippe kämpferisch ihre Hörner zeigt. Nur die alte Tänzerin schaut mir interessiert bei meiner Arbeit am Ofen zu. Sie sieht vorbei an dem erfolgreichen Galeristen ihr gegenüber, der Eier in sämtlichen Sorten und Größen bebrütet.

Wenn nun bald die liebenswert schräge, qualmende und ungewöhnliche FLORA dem Betrachter ihrerseits ein Lächeln ins Gesicht zaubert, habe ich mein Ziel erreicht.

Immer lieber Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu liefern!

Maren Simon am 24. November 2018

25. November 2018

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Farbesatt im goldenen Oktober

Die trockene Hitze hatte uns ja so fest im Griff, dass ich mich nicht getraute einen Rakubrand zu tätigen und warten musste, bis es deutlich kühler wurde. Entsprechend viel Material hatte sich angesammelt, wenn ich auch das eine oder andere Stück aus der Not heraus, meinem Elektroofen anvertraute. Wie so oft ergaben sich während des Freibrennens nicht vorhersehbare, dies Mal eher dunkel gehaltene, Farbschattierungen. Immer ist es aber so, als hätte es nie anders sein sollen! Zu der nachdenklichen Thematik, die ich bearbeitet hatte, gaben das samtene Schwarz und Braun die ideale Ergänzung. Es ist immer wieder ein Erlebnis, wie einzigartig jeder Brand verläuft und wie wir mit den an uns gestellten Aufgaben, wachsen. 

Eine besonders eigenwillige, aus unterschiedlichsten Scherben zusammengesetzte, raumgreifende und empfindliche Arbeit „Scherben bringen Glück“ mit einem Umfang von etwa 1,40 m und einer Höhe von 66 cm, bei über 30 kg Gewicht, musste auf Grund ihrer ausladenden Maße anders als üblicher Weise, geborgen werden: Jörn griff mit der groben Rakuzange zu, führte und hob das Objekt auf, während ich, mit einem derben Handschuhschutz versehen, direkt mit beiden Händen absichernd unter die glühendheiße Arbeit fasste.

Beherzt hoben wir in vereinten Kräften und bei größter Hitze gemeinsam das unbequeme Teil sanft aus dem Ofen heraus. Unglaublich aber wahr.

Solche kniffligen Situationen, die mich an den Rand meiner Möglichkeiten bringen, liebe ich! Deshalb baue ich auch immer wieder Plastiken aus Scherben, die scheinbar nicht zusammen gehören wollen auf und bringe diese Einzelteile dann dazu, es miteinander auszuhalten. So auch bei der „Scherbenkatze“, eine Hommage auf unseren Kater Micio. Die Plastik ist so schön geworden, dass ich beschloss, sie von der Gießerei Noack in Bronze umsetzen zu lassen. Es kommt mir hierbei besonders darauf an, dass die einzelnen Scherben in ihrer Unterschiedlichkeit auch auf der bronzenen Kopie sichtbar werden, was hoffentlich mit verschiedenen Patinierungen erreicht werden kann.

Wenn das Experiment „Katze“ gelingt, habe ich vor, später auch einige Portraitköpfe in Bronze abgießen zu lassen. Zum Beispiel die Arbeit „Selbst – aus Scherben und mit Nägeln“, die mir sehr am Herzen liegt und welche eine starke Farbigkeit besitzt. Sicherlich werde ich farbtechnisch gesehen, nie auf Eins zu Eins setzen können, aber versuchen will ich es trotzdem, so gut es eben geht. Gerade die vielen, in letzter Zeit entstandenen Scherbenportraitarbeiten, sind sehr anspruchsvoll, was die Unterschiedlichkeit ihrer Oberfläche betrifft. Aber nicht nur rein äußerlich betrachtet, sondern auch von ihrer Thematik her, sind sie sehr merkwürdige Gestalten, denn ich verarbeite in und mit ihnen meinen Schmerz über alles, was mit „Herkunftsfamilie“ zu tun hat. Die Freude, die sich im Herzen, trotz der traurigen Umstände warm ausbreitet, wenn ich denke, dass eine Arbeit gelungenen ist, kann als eine Form von Schmerzbewältigung erachtet werden und unterscheidet meine Werke von denen der Routiniers, denen es meist wichtiger ist, zu gefallen, als einfallsreich zu sein.  

Immer noch Sonne, Sonne, Sonne. Und Farben! Immer mehr der Bäume, die die Dürre überstanden haben und ihre Blätter behielten, wandeln sich derzeit und zeigen Farbe, bevor sie ihr Laub ganz verlieren werden. Melancholie schleicht sich in mein Herz, der unvermeidliche Abschied von den „lebendigen“ Jahreszeiten naht. Die bunten Farben gleichen einem letzten großen, finalen Feuerwerk, bereits mit Nebel im Schlepptau. In zartesten Abstufungen erscheint uns dabei die farbenfrohe Landschaft, bevor alles einen grauen Anstrich bekommen wird.

Deshalb wollten wir noch schnell ein kräftigeres Blau, das der Himmel woanders für uns beide in besonderer Intensität bereithalten sollte, genießen. Das nahende Ende unseres Katers hatte es uns in der letzten Zeit unmöglich werden lassen, ihn für längere Zeit allein zu lassen. Spontan entschieden wir uns deshalb jetzt, nach seinem Ableben, für ein paar Tage Urlaub. In der Gewissheit, dass die Sonne den Süden liebt, sollte uns unsere Reise in wärmere Gefilde führen, wir fanden jedoch stattdessen, über Jena und Dresden, nach Krakau. Hier beeindruckten uns besonders die verschiedensten Gotteshäuser, die es in der Stadt verteilt, anzuschauen gab. So wirkte zum Beispiel die dunkel anmutende Bazylika Św. Franciszka auf mich äußerst modern, denn sie ist sorgfältig mit verschiedensten, blühenden Garten- und Unkrautpflanzen so farbenprächtig ausgemalt worden, dass es die reinste Freude für uns war, diese zu studieren und eingehend zu betrachten. Nicht allein das Vorhandensein gewöhnlichen Unkrauts an den Wänden eines so wichtigen Bauwerks beeindruckte, nein, mich erstaunte es auch sehr, mit welcher Selbstverständlichkeit hier die, in zarter Farbigkeit aufgemalte, realistische Blütenpracht auf einem ungewöhnlichen, aus abstrakten Elementen gestalteten Hintergrund, erblühte. Hier wird dem, der das Natürliche bevorzugte, auf besondere Weise gehuldigt.

Auf Grund seiner wilden und zugewachsenen grünen Vegetation, beeindruckte uns auch der „neue jüdische Friedhof“, den wir ebenfalls besuchten. Die morbiden Grabsteine hatten teilweise keinen festen Stand mehr aufzuweisen und kippten gefährlich in alle Richtungen oder zerbröselten bereits, offenbar war dieses friedlich verwunschene Areal ganz bewusst den ordnenden, grünen Händen von Mutter Natur überlassen worden – wunderschön! Efeu rankte überaus präsent herum und alte Bäume warfen angenehm kühlen Schatten. Ich konnte mich kaum satt sehen an den zarten Lichteinfällen, die zwischen den Baumstämmen aufleuchteten in diesem an sich, so zugewachsenen, verschatteten Gesamtkunstwerk. Die verwitterten Namen auf den alten Grabsteinen – wunderschöne, klangvolle Namen – sie erzählten uns auch vom traurigen Schicksaal derer, denen diese Namen früher einmal gehörten. Da lasen wir das Wort „Holocaust“ und Beklemmung ergriff unsere Herzen. Um all die Wunden verheilen zu lassen, ist noch nicht genug Zeit vergangen, wenn das überhaupt möglich ist! Und so kündeten Steinchen und Kastanien, ab und an auch einzelne Blumen und aufgestellte Lichter davon, dass es Besucher gibt. Wir fanden auf den Gräbern sogar Briefe, die dort abgelegt worden sind! Erfreulicher Weise räumt niemand auf in dem Sinne, wie auf Friedhöfen üblich und es gibt kaum Buntes oder Künstliches. Es darf hier im wahrsten Sinne des Wortes, Unkraut und Gras und Efeu über die Grabstellen und somit auch über die Verstorbenen selbst, wachsen. „Ruhe in Frieden“, bedeutete hier, die Natur gestaltet und deckt Vergangenes liebevoll behütend, mit dichter Pflanzendecke zu.    

Der eigenen Endlichkeit wurden wir beide uns dann aber erst so richtig bewusst, als wir vor Gräbern standen, wo anscheinend Mann und Frau nebeneinander ihre letzte Ruhe gefunden hatten und ihre hohen sandsteinernen Grabsteine sich einander zuzuneigen schienen. Das berührte uns sehr und tröstete dennoch auf eine eigene, wundersame Weise. Während die alten und hohen und vielfach noch recht grünbelaubten Bäume ganz leise ihre ersten, gelbgefärbten Blätter über uns abwarfen und diese sachte um uns herum zu Boden sanken, um sich dann, mit einem letzten Seufzer zu den anderen Blättern am Boden zu legen und mit ihnen gemeinsam einen riesigen Teppich zu bilden, vergaßen wir die hektische Welt um uns herum.

Voller Melancholie und Demut im Herzen verließen wir schließlich nach mehr als zwei Stunden, diesen verwunschenen Ort und die Sonne hatte uns wieder. Knallhart schien sie auf uns, was etwas Brutales an sich hatte, denn unsere nachdenklichen Gedanken, sie wollten sich mit den gleißenden Sonnenstrahlen einfach nicht vertragen.

Angesichts des regen Treibens in den Straßen der Stadt fanden wir dennoch notgedrungen zur allgemeinen Tagesordnung zurück. Restaurants und Cafés luden zum Verweilen ein. Es duftete überall sehr würzig und so genossen wir es schließlich, unter all den anderen lachenden Menschen, am Leben und zu Zweien zusammen zu sein.

Immer präsenter wurde, trotz Wärme und Sonne satt während unseres Urlaubs, der Nebel. Sachte und milde stimmend legte er sich über die Berge der hohen Tatra, an denen vorbei wir fuhren, um wieder nach Hause zu gelangen. Es waren wenige, aber schönste, letzte, wärmende Tage gewesen und auch unser Garten empfing uns in gut gelaunter, farbenfroher Stimmung! Das raschelnde Geräusch beim Herabsinken sämtlicher, uns den Sommer über liebgewordener Blätter, erinnerte auch hier an den nahenden Abschied. Nasse Tage sind im Kommen und sie sind nötig.

Schmerzlich vermisste ich bei unserer Ankunft unseren alten Kater! Zu Lebzeiten hütete er während unserer Abwesenheit Haus und Garten, liebevoll betreut von der Nachbarin nebenan und seine Freude war groß, wenn wir wieder nach Hause kamen. Auch den Tieren scheinen traurige Gedanken nicht erspart zu bleiben! Jeden Tag sehe ich von meinem runden Schreibtisch aus, diesen jungen, schwarzen Katz an Micios Grabstelle stehen, ganz so, wie wir Menschen es tun, wenn wir auf dem Friedhof unserer Toten gedenken. Der Besucher kommt jeden Tag. Auch bei Regen.

Denn die Sonne ist inzwischen einem herbstlichen Nieseldauerregen gewichen. Das schöne und nur im Deutschen gebräuchliche Wort „feucht“, Synonym für eine leicht ungemütliche Spannung, die sich auch im Hause breit zu machen scheint, bevor die Heizung „merkt“, dass sie ihre Arbeit aufzunehmen hat, kommt mir in den Sinn. Die Wärme der letzten Wochen hat sich, aller Kühle zum Trotz, jedoch in unseren Herzen eingenistet. Sie wird uns, ebenso wie die Süße der Früchte dieses ausgesprochen südlichen Herbsts, durch den kalten Winter begleiten. Mit großer Freude halfen wir auch darum noch rechtzeitig und zum Ende der diesjährigen Erntesaison, einen Teil des üppigen Weinbeerenbehangs, der an der Hauswand unserer Freunde in Jena prall und dunkelblau-violett lockte, abernten zu helfen und in Saft zu verwandeln. Aus ihm soll nun – mit etwas Glück – ein frischer Landwein werden. Ein echtes Experiment (!) und Neuland für Jörn, dessen Erfahrungen mit „Obst“ hoffentlich zur Freude aller Beteiligter, auch bei „richtigem“ Wein fruchten werden.

Maren Simon am 23. und 28. Oktober 2018

29. Oktober 2018

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Mit allen Sinnen genießen!

Dessert “Vanille-Lakritz Creme”, Restaurant SAVU

In Berlin unterwegs zu sein, hat für uns Landeier immer etwas Außergewöhnliches an sich. Diesmal fuhr ich ganz bewusst mit der „Berg- und Talbahn“. Ich war nicht allein und war es doch.

Ich dachte, meinem Mann zu seinem anstehenden Geburtstag einen Lehrgang der besonderen Art zu schenken und meldete ihn zu einem Workshop mit exklusivem Seminar in einem Restaurant auf dem Kurfürstendamm an. „Kochen und schlemmen Sie gerne?“ So lockte die Tageszeitung mich auf diese Fährte. Ja, natürlich, sagte ich zu mir selbst und ich verbinde gern das Angenehme mit dem Nützlichen! Jörn probiert gern aus und er hat Freude daran, wenn es gut wird. Und das, freut dann auch mich! Obstwein zum Beispiel, ihm galt all seine Aufmerksamkeit in den letzten Wochen und es sind seitdem viele Früchte durch seine Presse gewandert. In diversen Ballons gärte es und in den entsprechenden Röhrchen dazu blubberte es den Sommer über rhythmisch, herrlich, auch diese Farbenpracht von Gelb über Orange hin zu Rot, in sämtlichen Schattierungen. Die ersten Flaschen sind bereits abgefüllt worden, süffig ist er, hat zwischen 9 und 14 %-Vol. und lagert nun im Keller. Beste Erwachsenen-Vitamine für den Winter! Während mein Mann nun mit Gleichgesinnten hinter verschlossenen Türen aus erster Hand von den interessantesten Kochgeheimnissen erfuhr, nutzte ich die Zeit ohne ihn, auf meine Weise und besuchte eine Fotoausstellung im Museum für Fotografie: „Künstler Komplex“. Ich versprach mir einen wesentlichen Erkenntnisgewinn, weil – das Wort „Komplex“ im Ausstellungstitel deutet es an – mich die Psychologie dahinter, interessierte.  

Gegen Sieben wollte ich zum krönenden Abenddinner zurück sein.  

Der Regen begann sich leider unangenehm zu verdichten. Im Garten eine Freude! In der Stadt, eher weniger … außerdem verspürte ich ein leichtes Hungergefühl, also entschloss ich mich, vor dem Kunstgenuss einen aufmunternden Kaffee zu trinken, was offenbar an diesem Tage ein Ding der Unmöglichkeit darstellen sollte. Im Fotomuseum gibt es zwar ein Café „Max“ wie man mir mitteilte, aber nur zum Sitzen – ohne jeden Kaffee. Im nahe gelegenen C/O Berlin und dem dazugehörenden Besuchercafé wurde gerade umgebaut, deshalb gab es auch dort kein Käffchen. Suchend zu Fuß im grauen Berlin bei Regen unterwegs zu sein, ist wenig angenehm. Die Nässe kroch mir förmlich unter die Haut und unter meine Kopfbedeckung, ein Schnäppchen von „Wunderkind“, ein Utensil für Sommer und Sonne! Und dann sah ich das Schild von der McDonalds Filiale, ich war in der richtigen Stimmung und angesichts des anstehenden, exklusiven Dinners am Abend, kam mir spontan die Idee, eine Achterbahnfahrt der Genüsse zu absolvieren und so ging ich beherzt hinein.

Ich muss gestehen, ich war bisher nur ein einziges Mal in einer McDonalds Filiale gewesen und ich orderte damals ein Eis, während mein Mann seine Erfahrungen in Sachen Schnellrestaurant bei einer Burger-King-Filiale absolvierte. Unser Sohn wünschte sich die Saurieruhr, die es damals, vor ca. 20 Jahren, gratis zum Brötchen mit Boulette gab.

Notgedrungen, diesmal mit vielen anderen, regenscheuen Menschen, saß ich jetzt also freiwillig erneut im Burgerparadies. Glücklicherweise gab es auch Milchkaffee in großen Tassen aus Porzellan, dazu ein kleines, in Papier gebackenes Törtchen, umweltfreundlich also und somit ein Angebot, dass man akzeptieren konnte. Ich setzte mich an einen winzigen Tisch mit Sofaplatz und beobachtete das rege Treiben mir gegenüber, wobei drei Automaten, die auch bargeldloses Bestellen für Analphabeten möglich machten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen: Nummer ziehen und eintippen, Menüliste mit Abbildungen anschauen, Auswählen, Ordern durch Anklicken, Bezahlen per Karte, Platz suchen und dort auf die Bedienung warten. Mein Vorurteil gegen diese Form von Essenskultur bestätigte sich dann leider in der Weise, wie sich das Einwegverpackungsmaterial auf den Nachbartischen, mit vorzugsweise jüngeren Leuten daran, stapelte. Interessant, warum diese Tüten und Kartons offenbar so beliebt sind: es geht ums Auspacken! Fast liebevoll öffnete das junge asiatisch wirkende Mädchen ihre Tüte, schnupperte, sah hinein, freute sich … und lächelte selig.

Wenn die Besucher nicht selbst Hand anlegten, kam eine sehr präsente Reinigungsfachfrau und putzte. Sauberkeit ist nicht das Problem. Im Gegenteil, die Leute machen mit. Das Schlimmste sind in meinen Augen überflüssige Plastikbehälter für Flüssiges und Fettendes. Dieser dumme Mensch, der „Kaffee to go“ erfunden hat, sollte ohne Kaffee, aber mit Becher und Trinkhalm in die Wüste geschickt werden. In was für Zeiten leben wir? Und wo ist eigentlich die Vernunft abgeblieben? Schläft sie wieder? Immerzu werde ich mit den gierigen Wünschen und Wachstumsproblemen anderer, mir fremder Menschen belästigt, ich soll kaufen-kaufen-kaufen. Um „glücklich“ zu werden? Mein zu kleiner, alter Briefkasten stöhnt, die Gratiswerbepapiere – besonders jene, die als „Zeitung“ getarnt daher kommen, diverse „Wochenblätter“ und Hochglanzprospekte für Küchenmöbel, sie sorgen bei ihm für Völlegefühl mit Aufstoßen! Wenn ich etwas brauche, weiß ich, woher ich es bekommen kann, ich bin erwachsen!

Die akuten Weltprobleme fallen angesichts dieser überflüssigen Werbefluten, hinten runter.

Mir kommen Gedanken zum Hambacher Forst in den Sinn, hier driften akut Meinungen derart auseinander, dass es nur so kracht und die Baumhäuser wackeln. Jahrhundertealte Bäume sollen der billigen Kohle geopfert werden. Aus ihrem Holz entstehen dann im schlimmsten Falle, auch diese entsetzlich schrill bedruckten Faltschachteln für Fastfood und das haben die Bäume einfach nicht verdient. Bücher auf Papier sind out heißt es, Werbescheiß ist es nie. Fortschritt geht anders.

Der Regen lockte immer mehr Leute ins Schnellrestaurant. Kein Wunder, denn man holt sie förmlich bequemst dort ab, wo sie gerade stehen und erfüllt ihnen dann zuverlässig die antrainierten Wünsche nach kostengünstiger, sorgloser, sättigender, fettreicher und süßer Nahrung. So ein Brötchen zu verspeisen, mit allem was zwischen beiden Hälften steckt, scheint zwar nicht einfach zu sein, es läuft, tropft, kleckert … aber es schmeckt offenbar. Diese Woche ist scharfe Woche angesagt, intensiv Rot beworben – mit Chili.

Das Museum war voller als sonst, der Regen hat also auch in Sachen Kultur sein Gutes! Als ich die fotografischen Portraits „von Baselitz bis Warhol“ betrachte, ist alles gut, obwohl Unordnung beziehungsweise herumliegender Krempel, auch hier auf manchem Bild eine Rolle spielten. Besonders beeindruckend das, mir bereits bekannte, berührende s/w Foto des Fotografen Carlos Freire, welches den Maler Francis Bacon in seinem total zugemüllten Atelier zeigt. Scheinbar verloren befindet sich der Künstler inmitten eines einzigen Chaos um sich herum. Dadurch, dass jede Farbe fehlt, wirkt es noch trauriger. Ein kreatives Durcheinander, welches für Bacon offensichtlich notwendig gewesen ist, um seine Arbeit in dieser, für ihn charakteristischen Form, überhaupt tätigen zu können. Ich bin immer wieder ergriffen von Bacons mehrschichtig angelegten Portraits von Menschen, deren Schmerz er mithilfe zerlegter und in sich verdrehter Körperlichkeit, Ausdruck verlieh. Schmerz ist das große Thema seiner Bilder. Die auseinander driftenden Körperteile passen kaum mehr zusammen und mir tut das richtig weh, es anzuschauen. Konservativ „normal“ veranlagten Mitmenschen ist nicht zu vermitteln, welche Schönheit von seinen Bildern ausgeht. Indem Freire den Menschen Francis hinter dem Künstler Bacon zu fassen sucht, baut er diesen aber eine Brücke: schaut auf seine Schuhe inmitten des Drecks, sie glänzen!

Nachdem ich in der Buchhandlung des Museums wieder ein wenig zu lange zubrachte, musste ich mich beeilen, um nicht unpünktlich zu sein. Als ich schließlich, dank eines freundlichen Busfahrers rechtzeitig und kostenlos im Restaurant SAVU ankam, waren alle Teilnehmer in einer lockeren, gelösten Stimmung und es duftete im ganzen Raum aromatisch und feinwürzig rauchig, kein Wunder, SAVU ist finnisch und bedeutet „Rauch“. Ich bekam ein funkelndes Glas Prosecco gereicht und genoss den Moment, nun, zu später Stunde, mit freundlichen Menschen zusammen zu sein. Alle Teilnehmer des Lehrgangs hatten emsig gearbeitet. Jetzt gab es den Lohn dafür. Mein Mann strahlte, denn kochen ist sein Element. An einem liebevoll gedeckten, langen Tisch aus rustikalem Holz mit Blick in die offen einsehbare Küchenlandschaft des Restaurants, nahmen wir als Gruppe Platz. Nun konnte das Dinner beginnen.

Unser Küchenmeister, Sauli Kemppainen war äußerst gut vorbereitet und er hatte sich vorab viele Gedanken gemacht, um seine Choreographie für diesen Abend auf den Punkt zu bringen. Er erklärte und fasste zusammen, deutete an und sprach aus – nachzulesen auf Papier. Die an diesem Tage gemeinsam bereiteten Speisen wurden jetzt, nach der Ansprache, direkt vor unseren Augen und mithilfe seines freundlichen Teams, liebevoll in Tassen, auf Schalen und Tellern, arrangiert. Es gab mehrere Varianten duftenden Brotes als Einstieg, gemeinsam mit raffiniert zubereitetem Sellerie, zart und schmelzend – ein Genuss! Daran anschließend kam Wärmendes auf den Tisch – auf den Sellerie fein abgestimmt ein Süppchen vom Lachs, später dann auf verschiedenste Weise gegarte, oder auch geräucherte, finnische und maritime Köstlichkeiten, darunter Wachtel mit pochiertem und geeistem Ei, Hummerfleisch und die Arme eines Tintenfischs mit knackigem Gemüse unterlegt, sowie ein ungewöhnliches, sehr feines Dessert … all das begleitet von erlesen, zum Essen genau abgestimmten, weißen Weinen.

Sich ein wenig an die Hand nehmen und somit rein praktisch betrachtet, auch weiterbilden zu lassen, stellt keinen Makel dar, im Gegenteil! Es macht den Reiz des Lebens aus, von unterschiedlichster Lebensweisheit und Kultur, auf direktem Wege und auf Augenhöhe erfahren und profitieren zu dürfen. In diesem Sinne bedanken wir uns sehr herzlich bei Sauli Kemppainen und seinem Team für diese sensible und feine, kulinarische Reise.

Wir haben an diesem Abend viel Neues erfahren und hinzulernen dürfen. Es gibt viele Wege, glücklich zu sein. Kein profitabler Automat kann den Menschen und seine Ausstrahlung imitieren oder ersetzen, dennoch, auch Billig- und Schnellgastronomie haben ihre Daseinsberechtigung. Auch hier kann man sich, zumal bei Regen, aufwärmen und der Situation entsprechend, angenommen fühlen. Derjenige, der womöglich drei Berufe nebeneinander ausüben muss, um über die Runden zu kommen, hat andere Sorgen, als Erhabenes in Anspruch zu nehmen. Er kann sich jedoch glücklich schätzen gegenüber dem, der in seinen Schlafsack eingemummelt, neben seinem Hund unter der Brücke am Bahnhof Zoo, aushalten muss. Wer fragt schon danach, wie Obdachlose sich bei Dauernässe fühlen? Ich gab in den Becher aus Plastik aus meinem Portemonnaie einen Schein. Vielleicht ein Moment des Glücks für den, der ihn dieser Tage im grauen Berlin, zu McDonalds trug.  

Maren Simon, am 23. September 2018

Im SAVU Restaurant, Kurfürstendamm 160, 10709 Berlin

 

29. September 2018

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Abschiednehmen

Abschiednehmen zu müssen von Vertrautem ist allgegenwärtig.

Die Hitze wütete ungemein heftig und Wälder brannten sogar. Mir tut es um die Bäume leid, die dieser Hitze so schutzlos ausgeliefert sind und nun vermehrt zusätzlich zur sommerlichen Trockenheit, mit Pilzen und Parasiten zu kämpfen haben. Wenn ich unterwegs bin, sehe ich überall rote Punkte, aufgesprüht auf Baumrinde bedeuten sie den Tod. Dabei wirken manche nicht krank auf mich, im Gegenteil, sie wirken mitunter sogar recht stattlich, sollen aber trotzdem fallen. Mich macht das traurig. Anstatt die alten Bäume einfach umzuhacken, sollte man ihnen eine Chance geben, sich anzupassen. Jeden möglichst zu erhalten, das wäre die richtige Option.

Schlimmer als diese Hitze ist jedoch das dauerhaft fehlende Nass von oben. Der Garten geht mit der Trockenheit aber sehr souverän um, aus den vorangegangenen Trockenperioden der letzte Jahre, muss er gelernt haben! Ich staune und sehe, wie sich die Kräuter, Bäume und Sträucher gegenseitig in Schutz nehmen. Während die unterste Schicht, die direkt am Boden wächst, jedes bisschen Feuchtigkeit speichert, spendet das schützende Blätterdach von oben, hilfreichen Schatten.

Jetzt wird überdeutlich, dass Stein und Beton als Lebensraum nichts taugen, denn sie heizen sich zu lebensfeindlichen Zonen auf. Aber eine saubere und glatte, leicht zu reinigende Oberfläche, zieht der ordentliche Gärtner leider jeder natürlichen, die auch mal „schmutzen“ kann, selbst bei dieser schweißtreibenden Sonnenhitze, vor. Ich kann solch Handeln nicht nachvollziehen. Wir haben schon sehr früh begriffen, dass wir uns mit einem grünen Gürtel ums Haus herum, eine kühlende Oase schaffen würden und diese Ahnung bestätigte sich in diesem Sommer auf eine besonders eindringliche Weise. Grün schützt! Deshalb lassen wir es auch bewusst zu, dass die Vegetation ganz nah an uns heran darf. Wenn Besuch im Sommer kommt, ist die erste Feststellung immer dieselbe: „Ach, ist das aber angenehm kühl bei euch.“

Das zarte, grüne, feingliederige Laub hat die schützende Wirkung einer Kathedrale, sanft leuchtet dies Grün bei Sonneneinwirkung in allen Schattierungen, von Gelbgrün bis hin zu Rottönen und wunderbar zart hängen glitzernd die Tropfen darin, wenn es denn einmal regnet! Wir leben mit Grün und wir leben auf eine sanfte Weise beschützt darin, wir sind eingebunden in einen wundervollen Wachstumsprozess und sind auch den Tieren somit ganz nah. Aber einige Menschen fürchten eben gerade diese Nähe. Das wuchernde, krautige Grün schürt tiefste, verborgen geglaubte Urängste, doch es hält die Hitze von den Hauswänden fern, es schützt und kühlt, aber es fordert auch seinen Raum zum Wachsen und Gedeihen. Perfekt wirkt diese grüne, natürliche „Klimaanlage“ in Verbindung eines Hauses mit Keller: wenn man die kühle Luft von unten nach oben durchs Haus führt und aus den oberen Fenstern angewärmt nach draußen entlässt, entsteht ein angenehmer Kühlungseffekt mit leichter Luftbewegung.

In diesem Zusammenhang möchte ich mein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass unsere Hausbaufirma HAACKE – HAUS leider Insolvenz anmelden musste, was ich gar nicht verstehen kann. Jetzt, wo diese leicht gebauten Häuser das Versprechen des Herstellers einlösen, da will sie keiner mehr haben? Wir sind zufrieden in unserem, es ist, wie oben beschrieben, ein sehr angenehmes Wohnen, selbst unter diesen extremen Bedingungen! Ich hoffe darum von Herzen, es findet sich ein neuer Investor, der einen Weg sieht, die mit vielen Auszeichnungen bedachte Firma, am Leben zu erhalten.

Zurück zu meinem Thema. Was ich andeuten wollte ist doch, dass nur der, der bereit ist, sich ohne Vorbehalte auf die Natur einzulassen, von ihr belohnt wird. Tiere können einem dabei helfen, sich dem Natürlichen hier wieder ein Stückchen anzunähern. Sie bauen die Brücke, auf der der Mensch gehen kann, der verlernt hat, sich als ein Teil seiner Umwelt zu empfinden. Allerdings muss man Vertrauen haben und es gegebenenfalls auch zulassen, eventuell etwas an Kontrolle zu verlieren.

Unser alter Kater zum Beispiel, der hatte von Beginn an Wert darauf gelegt, immer er selbst bleiben zu wollen. Im Sommer lebte er draußen, im Winter mit uns gemeinsam, drinnen im Haus. Als fertiger Katz tauchte er erstmals im Frühling des Jahres 2000 in unserem Garten auf und brauchte Hilfe. Er bekam sie und entschloss sich daraufhin zu bleiben. Wir freuten uns über so viel Vertrauen seinerseits. Ein eigenartiges, gestanztes Loch im Ohr verriet uns aber, dass er bereits ein bewegtes Leben hinter sich zu haben schien. Ganz jung an Jahren, muss er als Streuner gelistet worden sein, dem man in Folge dessen, seine Fortpflanzungsfähigkeit genommen hatte und dieses Loch im linken Ohrzipfel, es war wohl das Erkennungszeichen dafür.

Micio hatte sich, trotz seiner weniger schönen Erfahrungen, einen wunderbar sanften Charakter bewahrt und er besaß Würde. In Würde wollte er sich auch von dieser Welt verabschieden, das war sein Plan, aber ein Schlaganfall vereitelte ihm diesen und so blieb es an mir, in seinem Sinne zu handeln. Das bedeutete für mich, seinen Sterbeprozess zu begleiten, ihn aber nicht gänzlich bestimmen zu wollen. Der Kater ist alt geworden, wir wissen nicht genau, wie alt, wir schätzen aber, 20 lange Jahre sind es sicherlich. 18 Jahre ist es her, dass wir uns kennen lernten. Er hatte sich seine Familie selbst ausgesucht und ich war all diese Jahre über, seine wichtigste Bezugsperson gewesen und er vertraute mir so, wie ich ihm. Ich hegte die leise Hoffnung, unser „Stehaufmännchen“ würde es vielleicht wieder einmal schaffen, sich zu berappeln, wie in der Vergangenheit schon so oft geschehen.

Nicht wissend, was unser Kater schon alles erlebt und wie viele seiner „sieben Leben“ er bereits aufgebraucht hatte, überschattete dieses Hoffen die Realität. Es gibt Katzen, die werden 23 oder sogar 25 Jahre alt und so gut, wie Micio jetzt aussah, so gut sah er in seinen besten Zeiten als Draufgänger mit häufig angestaubtem Fellchen, nicht aus. Ich wollte nicht wahrhaben, dass so manche Katze nicht sehr alt wird und dass die durchschnittliche Lebenserwartung einer autonom lebenden Straßen- beziehungsweise einer Draußenkatze, lediglich bei 8 Jahren liegt. Ich blendete diese Tatsache erst einmal aus. Bis zu dem Tage, an dem sich der Gedanke, in liebevoller Verbundenheit Sterbehilfe leisten zu müssen, bei allem Schmerz über den Verlust des geliebten Kerlchens, in mein Herz bohrte.

Denn plötzlich steht man am Lager des Kranken und sieht, dass es nie mehr gut werden wird und man fragt sich, inwiefern man sich einmischen darf in diesen natürlichen Prozess des Sterbens, weil es die alte Lebensqualität im wörtlichen Sinne, nicht mehr geben wird. Auch Tiere fühlen Schmerzen, genauso, wie wir. Leise klagte unser armer, schwarzer Kater und er stöhnte ab und an, wenn er glaubte mit sich allein zu sein. Manchmal dachte ich und fühlte so etwas wie Trost, er würde seine starken Schmerzen vielleicht einfach verschlafen, so ruhig atmete er mitunter, doch sobald er meine Anwesenheit spürte, mauzelte er. Es hörte sich für mich so an, als wollte er mich auf diese Weise darüber hinweg trösten, bald ohne ihn zu sein. Seine tiefen Seufzer zwischendurch und die Traurigkeit in seiner Stimme, ergriffen mein Herz in einer Heftigkeit, dass ich mich schließlich dazu entschloss, ihn von seinem Leiden endlich erlösen zu lassen.

Am Morgen des sonnendurchfluteten, 23. August, schlief er im Garten sanft und friedlich unter den jungen Händen seiner freundlichen Tierärztin, ein.

Die Vögel bekamen diese letzten Vorgänge um unseren Kater natürlich auch mit und es war, als nähmen sie Anteil an unserer Trauer. Das muss sich witzig anhören, ich weiß, aber der alte Kater stellte ja auch in seinen letzten Lebensjahren keine Gefahr mehr für sie dar! Im Gegenteil, er war im Garten zu einer festen Größe geworden und er gehörte zu uns dazu. Wenn er an ihren Wasserschalen vorbei wackelte, badeten die Meisen trotzdem weiter und die Amsel zog neben ihm im Grase, ihren Wurm aus der Erde. Jetzt fehlt der alte Kater und so wurden alle Vögel für ein Weilchen, ganz still. Sie haben, wie absurd, ihren besten Beschützer verloren! Die vielen Katzen der weitläufigen Nachbarschaft kommen nämlich seit des Katers Tod ungeniert und schnüren vermehrt durch sein ehemaliges Revier! Leicht überheblich wirkend, gehen sie federnden Schrittes in seinem Garten auf und ab und – auf Jagd. Endlich ist der Alte fort! Und so gepflegt, unordentlich und katzenfreundlich ist es nur hier, würden sie sagen, wenn sie es könnten. Uns ist aufgefallen, dass jetzt sehr viele Vögel plötzlich ihre Schwänze eingebüßt haben, was recht komisch aussieht, sie alle sind scheinbar gerade noch so, mit dem Leben davon gekommen!

Nur ein junger, schöner und ebenso schwarzer Kater, wie unserer es früher einmal gewesen ist, der scheint tatsächlich um unseren alten Katz zu trauern! Er war auch der letzte Besucher am Krankenlager gewesen und er kommt noch immer regelmäßig vorbei, um nachzuschauen, was in Micios Revier passiert. Er positioniert sich dann ein Stück abseits von uns und sieht mich sehr lange, sehr nachdenklich und durchdringend an. Unsere  schwarzen Katzen unterhielten sich gern in den Abendstunden und saßen dazu gemeinsam auf der Terrassenbank, um über die Dinge des Lebens im Allgemeinen und die des Erwachsenwerdens im Besonderen, zu philosophieren. Beide Katzen tauschten sich bestimmt, das ein oder das andere Mal, über ihre Menschen und die dazugehörigen Familien aus, vielleicht waren Micio und sein Freund sogar miteinander verwandt.

Unser Kater Micio ist früher der Lehrmeister des Jüngeren gewesen und ich denke, nur er allein wird wissen, ob ich in des alten Katers Sinn handelte, oder ob womöglich, dagegen.

Bedrückende Fragen ohne Antworten, sie werden bleiben.

Maren Simon, sehr traurig, am 29. August 2018

30. August 2018

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