Küstenwanderungen in die Steinzeit mit Hund

In diesem September sind wir seit 35 langen Jahren verheiratet, man möchte es kaum glauben. Jedem dazu gewonnenen Ehejahr wird traditionell ein bestimmter Name gegeben; so gibt es „diamantene“, „perlene“, „silberne“ und auch „eiserne“ Hochzeiten, es gibt sogar „grüne“ … Uns beide kümmerte jedoch noch nie, welche Sorte wir gerade begingen. Die eigenartige, auf „Kunst“ verweisende diesjährige Bezeichnung unserer lang währenden, ehelichen Verbindung, ließ mich allerdings interessiert aufhorchen!

„Leinwandhochzeit“ wird sie genannt.

Früher ließen sich die Eheleute unserer Altersklasse nämlich gern von Künstlern portraitieren, um ihren Kindern und Enkelkindern in guter Erinnerung zu bleiben. Die Aufgabe des Malers bestand dann darin, die Attraktivität dieser „besten Jahre“ – zwischen fünfzig und sechzig – auf einem Gemälde, vorzugsweise in Öl auf Leinwand, für die Nachwelt festzuhalten. Daher der Name.

Von uns gibt es genug (eher lustige) Portraits.

Mama und Papa – 1992

Mir scheint das Geschäftsmodell „Künstlerportrait in Öl auf LW“ leider ausgestorben zu sein, davon könnte jedenfalls kaum ein Kollege überleben … wer ließe sich denn schon noch darauf ein, sich von einem sogenannten Künstler, womöglich einem selbsternannten, verunglimpfend darstellen zu lassen, wenn man dies viel sicherer und einfacher selbst erledigen kann? Jeder benutzt doch heute ganz selbstverständlich sein Telefon dafür. Dabei brächte dieses Wagnis, was der Auftraggeber einginge, wenn er einen Künstler beauftragte, auch eine andere, interessante Komponente mit sich, nämlich dann, wenn er eine glückliche Wahl bei der Auftragsvergabe träfe! Dann wäre die Überraschung tatsächlich auch für das Leinwand-Hochzeitspaar eine Gelungene und das Bild eventuell, mit etwas Glück, sogar eine Kapitalanlage …

Man lässt sich aber in der heutigen Zeit nicht mehr allzu gern überraschen. Die Zeit der Experimente ist vorbei. Vorbei jede Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, weil in manchen Berufen jede noch so winzige Art von “Qualifikation” zur Aufpolierung des Image benutzt werden kann. Diese Art „Qualitätsverwässerung“ verschafft Kräften Auftrieb, die echtes Potential behindern.

Bis die Ansprüche sich wandeln!

Wenn ich bedenke, wie lang unsere gemeinsame, nicht immer leichte, meist jedoch schöne Zeit nun schon währt, das ist ein Geschenk! Wir teilen Freud und Leid und unternehmen so oft wir es können, Schönes zusammen. So auch in diesem Jahr wieder im Land mit den schönsten Wolken am Himmel. Wobei ich anmerken will, dass wir nur die Statisten unseres Hundchens waren. Pünktchen nahm nämlich uns mit in ihre Ferien und nicht etwa umgekehrt. Wir lernten während der 15 Tage, die wir hinter unserer Hündin herliefen- und riefen, dass die bösen Coronaviren keine Erfindung unserer Zeit sind. Sie existieren ganz offensichtlich schon recht lange auf der Erde und hinterließen hier Spuren.

Doch der Reihe nach! Vielleicht erzählt Pünktchen von ihren Erlebnissen am besten selbst!

Reisebericht des kleinen Hundes.

Endlich war es wieder soweit; meine Menschen packten ihre Koffer! Sie kümmerten sich dabei wenig um mich und ich war ihnen andauernd im Weg, ein Indiz dafür, dass sie unter Druck standen. Ich beobachtete interessiert, ob auch was für mich eingepackt wurde; mein Bällchen mit der Strippe daran und vor allem auch der Schwimmknochen fürs Wasser und „Eselchen“ natürlich. Wie schön dachte ich bei mir, als sie mein Schlafkissen und auch mein weiches, blaues Badetuch einpackten, wir fahren ans Meer!

Die Fahrt in der Kiste war mal wieder nicht so toll. Ich döste die Stunden einfach weg. Um meine Box drumherum hatten sie all ihr Zeugs gestapelt; ohne deren schützende Wand aus Plastik, wäre ich in dem vielen, nutzlosen Krempel wohl verloren gegangen. Menschen benötigen derart viel Krimskrams, da kann man als Hund nur staunen! Wieso packen sie zum Beispiel im Sommer auch noch das Winterfell mit ein?

Zur Sicherheit, sagen sie! Und für alle Fälle!

Ich will gern zugeben, dass es dann tatsächlich ein wenig kühler wurde. Sie sind ja sehr empfindlich, denn sie sind eigentlich nackt und haben überall nur so wenig Haar und sind daher wenig gut klimatisiert … mal ist ihnen zu kalt, dann ist ihnen wieder zu warm. Scheint die Sonne, schmieren sie sich fettig ein, denn nur so können sie überhaupt ohne ihre Kleider unter freiem Himmel gefahrlos überleben. Regnet es, ziehen sie sich was über, damit sie nicht nass werden und womöglich auskühlen. Andauernden Stress bedeutet dieses – sich unentwegte Umziehen müssen – da haben wir Hunde es mit unserem naturgewachsenen Fell, doch sehr viel einfacher. 

Als wir spät am Abend ankamen, stellte ich erfreut fest, dass sie mit mir zu unserem Häuschen gefahren sind.

Diese Landschaft und hundefreundliche Gegend mit dem vielen Sand und Wasser bis zum Horizont ist schön bei jedem Wetter, egal, ob es aus Eimern schüttet, oder die Hitze brütet. Und ich liebe das kleine Haus mit seinem Dach aus Stroh, dem großen Garten und der schönen Wiese. Ich flitzte also als Erstes, um zu gucken, ob die Katze wieder da ist. Nein, war sie leider nicht, eigentlich schade. Im Haus war noch alles so, wie im letzten Jahr. Ich inspizierte zuerst den unteren Teil, wo Küche, Bad und Wohnzimmer sich befinden, und ich guckte nach oben, unters gemütliche Dach. Hier habe ich nämlich eine Art „Ausguck“; ein kleines Fensterchen direkt auf Augenhöhe und nur für mich! Davor stellen sie immer mein Bett und von hier aus bleibt mir beim Blick auf die grüne Wiese von oben, nicht das Geringste verborgen. Auch nicht die Katze.

Meine Leute wissen genau, wie gut mir das gefällt. Für unseren „Kontrolletti“, so sagen sie gern, ist das Fensterchen zum Garten so spannend, wie für Herrn Hitchcock, sein „Fenster zum Hof“ …

Keine Werkstattarbeit für Frauchen. Keine Zeit am Computer für Herrchen. Nur HUND sollten sie in diesen letzten Sommertagen haben zu ihrem Glück. Die Rechnung geht immer wieder auf, denn andere Hunde machen es mit ihren Menschen genauso. Dann gehen wir, ein jeder Hund mit seinen Menschen an der Leine, am Strand entlang und unsere zweibeinigen Lieblinge treffen aufeinander und sofort fangen sie an miteinander lebhaft über uns zu plaudern! Menschen sind so berechenbar und freuen sich über jeden noch so kleinen, freundlichen Kontakt zu ihresgleichen, das ist unglaublich! Die Lappalien, über die sie sich unentwegt unterhalten, werden mir manchmal aber doch zu viel, vor allem, wenn sie in ihrer Redseligkeit, kein Ende finden wollen.

Immer kommt diese eine Frage, die ich nicht mehr hören kann: „Was ist denn Ihrer für einer?“

Ich bin ein Mädchen! Ich muss sagen, deshalb sind mir Kinder lieber, denn die fragen nicht viel. Ich mag sie und sie mögen mich. Punkt. Von ihnen bekomme ich Kosenamen, wie „Struppi“ oder „Strolchi“ verpasst und die Kinder haben meistens dieselben Ideen im Kopf, wie ich sie habe. Andauernd brauchen sie Bewegung und wollen spielen, müssen aber auf ihre Eltern hören und dürfen nie so, wie sie gern wollen. Mit Eimern ausgestattet, sammelten die Kinder vom Campingplatz zum Beispiel ganz viele, dieser niedlichen kleinen Krötchen von der Straße, die nach dem Regen irgendwohin mussten. Die Kerlchen liefen jedenfalls alle in ein und dieselbe Richtung. Auch Seesterne und Krebse fischten sie mit kleinen Angeln aus dem Wasser heraus. Diese gab es im Campingladen zu kaufen und es wurden zum Ködern feine Fleischstückchen, Käse oder sogar Krabbenschwänzchen an ihnen befestigt, die mein Interesse weckten. Da schaute ich natürlich etwas genauer hin, denn das appetitliche Fleisch am Haken, das wollte ich zu gern kosten und die Kinder hätten mir auch gern den Gefallen getan und mich damit gefüttert – aber ihre doofen Eltern erlaubten es nicht.

Das Wasser der Ostsee ist hier voller Steine jedoch wunderbar klar! Während alle Hunde eifrig und souverän über die steinigen Hindernisse hüpften, humpelten ihre Menschen auf wackeligen, dünnen Beinchen hinterher, manche zogen sich sogar extra Badeschuhe dafür an. Sie hatten Angst hinzufallen, weil sie mit dem Glitsch auf den glatten, runden Steinen, nicht zurechtkamen. Da wächst nun einmal einiges drauf, Blasentang zum Beispiel, aber auch Algen – herrlich moosig anmutend und wunderschön grellgrün. Das ist wunderschönste Natur!  

Wir badeten jeden Tag gern und viel zusammen. Frauchen lieber noch als Herrchen, denn sie kühlte und bewegte gleichzeitig ihr kaputtes Knie beim Schwimmen! Zum Spielen hatte sie darum leider – im Gegensatz zu sonst – wenig Muße, schaute Herrchen und mir aber gern dabei zu und lächelte. Ach, diese dusseligen Menschen mit ihrem viel zitierten, „aufrechten“ Gang! Von wegen aufrecht … Frauchen, das kann man so sagen, liegt ständig mit beiden Beinen auf ihrer Schnauze.

Er warf jedenfalls immer wieder mit Schwung vom Steg aus mein Bällchen oder den tollen Schwimmknochen ins Wasser. Dieser sieht zwar schwer aus, ist es aber nicht, trotzdem wirkt er, wie zwei Nummern zu groß – total witzig. Wenn ich mit diesem großen, hantelartigen Teil in der Schnauze, wieder aus dem Wasser heraus wollte, kamen natürlich auch die anderen Hunde angelaufen, um ihn für sich zu beanspruchen und sie rannten mich beim jagenden Spiel nach dem Hantelknochen, bald um. Ich gab mich großzügig, was solls, waren doch die meisten von ihnen, viel stärker als ich! Doch Stärke allein reicht nicht. Im Zugriff effektiv, wendig und schnell, überraschte ich jedes Mal wieder meine großen Kumpels und auch deren Menschen, die gleich wieder wissen wollten: „Und was ist Ihre für ‘ne Rasse?“ Nur ein Berliner stellte angesichts meiner wilden Sprünge nüchtern fest: „Die Kleene macht Agility, wa?“

Kaum einer kennt Kromfohrländer, doch dieser Herr aus der Hauptstadt, der kannte sich anscheinend aus! Ja, viele meiner Kumpels machen tatsächlich mit ihren Leuten „Agility“, was eine Sportart ist! Dabei laufen Hunde mit ihren Menschen gemeinsam über Sportplätze, wobei allein die intelligenten Hunde allerlei Hindernisse auf Anweisung ihres Menschen zu überwinden haben und hierbei durch Lebens- und Lauffreude, Schnelligkeit und Ausdauer zu überzeugen wissen.

An der Ostsee traf ich viele tolle Hunde, doch zu meiner größten Freude stand plötzlich Willi vor mir, ein entfernter Verwandter aus meiner Kromi-Familie. Ich mag ihn sehr. Wir erkannten uns schon von weitem an unseren poppigen Frisuren und der ausgesprochen wichtig erscheinenden, tief schwarzen und etwas zu großen Nase, im bärtigen Gesicht. Willi sieht auch nass toll aus! Wenn mein Fell nass ist und ich mich mit Freude im Sand gewälzt habe, sehe ich leider aus, wie ein panierter, bereits sehr betagter und alter Hund von der Straße. Ein ganz liebenswerter zwar, das möchte ich an dieser Stelle betonen, aber eben sonderbar. Denn unterm Bauch hängen meine zarten Haare dann wie Fransen eines alten, mottigen Teppichs und das Wasser tropft von ihnen unlustig herab. Dunkle Punkte werden an den Beinen deutlicher sichtbar, die man kaum sieht, wenn ich trocken bin. Auch meine Barthaare, sonst das Besondere an mir, kleben in nassem Zustand seitlich angeklatscht an beiden Backen und meine Rute sieht aus, wie eine dünne Strippe, von der es ebenfalls tropft.

Ich behaupte, alle Hunde sind liebenswert, egal, wie sie aussehen. Sogar Katzen sollen ja viel netter sein, als ich annehme, dass sie es sind – jedenfalls, wenn ich meinen Menschen Glauben schenken darf. Und so wanderten wir immer wieder glücklich an verschiedenen Stränden entlang und meine Leute gaben anderen Leuten, mit oder ohne Hund, immer wieder bereitwillig Auskunft über mich, wenn sie gefragt wurden. „Ach, Ihre Hündin ist ja so drollig und so lebendig, wie reizend!“ Als wenn ich etwas Besonderes wär; dabei war ich einfach nur überglücklich. Jeder ließ es sich ja auch auf seine Weise gut ergehen!

Baden, flitzen, buddeln und nie stille stehen, daraus bestand mein Programm – sitzen, lesen, rauchen, laufen, laufen, Steine mit Loch finden, sich bücken und weiter laufen, und sich ab und zu beim Lesen, ein Bierchen genehmigen, – das war Seins. Damit wären wir beide, mein Herrchen und ich, diese 15 Ferientage völlig zufrieden und richtig gut ausgelastet gewesen. Wenn nur unser Frauchen nicht wär. Andauernd hielt sie ihre schnuppernde Nase auf den Boden gerichtet, schlimmer als ich es tu! Die ist immer am Sammeln und findet überall etwas, wo auch immer und bummelte auch diesmal wieder trödelnd vor sich hin – total rücksichtslos – so dass wir ständig auf sie warteten. Und dann musste er ihr auch noch helfen, ihre schweren Beutel nach Hause zu schaffen, weil sie ihr dickes, mit einer orangefarbenen Binde versehenes Knie, schonen musste, weshalb er leider kaum noch einen Nerv für meine Belange übrig hatte.

Ich finde ja, sie nimmt sich manchmal viel zu wichtig.

Nach dem Sturm war es anscheinend besonders lohnenswert den Blick nach unten gerichtet zu halten. Da schaute Frauchen kaum auf und suchte die Kieselschwemme am Strand nach irgendetwas Bestimmten ab, anfangs wusste ich nicht, wonach sie eigentlich so intensiv Ausschau hielt. Nicht lange und ich sollte schließlich erfahren, was es so Interessantes im Sand, zwischen herumliegenden Muscheln und Steinen, zu finden gab.

Leider musste ich draußen bleiben und wartete im Auto, weil die Beiden in ein Museum hinein gingen, in das Hunde nicht durften. Doch als meine Leutchen wieder heraus kamen und sich so heftig über etwas, anscheinend sehr Wichtiges unterhielten, dass sie mich auf meiner Hundefänger-Rücksitzbank völlig vergaßen, da wusste ich sofort, da kommt noch was! Sie redeten über Steine, doch das tun sie ja eigentlich im Urlaub immer. Sogar dem müffelnden Blasentang gewannen die etwas Gutes ab, weil sie ihn versehentlich geröstet haben! Noch immer riecht das trockene Kraut tatsächlich beinahe so fein, wie knuspriger Keks und hängt jetzt in der Werkstatt bei Frauchen, als langzeiterfrischender und Erinnerungen wach haltender, Geruchsverbesserer!

Der Grund, warum sie jedoch beide nach der Vitrinenschau im kleinen Museum so gut drauf waren, war der, dass sich dort ihre Vermutung, Tage zuvor am Strand doch tatsächlich uralte, steinzeitliche Gerätschaften gefunden zu haben, bestätigt hatte.

Der Steinzeitmensch, so sagen meine Leute gern, der steckt noch immer in uns!

“Mein Herrchen”, Mara H., damals 9 Jahre alt

Ob das jedoch auch für Hunde (und also auch mich) zutreffend ist, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich allerdings die lustigen Kinderzeichnungen anschaue, die meine Menschen zu Hause zu hängen haben, muss ich in mich hinein lächeln, dann denke ich mir, die haben natürlich wieder einmal total Recht! Menschen sind schon sehr komisch anzusehen und Menschenkinder sind so offen und ehrlich und geben sich ungekünstelt bei der Widergabe ihrer Emotionen. Sie werden in ihrem Bemühen, sich mitzuteilen, nur leider sehr oft nicht ernst genommen oder zumindest missverstanden, genau, wie wir Hunde.

Ich langeweilte mich ein wenig und so ergab es sich, dass ich eine alte dänische Zeitung im Papierkorb unseres Häuschens fand und darin schnüffelte. Herrchen wollte sie benutzen, um den eisernen Ofen damit zu füttern, weil meine Leute es sich bei einer Tasse Tee im Schein der Petroleumlampe schön warm und gemütlich machen wollten, denn draußen regnete es zu diesem Zeitpunkt Strippen. Das alte, lütte Haus ist aber sehr liebevoll eingerichtet, es machte uns daher nichts aus, auch mal drinnen zu verweilen. Es ist ein stilles, in zarten Grüntönen gehaltenes Haus mit blauer Eingangstür. Die wohl abgestimmten Farben schützen seine hölzerne Seele und erinnern mich jedes Mal wieder, ein bisschen an zu Hause. Früher stand das Häuschen einst woanders und gehörte einer kleinen, alten Frau (natürlich!) mit Hund. In den 60-iger Jahren wurde es an der einen Stelle ab- und an anderer Stelle 2008 neu aufgestellt (mit Häusern aus Holzfachwerk ist das möglich). Die neuen Besitzer achteten darauf, all die liebenswerten Details von damals, zu erhalten.

Und weil diese freundlichen Menschen Hunde mögen, liegt immer, wenn wir uns angemeldet haben, ein runder Teppich für mich bereit. Eine Leihgabe ihres eigenen Hundes Cito.

Darauf saß ich und stellte entzückt fest, dass mir aus meiner Zeitung ein bezaubernd schönes Mädchen direkt in meine Augen sah. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden von ihr. Frauchen las den Text zum Bild noch schnell vor, bevor das Papier in Flammen aufging. Dem Bericht zufolge gab es 2019 einen bedeutenden Steinzeitfund auf der Insel Lolland, im Süden Dänemarks. Das Mädchen, deren DNA in einem damals gekauten, schwarzen steinzeitlichen „Kaugummi“ bis heute überdauerte, nannten die Forscher deshalb auch „Lola“. Anhand von Lolas Daten waren sie in der Lage das schöne Gesicht und auch das schwarze Haar dieser jungen Frau, zu rekonstruieren. Birkenpech, das die Menschen damals kauten, enthielt Stoffe, die anscheinend der Zahngesundheit dienlich gewesen sind. Genau diese entzündungshemmenden Stoffe sorgten dafür, dass die DNA bis heute erhalten blieb und verraten den Archäologen sogar darüber hinaus, einiges über die damals im Umlauf befindlichen Krankheiten.

Woran war sie wohl gestorben? Abends dachte ich in meinem Körbchen noch lange an sie und ihre wunderschönen, blauen Augen. Sie erinnerten mich ein wenig an Sky, meine Huskyfreundin aus der Hundeschule … blaue Augen, so blau wie der Himmel und ich laufe und laufe … 

Hündchens Traumreise in die Steinzeit:

und wir haben Spaß und befinden uns an einem Strand mit ganz feinem Sand. Überall liegen schönste Steine zusammen mit kleinen, silbrig glitzernden Fischchen im Sand. Als meine Leute später und recht müde vom vielen Suchen und Finden, auf einer Restaurantterrasse Platz nehmen und ihre gewichtigen Rucksäcke abstellen, dämmert es bereits. Sie bestellen sich frischen Fisch und fressen nach meinem Dafürhalten an diesem Abend viel zu viel, ohne groß an mich dabei zu denken. Sie sind rundum mit sich zufrieden, schauen auf das Meer und genießen die letzten Sonnenstrahlen und trinken rosafarbenen Wein, der farblich zum Abendhimmel passt. Ich bekomme natürlich wieder nur das Übliche hingestellt!

Ich beobachte derweil die flinken Uferschwalben, wie sie auf Mückenjagd hin und herfliegen – wie auf einer „Achterbahn“ – rauf und wieder runter und immer gemeinsam mit ihren Jungen. Ich sehe, die kleinen Schwalben werden sogar in der Luft gefüttert! Plötzlich packt es mich und obwohl wir Kromfohrländerhunde angeblich – so heißt es jedenfalls in Fachkreisen, – nur wenig Jagdtrieb vorzuweisen haben, entwische ich meinen Menschen in einem unbeobachteten Moment, weil sie mich nämlich am anderen Ende der Leine, ihr feines Fresschen genießend, total vergessen haben. Und weil die schnellen Schwalben einen Steilhang ganz oben bewohnen folge ich meinem Bedürfnis, ihnen hinterher stürmen zu wollen, und ich renne über die kleinen Fischchen im Sand hinweg den steilen Berg hinauf – so schnell mich meine Beine tragen können.

Die Leine gibt nach, doch sie bemerken meine Flucht zu spät. Ich rempele eine dicke Dame um, sie stürzt, ihr wird aber sogleich geholfen, doch niemand nimmt von mir Notiz. Oben angekommen, bin ich plötzlich für alle sichtbar. Von unten krähen jetzt beide – Er und Sie – erfolglos zu mir hinauf und sie fuchteln mit ihren Ärmchen wie wild in der Luft herum, doch ich höre sie nicht. Zu interessant ist dieser Egotrip, und ich fühle mich groß und stark wie nie zuvor! Leinenpflicht? Was geht mich das an? Meine Menschen stehen mit einiger Verzweiflung im Blick und sorgen sich, nicht nur um mich. Andere Leute schauen ebenfalls zu mir auf und wieder wollen einige von ihnen wissen, was ich denn wohl für ein aufgeweckter und draufgängerischer, kleiner Hund sei! Ja was wohl für einer?

Ein Jagdterrier natürlich!

Obwohl ich gut trainiert bin komme ich an die Nisthöhlen der Schwalben leider nicht heran; ich finde aber ein Loch im Hang, groß genug, um hinein zu schlüpfen … und bin plötzlich in einer Höhle, dunkel, feucht und kühl. Darin am Ende des Tunnels, eine Grube und in der Grube viele Steine und alte, leider bereits von jemand anderem, gut abgenagte Wildtierknochen mit Zähnen daran. Auch scherbene Reste und kleine Skulpturen finde ich und rufe nun meinerseits nach unten um Hilfe. Ich belle laut, ja ich kläffe ganz aufgeregt! Und schieße in Windeseile den Steilhang wieder hinunter. 

Manche Leute halten jetzt vor Schreck gar die Luft an.

Was habe ich da bloß gefunden?

Ein halbes Gesicht aus Stein! … das kommt mir irgendwie bekannt vor, denn halbe Gesichter trägt Mensch jetzt! Wobei die untere Hälfte mit einem Lappen aus weichem Stoff bedeckt wird, nur die obere bleibt frei! Alles wegen Corona. Das Ding, das ich gefunden habe, ist offenbar auch zum Binden, denn es hat Löcher an beiden Seiten. Das Teil ist total gut erhalten! Menschliche Züge sind erkennbar; so zum Beispiel eine breite Wulst für die Nase mit vielen, ganz winzigen Löchern darin, in denen – sehr eigenartig – Moos oder anderes Pflanzenmaterial steckt.

Auffindesituation

Dort, wo ein Mensch, dort auch ein Hund, denke ich bei mir.

Und ich suche also nach einem Maulkorb aus Stein von dem besten Freund dieses Menschen. Doch leider bleibt die Menschenmaske aus gebranntem Ton das einzige benutzbare Stück, das ich finde. Sehr schade. Mein Frauchen lobt mich trotzdem und sie ist total happy, denn Keramik ist ihr Spezialgebiet! Die Schnüre und Bänder, die auf der Maske umher mäandern, geben ihr Hinweise auf das Alter dieses Dings, dessen Entstehungszeit einen ganz bestimmten und der netten Verzierung entsprechenden, erklärenden Namen trägt. Sie spricht von Gebrauchsgegenständen aus der „Trichterbecherkultur“ und erwähnt die Periode der „BandKNOPFkeramik“ – soso, Knöpfe gab es damals also auch schon!?

Der Sonnenuntergang zieht sich hin und mein Frauchen bemüht sich schließlich in der Absicht, über die Steinzeit mehr Erkenntnisse gewinnen zu wollen, voller Hochachtung und mit einem sogenannten „Schlagstein“ bewaffnet darum, einem dieser besonders dicken Feuersteine, die am Strand herumliegen und lange Schatten werfen, ein „Gesicht“ zu geben – und scheitert hierbei erst einmal gewaltig. Der blöde Stein macht nicht, was er soll, er zerspringt trotzig und unkontrolliert in unterschiedlich große und kleine, sehr scharfkantige Steinsplitter. Vorsichtshalber sammelt sie diese alle ein, damit sich niemand daran verletzen kann. Inzwischen ist es ganz dunkel geworden und die Sterne leuchten über uns … 

Als ich es nahe am Wasser laut miauen höre, wundert mich das; sind denn Katzen nicht eigentlich wasserscheu?

Plötzlich bin ich hellwach! Tatsache, da ist sie ja endlich wieder!!! …  etwas fülliger und dreister noch als im letzten Jahr – aber sie ist es, eindeutig! Schließlich geht die Katze über die Wiese und hinein ins Gebüsch und sie scheint mich anzugrinsen – doch die Frage bleibt; wie haben die Steinzeitmenschen nur so präzise sein können? Wie haben die das fertig gekriegt, mit einfachsten Mitteln so derart spröden Steinen ihr Geheimnis abzulauschen, ohne konkret über physikalische Zusammenhänge und chemische Vorgänge Bescheid zu wissen? Über wieviel kreatives Denken und mutiges Handeln haben diese frühen Menschen bereits verfügt! Und wieviel Zuversicht und eventuell sogar Humor brachten sie auf, um erfolgreich in ihrer Welt zu überleben!

Er fand am nächsten Tag doch tatsächlich eine steinerne Spitze mit einem Steg daran, an welchem anscheinend zur damaligen Zeit, wo sie einst zum Einsatz gelangte, ein Ast oder ein Knochen mit Birkenpech befestigt worden ist, sodass ein schneller Speer oder ein Pfeil daraus wurde. Auch ein größerer, flacher Stein, der ein „Beil“ gewesen sein könnte, lag zwischen anderen Steinen nahe am Hang. Nicht so recht glauben wollend, was er da gefunden hatte, reichte Herrchen den Stein an Frauchen weiter. Die Struktur der Oberfläche solcher Steine ist immer eher ungewöhnlich und manche Stücke liegen darüber hinaus, auch außergewöhnlich gut in der Hand – das ließ sie stutzig werden! So zum Beispiel auch kleinere „Klingen“, welche eventuell einst dazu dienten, Tierhäute vom Leib der Beute abzuschaben, genauso, wie es Jäger auch heute noch tun, damit das Fell als Ganzes, möglichst gut erhalten bleibt! Die ursprünglich sehr scharfen und sichtbar „geschliffenen“ Schnittkanten spürt man noch heute. An seinem unbehandelten und naturbelassenem „Griff“ hielt man den Stein, um mit ihm zu arbeiten.

Das Gefühl, hier etwas Wichtiges gefunden zu haben, war so überdeutlich, dass sie die schlichten Steine an sich nahmen, ohne zu diesem Zeitpunkt Genaueres über ihre Funktion zu wissen.

Ergonomisch geformte und von daher ganz offensichtlich einem Zweck dienliche Gerätschaften, so dachten sie, müssen das sein. Und sie hatten anscheinend Recht! Mehr als 100.000 Jahre alte, aus dem Neolithikum stammende, prähistorische Produkte von Menschen hielten sie da in ihren Händen! Feuerstein ist sehr haltbar und er überdauert im Meer Millionen von Jahren ohne Schaden zu nehmen. Was wir heute noch finden sind vor allem die beiden Grundformen „Kern“ und sogenannter „Abschlag“, also Steinfragmente, deren gerade Kannten von menschengemachter Bearbeitung zeugen.

Frauchens Hirnströme leuchteten jetzt nicht nur im Dunklen, sondern sogar im Hellen total feurig und für uns beide, mich und mein Herrchen, gut sichtbar auf. Diese Feuersteinfunde aus der Zeit der Anfänge aller menschlichen Zivilisation mit ihren „Schlagmerkmalen“, die Naturbruch ausschlossen, beschäftigten sie und warfen Fragen in ihr auf. Während sie darüber nachdachte, woher wir kommen und wohin wir gehen, drehte sie einen kleinen Faustkeil in schönstem Schwarz, obsidian glänzend und somit fast als „edel“ zu bezeichnen, in ihrer Hand. Was wäre wohl geschehen, wenn die Menschen sich damals nicht so dermaßen klug angestellt und diese Werkzeuge und Waffen erfunden hätten? Gerätschaften, die die Vorläufer der Industrialisierung werden sollten! Der Menschen Vorfahren lebten noch im Einklang mit den Naturgewalten, deren Ideenreichtum zur Bezwingung derselben, muss man aber mit dem Wissen von heute, als den Anfang allen Übels, das die Menschen über viele Epochen hinweg auf der Erde anrichteten, bezeichnen.

ca. 5000 Jahre alte, prähistorische Steinzeitmaske

Alle Probleme, mit denen der heutige “Homo sapiens” des Anthropozän sich zu beschäftigen hat, nahmen also in der Steinzeit bereits ihren Anfang … Ackerbau und Viehzucht ließen die frühen Generationen von der Jagd unabhängig und sesshaft und damit auch bequemer werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen entwickelte sich allmählich das heraus, was „menschlicher Fortschritt“ genannt wird. Sie domestizierten und optimierten ihre Tiere die, anfangs nur Begleiter, später zu Fleischlieferanten werden sollten. Eigensinnige Wölfe erzogen sie um zu braven, angepassten Hunden, wie ich einer bin und aus angriffslustigen Säbelzahntigern, machten sie schmusige Stubenkätzchen!

Relikte frühester menschlicher Tätigkeit

Darüber grübelte Frauchen lange und setzte sich dann, mitten in der Nacht ruhelos und nicht schlafen könnend auf und schrieb ihre Gedanken nieder, wobei sie mir anscheinend auch beim Träumen zusah und aus den Zuckungen, die meine Beine vollführten, ihre Schlüsse zog. Seinen Schlaf hingegen, kann nichts stören. Selbst der heftigste Sturm, so wie der, der in der eingangs erwähnten Nacht unser kleines Haus attackierte und an seinen Fenstern und dem Strohdach rüttelte, pfiff und fauchte, störte mein Herrchen nicht – er schnarchte einfach friedlich weiter.

Muscheln, Seetang und Steine wurden dabei durcheinander gewirbelt, so dass alles, sich im Wasser und am Strand Befindende, einen neuen Platz zugewiesen bekam. Aus heutiger Zeit stammende und nach Ansicht meines Frauchens ebenfalls „schönste“ Dinge wurden, neben unglaublich viel abgerissenem organischem Material, welches überall herumlag, zutage befördert; abgerundete und vom Meer hin und her bewegte und von den Wellen geformte, in ihrer Textur weicher als Flint veranlagte, Ton- und Ziegelsteine zum Beispiel. Auch diese sind ungewöhnlich und sind Relikte, die von jüngerer, menschlicher Tätigkeit berichten. Rund geschliffene und wie vom Leben gezeichnete Formen mit mehr oder weniger weichen Konturen – Metaphern auf menschliche Biographien – und reichlich Material für ihre Arbeit zu Hause, das sich Frauchen – was sonst – natürlich mit nach Hause nahm!

Das Opel-Combo-Auto, das sie liebevoll ihren “Esel” und wegen der einladenden Türe hinten, “Hundefänger” nennt und das seit über 15 Jahren all diese ungewöhnlichen und schweren Lasten ohne zu murren trägt, bräuchte eigentlich einen eigenen Blog, nur für sich. Genau, wie das alte Sofa.

Maren Simon am 14. und 22. September 2020

 

Nicht alles, was der kleine Hund träumte, entspricht der reinen Wahrheit und darf getrost als JAGD-Terrier-LATEIN belächelt werden, schließlich lebt ein interessanter Bericht nicht zuletzt von dem, was offen und ein Geheimnis bleiben darf! … genau, wie die Lügengeschichten eines Baron Friedrich von und zu Münchhausen.

Jørgen Riecks archäologische Sammlung gibt es aber wirklich. Sie entstand innerhalb eines Zeitraumes von 60 Jahren privater Sammelleidenschaft und beherbergt 50.000 Gegenstände aus dem Altertum, darunter auch Knochen und eine uralte menschliche Hirnschale; Relikte vergangener Zeiten, die man sorgfältig aufbereitet und mit erklärenden Texten versehen, in Vitrinen bei freiem Eintritt, bestaunen kann.

Adresse: Egebjergvej 4 in 6430 Nordborg, Dänemark

prähistorische Maske aus geschlagenem Flintstein

21. September 2020

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Angekommen

Bin lange still geblieben, aber ich habe einfach viel zu viele „Haltestellen“, die von mir gedanklich bedient werden wollten und an denen ich mich längere Zeit aufhielt, um zu verweilen. „Stillstand“ heißt daher für mich nicht dasselbe, wie für andere Leute, die entsprechend darunter zu leiden haben. Ich dachte vielmehr in den letzten Monaten intensiver darüber nach, wohin ich mich entsprechend meines Alters, künftig bewegen will und weniger daran, was von mir erwartet wird. Wir werden nicht jünger – an seinen Mitmenschen erkennt man, dass dem unweigerlich so ist.

Ilse Koppe feierte am 30. Juli 2020, ihren 95-igsten Geburtstag.

Ich bewundere einfach, wie die alte Dame an jedem Tag nach draußen geht, um sich in Bewegung zu halten. Aufrecht geht sie, trotz und mit dem Rollator, den sie braucht, seit sie mit dem Fahrrad vor ein paar Jahren, einen Unfall erlitten hatte. Gleich vormittags sind wir rüber, um zu gratulieren. Es freut mich jedes Mal, wenn ich sie sehe, denn Ilses vertrautes Gesicht hat sich kaum verändert, es ist noch immer so schön, wie vor bald 30 Jahren, als wir uns kennen lernten. Irgendwann verspürte ich das dringende Bedürfnis sie zu portraitieren und weil wir uns nah sind, gelang mir das auch, worüber ich heute sehr dankbar bin. Zu ihrem Ehrentage kamen viele – es war ein einziges Kommen und Gehen – während die betagte Dame bescheiden lächelnd, sämtliche Glückwünsche und Blumengebinde entgegen nahm. In Würde so alt zu werden wie sie, das ist nicht jedem vergönnt. Darum hoffen wir auf ein weiteres, sonniges Lebensjahr und möchten unserer lieben Nachbarin alles Gute dafür wünschen.

“Meine Nachbarin Ilse”, 2018

Ich spüre, dass nicht nur ich mein inneres Betriebssystem „heruntergefahren“ habe, um jene – das Leben hinterfragenden Gedanken – wirkungsvoll zu optimieren. Auch andere meiner Generation tun es. Sie trennen sich zurzeit bereitwilliger als noch vor Monaten von vielem, was überflüssig geworden ist und Luxus genannt wird. Und sie stellen sich notwendiger Weise auf kürzere Wege ein. Ilse hat ihre Familie ganz dicht bei sich, ihre Familie ist groß. Heute driftet man der Arbeit wegen aber immer weiter auseinander, wie die Kontinente auf unserem Planeten. Für uns „Alte“ von morgen sind daher weniger die Familie, als intakte Freundschaften wesentlich wichtig.

Unser Sohn zum Beispiel wird die nächsten Jahre in der Schweiz zubringen. Ich bin zwiegespalten, denn ich freue mich für ihn und Stolz erfüllt mein mütterliches Herz … doch trauere ich auch darüber, ihn künftig so weit entfernt zu wissen! Es gehört zum Berufsbild des Wissenschaftlers dazu Stationen im Ausland zu absolvieren. Freuen wir uns also über ein dazugewonnenes, neues Urlaubsangebot! Bei aller gebotenen Distanz kann auf liebende Weise jeder noch so große Abstand zueinander „gefühlt“ auch entsprechend minimiert werden! Umgekehrt bedingen ja mitunter auch geringere Abstände, nicht automatisch echte Nähe. 

Weshalb man sich vielleicht sogar manchmal vor Übergriffen schützen muss. „Corona“ half mir dabei, die eigenen Belange endlich wichtiger zu nehmen, weil sie auch bei mir deutlicher zutage traten. Ich wollte Respektlosigkeit nicht mehr einfach so hinnehmen, egal, wo auch immer sie mir begegnete. Ich zog Grenzen und verteidigte sie. Wer den Bogen überspannt, der weiß meist sehr genau, warum er das tut. Sanftes Dagegenhalten gegenüber Menschen, die sich selbst für schlau und andere für dumm halten – stellt auf Dauer jedoch keine zukunftsfähige Option dar. „Corona“ erteilte mir eine ganz wichtige Lektion darin, mich deutlicher noch in Durchsetzungsfähigkeit und in Selbstachtung üben zu müssen.

Geben und nehmen im Wechsel, so muss es sein.

In diesem Jahr stimmt die Mischung. Allgemein feuchter als die letzten Jahre, gibt es am Himmel immer wieder Wolken zu sehen! Ich empfand es fast schon als unheimlich, wie strahlend und mediterran kühl – ohne eine einzige Wolke am Himmel – sich das Himmelzelt im letzten Sommer wochenlang in Eisesbläue über der Landschaft wölbte. Dies Jahr wechseln sich Regen und Sonne ab und somit bleibt die stressige Überhitzung der Erdoberfläche erfreulicher Weise aus, denn eine Dunstglocke über der Landschaft behindert ein Zuviel an Sonnenlicht. Oberflächlich betrachtet scheint also alles gut zu sein.  

Die Pflanzen „stöhnen“ trotzdem. Mich erfreut darum besonders, wofür kaum einer echte Begeisterung aufbringen kann; so zum Beispiel im Monat Juni, Blühendes am Fahrbahnrand, das offensichtlich bewusst vom Straßenpflegedienst verschont worden ist. Manchmal handelte es sich nur um eine kleine, stachelnde Insel mit wunderbar, in kraftvollem Blau blühenden Natternkopfgewächsen. Mir erschien es wie ein “Statement”, wenn aus ansonsten sauber abgemähten Flächen, solche Inselchen herausragten.

Ein Zeichen der Vernunft!  Ein einzelner, naturliebender Mensch kann nämlich viel bewirken!

Auch auf sämtlichen Ackerteilstücken und den Rändern von Feldern durften in diesem Jahr allerlei Wiesenblumen und Gräser auf sogenannten „Blühflächen“ gedeihen und es blühte so artenreich, dass ich mich an die Tage meiner Kindheit erinnert fühlte. So ein schöner Anblick – als alles gleichzeitig blühte! Auch andere Menschen stellten ihr Auto am Straßenrand ab, um ganz bewusst eine Pause für ein Foto mit ihrem Handy zu machen und begaben sich hinein in bunte, temporäre Oasen – oft in Familie und gemeinsam mit den Kindern. Auch in unserer Nähe blühte, sozusagen direkt vor der Haustür, in diesem Jahr der Klatschmohn ausgesprochen üppig und so reichlich, wie noch nie. Das Feld lag den Winter über brach und war nicht beackert worden, so konnten sich die Pflänzchen bestens entwickeln!

Eine andere insektenfreundliche „Blühfläche“, welche den Obstpanoramaweg in Plötzin begleitete, konnte man ebenfalls nicht übersehen. Ich beobachtete ihr Farbspiel, ging mal vormittags in die Wiese hinein, mal am späten Nachmittag und nahm gezielt die unterschiedlichen Stimmungen wahr, die mit dem Stand der Sonne variierten. So tauchte ich auch eines Tages kurz vor Sonnenuntergang ein in diese, von Menschenhand gestaltete und im Gegenlicht geheimnisvoll wirkende, krautige Natur und konnte mich kaum satt daran sehen! Eigentlich hatte ich mich über Kleinigkeiten geärgert, die mir zu schaffen machten, als ich nach getaner Arbeit daran vorbei kam und anhielt.

Die negativen Gedankenmuster verflüchtigten sich aber ganz schnell. Denn ein Chor von Grillen zirpte in diesem kleinen Biotop und viele Fluginsekten waren unterwegs und die Fülle der saftigen Stängel, durchsetzt mit unzähligen, transparenten und vom rötlichem Lichte durchfluteten, zartesten, vielgestaltigen Blütenblättern in sämtlichen Farben, sich windenden Ranken und haarigen Blättchen daran – all das wirkte unter Zutun der vielen Spinnen, die ihre glitzernden Fäden überall an den Halmen festgezurrt hatten, derart bizarr – dass ich es hier an dieser Stelle, als ein faszinierendes, „göttliches“ Spektakel, beziehungsweise als ein einziges „Gesamtkunstwerk“, bezeichnen will!

Inzwischen ist diese schöne, ehemals eifrig blühende Wiese, zu einer knisternden Samenschleuder geworden und ihr eher struppiges und trockenes Erscheinungsbild gefällt bei Weitem nicht jedem. Doch ist Natur nie das eine oder das andere, sondern immer alles zusammen! Nur der Ungeübte findet „hässlich“, was einem natürlichen Ablauf folgt und abstirbt, wenn seine Zeit gekommen ist. Man bedenke, auch Menschen sind in der Blüte ihrer Jahre attraktiv, allein, weil sie jung sind. Aber Schönheit wandelt sich. Man bleibt nicht das, was man gerne sein wollte! Kein Chirurg, Fitnesstrainer oder Zahnarzt wird die Spuren des Alters vertreiben, sondern diese nur mildern, beziehungsweise aufwendig restaurieren können. Dann sind die inneren Werte gefragter denn je, weil nun einmal „ab Fünfzig jeder selbst für sein Gesicht verantwortlich ist“, weil dann die Boni der Jugend fast alle aufgebraucht sind…

Frau Dr. Anneliese Hübscher – zu meiner Zeit Professorin für Kunstgeschichte an der HGB in Leipzig – machte einst diese Feststellung. Während ihrer Vorlesungen lachte sie sehr häufig so gewinnend und herzhaft aus tiefster Kehle, dass die Studentenschaft einfach mitlachen musste. Ihr sympathisches Lachen wurde auf diese Weise zu ihrem Markenzeichen, denn oft hörten wir sie bereits auf dem Flur zum Vorlesungsraum entlang kommen, bevor wir sie überhaupt sehen konnten.

Knistern in Verbindung mit Pieken und Kratzen – so lässt sich eine gealterte Wiese charakterisieren. Gut, wenn das Stückchen Natur unangetastet bleiben darf, damit die Samen reifen können und sich die Wiese reproduzieren kann. In ihren Hülsen überdauernde, letzte Samen, bilden eine begehrte Winternahrung für allerlei Getier und die vertrockneten Stängel bieten Zuflucht. Im Herbst wird das wilde Erscheinungsbild dann wieder sanfter, wenn nämlich der Bodennebel die spröden Halme förmlich mit einer Art „Weichzeichner“ versieht. Doch am apartesten wirken die Samenstände bei Frost! Jedes noch so kleine Härchen bekommt dann eventuell seine Chance auf den großen, glitzernden Auftritt.

Man kann es nicht sehen, wenn man als Kind nie wirklich „Sehen“ gelernt hat und als Erwachsener später dann, nicht zu schätzen weiß wie breit der Begriff „Schönheit“, sich fächern lässt. Das scheint zuerst nicht weiter schlimm, stellt aber in meinen Augen einen erheblichen Mangel der Persönlichkeitsbildung dar. Ist das der Grund, weshalb jemand seinen Berg mit Renovierungsmüll am Rande der Plötziner Wiese ablud – zu seinem schnöden Vorteil und auf Kosten der Natur? Es liegen jedenfalls Sachen dort herum, die eigentlich auf eine Sondermülldeponie gehören; ehemals dämmende Steinwolle zum Beispiel. Der Anblick von dreckigen Plastikplanen und leichten Styropor-Plastikplatten, die herrenlos umherfliegen und vom Winde auf die Straße und auf anliegende Grundstücke verweht werden, stört mein Schönheitsempfinden jedenfalls gewaltig.

Die Kontaktsperre und Isolierung der letzten Monate hatte auch vermehrte Naturaufenthalte von Menschen zur Folge, die sich wahrscheinlich ansonsten nicht für Wälder und Wiesen begeistern können. Ich habe das Gefühl, den einen oder anderen brachte es erst auf die Idee, seinen Unrat in die Landschaft zu kippen. Der begegnet mir auf meinen Wegen nämlich überall, auch im Lehniner Seengebiet. Dort haben augenscheinlich Angler – die doch eigentlich Naturfreunde sein müssten – davon gehe ich zumindest aus – an einer versteckten Stelle unglaublich viel Plastikscheiß und ekligen, organischen Abfall hinterlassen, dass ich mich schon frage, wieso die nicht zu Hause bleiben. Was treibt ausgerechnet diese Leute in die Natur?

Der Zauber von Werden und Vergehen jedenfalls nicht. Und auch nicht das Spiel der Jahreszeiten.

Lieber lebt man von einem Augenblick zum nächsten, im sogenannten „Hier“ und „Jetzt“. Das macht es leicht sich aller Unannehmlichkeiten zu entledigen. Was die Alten noch schätzten und welche Überlebensstrategien sie im Einklang mit der Natur für sich zu nutzen wussten, interessiert den Durchschnittsmenschen von heute wenig – anfällig und abhängig wie er deshalb ist – wirkt Corona hier ernüchternd, wie ein „Brennglas“ und fokussiert genau dorthin, wo es am meisten wehtut.

Mein Strauß

Ich habe solch eine Stelle auch. Saß in gewisser Weise einem “Bären” auf und glaubte, dass allein meine Arbeit, also das Werk, zählen würde. Doch inzwischen weiß ich, es sind die Beziehungen und die Einhaltung der Rangordnung, die wichtiger sind. Ich fand mich ständig äußerst unbequem „zwischen allen Stühlen“ – in Leipzig/Potsdam/Berlin sitzend – wieder und wunderte mich, nirgendwo anzukommen … sah mich jedoch der Gefahr ausgesetzt, sollte ich versuchen wollen in eine bestimmte Richtung zu tendieren, dass mir dabei mein Rückgrat bricht. Die Aussichten gegen seinen Charakter, in meinem Fall einen spröden, etwas  ausrichten zu wollen und dabei unbeschadet zu bleiben, sind gering.

Ich bleibe inzwischen gelassener, denke mir, innerhalb vieler aufgereihter, unterschiedlichster „Stuhlrichtungen“ kann es auch klüger sein, auf keinem (!) sitzen zu wollen, nur, um auf diesem dann, zu vertrocknen! Und ich sehe stattdessen also nun die Notwendigkeit ein, mir meinen eigenen “Sessel” aufzustellen. Situationen und Umstände bringen einen manchmal dorthin, wo man nie dachte, einmal zu sein. Sich nicht dagegen auflehnen, sondern damit umgehen und sich fallen lassen! Anders geht es nicht.

Wer einer vertrockneten Wiese Schönes abgewinnen kann, der ist schon sonderbar. Deshalb lockt mich momentan die Stadt auch überhaupt nicht. Immer öfter ergab es sich daher, nicht nur das Wochenende, sondern einfach so und zwischendurch, einen zusätzlichen Tag in der Woche, mit Mann und Hundekind gemeinsam, irgendwo draußen zu verbringen. Denn auch der Mann ist jetzt viel mehr zu Hause, als früher und er kümmert sich aufmerksam um die technischen Belange seiner Frau, hilft kompetent bei sämtlichen Angelegenheiten, etwa bei Problemen mit dem Computer oder der Wartung der beiden Öfen. Er ist “mein Mann” für alle Fälle und für alles Grobe, hält mir den Rücken frei, sorgt für unser beider Wohl von Leib und Seele und lässt mich meine Arbeit machen.

Ofenbau mit “Paule”

Mein Freibrandofen verfügt nun deshalb auch seit geraumer Zeit über eine neue Tür, wodurch ein leichteres Beladen ermöglicht wird. Wie der Zufall es wollte, lernte Jörn jemanden kennen, der sich als Fachmann und engagierter Tüftler für solch verzwickte Fälle, wie den meinen, erweisen sollte. Beide Männer setzten sich zusammen und lösten das Problem. Innerhalb eines eigenen Textes werde ich zu gegebener Zeit davon noch detaillierter berichten, wenn nämlich der erste Probebrand „mit Tür“, tatsächlich auch gelungen ist. Derzeit baue ich die Objekte dafür.

Über Langeweile können wir also nicht klagen. Es gibt immer etwas zu tun und für gute Laune sorgt unsere Hündin, die uns stets dazu bringt bei jedem Wetter nach draußen zu gehen; so besuchten wir erst neulich eine Kulturveranstaltung mit Musik im Fläming. Sie bekam dabei gleich eine Lektion zum Thema „Konzertbesuch“ erteilt, wobei dem entgegenkam, dass dies im Freien geschah. Pünktchen benahm sich sehr gut und blieb ruhig und „sang“ auch nicht mit, brauchte daran anschließend jedoch Auslauf, denn stillzusitzen ist noch immer die reinste Zumutung für den kleinen, zappeligen Hund. Und so befanden wir uns alle Drei auch an diesem schönen Tage, mal wieder mitten drin, in einer sommerlich bunten, blühenden Wiese.

Es ist derzeit das Beste überhaupt, was wir tun können, nämlich Kultur mit Natur zu verbinden und das, vorzugsweise im ländlichen Raum. Zu meiner Überraschung pflückte sich auch mein Mann einen Strauß. Eigentlich waren es sogar zwei Sträuße; ein eher „praktischer“, bestehend aus blühendem Dill (für seine Einlegergurken) und ein schöner, völlig „nutzloser“ Strauß. Dabei legte er großen Wert auf Blumen, die auch als „Blumen“ erkennbar sind; Malven in dunklem Violett, Ringelblumen in Orange und Kornblumen in Blau, all das in Kombination mit Dill, was für ein schöner Farbklang! Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut! Mein Arrangement war dafür dicker, denn es bestand aus wesentlich mehr “Füllmaterial”, das ich locker und vermittelnd, zwischen die eigentlichen Blumen steckte. Ich mag ja den Borretsch mit seinen vielen Härchen und seinen, mal rosavioletten, mal kräftig blauen Blütensternen – je nachdem wie alt diese sind, variiert nämlich ihre Farbigkeit – besonders gern. Dazwischen arrangierte ich Flohknöterich, Acker-Witwenblume, Johanniskraut und zarteste „Puffärmel“. Die lustigen Blümchen meiner Kindheit, die früher „Teddys Kaffeetisch“ schmückten und eigentlich weniger charmant „Traubenkropfleimkraut“ heißen. Und natürlich durften auch bei mir die aparten, würzigen Dolden von maigrünem Dill nicht fehlen.

Zu Hause angekommen, entließ ich allerhand Sämchen aus meinen Hosenbeinumschlägen, die ich von unserem Flämingbesuch unfreiwillig mitgebracht hatte, hinaus in den eigenen Garten und wer weiß, vielleicht werden sie im nächsten Frühjahr keimen! Während ich hier nun so detailliert über meine euphorisierenden Wiesenbesuche schreibe, kommen Erinnerungen auf und es schieben sich Begebenheiten aus meiner Studienzeit dazwischen, so auch jene, die ich zum Schluss noch erzählen will:

Einige Studenten der unterschiedlichsten Fachbereiche der HGB durften damals, in den 80-igern, nach Tallin reisen. Die Reise war als anspornende Auszeichnung von Seiten der Kunsthochschule gedacht, die auch mir freundlicher Weise zuteilwurde. Wir entschieden uns bei einem Ausflug dazu, Wiesensträuße zu pflücken, um sie an unsere Gastgeber, die uns damals überaus freundlich beherbergten, zu verschenken. Alle befanden wir uns wie im Rausch und pflückten um die Wette … erfreuten uns an den vielen Farben und Formen; diese wunderbar reiche Flora hatte etwas so Üppiges an sich, es duftete um uns herum, das war wirklich ein Erlebnis. Unsere Sträuße sind, jeder auf seine Weise, dann alle wunderschön und einzigartig geworden. Ein jeder hatte seine ureigene Philosophie in seinen Strauß mit eingebunden, in der Absicht, seine künstlerische Eigenart zum Klingen zu bringen! Am Prächtigsten und farblich ganz wundervoll abgestimmt war dann aber nur einer… und der kam ausgerechnet von einem jungen Mann.

Sein Strauß

 

 

 

 

Maren Simon am 3. August 2020

3. August 2020

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Corona-Virus contra Krone der Schöpfung

Tilda-Bisertha Grünemitten, Maren Simon, 2020; Höhe: ca. 60 cm

Die Einführung des BEDINGUNGSLOSEN GBRUNDEINKOMMENS für alle und jeden scheint die Konsequenz der Stunde innerhalb dieser Krise, in der wir uns gerade befinden und wohl noch für längere Zeit feststecken werden, zu sein. Mit der weltweiten Pandemie werden jetzt all die Probleme deutlich sichtbar, die zugunsten einer funktionierenden Wirtschaft, gern herunter gespielt wurden. Dabei ist es erstaunlich, wie humorvoll die Menschen auf der ganzen Welt mit der verordneten Freizeit und der damit verbundenen Quarantäne, umgehen.

Jeden Tag wird man mit neuen Informationen überschüttet, seit ich den neuen Blog begann, veränderte sich so vieles, dass mir manches momentan nicht mehr wichtig erscheint, was ehemals wichtig gewesen!

Nicht unerwähnt lassen möchte ich jedoch den Geburtstag meiner lieben Freundin Tilda, den sie am 13. März beging. Während sich die Viruskrise anzubahnen begann, arbeitete ich nämlich an Tildas Portrait Nummer II, Tilda Nummer I war da gerade fertig geworden. Meine sorgenvollen Gedanken stecken nun in dieser, der zweiten Arbeit, mit drin. Vergleicht man beide Versionen miteinander, könnten sie unterschiedlicher nicht sein! Ganz spontan entschied ich zu Beginn des Jahres, die Freundin zu porträtieren, nicht ahnend, wohin diese Reise gehen würde.

Beide sind wieder unter Verwendung von Scherben entstanden. Die erste Tilda ist die schönere, die feinere von beiden. Nummer zwei, unter dem Einfluss von Covid-19 aufgebaut, wurde eher humorvoll „anders“. Wie zur Bestätigung dafür, lachte mein lieber Mann lauthals los, als er die verstört erscheinende, zweite „Tilda“ mit ihrer „geborstenen Frucht“, auf meinem Werkstatttisch stehen sah. In vereinter Kraft bugsierten wir die sensible Arbeit kürzlich in meinen Ofen. Das Problem bei meinen Scherbenplastiken besteht darin, jenen Moment ganz genau abzupassen, da in der jeweiligen Arbeit noch etwas Feuchte steckt – nur so viel, dass diese fragilen Objekte beim Heben und Abstellen nicht bröseln.

Lachen hilft uns gerade sehr dabei, gesund zu bleiben.

Liebe Freunde und liebe Menschen an unserer Seite sind uns in dieser Zeit des Abstandes voneinander, besonders wichtig. Wir kennen und schätzen uns schon eine ganze Weile, doch leben wir leider alle etwas zu weit entfernt von einander, als das wir uns, selbst in guten Zeiten einfach so, mal schnell besuchen kommen könnten, was wir wirklich zu gern täten!

Weil das anscheinend andersherum ebenso ist und unsere lieben Freunde an uns denken, erfreut man uns mit Päckchen, darin Schutzmasken aus der Knape-Textil-WERK-statt in Jena und selbstgestrickte, warme Socken von der Freundin aus München. Die waren, man will es kaum glauben, genau richtig für unsere Wanderungen im Wald, denn es war zwar sonnig, aber die Sonne hatte es trotzdem schwer uns zu wärmen, denn die Nächte waren einige Tagelang sehr kalt gewesen. Es schneite sogar und die Blüten sämtlicher, bereits blühender Bäume, sind während dieser Nachtfröste erfroren und wurden braun. Ein doppelter Schlag ins Gesicht für die, ebenfalls von der Einschränkung betroffen Obstbauern in der Region, denn auch das Baumblütenfest wird wohl dies Jahr ausfallen müssen.

Im Garten gibt es für mich momentan kaum etwas zu tun, der macht alles ganz von allein: die aparten Christrosen blühen eifrig und die Schlehen ließen sich von der Kälte ebenfalls nicht beeindrucken und auch alle Vögel sind wieder da. Wir verlegen gerade quere “Terrassen” aus runden Ackersteinen, weil uns die Wissenschaft vermehrte, sommerliche „Starkregengüsse“ ankündigte und wir dagegen gewappnet sein wollen.

Seit wir den Hund haben, sind wir mit anderen Hundefreunden in Kontakt und wir sind auch jetzt viel im Freien unterwegs, ein Vorteil, den andere Leute gern für sich in Anspruch nehmen würden, wenn sie einen Hund hätten. Von daher gibt es inzwischen Hundebesitzer, die ihre Hunde sogar ausleihen. Dann, verkehrte Welt, sind es die Hunde, die mit Menschen Gassi gehen.

Freizeit für alle, ist DAS Motto dieser Wochen.

Beinahe jeder kann sich seine Zeit jetzt selbst einteilen! Verordnete Freizeit zu genießen ist zwar sehr schön, doch zu Hause festsitzen zu müssen, ohne Plan, ist scheiße. Dabei ist Langeweile ein allgemein unterschätztes Mittel zur zuverlässigen Steigerung der Kreativität. Für manche ist es natürlich trotzdem sehr viel bequemer, sich den Tag virtuell eintakten zu lassen, als sich selbst etwas einfallen zu lassen.

Wer vor Eintreffen der Coronaviren in unseren Breiten immer viel zu laut das Quietschen seines Hamsterrades vernehmen musste, der soll sich jetzt ausruhen und die verordnete Ruhe genießen dürfen.

Es gibt genug, denen dieses Abschalten nicht vergönnt ist, weil sie einen Job haben, der gerade jetzt, dringend gebraucht wird.

Für mich änderte sich aber kaum etwas. Ich mache trotzdem meine Arbeit, obwohl sie sich finanziell nicht rechnet und niemand sie anordnet und die daher auch niemand braucht und keiner vermisst.

So war es vor Corona und so ist es jetzt. Ich habe also nichts zu verlieren. Und deshalb kann ich es mir leisten, gemeinsam mit meinem Mann, bei bester Wetterlage und so oft wir es wollen, ausgedehnte Spaziergänge in die Lehniner Waldbäder zu unternehmen. Wir halten uns auf diese Weise in Bewegung an der frischen Luft und erfreuen uns an der Lebendigkeit unseres Hundes.

In meiner Werkstatt stellte ich einiges um. Regale flogen raus und ein großer Tisch zum Arbeiten kam hinein. Mit dem kraftvollen Industriesauger säuberte ich – mittels aufgesetzter Feinstaubdüse – auch die Blätter meiner reichlich blühenden Orchideen gründlich. Sie blühen zu meiner Freude recht emsig trotz und mit Staubschicht darauf. Diese charmanten Gewächse sind alles andere als Diven, die man in ihnen sehen wollen könnte. Meine Pflanzen beglücken mich, sie nehmen mich so, wie ich bin und sind mir zuverlässig die einzigen Ansprechpartner, neben den kleinen Feuerkäfern, die jetzt natürlich auch wieder hinein, in die Werkstatt wollen.

„Soloselbständiger“ als ich es bin, kann eigentlich kaum einer sein! Ach was, SOLITÄR-Solo-Selbständig! Denn ich gehöre ja in kein Kollektiv. Einige besser gestellte Kulturschaffende, all jene, die Auftritte gehabt hätten und deren Lesungen nicht stattfinden werden, die können sich jetzt wenigstens darauf berufen, Absagen und damit verbundene Geldeinbußen zu verzeichnen, weil diese Veranstaltungen, in die sie ansonsten eingebunden gewesen wären, nun ausfallen müssen.

Auch mich forderte man im Freundeskreis auf, meinen Stolz abzulegen und mich um Hilfsgelder zu bemühen. Doch ich habe bedenken, denn ich agiere nicht erst jetzt in „Notlage“, ich befinde mich schon solange ich freischaffend tätig bin im „Ausnahmezustand“. Wer sich auf eine künstlerisch ausgerichtete Laufbahn einlässt, der muss wissen; will er Kunst und kein Kunstgewerbe betreiben, dass er nie auf der sicheren Seite stehen wird. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber sie sind nicht selbstverständlich.

Ich möchte jetzt nicht wieder falsch verstanden werden; es muss nicht jeder etwas von Kunst verstehen und über sein Sofa soll jeder hängen dürfen, was er für richtig und angemessen hält! Aber leben würde auch ich ganz gern von dem, was ich am besten kann – ohne meine Arbeit andauernd vor Kritikern, mit gefährlichem Halbwissen, rechtfertigen zu müssen.

Die Tropfen auf heiße Steine, die nun vermehrt ausgeschüttet werden, nützen am Ende doch wieder eher den Schlauen und Pfiffigen unter uns und auch den Schwindlern, die es verstehen, sich „helfen“ zu lassen … während die, die es eigentlich nötig hätten, leer ausgehen … weil auch betteln gelernt sein will! Es braucht nicht nur ein Talent für die Kunst, sondern auch Redegewandtheit, um die entsprechenden Worte zu finden, damit die Tränendrüse funktioniert.

In diesen Wochen entstehen deshalb, durch vielfach übereilt angestoßene Hilfsmaßnahmen, neue Ungerechtigkeiten.

Deshalb will ich die Gunst der Stunde nutzen und an dieser Stelle den leider immer wieder in Vergessenheit geratenen Gedanken, des BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS, ansprechen. Ich behaupte, sämtliche, der jetzt bereitgestellten Hilfsfonds wären unnötig, wenn bereits jeder über solch ein GRUNDEINKOMMEN verfügte.

Und ich behaupte, die tatsächlich auch „schaffende“ Künstlerschaft hätte sich von der trittbrettfahrenden, lange schon abgehoben. So aber verwurstet sich alles „Kreative“ zu einem einzigen, undefinierbaren Brei, um dann über einen Kamm geschoren zu werden. Und das hat fatale Folgen.

„Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun“. Bevor aber das Können mithilfe des Tuns zum Einsatz gebracht werden kann, brauchen wir die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür. Wirklich Berufene schauen nicht nach dem Status, der ist ihnen egal, für sie ist das Machen das Wichtigste.

Tilda-Bisertha Grünemitten II, Maren Simon, 2020; Höhe: ca. 75 cm

Die Rechnung ist einfach; entweder wir müssen unsere Haut zum Markte tragen und uns anpassen, um uns zu verkaufen, oder wir tun dies nicht und bleiben konsequent auf uns allein gestellt. Und dann hat man es schwer.

In einem Land, indem der Wert eines Menschen nur danach beurteilt wird, ob er finanziell etwas einbringt oder ob nicht, da kann es in Krisenzeiten schon einmal passieren, dass Idealisten und Sonderlinge auf der Strecke bleiben. Ja, wer stur bleibt und uneinsichtig ist, ist selbst schuld. Aus dieser Zwickmühle gelingt es dem bildenden Künstler kaum heraus zu kommen. Darstellende oder musizierende Künstlerkollegen haben es da wesentlich einfacher, denn sie arbeiten meist als Selbständige innerhalb eines Künstlerkollektivs mit anderen, Gleichgesinnten gemeinsam, an einem Projekt. Sie sind weniger allein und können sich gegenseitig stützen.

Wenn staatliche Förderungen und Verordnungen – ähnlich einer anweisenden Diktatur – zur Problemlösung ausgeschlossen bleiben, helfen auch halbherzig verfügte, temporäre Förderungen, nicht viel. Dann wird sich an diesem Zustand für solche, wie mich, wenig ändern. Darum bedeutete ein BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für all jene, die völlig auf sich allein gestellt arbeiten und sich mit ihrer Arbeit behaupten müssen, in gewisser Hinsicht auch Anerkennung bei gleichzeitiger Grundversorgung. Damit honorierte man die Bemühungen dieser Einzelgänger, die, wie andere auch, der Gesellschaft natürlich von Nutzen und keine schnorrenden „Ballastexistenzen“ sind, wie das von frustrierten Menschen gern behauptet wird!

Allerdings gibt es kaum ein wirkliches Interesse daran, Künstlern ein freies und sorgloses Arbeiten tatsächlich ermöglichen zu wollen! Deren gezielte Abhängigkeit kommt doch allzu vielen „Kunst – und Kulturvermittlern“ geradezu entgegen! Solche Lobbyisten bestimmen auf „gebende“ Weise gönnerisch den Kunstmarkt mit, um in ihrem (rein finanziell ausgerichteten) Sinne, Einfluss darauf zu nehmen.

Wahrscheinlich wäre das künstlerische Leben viel reicher und interessanter und auch weniger berechenbar, wäre dem nicht so. Gäbe es statt manipulierter Kultur, Kunsthandwerk und etablierter Kunst vom Galeristen und solcher von malenden Hausfrauen, noch nebenbei die ungezähmten, unabhängig bleiben wollenden, echten Wilden! Die Werke jener Lichtscheuen, die bisher im Dunkeln blieben, bekämen plötzlich eine Chance, gesehen zu werden!

Deshalb plädiere ich für ein BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für jeden. Es ermöglichte die ersehnte Freiheit tatsächlich das zu tun, was einem gerade wesentlich wichtig erscheint, Altenpflege zum Beispiel und auch, wofür man in beruflicher Hinsicht “brennt”.

Es ist absurd, als freischaffender Künstler eine äußerst wichtige Funktion innerhalb dieser Gesellschaft inne zu haben und darum zu wissen und sich dennoch als irgendwie “problembehaftet” zu empfinden. Diese innere Zerrissenheit kennen nicht nur die bildenden Künstler. Es betrifft alle, die Neues mithilfe ihrer Kreativität ausbrüten und hierbei anfangs, meist ohne jede Unterstützung sind.

Knieperteich, Maximilian Knape, 16.11.2015

Die farbkräftig, so wunderbar in unsere Zeit passenden, weil sakral anmutenden, ästhetischen Fotoarbeiten innerhalb dieses Beitrages, stammen von der Hand (und aus dem Kopfe) eines jungen Kreativen, Jahrgang 1990 (geboren in Jena), heute wohnhaft in Leipzig. Unter dem Namen “HEXART” versammelt er seine einzigartigen Fotografiken, von denen hier nur diese drei Abbildungen (und davon auch jeweils nur die Mitte) zu sehen sind. Ich wünsche Max, dass er die Möglichkeit erhält, sämtliche dieser ganz unterschiedlichen Fotos, innerhalb einer eigenen Ausstellung in ihrer ganzen Pracht und Größe zeigen zu können! Max Knape versucht seit einiger Zeit unabhängig als PC-Spieleentwickler, DJ, Musiker und Fotograf, auf eigenen Beinen zu stehen. Kein Angestellter kann nachvollziehen, wieviel Kraft dabei verloren geht, wenn die Gedanken immer wieder um die Beschaffung von Geldern kreisen müssen, weil man sich als Selbständiger um diese Dinge allein zu kümmern hat! All das raubt wertvolle Energie und kostet Zeit.

Wer den Absprung aus eigener Kraft schafft, der ist dann aber auch von Dankbarkeit beseelt und von Stolz erfüllt, wie es kaum einer vermag nachzuempfinden, der immer nur vom Vorgesetzten über ihm, treppaufwärts „geschoben“ oder “gehoben” worden ist.

“Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!” Ich muss jetzt des Öfteren an den Philosophen Karl Marx denken, der das Realsozialistische Leistungsprinzip in solch klare und zeitlose Sätze zu fassen vermochte.

Der Staat entzieht sich seiner Pflicht und damit auch seiner Verantwortung. Er überlässt die Kunstschaffenden im kapitalistischen System dem freien Markt, obwohl diese kaum in der Lage sind, gemäß von „Angebot und Nachfrage“, ihr Leben zu meistern. Viele müssen andere Jobs nebenher tätigen, um über die Runden zu kommen. Mit Rettungsaktionen wie diesen der letzten Tage, glauben unsere Politiker nun das Möglichste getan zu haben und wundern sich, wenn die Flut der Anträge kein Ende nehmen will. Der Künstler als Unternehmer … oder auch nicht, je nachdem, was man darunter verstehen will, ist „nicht Fisch“ und „nicht Fleisch“, sondern fast immer ein „Mängelexemplar“. Und so ist es auch völlig absurd, solche Menschen nach ihren Einnahmen beziehungsweise „Nicht“-Einnahmen bemessen zu wollen. Der gefällige Kollege, der macht was gewünscht wird, erfreut zwar die Ämter, doch taugt er fürs Museum der Zukunft nur bedingt oder gar nicht.

Klippe am Meer- Thailand, Maximilian Knape, 1.1.2017

Die vielen „Soloselbständigen“, die immer mehr werden, besetzen inzwischen ein viel zu „weites Feld“, als dass sich dieses in einem einzigen „Arbeitsgang“ zugunsten aller Kulturschaffender, „beackern“ ließe. Es gibt Einsiedler und es gibt Netzwerker. Gibst du mir gebe ich Dir. Eine Hand wäscht die andere. Doch was soll denn jener tun, der nichts zu vergeben hat? Wenn Wissen und Können nicht erkannt oder in Konkurrenzabsicht bewusst ignoriert werden, oder einer nicht bereit ist, sich unter Wert verkaufen zu lassen, was dann?

Der antike griechische Dichter Aesop verfasste ein Gleichnis, an dessen Ende es kein Mitleid für eine kleine, den langen Sommer über musizierende Grille – klar, eine Kunstschaffende! – gibt, die sich von einer fleißigen Ameise – Beschäftigte, Angestellte – wegen ihres angeblichen Müßigganges, kritisieren lassen muss. Und auch in der Fabel von Jean de la Fontaine, der sich ebenfalls mit derselben Thematik auseinandersetzte heißt es zum Schluss: „Wir werden auch den Winter über genug zu essen haben. Du aber hast die ganze Zeit über gezirpt und gesungen. Jetzt bleibt dir nur noch zu tanzen.“

In Coronazeiten sind nun offensichtlich auch die „Ameisen“, die ja ansonsten zu wirtschaften gelernt haben, genauso arm dran, wie die kulturschaffenden „Grillen“. Während die einen ausruhen, bieten die anderen jedoch kostenlos und aus ihren Homeoffices heraus, virtuelle Kunst und Kultur für jeden an.

Ein Salatblatt für alle muss reichen!

„Tanzengehen“ können wir jetzt alle nicht mehr. Aber ich in meinem Falle, fühle keinen Mangel und sehe die Notwendigkeit, Ruhe zu bewahren, ein und gehe in meine Werkstatt. Kulturschaffende können nicht anders; sie sind sonderbare Wesen und bewegen sich doch – darauf verlassen sich etliche, die sie entsprechend gut zu händeln verstehen. Wie ein „Perpetuum Mobile“ tanzt der Künstler zuverlässig und bereitwillig, manchmal ohne jede von außen zugeführte, Energie! Wird man sich nach der Pandemie an all die kostenlos bereitgestellten Kulturprodukte im Netz erinnern und wird der in Vorkasse gegangene Kollege, seinen Einsatz später dann, auch angerechnet bekommen?

Ich frage, was wären wir ohne Kultur? Wo stünden wir? Fehlte uns nicht doch etwas? Warum werden Künstler so unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt? Die einen sind gefeierte Meister und die anderen bleiben ihr Leben lang Looser. Bis sie gestorben sind! Dann setzt man ihnen Denkmäler, hebt sie auf Podeste und benennt Straßen oder auch Schulen nach ihnen.

Bereits unter den Steinzeitmenschen gab es solche, die anders tickten, als der Rest der Sippe. Und ich behaupte, unsere Vorfahren vor rund 44.000 Jahren waren bereits viel fortschrittlicher, als wir es heute sind! Wahrscheinlich waren die Höhlenmaler angesehene Leute. Ihnen gewährte die Familie damals schon das, was man uns heutigen Kulturschaffenden verwehrt: nämlich das von mir ersehnte, BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN. Unseren Vorfahren gelang es, im Gegensatz zu vielen Kollegen heute, sich souverän in der Mitte ihrer Gesellschaft zu behaupten. Sie wurden von den anderen anerkannt und „frei“ gehalten, damit sie ohne Not von „zu Hause aus“ künstlerisch tätig werden und zu aller Freude, Meditation und Genuss, „Kultur“ erschaffen konnten. Darin allein bestand ihre Aufgabe.

Ihre kostbaren, beeindruckenden Felsmalereien bewundern wir noch heute!

Das Wort „Gemeinschaft“ ist aber für uns moderne und empathiebefreite Menschen – ohne Höhle, dafür mit klimagekühltem Büro – zu einem Fremdwort geworden, wo es nur noch Gewinner und Verlierer zu geben scheint und jeder das Ziel verfolgt, einzigartig zu sein. Doch wo kommen wir hin, wenn man die Vorzüge des anderen zwar für sich nutzen, nicht aber anerkennen will? Und wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, wenn in ihr zum eigenen Vorteil ständig verglichen, gelogen, hochgestapelt, übertrieben und geschummelt wird?

Momentan läuft das Fass bei zu vielen über.

Einzelne, aber auch ganze Berufsgruppen und Vereine spielen sich jetzt gern zu Betroffenen erster Klasse hoch. Haben sie denn alle keine „Vorratshaltung“ betrieben und lebten selbst all die fleißigen „Ameisen“ von einem Projekt zum nächsten und so wie die „Grillen“ von der Hand in den Mund? Nur ein Bruchteil arrangiert sich mit der Situation ohne es nötig zu haben, darauf hinzuweisen, wieviel Kraft das kostet. Die virusbedingte Ruhe hat auch ihre guten Seiten! In einer Gesellschaft, in der “Burnout” zum bisherigen, guten Ton gehörte, gibt das jedoch keiner gern zu. Nicht von der Hand zu weisen ist der Umstand, dass sich die Natur regeneriert und gerade Luft holt und ihre „Lungen“ volltankt – im Gegensatz zu uns, die wir unsere vor den aggressiven Viren schützen müssen.

Morgenhimmel HST Hafen, Maximilian Knape, 7.12.2015

Dennoch hoffe auch ich. Hoffe, dass das schöne Wort „Miteinander“ vielleicht wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Die Medien geben sich reichlich Mühe, diesen Umstand wohlwollend in Aussicht zu stellen und zu illustrieren! Nie wurden die Freiberufler, das Krankenhauspersonal und auch die Kassiererinnen, so oft positiv erwähnt, wie jetzt gerade. Und doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass am Ende die Tatsachen wieder verzerrt werden und das Interesse für Benachteiligte aller Art, womöglich wieder abebben wird, wenn wir nur erst wieder im – von oben nach unten trennenden Alltagsmodus, angekommen sind.

Es sind manchmal nur Kleinigkeiten.

Sämtliche Mitleidsbotschaften dieser Tage, die sich um „Freiberufliches“ drehen, vermögen mich aufgrund meiner, als Künstlerin gemachten, wenig guten Erfahrungen, kaum zu überzeugen. Die sich haltende, unzeitgemäße Mär der „Brotlosigkeit“ „prekärer Kunst“, die gezwungenermaßen allein von „Luft und Liebe“ leben muss, will niemand, auch die Künstler selber, nicht mehr hören!

Aber womöglich ist das genauso gewollt. Wenn einer seinen Halt verliert, stirbt die Konkurrenz! Menschen mit Freiheitsdrang erhalten in unserem kranken System leider keine Chance darauf, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Auch jene nicht, die ihren Beruf mit Hingabe ausüben, indem sie anderen dienen und pflegend tätig werden. Und ich habe die Befürchtung, die Spaltung wird sich nach überstandener Pandemie, eher noch auswachsen; in wenige Gewinner auf Kosten einer großen Anzahl von Verlierern. Die Schwächsten zahlen den höchsten Preis! Obdachlose freuen sich über Kleingeld, das ihnen in die Hände fällt, ob mit Viren daran oder ohne, muss ihnen egal sein.

Gesehen aus der Sicht meiner Branche würde es schon reichen, den Namen des Künstlers – druckt man sein Werk in der Tageszeitung ab, auch zu erwähnen und nicht nur den Namen des Fotografen, der es ablichtete. Die bildkünstlerischen Rechte hierbei zu umgehen ist wenig solidarisch, zeugt aber von unternehmerischer „Qualität“. Wie dazu passend erhielt ich dieser Tage die „Sonderausschüttung“ der Verwertungsgesellschaft BILD-KUNST für den Zeitraum von 2008 bis 2015, die sogenannte FKOP-Tantieme, (betrifft das Kopieren) und musste laut loslachen: der Gesamtbetrag von 3.38,- € wird demnächst auf mein Konto überwiesen … 

Niemand weiß genau, wie viele erfolgreiche “Trittbrettfahrer” sich bei den “loosernden” Künstlern (deren Ideen nutzend) tatsächlich bedienen!

Meine stille Hoffnung ist trotzdem, dass in Teilen wieder eine vermehrte, echte Kommunikation nach dieser, vom Virus bedingten Isolation und Abgrenzung untereinander, möglich sein könnte. Wenn nämlich so gut wie alle die Erfahrung machen mussten, wie es sich anfühlt, in Angst um Leib und Leben auf sich allein gestellt und isoliert zu sein, zurückgeworfen auf die eigene, kleine und mickrige Existenz. Und ich hoffe auf eine neue Kultur der Wiedererreichbarkeit und aufrichtiger Verbindlichkeit untereinander. Ohne die spaltenden Ressentiments und ohne jede, unterschwellig erwartete, anbiedernde Arschkriecherei.

Vielleicht ist es möglich, dass sich die Blickrichtung endlich wandelt und mit ihr zwangsläufig auch die Tonlage. In den Randgruppen der Gesellschaft finden notgedrungen die Veränderungen statt, die in Richtung Zukunft weisen. Die “sorglosere” und besser aufgestellte, gut situierte Mitte, hatte es bisher nicht nötig, Veränderungen überhaupt in Erwägung zu ziehen, geschweige denn, zuzulassen. Das galt in gewisser Weise auch für die Kunst. 

Hoffen wir darauf, dass, wenn wir endlich nach diesem erzwungenen Innehalten zur Besinnung kommen, ein wirkliches Umdenken einsetzen und dies auch anhalten wird. Wir müssen einheitlich zusammenstehen, müssen Egoismen und Eitelkeiten ablegen, wenn wir die wirklich großen Weltprobleme angehen und bestmöglich bewältigen wollen.

„Im Prinzip sind all die Maßnahmen die grad greifen, Ausdruck von Verzicht, der anscheinend möglich ist. Bei der Klimakrise wird das Gegenteil behauptet. Wenn doch nur mehr Leuten klar wär, dass Corona dagegen Pillepalle ist.“ (Zitat: Dr. Carsten Simon, junger Wissenschaftler und Sohn)

Dass wir könnten, wenn wir nur wollten, das ist die Lehre, die uns die winzigen Coronaviren gerade erteilen. Es geht um den Erhalt unserer Erde, unseres wunderschönen, einzigartig-blauen Planeten. Es geht um Flora und Fauna, für die wir Sorge tragen, es geht um die grüne Zukunft aller. Zugunsten einer besseren Spezies, genannt „Mensch“.

Das Wichtigste zum Schluss.

Meine Gedanken sind bei den Kindern von Lesbos. Ich bin in Sorge. Man erfährt immer weniger davon, wie es konkret ihnen aktuell ergeht. Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, die zu dicht beieinander hocken, ohne jeden Sicherheitsabstand, ohne sauberes Wasser und Führsorge. Die psychischen Folgen, die diese Kinder erleiden, sind vielleicht noch viel schlimmer, als die Auswirkungen der Coronaviren. Nach der weltweiten Globalisierung der letzten Jahrzehnte, jetzt in das absolute Gegenteil zu verfallen und internationale Hilfsmaßnahmen einzuschränken, hielte ich für unangemessen.

Sollten „Ersatzeltern“ gesucht werden, dann böten auch wir unsere Hilfe an.

Maren Simon, am 5. April 2020

Worte zum Sonntag, dem 8. März

“Junger Wissenschaftler”, Öl auf LW, Maren Simon, 2018

Wissenschaftler sind ja bekanntermaßen in der ganzen Welt unterwegs und sicherlich bringen sie manchmal auch von ihren Reisen, etwas Unvorhergesehenes mit, Coronaviren eventuell. Aber ich denke, wir sind noch rechtzeitig vor dieser Gefahr und aus einem schönen Anlass heraus, nach Jena gefahren. Die 14 Tage Inkubationszeit sind bald um und wir sind ohne Symptome, doch die bösen Viren können uns mit ihrer Anwesenheit, noch immer überraschen! Ich spüre es im Halse deutlich kratzen, aber wahrscheinlich hat das andere Gründe.

Beim Abschied sagt der Sohn: „Muddi, ich lese deine Blogs, nur damit du das weißt.“

Ich denke bei mir, ja und? Meint er das tatsächlich anerkennend? Was mich dann doch ein wenig wundert. Mein mütterliches Interesse und meine Bereitschaft, mich dem Sohne mitzuteilen, sind mehrmals schon in Form von lähmender Stille am Ende der anderen Leitung, abgestraft worden. Mit Wissenschaftlern zu kommunizieren, kann jedenfalls recht anstrengend sein, vor allem dann, wenn man selbst kein Wissenschaftler ist. Dann muss man bereit sein zu akzeptieren, dass es im Leben der Kinder auch Wichtigeres, als die Eltern, geben kann.

Ich habe ja auch wirklich genug mit mir selbst zu tun und gelangte allein von daher, zunehmend zu der Erkenntnis, mich fortan weniger um anstrengende Familiensachen kümmern zu wollen! Ich appelliere stattdessen zu einer, meiner Meinung nach dringenden, vermehrten Kommunikation zwischen Vater und Sohn. Mütter haben, so kommt es mir jedenfalls vor, irgendwann Sendepause. Sobald eine andere Frau in das Leben des Sohnes tritt, wird Mutti zu Luft. Früher, in der Steinzeit, da wurden die Alten dem bösen Säbelzahntiger, der am Höhleneingang wartete, zur Besänftigung vorgelegt und von diesem dann, aufgefressen!

Ich kann das alles gut verstehen.

Doch, bevor ich in Gänze unsichtbar zu werden beginne, will ich die Mitteilung für alle, die es interessiert, herausposaunen, dass „wir“ den stolzen Titel am 26. Februar mit Bravour verteidigt haben! Die Handvoll Doktoren und Professoren vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, gelangten nach dem üblichen Prozedere zu der Überzeugung, dass das Urteil „Magna cum laude“ für die Leistung des Dissertanten Carsten Simon, geboren im Juni 1988, angemessen sei und entließen unseren Sohn einvernehmlich lächelnd, aus ihrer verzwickten Fragerunde.

Wunderbar. Nun hat er es geschafft. Nun fängt ein neuer Lebensabschnitt für ihn an.

Wir sind erleichtert. Souverän behauptete sich der junge Mann vor dem Auditorium. Da das Mikrofon sich leise säuselnd zu wichtig nehmen wollte, sprach er ohne. Wir kamen auf den letzten Drücker und der Saal war bereits gut gefüllt mit vielen jungen, aber auch älteren Zuhörern. Carsten war offenbar imstande, sie alle in das Gebiet des Amazonasregenwaldes mitzunehmen, genau dorthin, wo er seine Forschungsarbeiten durchführte, von denen er komplett in englischer Sprache berichtete. Erstaunlich, wie sicher er sich gab. Ich vermochte ihm kaum zu folgen und verstand so gut, wie kein Wort! Der von Fachbegriffen strotzende Vortrag, war die reinste Zumutung – nicht nur für mich. Über die, an die Wand geworfenen Grafiken, bekamen wir dennoch gewisse Zusammenhänge mit. Das musste uns reichen.

Mit Erleichterung nehmen wir nun zur Kenntnis, wie gut unser Sohn in das System des Jenaer Institutes eingebettet ist und damit sein weiterer Weg – beruflich und familiär – von dort aus unterstützend begleitet werden wird. Diese erfreuliche Erkenntnis untermauerte, was wir schon seit längerer Zeit zu spüren bekamen; unser Sohn ist eigenständig und baut sich erfolgreich sein eigenes Leben auf. Uns braucht er dafür nun nicht mehr. Das schöne deutsche Wort „abnabeln“ veranschaulicht diesen Prozess sehr deutlich.

Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Allerdings haben wir, die Alten, manchmal eher den Eindruck hier die „Abgenabelten“ zu sein, als umgekehrt und versuchen aus unserer wiedergewonnenen Freiheit, das Beste zu machen.

In der schönen Studentenstadt Jena ist es (eine junge) Tradition, dass die noch taufrischen Doktoren, einen Buchsbaumkranz auf das Schwert des bronzenen Abbildes des Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen werfen, der mitten auf dem Marktplatz steht. Er gilt als der Begründer der Universität der Stadt und sie huldigen ihm auf diese Weise, ihm, der von der Studentenschaft scherzhaft in „Hanfried“ umbenannt worden ist. Dank unserer Jenaer Begleitung, sollte auch unser Sohn um diese erfrischende Veranstaltung, zu fortgeschrittener Stunde und bei Nieselregen, nicht drumherum kommen! Er brauchte mehr als 30 Minuten, ehe ihm der entscheidende Treffer gelang. Laut Smartphone kullerte genau um 18. Uhr, 18 Minuten und 18 Sekunden, als es bereits dunkel zu werden begann, das völlig abgenuddelte, rohrgeflechtige Innenleben seines Kranzes lustig und unter regem Beifall aller Anwesenden, von Hanfrieds überlanger Schwertspitze zu dessen Griff herunter.

Genau über zwei bereits vorhandene Kränze älteren Datums, die ebenfalls lädiert aussahen. Ein schönes Ritual, dass der Stadt Jena jedoch zusätzlichen Aufwand bei der Beseitigung ständig geworfener, vor sich hin gammelnder Kränze auferlegt, weshalb, wie ich herausgefunden habe, um Spenden gebeten wird. Mich amüsiert das ein wenig, denn das Kranzwerfen ist doch unbestritten ein recht witziges Ritual, das allen daran Beteiligten in netter Erinnerung bleiben wird und darüber hinaus, auch der Stadt und nicht nur den treffsicheren Doktoren, einige Sympathiepunkte einbringt!

In geheimnisvollem Blau schimmerte der Abendhimmel, die Laternen und Schaufenster rund um den Marktplatz leuchteten orangegelb gegen die zunehmende Dunkelheit an. Zum Ausklang des Tages trafen wir uns schließlich in einem der urigen Studentencafés, dessen wilden Garten wir bereits im Sommer besucht hatten. Die Altstadt von Jena ist besonders gemütlich, fast alle Wege sind hier kurz und falls sie sich doch etwas länger ausnehmen sollten, nimmt man das Fahrrad. Überall kann man sitzen, um zu verweilen. Das tun die vielen Studenten dann auch und sorgen mit ihrer Lebendigkeit, für ein ganz eigenes Flair in der Stadt.

Carstens Freunde saßen an einem der Tische beisammen, seine Wissenschaftlerkollegen und anderen jungen Doktoren, auch sein Doktorvater, Prof. Dr. Gerd Gleixner, an einem anderen daneben. Mitten drin unser Sohn. Und dann gab es einen Tisch etwas abseits mit einem „tiefer“ gelegten Sofa dahinter – darauf saßen später wir und fühlten uns wie diese beiden älteren Herren, „Waldorf“ und „Statler“ aus der Muppet-Show, – mit dem feinen Unterschied, dass diese beiden witzigen und alles und jeden kritisierenden Herren, von „oben herab“ den besten Überblick auf alle anderen haben, weil sie auf einem Balkon residieren. Ernüchtert betrachtet blieb uns auf unserer Wanzenburg in der „unteren Etage“, nichts weiter übrig, als festzustellen, dass unsere Tage gezählt und nun andere an unserer Stelle, den Staffelstab aktiv übernehmen würden.

So ein gemütliches Sofa ist (auch ohne Hund) durch nichts zu toppen. Als wir jung waren, befanden wir uns mit unseren Freunden oft in ganz ähnlichen Situationen, sogar das Ambiente war damals genauso abgeschabt, wie heute. In dem gleichen Alter, wie die jetzt scheinbar sorglos feiernde Jugend um uns herum, hatten wir jedoch bereits ein Kind zu versorgen. Schon merkwürdig, wie schnell die Zeit vergeht. Dass unser „goldiges Kerlchen“, als das „klein Carsten“ früher gern betitelt wurde, nun gänzlich erwachsen geworden ist, sollte uns später, zu fortgeschrittener Stunde und nach dem 2. Glas Wein, noch leicht melancholisch stimmen. Unser Geschenk zur bestandenen Verteidigung ist von daher auch ein symbolträchtiges: eine schöne, dicke Fliesenscherbe, gefunden im Wald (die „heimische Scholle“ darstellend), mit kleinem, bronzenen Drachen darauf, der Carstens chinesisches, glückbringendes „Kraftzeichen“ ist. Ausufernden Schrittes zieht er von dannen. In die weite Welt hinaus.

Zu Hause angekommen, dachte ich darüber nach, wie wichtig gute Erfahrungen aus der Zeit der Jugend für den weiteren Lebensweg sind. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein junger Mensch so zielstrebig in der Mitte der Gesellschaft ankommt und seine Chancen nutzend, auch in jungen Jahren schon, so viel Erfolg und Ansehen genießen darf. Da hat er auch großes Glück gehabt! Dennoch: „Willst du, dass wir mit hinein in das Haus dich bauen, lass es dir gefallen, Stein, dass wir dich behauen.“ Friedrich Rückert promovierte 1810 ebenfalls in Jena und bringt es mit diesen Zeilen auf den Punkt. Dieses Eingebundensein, wie in eine große Familie, gibt es nicht einfach so, denn es ist Versprechen und Auftrag zugleich. Ein bisschen Wissenschaft geht nicht. Entweder man sagt beherzt „ja“, oder man lässt es bleiben.

Ich fand es sehr schön, dass in der Danksagung seiner Dissertation, auch die früheren Erzieher*Innen und Lehrer*Innen mit Namen genannt werden. Carsten hatte es als Kind von der Stadt, das alle seine Freunde zurücklassen musste, auf dem Dorf nicht leicht. Ich erinnere mich an eine Situation im Schulhort, wobei sich Carsten von der obersten Sprosse des Klettergerüstes aus, lauthals Luft verschafft haben musste, weil er sich von den anderen Kindern ungerecht behandelt fühlte. Jedenfalls fragte mich eine der Erzieherinnen, als ich ihn dann am Nachmittag abholte, ob wir zu Hause auch mit solchen „Kraftausdrücken um uns werfen“ würden, wie unser Sohn…

… und nun ist aus dem kleinen aufmüpfigen Jungen von damals, ein schöner, starker Mann geworden, der sich hoffentlich immer auch an die guten Seiten seiner Jugend, erinnern wird.

Auf Augenhöhe – Lena und Carsten

Die Frage ist doch die, „was“ will man „wie“ im Leben erreichen? Und hier muss jeder selbst entscheiden wohin seine Reise geht. „Sie können stolz auf ihren Sohn sein“, das hörten wir gefühlte 50 Mal an diesem Tag … und ja, wir können es nicht oft genug wiederholen, wir sind es! Carstens Erfolg ist Ausdruck dessen, dass auch wir, als seine Eltern, irgendetwas richtig gemacht haben müssen. Sodass dieser Tag nicht nur sein Tag und der seines Doktorvaters war, sondern auch der unsere.

Und auch der seiner Großeltern! Auch, wenn diese inzwischen aus unserem Blickfeld verschwunden sind, beziehungsweise, in meines Vaters Fall – nicht mehr am Leben – so darf man nicht vergessen anzuerkennen, dass unsere Urahnen durch ihr Wirken mithalfen, die solide Basis für ihre Nachkommen zu legen. Familientechnisch betrachtet, sind wir Ostdeutschen allerdings zu Verlierern mutiert, wobei mir wichtig ist anzumerken, dass dem nicht immer so war! Viele Faktoren, unter anderem auch die Wendejahre, bereiteten den Boden dafür. Und es leiden auch nicht alle gleich; manche scheinen sich abgefunden zu haben.

Ohne diese, die Lebensläufe unserer Elterngeneration degradierenden Vorgänge, wäre sicherlich vieles auch für uns, ihre „Erstgeborenen“, anders verlaufen. Es ist zwar sehr schön, dass unsere Mitte rein technisch betrachtet, wieder hergestellt ist, doch der Preis für all das, was in den betreffenden Familien an Porzellan zerschlagen worden ist, ist um ein Vielfaches zu hoch und die unschönen Auswirkungen werden noch für Generationen nach uns, spürbar sein. „Es gibt immer nur die Deutschen und die Ostdeutschen. Der Westen ist das Normale, der Osten wird in Nähe oder Distanz dazu beschrieben.“ (Zitat von Ingo Schulze, Schriftsteller) Und ich füge hinzu, wir sind aus diesem Grunde nicht mehr einfach so in der Lage, selbstbewusst aufeinander zuzugehen. Darüber wird im folgenden Text, weiter unten, noch zu lesen sein, wenn es darum geht, anderen Steine in den Weg zu legen. 

Das Datum der Dissertation unseres Sohnes, der 26. Februar, ist zufälligerweise auch der Tag, an dem mein Vater vor 28 Jahren starb. Er überlebte die Wendejahre und die ungewisse Zukunft damals nicht. Carstens Großvater, Rudolf Sauer, wäre am 14. Februar 86 Jahre alt geworden. Wie sehr freute er sich über sein erstes Enkelsöhnchen! Weitere Enkel sollten folgen, doch sie erlebten den Opa (mütterlicherseits), nicht mehr. Wenn mein Vater an diesem Februartag in Jena hätte dabei sein können, wieviel anders wäre dieser 26. Februar 2020 für mich und die Meinen, verlaufen! Außer mir dachte daran natürlich niemand, auch nicht Dissertant Carsten, den ich ganz bewusst nicht daran erinnern wollte.

Ich dagegen, konnte kaum an etwas anderes, als das Vergangene, denken.

Und ich stellte mir vor, dass mein Vater während der „Blauen Stunde“, jener kurzen Zeitspanne zwischen vergehendem Tag und anbrechender Nacht, ein Zeichen sandte und unserem Sohn dabei half, gerade noch rechtzeitig seinen zerfledderten Buchsbaumkranz direkt über der bronzenen Spitze von Hanfrieds Schwert, zu platzieren, bevor die Dunkelheit beide, das Bronzedenkmal und Carstens Ehrenkranz, – verschluckte.

Und wie geht es mir? Kunst geht ja ähnliche Wege, wie die Wissenschaft, denn auch hier braucht es den notwendigen Idealismus und einiges an Durchhaltevermögen. Und auch ohne das berühmte Quäntchen Glück geht es meistens kaum. Während ich den Erfolg unseres Sohnes genieße, denke ich über meinen eigenes Leben nach und weiß nicht, ob ich darüber klagen oder vielleicht doch lieber lauthals loslachen sollte.

Morgen ist der 8. März, der internationale Tag der (werktätigen) Frauen.

Hatice Akyün formulierte in treffend gewählten Worten einen PNN – Artikel zu diesem Frauentag, wovon ich einige Zeilen als Einstieg nutzen möchte. Sie schreibt: „Wo man hinschaut, weht einem das müffelige Testosteron der 50er Jahre entgegen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Herrschaft 30 oder 70 ist.“ „Meine Sorge gilt den Frauen, die in einer Zeit, in der sie zumindest theoretisch alle Möglichkeiten hätten, die Zeit damit vergeuden, gegen andere Frauen zu hetzen, statt sich mit ihnen zu solidarisieren. Frauen werden von Frauen ausgegrenzt, weil ihre Lebensweise nicht dem eigenen Bild von Selbstbestimmung entspricht. Diese Frauen müssen sich nicht nur gegen Männer behaupten, sondern sich auch gegenüber Frauen rechtfertigen.“ „Frauen erleben tagtäglich unterschiedliche Formen von Benachteiligung, nur weil sie Frauen sind. Wenn wir uns nur immer wieder selber Steine in den Weg legen, freuen sich am Ende die Männer. Denn solange wir mit unserer Befindlichkeit beschäftigt sind, können sie seeelenruhig ihre Vorteile genießen.“

In meinem Falle bedeutet das, ich muss mich andauernd mit Problemen befassen, die nicht meine sind, die meine Energie beanspruchen und von daher meine Arbeit behindern. Gezwungenermaßen muss ich mich laut zur Wehr setzen, obwohl ich das nicht will und werde deshalb zunehmend aggressiver. Dagegen will ich etwas tun.

Von so einem oben beschriebenen und zur „besseren Schicht“ gehörenden, älteren Herren meiner Nachbarschaft, werde ich, in provozierender Absicht und seit geraumer Zeit, immer wieder dazu genötigt, mich mit ihm zu beschäftigen. Seitdem er im forschen Rückwärtsgang sein Auto gegen meines rammte, kenne ich seinen Namen. Zwecks Schadensausgleichs saß er dann etwas kleinlaut in meiner Werkstatt und musste auf meine Plastiken schauen und konnte sich vielleicht deshalb nicht verkneifen, mich darüber zu informieren, dass ich in Werder „nicht recht anerkannt beziehungsweise, gut angesehen sei.“ Warum das so ist, verriet er mir nicht.

Ich erinnere mich jedoch daran, dass zu meiner Werkstatteröffnung 2006, auf meine Einladung hin, auch Werders damaliger Bürgermeister, Werner Große, anwesend war. Ich bekam eine Topfpflanze, die mich noch längere Zeit erfreute und einen Katalog von Karl Hagemeister, dem bekannten Werderaner Maler, überreicht. Es gibt Fotos von diesem Tag. Die 2000er Jahre sollten für mich recht fruchtbare Jahre werden. Beim Recherchieren fand ich Fotos, die ich ganz vergessen hatte und über die ich mich jetzt natürlich sehr freue. Sie sind Beleg dafür, dass die Ausgangssituation in Werder meinerseits, eine gute gewesen ist.

Immer wieder zur Baumblüte sah ich mich dann jedoch gezwungen, meinen Laden dicht zu machen. Doch darüber will ich mich nun nicht schon wieder auslassen. Mit der Sanierung des Nachbarhauses begann jedenfalls ein unschönes Gezerre um das sogenannte „Straßenland“ vor der ehemaligen Fleischerei, die 2006 zu meiner Werkstatt wurde. Darauf hatten sich manche regelrecht eingeschossen. Wobei ich an dieser Stelle anmerken möchte; auch der frühere Inhaber, der Fleischermeister, beförderte seine Schweinehälften und das Eis zum Kühlen derselben, welches er aus der Föhse gewann, sicherlich nicht mit einem rumpelnden, hölzernen Leiterwagen dorthin. 

Mich beschleicht inzwischen der Verdacht, dass ein ehemaliger Bauamtsleiter in Werder für meine Probleme verantwortlich sein könnte. Sein Geltungsbedürfnis meiner Person gegenüber, spricht Bände und mit Hilfe seines Mercedes, den er immer wieder zu gern in mein Sichtfeld rollt, bringt er mir gegenüber zum Ausdruck, wer er ist. Wenn ich mich mokiere, werde ich von ihm demonstrativ und gelangweilt mit den Worten „was Sie schon zu vermelden haben“ abgekanzelt, ich, die ich „nicht ganz dicht”, „gaga“ oder wie neulich erst von ihm festgestellt, „schon wieder besoffen“ bin. Darüber hinaus bin ich seiner Meinung nach, nur „mangelhaft gekleidet“, „schauen Sie sich doch mal an, wie Sie wieder aussehen – und so etwas will eine Künstlerin sein!?“ Natürlich, es kommt bei Frauen (und Künstlerinnen) immer vorrangig darauf an, schick zu sein, das hatte ich völlig vergessen. 

Doch was geht ihn das eigentlich an, wie „plemmplemm“ ich bin?

Für jeden anderen Menschen wären so viele Bosheiten Grund genug, einen Anwalt einzuschalten. Mir tut der Mann hingegen einfach nur leid. Er kann ja nicht wissen, wie sich das anfühlt mit Stöckelschuhen bildhauerisch tätig zu sein, er ist weder Frau, noch Künstler oder Bildhauer! Dennoch weiß er aber offensichtlich über alles genauestens Bescheid! Überhaupt werde ich (wie von der Staatssicherheit früher), rund um die Uhr observiert! Wer mich besucht – dass mich keiner besucht – warum mich jemand besucht – warum niemand mich besucht – dass in mein Fenster eh niemand sieht und immer wieder, wie „dreckig“ mein Straßenland ist!

Wen interessiert’s?

All das scheint immens wichtig zu sein! „Sie sind ja nie da!“ Ganz offensichtlich, hat hier, im Gegensatz zu mir, jemand viel zu viel Zeit …

Was mich stört, ist die Tatsache, immer wieder neue Gegner hinzu zu bekommen, die, wenn sie neu in das schicke Haus eingezogen sind, gegen mich aufgeputscht werden. Man stellt sich bei mir nicht vor, scheint aber genauestens über mein negatives Image informiert zu sein!

Abwechselnd standen in der Vergangenheit sämtliche Autos anderer Mieter aus des alten Mannes Haus, vor meiner Türe herum. Auf meine Anfrage behauptete man dann recht dreist, dies unbedingt tun zu müssen.

„Weil wir alle dieselben Parkplatzprobleme haben.“

„Weil es nur fünf Minuten dauert.“

Und „weil die Einkäufe so schwer sind.“

Nichts sind dagegen, meine 20 Tonhubel, die ich immer mal wieder ausladen will, wovon einer allein 10 kg wiegt. Nichts sind die sensiblen Plastiken, die bis zu 35 kg. wiegen und sorgsam transportiert werden wollen. Selber schuld als Frau, diesen außergewöhnlichen Beruf gewählt zu haben!

ZWEIHUNDERT KILOGRAMM.

„Nicht mein Problem“ ruft die Nachbarin mit Kind vom untersten Balkon herab, als ich vorm verschlossenen Tor, das ihre Privatsphäre schützt, stehe, um mit ihr zu reden. Ich versuchte es in der Vergangenheit vergeblich immer wieder, auch mein Mann. Klar, dass es hier allein um die Beschneidung meines Raumes und meiner Möglichkeiten geht.

Und, ja, offensichtlich ganz allein mein Problem! Und weil auch ihre Probleme – vice versa – nicht meine sind, werde jetzt auch ich immer ungemütlicher. Und ich dringe darauf die Parkanweisung einzuhalten! Eure mittelschweren Einkäufe könntet ihr doch ganz easy mit einem schicken Rollator vom Auto zum Haus befördern. Oder man fährt direkt auf das hauseigene Grundstück! Lädt aus und parkt dann sein Auto ordnungsgemäß.

Zu allem Überfluss erhalte ich doch tatsächlich von einer Bewohnerin des Wohnkomplexes – wenn auch in vermittelnder Absicht – die Empfehlung, meine andere Tür zu benutzen und auf der Straße (direkt vorm schicken Mietshaustor!) zu stehen, wenn ich Be- und Entladen wollte. Ich weiß doch aber genau, dass die Denunziation auf schnellstem Fuße folgte!

Warum stehen sie denn allesamt nicht selber dort, wenn das so einfach ist?

Mir stößt jedoch nicht – und das will ich hier betonen – das einmalige Türstehen sauer auf, sondern sein Dauerzustand! Und vor allem auch die Macht der Gewohnheit und dieser hässliche, fordernde und mich abwerten wollende, Umgangston. Das ist schlicht und ergreifend Mobbing, meine Lieben!!

„Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann.“  (Mark Twain)

Sich einen Passus erlauben und dem anderen die Verantwortung dafür zuschieben, dass dem so ist, bedeutet in meinem Fall, ich „beanspruche“ etwas, was nicht mir gehört, sondern allen, sich aber direkt vor meiner Tür befindet und nicht vor der ihren, weshalb ich mich daran störe, weil mir das Be- und Entladen unmöglich gemacht wird, was jedoch mein Irrtum ist, denn dieser Platz so sagen sie – ist der ihre.

Moralisch betrachtet und rein an Mietjahren zusammengerechnet, bin ich länger da, als viele meiner Nachbarn unter der alten Linde. Nur einer wohnte bereits an diesem Ort, bevor mein Mann und ich, dazu kamen. Er wartete übrigens geduldig, als ich einmal im letzten Jahr, die empfohlene Straße zum Beladen meines Autos blockierte, weil kein Platz mehr für mich frei war, auch nicht vor der anderen Tür. Er fand es nicht lustig, zeigte jedoch Verständnis. Wir hatten uns bei unserem Einzug einander vorgestellt, wie das, innerhalb einer freundlich gesonnenen Nachbarschaft, üblich ist. Auch die junge Frau, die mit ihrer Familie direkt neben meiner Werkstatt wohnt und dort die “Frechheit” beging, eine Bank aufzustellen, zeigte bei ihrem Einzug keine Scheu sich mir vorzustellen. Das junge Paar mit Kindern hat inzwischen dieselben Probleme, wie ich.

Wer jemandem etwas andichten will, der muss sich gefallen lassen, selber angeschossen zu werden, es sei denn, er kann das, was er an Unwahrheiten verbreitet, auch belegen! Von unserem Wissenschaftlersohn lernte ich, dass es darauf ankommt, Vorgänge zu dokumentieren. Und seit ich immer wieder gewissen Anfeindungen ausgesetzt bin, weiß ich deshalb auch, mein Smartphone zu benutzen!

Mein Widersacher wirft Fragen in mir auf, aber, sind nicht des Nachts alle Wölfe grau? Seine ständigen, hilflosen Versuche, meine Aufmerksamkeit erheischen zu wollen, lassen mich jedoch zu einer harmlosen Erklärung tendieren; womöglich handelt es sich bei seiner andauernden Pöbelei, lediglich um reinste Liebesbeweise!

„Wenn dich jemand mit Steinen bewirft, musst du mit Rosen zurückwerfen. Aber vergiss die Vase nicht.“ (unbekannter Verfasser)

Sehr geehrter Herr Wolf, Sie möchten mit mir gemütlich ein Glas Wein trinken? Und Sie suchen eine Putzfrau mit akademischer Qualifizierung? Dann sagen Sie das doch! Es reicht völlig aus, wenn Sie mich höflich darum bitten! Darüber hinaus kann es nicht schaden, wenn Sie sich vorab für Ihre anmaßenden und übergriffigen, meine Person und meinen Beruf degradierenden Worte, entschuldigen.

„Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.“  (Jean – Paul Sartre)

Maren Simon zum 8. März 2020

 

Wie viele sind wir und wenn ja, wird es reichen?

“Der Schoß ist fruchtbar noch …”, Maren Simon, 2017

Mit Sorge verfolgte ich, wie schnell alles vonstatten ging. Gewisse Sachverhalte ließen mich jedoch seit längerem schon aufhorchen. Während um mich herum nun die Welt vollends auseinanderbricht, sitze ich inmitten meines Scherbenhaufens und füge diese Scherbenstücke zu neuen Konstellationen zusammen. Überall brennt es, die Emotionen überschlagen sich und Menschen gehen auf die Barrikaden. Die Gesellschaft zerfällt in ihre Einzelteile und alle machen mit, obwohl sie dies nicht wollen. Ich komme nicht umhin besorgt festzustellen, dass sämtliche, unser Dasein bestimmende Lebensbereiche, vom Wandel betroffen sind. Wie im Kleinen, so im Großen.

Weltklima, Politik, Kirche, Familie, Kultur, Natur …

Damit etwas wieder „heil“ werden kann, muss es mitunter zuvor mit Kraft gegen die Wand gefahren werden. Unsere Welt liegt zwar noch nicht in “Schutt und Asche”, doch ist es brenzlig. Das, was wir gerade miterleben macht viele Menschen nachdenklich und auch traurig. Der Prozess des Klimawandels ist irreparabel, also nicht umkehrbar, was den “fruchtbaren Schoß” betrifft, wie Berthold Brecht es formulierte, können wir nur auf die Kraft der Vernunft hoffen. Denn alle Parteifarben zusammengemischt ergeben nun einmal der Farbenlehre nach, noch immer nicht Weiß, sondern wie damals, Braun. Weshalb sich Politiker um klare Abgrenzung bemühen, jede Sorglosigkeit unbedingt in Grenzen halten und vorausschauend handeln sollten, damit sich die alten Muster nicht wiederholen.

Das Chaos ist der Urzustand der Welt. Aus ihm ist auch Gaia, unsere Erde, einmal hervorgegangen. So sagt es der griechische Dichter Hesiod. Ich baue nun meinerseits lebensgroße, uns allseits beschützende „Hausgötter“ aus Bergen von Schutt und Unrat auf, denn der begegnet mir überall auf meinen Wegen. So fand ich im Wald und an den Rändern der Autobahn über die Jahre hinweg unglaublich viel an zerschlagenem Scherbenmaterial: alte Dachziegel und Blumentopfscherben, zerbrochene Teller und Tassen und die Reste von Fliesen. Dickwandige Scherben von altem Steinzeug- und Tonkrügen, die früher zum Einlegen von Gurken und Sauerkraut Verwendung fanden, stellen dabei immer wieder etwas ganz Besonderes dar und sind die reinste Freude für die Finderin.

Solche interessanten Scherben verbergen sich manchmal von Pflanzen überwuchert im Boden und müssen zuvor „gehoben“ werden. Die Stellen, wo sie im Wald liegen, fallen mir sofort auf, denn meine Augen sind inzwischen geschult. In Zukunft werde ich mich wohl nur noch mit „Rollkoffer“ auf Ausflugstour wagen, denn meine Passion beginnt für mich (und meistens auch für meine Begleitung) allmählich anstrengend zu werden.

So merkwürdig meine Sammlung, so merkwürdig ist mitunter die Auffindesituation innerhalb der Landschaft, in der ich meine Materialien aufspüre. Mehrere bunte Müslischalen, eine Sauciere, Tassen und Kännchen lagen zum Beispiel völlig intakt und gut erhalten verstreut auf einer Lichtung im Lehniner Forst, als wäre es ganz normal sich solcherart überflüssig gewordener Dinge seines Haushalts zu entledigen. Ich verstehe nicht, wieviel Mühe diese Leute sich machen, ihren Unrat extra in ein Fahrzeug zu verfrachten, um ihn dann – aus den Augen aus dem Sinn – heimlich in abgelegene Wälder zu karren. Was soll das? Wahrscheinlich heiraten die jungen Paare heute noch viel zu selten. Früher gaben Hochzeiten üblicherweise den Anlass dazu, altes Geschirr beim Polterabend geräuschvoll zerschlagen zu können, um es loszuwerden. Die Aufgabe der jungen Eheleute bestand dann darin, diese Scherben gemeinsam aufzukehren, denn sie brachten Glück! 

Mir sind die bauchig gewölbten Bruchstücke die Liebsten. Mein Scherbenpuzzle überragt inzwischen meine eigene Gestalt, so dass ich auf einer Leiter stehen muss, um „Scherbenpracht“ Nummer eins – bestehend aus drei übereinander sitzenden, passgenau gearbeiteten Teilstücken – auf ihre endgültigen 1.80 m zu bringen. Während des Trocknens schrumpft die Plastik noch um ca. 10 % und bekommt Spannungsrisse, weil sich die bereits gebrannten Tonscherben starr im Vergleich zum ungebrannten Ton verhalten, der im Gegensatz zu diesen, Wasser verliert. Diese Risse möglichst klein zu halten und immer wieder auszubessern, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben für die nächsten Wochen.

Die Materialien, die ich innerhalb meines aufgehäuften Schuttberges in der Werkstatt zur Verfügung habe, erfordern von mir erfinderisch vorzugehen. Ich drehe und wende jede einzelne Scherbe in meiner Hand, prüfe und teste sie. Manche zerschlage ich in kleinere Stücke, mit der Mosaikzange lässt sich hierbei auch detaillierter arbeiten. Mit jedem neuen eingebauten Teil, das ich zuvor aus dem Haufen tausender Scherben herausgefingert und für passend befunden habe, lege ich mich fest, bestimme damit die Form und den weiteren Werdegang meiner Figur. Einmal entschieden, gibt es kein Zurück mehr.

Und dann beginnen die Scherben ihre Geschichten zu erzählen.

Während sich die Plastik auf der historischen Drehscheibe, die ich während eines Bildhauersymposiums im Elbsandsteingebirge von einer Kollegin aus deren Bestand erworben habe, in die Höhe schraubt, mache ich mir bereits erste Gedanken über die sichere Aufstellung des Ganzen. Ich bin überaus gern in Bau- und auf Flohmärkten unterwegs und finde hier immer irgendetwas Geeignetes für meine Belange. Auch Schlussverkäufe in Gartencentern können mitunter von Erfolg gekrönt sein. Kürzlich begegnete mir bei solch einer Gelegenheit das I-Tüpfelchen für die noch in Planung befindliche „Scherbenpracht“ Nr. II – eine originalgroße, leicht angeschlagene, keramische Nippesfigur einer reifen Ananas. Ein Glücksfall!

Im Allgemeinen gilt Kunst zwar als elitär, doch der Prozess, wie (und von wem) sie erarbeitet wird, ist oft alles andere als das. Werkstätten und Ateliers sind manchmal regelrechte Rumpelkammern und zu aufgeräumt wirkende Räumlichkeiten mancher Kollegen, erscheinen mir darum auch immer irgendwie verdächtig. Kreativität braucht Raum und Möglichkeiten, Sachen ruhen und sich entwickeln zu lassen. Ich weiß manchmal nicht sofort, wozu ich einen Zufallsfund weiter verarbeiten könnte, dann muss er warten, bis seine Zeit gekommen ist. Dafür brauche ich Platz.

Für meine Mühe beim Recyceln diversen keramischen Unrats und dessen Beseitigung aus der Natur, müsste ich eigentlich einen Nachhaltigkeitspreis verliehen bekommen! Denn mein Platzproblem brachte mich beinahe an den Rand meiner Möglichkeiten. Inzwischen bekomme ich aber wieder mehr Luft. Die Regale werden ab- und woanders wieder aufgebaut. Statt dieser, werden dann mehrere Tische aufgestellt, die mir zusätzliche Möglichkeiten bieten, an mehreren Terrakotten gleichzeitig zu arbeiten und meine Gerümpelberge nicht mehr auf dem Boden verteilen zu müssen. 

Humor hat, wer trotzdem lacht, sagt das Sprichwort und ich füge hinzu, wer sich vom Zeitgeist nicht unterkriegen lässt. Der Zeitgeist ist nämlich manchmal ein wenig charmanter Typ, der mit Leuten wie mir nicht umgehen kann. Ich arbeite dennoch mit ihm und nie dagegen – lasse mich aber auch nicht von ihm dominieren! Collagen, bei denen ich unterschiedlichste Materialien aufeinander treffen lasse, die auf den ersten Blick miteinander wenig zu tun haben, sind offenbar gerade deshalb ein Thema für mich, um den allgemeinen Erscheinungen des Zerfalls, etwas entgegen zu setzen.

Ich erlebe es ja tagtäglich – die eine, immer gültige Wahrheit, die gibt es nicht! Und wenn meine Gefühle dann Achterbahn fahren, sucht sich mein Gemüt ein Ventil. Ich lache gern über mich selbst, weil mir das als die naheliegendste Lösung erscheint, arbeite hierbei nicht nur mit Scherben aus Keramik, sondern verwende dafür auch Papier und reagiere auf Schwingungen, die nicht erst seit Richard David Prechts Bestseller in der Luft liegen:

„Wer bin ich und wenn ja, wie viele“?

Fotographische Selbstportraits sind entstanden, was natürlich an sich nichts Neues ist und keine Erfindung meinerseits darstellt. Cindy Shermann erfreut sich schon seit längerem einer großen Beliebtheit, indem sie sich selbst vor ihrer Kamera und mittels aufwendiger Verkleidungen, inszeniert.

Dagegen ist mein Beitrag eher unspektakulär.

Ich favorisiere das Einfache und Naheliegende und bediene mich brillant gedruckter, bunter Lifestylekataloge und Luxusmagazine, wie zum Bespiel solcher, von Douglas. Wenn Ai Weiwei jetzt erfolgreich mit einem Baumarkt kooperiert, sollte ich mich vielleicht bei denen mal vorstellen: „Komm rein und finde wieder heraus!” Zugegeben, einmal in zwei Jahren benötige ich tatsächlich einen neuen Lippenstift und auch ein wenig schwarze Farbe für meine Augenbrauen und Wimpern, was der Schmink- und Kosmetikbranche aber offenbar immer noch viel zu wenig ist. Weshalb man mir bestechend schöne, immer ein wenig gelangweilt, überheblich oder auch dämlich schauende Gesichter von jungen Frauen nach Hause schickt , die mich – gut ausgeleuchtet fotografiert – darüber informieren, dass mir zum Glücklichsein noch allerhand fehlt.

Bevor diese Heftchen – früher oder später – zu Altpapierbrei verarbeitet werden, nutze ich die Gesichter darin als Ersatzteillager.

Mir kam die Idee, diese Fotos in Schönheit-unterwandernder-Absicht zu benutzen, um mit ihnen das eigene Selbst zu deinstallieren, ganz spontan. Dazu entnahm ich mit der Schere „Organspenden“ und „transplantierte“ sie. Ich schnitt hierfür Wangen, Nasen und Münder, aber auch Bärte und Glatzen aus, um mir diese dann in Folge selbst anzuheften. Es braucht nicht viel – Gesichtsschnipsel in s/w aus der Tageszeitung tun es auch, um mit so wenig dann, zu einer völlig anderen Person zu werden!

“Deinstallation”, Maren Simon, 2020

Ganze „Papiercollagen“ fixierte ich in meinem Gesicht. Dann schoss ich fast ohne jede Sicht mit zugeklebter Brille meine Selfies und staunte nicht schlecht, denn nur wenige Millimeter sollten über angenehm, schräg oder verrückt entscheiden. Und alles wirkte so selbstverständlich, einfach wundervoll. Ist das noch Arbeit oder ist das schon Vergnügen? Eindeutig beides! Der Vorteil meines Berufes liegt ja darin zu arbeiten, selbst dann, wenn ich nur sitze (und grübele). Abgewandelt möchte ich sagen, ich sitze, also bin ich!

Und ich bin immer wieder froh, dass mich der Zufall dazu brachte, mit der Nase auf TON gestoßen worden zu sein, bin dankbar dafür, meine Begabung ausleben zu dürfen, es gibt für mich nichts Schöneres. Mit Genugtuung stelle ich heute fest, dass es richtig gewesen ist, mich durchgesetzt, es durchgezogen und vor allem, durch- und ausgehalten zu haben – denn früher gab es der Kritiker zu viele. 

Daher bin ich nun auch besonders glücklich, einen guten Bekannten der immer an mich und meine Arbeit geglaubt hatte, meine Person schätzte und mich unterstütze, vor gut zwei Jahren bereits portraitiert zu haben. Er verstarb am 22. Dezember des letzten Jahres. Ich bat ihn damals eine Zeichnung anfertigen zu dürfen. Er gab sich darüber verwundert und schaute während unserer gemeinsamen sommerlichen „Sitzung“ im Biergarten am Schlachtensee in Berlin oft nach unten, hielt den Kopf leicht schräg und lächelte verlegen. Ich quälte ihn nicht lange, das Wesentlichste in Kürze zu erfassen, gehört zu einer meiner Stärken.

Das ist schon ein wenig absurd. Früher lächelte man gern über mich und meine angebliche „Gefühligkeit“. Ich war schon immer eine eher ruhige Person, so traute man mir wenig zu. Der Gedanke, aktiv etwas bewegen zu können und jemand mit Führungsqualitäten zu sein, der die Ansagen macht, ließ sich anscheinend mit meiner stillen Wesensart nicht vereinbaren. Dabei ruhen sich die „Nichtgefühligen“ in Wahrheit nur sehr oft auf den Rücken der „Gefühligen“ aus und nähren sich von deren Geduld. Wenn ich heute spüre, dass ich meine Kraft nur verschwende, lasse ich los und gehe meinen Weg allein, auch wenn das manch einem nicht passt. Als Kind „schoss ich stets über das Ziel hinaus“, schrieb mir meine, mich damals beurteilende Grundschullehrerin ins Zeugnisheft – und heute?

Heute bin ich nicht viel besser. Meine Blogeinträge geraten mir zu lang und ich bekomme es einfach nicht hin, mich kürzer zu fassen. Mitteilsam zu sein ist eindeutig ein Manko. Ich bin wenig reduziert, habe in meiner Behausung auch viel zu viele Sachen herumzustehen und weiß genau, dass mein Staubsauger es wirklich gern anders hätte! Allein aufräumen nutzt wenig. Nach einer gewissen Zeit ist der alte Zustand ja doch wieder hergestellt. Ich lasse also die Leute reden und bleibe wie ich bin. 

Allein bei meiner Arbeit fällt es mir ganz leicht radikal zu sein, das Wesentliche zu erfassen und auf den Punkt zu bringen! Eine Handvoll Zeichnungen und einige Fotos mit frechen Spatzen an unserem Biertisch, auch eines von einem lächelnden Professor beim Abschied, sind an diesem Nachmittag am See entstanden und bildeten die Arbeitsgrundlage für die spätere Portraitplastik „Querkopf“ aus dem Jahre 2017.

Christian Gizewski wurde 78 Jahre alt. Unangepasst gab er sich, immer ein wenig umständlich und manchmal auch sarkastisch, dennoch anfangs jedem freundlich zugewandt. Er führte freiwillig ein zutiefst bescheidenes Leben. Gemeinsam mit seinen vielen Büchern bewohnte er die obere Etage einer älteren Villa in Berlin – Lichterfelde direkt unterm Dach. Dort hauste er spartanisch wie ein Student. Aus voller Überzeugung stand dieser Mann am Rande der Gesellschaft, eine Veranlagung, die wir beide miteinander teilten. Sein Gegenüber zwang er stets dazu sich zu entscheiden.

Entweder mochte man ihn oder man tat dies nicht. Ein unentschiedenes „dazwischen“ gab es in seinem Falle nicht. Dieser zeitlebens unbeugsame Charakter, den selbst wohlmeinende Kritiker als mitunter zu „stur“ empfanden, interessierte mich, wenn er auch zum Lebensende hin, mit diesem für ein gewisses Chaos unter seinen Anhängern – contra Familie – gesorgt haben muss. 

Es ging mit ihm bergab, als der alte Mann bereits schwerkrank, aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen, sprich entmietet wurde. Dennoch blieb er optimistisch und trat für seine Rechte gegen jene Vermieter und deren Anwälte sogar vor Gericht ein. Wären nicht Menschen an seiner Seite gewesen, die ihm in diesen schlechten Zeiten halfen – er hätte sich womöglich etwas angetan. Ich erinnere mich jedoch gern daran, wie seine grauen Augen blitzten, wenn der (Galgen-)Humor dennoch mit ihm durchging, trotz all dem.

Zu seiner Beerdigung sollten an diesem schönen Sonnentag im Januar sehr viele Trauergäste erscheinen. Weiße Rosen und Frühjahrsblüher stapelten sich in Fülle über seiner Urne. Auf dem Grab von Gizewskis früh verstorbener Frau Julia daneben, befanden sich nach seiner Beisetzung ebenso viele rote Rosen, wie Besucher da waren. Der schöne Gedanke, dass Professor Gizewski jetzt mit seiner lieben Frau Julia, einer Lehrerin und Künstlerin, wieder vereint sein würde, tröstete nicht nur mich.

Im Internet existiert ein Foto des Althistorikers mit Holzeule. Dieses Bild, von dem ich mich habe inspirieren lassen, zeigt ihn vor seinem Bücherregal stehend so, wie er in Erinnerung behalten werden wollte: nachdenklich, humorvoll, weise und eigensinnig. Diese Bildsprache 1:1 zu übernehmen, hätte ich jedoch als zu plump empfunden, denn sein Eigensinn tat manchmal weh.

“Querkopf”, Maren Simon, 2017

Gizewski war mehr als nur eine Respektperson. Er war für mich vor allem der witzige, sympathische und liebenswerte, kauzige Geschichtsprofessor mit Interesse nicht nur für komische Vögel, sondern besonders gern auch für sogenannte, bunte Hunde! Gerechtigkeit war ihm immer ein wichtiges Anliegen, all sein Mitgefühl galt daher stets den Missverstandenen, Unterschätzten und Schwachen, ihnen half er und setzte sich für sie ein.

Dafür ging er dann mit dem Kopf auch schon mal „quer“ durch die Wand.

– Quod erat demonstrandum –

 

 

Maren Simon am 17. Februar 2020

Neujahrskunst vom Hundekind

Pünktchen, “Welle”, Pfoten und Zunge, 2020

Der Weihnachtsast aus dem Wald bleibt noch eine Weile hängen, denn die vielen kleinen Lämpchen daran wärmen unser Gemüt an dunkleren Tagen und auch am Abend, wenn die Sonne nicht scheint. Strohsterne sind sein einziger Schmuck, obwohl ich Weihnachtsbaumkugeln liebe. Ich mache es wie Mr. Bean und kaufe immer nur eine, höchstens drei. Auf diese Weise kam in den letzten Jahren eine kleine, ungewöhnliche Sammlung zustande. Einen Weihnachtsbaum – weder künstlich noch lebendig – haben wir aber trotzdem nicht, um sie alle aufzuhängen, schon seit Jahren verzichten wir darauf. Deshalb hänge ich meine bunten Kugeln manchmal im Garten auf,  zwischen den Meisenknödeln sehen sie einfach zu witzig aus.

Mit extra Futtergaben bemühen wir uns, unseren Gartenvögeln unser Mitgefühl spürbar werden zu lassen, wenn sie am Silvestertag verschwunden sind und am nächsten Morgen wieder nach Hause finden. Sie kennen den Knallertermin offenbar ganz genau und verstecken sich, wo auch immer.

Unser Hibbelchen erlebte zum ersten Male Weihnachten und freute sich total über den damit einhergehenden Rudelzuwachs. Silvester mit seinen Böllern und Krachern, dieser in meinen Augen total rückwärtsgewandten Tradition, machte ihr jedoch Angst. Aufgeregt suchte sie nach einem Versteck und wollte, dass wir mit dem Sektglas in der Hand, dorthin mitkommen sollten; unters Bett, unter den großen Esstisch und auch in ihr weiches Nest, welches sich zwischen Sessel und Sofa befindet. Sonst resolut und angstfrei, ergriff den am ganzen Leibe zitternden und jämmerlich winselnden jungen Hund, plötzlich pure Weltuntergangsstimmung mit Herzrasen!

Am Neujahrsmorgen schien wieder alles normal zu sein – doch zur Sicherheit arbeiteten wir das Erlebte künstlerisch auf! Was der kleine, sogenannte „Kindergarten-Picasso“ kann, der zurzeit die Kunstwelt als „Wunderkind“ begeistert, das kann unser Pünktchen schon lange! Der Junge hat sich die Techniken der großen Meister im Internet abgeschaut und rakelt seine Farbe (fast so genial wie Gerhard Richter selber) auf die Leinwand. Wer sich keine echten Richterbilder leisten kann, wählt dann einfach in Kunstinteresse vortäuschender Absicht, die kindlichen Fake-Richtergemälde, die eigentlich genauso gut sind, jedoch viel weniger kosten … das ist jedenfalls, so denke ich mir, die Theorie dahinter.

Dank vieler Helfer im Hintergrund verkauft sich der Junge anscheinend sehr gut und inzwischen auch teuer. Sein Vater kümmert sich rührig um die Vermarktung des Sechsjährigen. Die Bilder im Familienkreis gar zu verschenken, kommt deshalb auch nicht mehr in Frage, weil sie inzwischen einfach zu wertvoll geworden sind … sagen die Eltern. Kann ein Kind einschätzen, was da geschieht und welchen Kräften es dienlich ist? Verfügt es über den notwendigen, geistigen Horizont aus einer bestimmten Absicht heraus und von seinem Innersten geleitet, gestaltend tätig zu werden, oder ahmt es vielmehr nur nach, wie es Hobbykünstler ebenfalls gern tun? Ohne jede Selbstironie wird dieses Kind mit Erwachsenen verglichen, und gegen diese in Stellung gebracht, die sich zwar „Mühe“ geben, aber es dann doch einfach nicht “gebacken” bekommen, weil „Mühe“ allein, eben doch nicht ausreichend ist. Wie weit sind wir inzwischen von der Realität entfernt, dass wir solchen Schwachsinn unhinterfragt bejubeln?

Pünktchen im Atelier Simon

Sofort kam mir die Idee, auch unseren Hund entsprechend anzuleiten und davon zu überzeugen, endlich kreativ tätig zu werden! Ich weiß ja am besten, wie das geht. Zuerst einmal weckte ich sein Interesse für Kunst, indem ich ihn in meinem allerheiligsten Kämmerlein schnüffeln ließ. Im Atelier, in das sonst niemand hinein darf, weil es für Besucher tabu ist, fühlte sich der kleine Hund offensichtlich pudelwohl. Für mich nichts Neues! Denn Elster und Kater saßen ebenfalls sehr gern bei mir unterm gemütlichen Dach. Der Hund untersuchte zuerst einmal alles sehr genau mit seiner schnuppernden Nase. Während Elster Quax sich vornehmlich für die Farben zu interessieren schien, schätzt der Hund raschelnde Papiere aller Art. Lediglich die Katze wollte nichts weiter, als ihre Ruhe haben und erhaben auf das Chaos rundherum herabschauend, auf dem Papierschrank in meinem Atelier sitzen. Eine gewisse Unordnung und der ganz eigene Geruch dieses Raumes, der von alten und neueren Büchern, diversen Papieren, Farben und ihren Lösungsmitteln verströmt wird, der gefällt jedoch allen, die trotz des „Tabus“ einen Weg dort hinein finden. Dieser Ort ist mein „heiliger“ Ort, das spüren sie alle.

Wäre der Vogel nicht zurück zu seiner Familie geflogen, so wäre er wohl inzwischen zu meinem versierten Assistenten herangewachsen! Diese verpasste Chance versuche ich nun wieder wett zu machen, lasse unser Pünktchen also für eine Zeitlang im Atelier mit sich allein und höre, wie herumliegende Papiere vom Hund raschelnd umgeschichtet werden, irgendetwas kippt um, es klappert und kracht. Solange jedoch die Bilder darunter nicht leiden habe ich kein Problem damit. Ich legte extra Zeitungen zum Zerfetzen aus und heize somit den Prozess der Selbstfindung unseres Hündchens an. Ich denke mir, dass es doch möglich sein muss – genau wie bei Menschenkindern – jugendlich überbordende Energie lenken und leiten zu können! Ich führe Regie und der Hund macht die Arbeit, so ist der Plan.

Wir brauchen nämlich immer wieder Geschenke! Ich habe zwar kürzlich erst einige meiner Plastiken und einige der Vasen in treue Hände abgegeben und habe sie im weihnachtlichen Miteinander zum Ausgleich für die Unterstützung, die ich erfahren habe, verschenkt. Ich kann aber nicht jedem, dem ich „Danksagen“ möchte zumuten, mit diesen Dingen umgehen zu müssen. Nicht jeder freut sich über meine Kunstwerke, die immer irgendwie sperrig und nie glatt sind und dann womöglich zur Belastung werden. In solchen Fällen sind Bilder vom malenden Hund, der (viel putziger als ich es je könnte) in der Lage ist, jeden Menschen mit seinem lieben Hundeblick zu verzaubern, die charmantere Wahl!

An das talentierte „Wunderkind“ kommt Pünktchen zwar nicht heran, aber das kleine Genie verliert sicherlich irgendwann an öffentlichem Interesse, weil es erwachsen wird und womöglich – noch schlimmer – den Schummel durchschaut. Einen begabten Hund in Stellung zu bringen kann sich daher als taktisch klug erweisen – je jünger und ungewöhnlicher der Künstler, umso größer nämlich die zu erwartende Wertsteigerung!

Man muss lediglich Interesse wecken können! Beim Sohn brauchte ich mich nur mit den Malutensilien zu ihm an den Tisch zu setzen, schon war er Feuer und Flamme. Unser Kind wollte aber leider, im Gegensatz zum genialen “Kindergarten-Picasso”, meistens nur seine Ideen durchziehen und ließ sich nicht hineinreden in seine Bildwelten, die er erfand. Den kleinen Wissenschaftler beschäftigten bereits in ganz jungen Jahren die Wasserkreisläufe in der Natur. Malend ging er der Frage nach, wie alles Wasser fähig ist, ständig seine Gestalt zu wandeln. Regenbögen begeisterten ihn und er malte immer wieder Höhlen, in denen es sich Mensch und Tier, trotz heftiger Stürme um sie herum, gemütlich machen. Wunderbare philosophisch angehauchte Bilder, die  Geschichten erzählten. Nie wieder kann man ein Kind werden, nur Kind sein. Zum Künstler kann man ein Leben lang werden.   

Pünktchen bei der Arbeit

Bunte und kraftvolle Farben faszinieren eigentlich alle Kinder, so auch mich – als ich selbst noch Kind im Kindergartenalter war – nicht jedoch unseren Hund. Hier musste von mir für seine feine Nase, zusätzlich ein kulinarisches Angebot unterbreitet werden; in Form von fettem Joghurt. Leberwurst hätte es ebenso gut getan, doch deren Grundfarbe hätte das Farbergebnis zu sehr beeinflusst in Richtung Grau und auch die Konsistenz, selbst feinerer Sorten, kann nicht mithalten mit Jogurt, der die Farben strahlen lässt! Ich trug sie auf das Papier auf und unser Hibbelchen verteilte sie dann elegant – mit ihrer feinen Zunge. Einfach genial und ohne vorher Videos anderer Künstler angeschaut zu haben! Unser Hund folgt allein seiner eigenen Intuition! Je nach innerer Stimmung tupft und wischt Pünktchen mit ihrem Bart nicht nur abstrakt, was ja doch relativ einfach wäre, sondern sogar realistisch (siehe Bild “Bigfoot”). Bei der Themenwahl folgt sie frei nach Bauchgefühl ihrer Nase und lässt sich nicht hineinreden – alles dreht sich bei ihr um „Spuren“. Spuren hinterlassen, lesen und wiederfinden, Spuren verlieren, Spuren legen, suchen und Spuren verwischen.

Voller Verwunderung schauen die Betrachter sich des Hündchens Bilder an. Man kann darüber diskutieren, über diese beeindruckende, moderne Pfotenkunst, die einfach nur ernsthaft als das, was sie ist, interpretiert werden will! Ermutigt durch die vielen positiven Stimmen lasse ich natürlich nicht locker und baue Pünktchens Talent weiter aus.

Denn unsere Hündin rakelt ja auch: mit dem Floh-und Läusekamm, den sie vom Kater vererbt bekam. Der Vorteil dieser Technik liegt darin, recht zügig attraktivste Ergebnisse bei sparsamstem Farbauftrag erzielen zu können. Pünktchen reagierte total begeistert. Ich konnte den kleinen Hund kaum bremsen. Weil Künstlersein bedeutet, sich künstlerisch stetig weiter zu entwickeln, überlege ich nun, wie ich sie behutsam an plastisches Gestalten heranführen kann! Leider liebt sie die Werkstatt in Werder nicht sonderlich. Das kühle Material TON ist wohl nicht ihres. Sie favorisiert lockeren Sand und mag keinen, der klebt.

Pünktchen, “Spurensuche”,

Pfoten, Zunge und Bart,

Dezember 2019/Januar 2020

Elefanten könnten mit einem Hubel Ton sicherlich sehr viel mehr zu Wege bringen als unser Hund und mit Hilfe ihres Rüssels, die schönsten Formen daraus zaubern. Leider können wir uns nicht auch noch einen Elefanten zulegen, denn unser Haus ist zu klein. Ich könnte mir jedoch vorstellen, ein kreatives „Elefanten – Keramik – Projekt“ in einem Zoo, künstlerisch zu begleiten. Mein Zutun läge allein darin, den künstlerisch tätigen Tieren das Material zu reichen und sie bei der Formfindung zu unterstützen, um ihnen dann im entscheidenden Moment, da die stärkste Ausdruckskraft erreicht worden ist, das fertige Kunstwerk abzunehmen und für den Brand vorzubereiten. Auch das Wichtigste, die Titelfindung nämlich, wäre mein Part dabei. Nichts einfacher als das! Dickhäuterkunst mit lyrischer Untertitelung klingt so abgefahren, da fänden sich bestimmt potente Abnehmer für.    

Beim Hund will ich mit Collagen aus „Bärchenwurst“ mein Glück versuchen. Sie wissen schon, die gibt es an der Fleischtheke, extra für die Kinder und mit lustigem Bild. Ein Problem, das plastische Denken mithilfe von Wurst zu entwickeln, besteht dabei nicht. Jeder denkt zwar, der verfressene Hund wird sich die Wurst schnappen und sofort verschlingen, jedoch nicht damit arbeiten wollen. Ein Irrtum! Unsere kluge Hündin mag die abgepackten Sorten einfach nicht und lässt sie links liegen.

Kinderfängerwurst, so glaube ich bald, wird es nicht mehr lange geben. Die nervigen Kinder von heute, die wollen doch nur noch Gesundes auf ihren Tellern tolerieren. Sie rufen nach einer besseren, gerechteren Welt und das Tierwohl liegt ihnen am Herzen. Also schnell handeln und Bärchenwurst vor dem Aussterben bewahren! Zu einem Turm oder Haufen übereinandergelegt kämen die einzelnen Wurstelemente der raumfüllenden Gedankenwelt eines Installationskünstlers mit bildhauerischem Blick, entgegen. Wäre nur noch die Frage der Haltbarkeit zu klären. „Haufen“ bringen in jedem Fall enorm viel Geld. Denken Sie nur an die vielen Stapel von geerntetem Weizen, diese kuriosen „Heuschober“, von Monet!

“Gefüllte Schatzkiste”

An dieser Stelle noch ein Tipp der klugen Hausfrau: alles, was rar zu werden droht, einfach für die Zukunft schnell und sicher bewahren! Denn dann behalten Sie ihr gutes Gewissen … all die schönen Objekte einfach einfrieren, einwecken oder in Folie einschweißen! Käfer, Schmetterlinge und Falter hinter Glas – ihre Raupen in die Dose. Vögel und ihren Gesang in Kästen aus Holz unterbringen. Platt gepresste Wiesenblüten trocken gelagert in schützenswerten Büchern – zwischen deren Seiten aufbewahren … künftig kann mit der entsprechenden Bastelanleitung jedes Ding erfolgreich konserviert werden.

Vielleicht könnten wir Pünktchens Wurstbrote in Formaldehyd einlegen oder umweltfreundlicher, in Alkohol. Damien Hirsts millionenschwere Objekte, die statisch und beeindruckend in Aquarien mit Flüssigkeit verharren, behalten ja auch ihre frischen Farben. Wieso soll das nicht auch mit schwebenden Wurstscheiben möglich sein? Machbar wäre auch Vieles vor dem Schimmeln zu bewahren, indem es in Blöcke aus Gießharz eingebettet wird, um dann übereinander gestapelt, riesige Hallen zu füllen. Kunst ist doch nur echte Kunst, wenn sie richtig groß und mächtig gewaltig daher kommt. Entweder wir spielen mit Zahlen und Masse und überschwemmen mit geringstem Aufwand und ohne jeden Sinn, große Räume mit einfallslosen, nebeneinander aufgestellten, immer gleichen Einzelteilen in Serie – oder aber wir erschlagen den Raum und die Besucher gleich mit, nur durch ein einzelnes, gigantisches Werk.

Jetzt werden Sie sich fragen, braucht es denn tatsächlich Bildhauerarbeiten aus Wurst?

Pünktchen, “Bigfoot”, Pfoten, Zunge und Bart

Ich stelle mir diese Frage nach Aufwand und Nutzen und vor allem nach Inhalten, auch des Öfteren, wenn ich Kunsträume besuche. Sie stellt sich dem geneigten und stets mit der Zeit gehenden, wohlwollenden Kunstrezipienten jedoch nicht – der fragt stattdessen – ja, wieso denn nicht? Alles verdreht sich momentan, vieles bläht sich auf, nur um dann lautlos zu implodieren. Ein Vorgang, den man in Folge als wichtigen Erkenntnis-Prozess bezeichnen und mit Projektgeldern unterstützt, erfolgreich an die große Glocke hängen kann. Den allgemein üblichen „Fake“ – nämlich mehr zu scheinen als man tatsächlich ist – den beherrschen meiner Ansicht nach, bereits viel zu viele. Deshalb kann man darauf hoffen, dass es in Bälde eine entsprechende Gegenbewegung geben wird, ähnlich jener, die zurzeit so manchen Tattooträger heimsucht, dem seine Bildsünden auf der Haut zu schaffen machen, weil jetzt nackte Haut angesagt ist.

Ich empfinde die exorbitant zunehmende, selbstdarstellerische Kraft als zu gefährlich, als dass man sie sich selbst überlassen und ihre Entwicklung einfach so laufen lassen darf. Wohin führt mangelndes moralisches Empfinden? Wird „FAKE“ das Wort des nächsten Jahrzehnts? Unser wertvollstes Gut, unser Planet Erde, wandelt sich gerade dramatisch, und wir können nur wage vorhersagen, wie schlimm es wirklich werden wird. Unser Lebensraum mit der Luft, die wir zugleich verpesten und einatmen, dem Wasser, dass wir verschmutzen und verschwenden und dem Boden, den wir überdüngen und versiegeln, den Tieren und Pflanzen, für die wir eigentlich Verantwortung tragen, all das, wird immer noch von allzu vielen Mitmenschen als zu selbstverständlich angesehen.

Wahres, Ursprüngliches, Echtes geht verloren, Künstliches, Minderwertiges und Falsches feiern sich dagegen unermüdlich selbst, denn heutzutage ist alles möglich und genauso gut – nichts! Alles nur eine Frage der Interpretation. Und der Abstumpfung durch penetrante, ständige Wiederholung.  

Über derart profane Angelegenheiten muss sich jedoch der künstlerisch tätige Hund keine Gedanken machen, das ist Sache der Experten, wenn sein Talent erst einmal entdeckt worden ist.

Für Zweitausendzwanzig allen Mitstreiter*innen das nötige Rüstzeug, um erfolgreich gegenzuhalten.

Maren Simon am 3. Januar 2020

Die SIMON in Suhl

Eine sehr schöne Ausstellungseröffnung liegt hinter mir, voller Euphorie hätte ich gern mehr darüber berichten wollen, doch schob sich innerhalb der letzten Wochen manches an ungewöhnlichen Fakten aus Kultur und Politik dazwischen. Die Vermarktung von Kunst treibt immer dreistere Blüten und eine exorbitante Preispolitik nimmt Dimensionen an, die kaum jemand so richtig nachvollziehen kann. Hier nach Möglichkeiten zu suchen, die dumme Käuferschaft mit zu viel Geld, zu überrumpeln liegt nahe, zumal solche Menschen sich in vielen Fällen nur zu Spekulationszwecken für Kunst interessieren. Blöd für alle, die sich nicht auskennen, aber mitmischen wollen und sich – ohne jedes Gespür – allein auf die Expertise der Vermittler und Händler beim Kunstkauf verlassen. 

Ich habe stets den Eindruck vermittelt bekommen, nicht zu genügen oder nur die zweite Wahl zu sein. Eine kleine, lustige Frau, die gern malt und ein bisschen in ihrer Freizeit (von Familie und Broterwerb), mit Tonerde herumwerkelt. Der erste, bei dem ich diesbezüglich einen anderen Eindruck gewonnen hatte, war nun ausgerechnet der Charlottenburger Galerist Michael Schultz gewesen, den man jetzt des Auftrags zur Kunstfälschung eines Gerhard-Richter-Gemäldes verdächtigt. Ich kann das kaum fassen und will es nicht glauben. Muss ich jetzt sogar froh darüber sein, dass ich mit seiner „rechten Hand“, einer Dame meines Alters, so gar nicht klar kam? Zuletzt war ich deshalb auch nicht mehr mit ihr, sondern mit ihm direkt per E-Mail in Kontakt und schickte Fotos meiner neuesten Werke auf seinen PC. Ich habe diesem Galeristen zu verdanken, einen gehörigen “Aufwind” erhalten zu haben. Denn, dass er sich für meine Arbeit interessierte, sprach sich schnell herum. Eine Art Gütesiegel! Nun sind alle meine Hoffnungen erst einmal zerschlagen worden und ich frage mich, ob ich ein Leben lang ohne Galerist werde auskommen müssen.  

Kommunale Galerien sind dem finanziellen Dauerdruck nicht in derselben Art und Weise ausgeliefert, wie ihn die privaten Galerien zu verzeichnen haben. Deshalb können sie sich leisten, entspannter zu agieren, backen aber auch nur die kleineren Brötchen. Als ausstellender Künstler hat man deshalb auch oft vermehrt Aufwand statt Nutzen zu verzeichnen, wenn man es rein finanziell betrachtet. Doch in meinem Fall ist die Ausstellung ein Genuss, denn sie wurde von kluger Hand geplant und ihre ca. siebzig Einzelteile wurden liebevoll drapiert und wirksam in Szene gesetzt. Bis zum 24. November kann sie noch besucht werden.

Mit unserem Hund im Gepäck gestalteten sich die nächsten Tage, auch im nahe gelegenen Hotel, überraschend unkompliziert. Das tat in der Tat gut, denn zuvor musste ich „Steine“ vor meiner Türe in Werder beiseite wälzen. Ich hätte mich nämlich vorab um einen sogenannten “Verkehrssicherer” bemühen müssen, um gewährleisten zu können, mit dem Transporter zuverlässig bis dicht heran an meine Werkstattüre zu gelangen. Es gibt davor weder einen Fußweg noch eine richtige Straße – nur einen Parkplatz, dessen „regelnde“ Parkordnung per Verkehrsschild, jedoch gern umgangen wird.

Dann schaue ich aus meiner Ladentüre heraus auf die grinsenden Schnauzen der Autos davor. Warum zuvorkommend freundlich, wenn es auch umständlich geht? Gut, dass ich genug Zeit hatte, um meinen Verladeproblemen cool begegnen und eine Notfallstrategie entwickeln zu können.

Als Kunstbetrachter sieht man all das nicht, wenn man mit der Preisliste in der Hand seinen Ausstellungsrundgang tätigt. Wer über Preise nachsinnt, bedenkt nicht das Davor und Danach und auch nicht die Logistik dahinter. Allein die gewichtigen Plastiken zu heben, zwanzig an der Zahl, das kam in meinem Fall einem Kraftakt gleich. Zwei sensible Terrakotten, den „Papst“ und die „Pandora“, transportierten wir mit dem eigenen Auto und als diese beiden letzten Stücke dann endlich auf ihren bereitgestellten Sockeln standen, ohne Schaden genommen zu haben, war das ein erhebender Moment, nicht nur für mich.

Trotz herbstlich-kühler Temperaturen und Nieselregens mit Nebelschleiern blieben wir noch einige angehängte freie Tage in Suhl und fühlten uns gut aufgehoben. Unsere junge Hündin lag in der Hotelbar so gut wie nie unterm Tisch, sondern hatte immer nette Spielkontakte. Mal handelte es sich um eine ganze holländische, hundefreundlich gestimmte Reisegruppe, ein anderes Mal um einzelne Gäste, die selbst einen oder sogar mehrere Hunde dabei hatten. Erschöpft und selig schlief unser Hundchen darum jeden Abend zufrieden in seiner mitgebrachten Box ein. Eine gute Übung für den jungen Hund – auch im Urlaubsmodus zeigte sich unser Pünktchen liebenswürdig, zuverlässig, humorvoll, alltagstauglich und stressresistend.

Zurück fuhren wir über Jena. Unsere Freunde und unser Sohn haben hier ihren Lebensmittelpunkt. Ich wurde spontan eingeladen bei einer „herbstlich“ gestimmten, faszinierenden Tätigkeit „Ecoprint“ genannt, mitzumachen und erlernte bei dieser Gelegenheit das „Blätterauflegen“, indem ich zu meiner Verwunderung meinen eigenen, bereits vorbereiteten Schal, gestalten durfte.

„Ecoprinten“ geschieht unter Zuhilfenahme von gerbsäurehaltigem Blattwerk. Es kommen zuvor gefärbte Stoffe zum Einsatz, auf denen diese Blätter lose angeordnet werden. Ihre Konturen drucken sich später auf der Unterlage effektvoll ab. In Folie wickelt man zuvor alles ein, als würde man einen Strudel zu einem Paket binden wollen und lässt diese Rolle über Dampf längere Zeit garen, zum Beispiel in einem Einwecktopf, da passen mehrere Rollen gleichzeitig hinein. Anschließend erfolgt die Endbehandlung unter fließendem Wasser. Wenn die Blätter ihre färbenden Wirkstoffe mehr oder weniger erfolgreich abgegeben haben, lassen sich ihre Abdrücke deutlich erkennen, mitunter aber auch nur als ein Hauch erahnen. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel die Walnuss oder der rotfärbende Eukalyptus, sind sehr präsent, so dass man anschließend sämtliche Blattrippen zählen kann, andere verhalten sich subtiler. So entsteht Spannung, die erstaunen lässt.

Eine überaus reizvolle Technik, die Zartes und Verletzliches passend zur derzeitigen herbstlichen Stimmung, ausdrucksvoll in Szene setzt. Dieser, von den wunderschönen Stoffen ausgehenden Faszination, kann man sich kaum entziehen. Ich spraye Blätter mit der Dose, hier aber sind es echte, lebendige Blätter! Die vielen Schritte, die es braucht, um zu einem erfreulichen Ergebnis zu gelangen, sieht der Laie natürlich auch hier nicht. Hinzu kommt der Aspekt der Nützlichkeit. Benutzertaugliches hat nun einmal nicht teuer zu sein. Doch diese kleinen Kunstwerke sind in meinen Augen ein Stück Luxus. Mitunter muss ein Stoff mehrmals „überprintet“ werden, weil der Zufall nicht immer so freundlich ist, wie erwartet. Auf den ersten Druck kommt in solchen Fällen ein zweiter, manchmal wird auch ein dritter gesetzt. Der verwendete Untergrund entscheidet, neben den unterschiedlichen verwendeten Sorten von Blättern ebenfalls darüber, wie das Ergebnis ausfällt. Wolle reagiert anders als seidene Stoffe, transparentes anders als derb geartetes Material.

Es sind am Ende Wissen und Erfahrung, die den Wert einer gelungenen Arbeit ausmachen.

Gestaltete sich unser Aufenthalt in Suhl eher feucht, so nahm uns bereits während der Rückfahrt über Jena eine wunderbar wärmende Sonne in ihren Bann. Der Rennsteig wirkte wie eine Wetterscheide. Gemütlich ließen wir im herbstlich blühenden Garten unserer Freunde, die letzten Tage und meine Ausstellung in Suhl, Revue passieren. Bevor wir endgültig unsere Rückfahrt antraten, führte uns ein letzter, gemeinsamer Spaziergang in einen beliebten Biergarten an der Saale und hier sollte auch Pünktchen nochmals auf ihre Kosten kommen. Überall Spielgefährten, so auch dort. Zum Erstaunen vieler Zuschauer, die auf der Brücke stehen blieben und belustigt zusahen, veranstalteten die übermütigen Hunde unten drunter eine wilde Verfolgungsjagd im Wasser. Unsere hakenschlagend vorneweg, etwas schwerfälliger die beiden größeren Hunde hinter ihr her.

Auf der Terrasse empfing uns an jenem Abend, als wir schließlich heim kamen, eine wundersam dunstige Stimmung, ganz so, wie im tropischen Regenwald! Feinste Wassertröpfchen hingen verteilt in der Luft und in den Zweigen der Tamariske. Am nächsten Tag konnten wir darum nicht anders, als in die Pilze zu gehen! Zahlreich zeigten sie sich und erfreuen auch jetzt noch, nach Einsetzen des ersten Frosts, den kundigen Sammler, der überall fündig wird. Wir gehen natürlich nicht allein, sondern mit unserem Hund, denn wir versuchen diesem beizubringen, Speisepilze für uns zu erschnüffeln. Der Prozess des Lernens ist jedoch langwierig. Noch findet Pünktchen leider sämtliche Pilzsorten, auch die psychedelischen, gleichermaßen interessant!

Moose und Flechten haben sich erholt, es ist jetzt im nebeligen Wald einfach wunderbar. Dennoch, für manchen Baum kam die erfreulich reichhaltige Feuchtigkeit der letzten Wochen leider zu spät. Wir standen kürzlich vor einer Fichte die sich vollkommen ihrer noch grünen Nadeln entledigt hatte. In Schichten lagen sie, wie ein weicher Teppich, unter dem Baum und um dessen Stamm herum verteilt. Durch diesen zog sich ein langer Spannungsriss von unten bis weit nach oben. Ich verfolgte seinen Verlauf und traute meinen Augen kaum: die letzten Äste des alten Baumes lebten noch! Wie eine Fahne erhob sich dieses „Restbäumchen“ oberhalb des toten Geästes und trotzte dem Wind, der über die danebenstehenden, ebenfalls langsam dahinsiechenden Gefährten strich. Ein Bild, das mir sämtliche Tränen in die Augen trieb. Mein Herz krampfte und die Kehle schnürte sich mir zu und so ließ ich sie laufen in dem Bewusstsein, hier nichts tun zu können.

Je weiter nördlich man kommt, umso anhaltend trockener und heißer scheint es zu werden. Im Land Brandenburg findet tatsächlich gerade eine dramatische Wandlung statt, genauso, wie es von der Wissenschaft vorausgesagt worden ist. Nicht so im Thüringer Wald, hier sehen die majestätischen Baumriesen noch intakt aus. Im dunstigen Nebel erschienen sie uns, wie hintereinander aufgestellte, sanfte Schatten und es roch wunderbar würzig. Wenn wir der Filmindustrie Glauben schenken, dann ist unser aller geheimnisvolle Waldwelt irgendwann Geschichte. „Regen“ wird dann ein Fremdwort für uns sein und wenn dann erst eine glühende „Dauersonne“ in aller Brutalität auf unseren Landstrich herniederscheint, werden wir uns nur noch – verhuscht wie Kellerasseln und Küchenschaben – vor dem gleißenden Licht und der sengenden Hitze überall, gesellig in kühlen und dunklen Schutzräumen verstecken können. Das klingt nach der Überlebensmaxime eines Grafen Dracula; auch der soll ja kein Sonnenlicht vertragen haben, weshalb er die hellen Stunden des Tages, in seiner muffigen Gruft verschlief.

Maren Simon, 3 Kleinplastiken, 2012 – 2019

„Schmutzende“ und verschattende Bäume, auch solche, die reichlich Früchte tragen oder Laub abwerfen, werden unseres Klimanotstandes zum Trotz, neuerdings leider sehr häufig wenig kulturvoll gestutzt. Ich meine nicht die Straßenbäume, die „gesundgeschnitten“ wurden und deshalb manchmal wie verstümmelt wirken, sondern ich wundere mich über diese aufkommende „Mode“, dem Wachstum von Douglasien, Fichten oder Tannen, deren Erscheinungsbild anfangs sehr „knuffig“ später aber zu üppig ausfällt, Einhalt zu gebieten, weil sie ihr „Versprechen“, so gefällig wie in jungen Jahren zu bleiben, einfach nicht halten wollen! Sie wollen in zu dichter Ansammlung und in Reihe angepflanzt, bei zu starkem Wasserverbrauch viel zu hoch hinaus! Oben wird gekappt, aber die unteren Wedel bleiben dran. Manchmal steht nur noch der Stamm – nackt und ohne alles da, was ich ziemlich halbherzig finde. Grausam und brutal in jedem Fall. Beliebt ist auch die Methode bei sehr alten Obstbäumen durch rabiate „Verjüngung“ einer „Vergreisung“ entgegen zu wirken. Es sieht dann in der Dämmerung für mich so aus und beflügelt meine Phantasie, als wären das menschliche Kreaturen, die ohne ihr Haupt, dafür aber mit mehreren amputierten Armen und auf einem Fuße stehend, kläglich am Leben gehalten werden. In Würde altern dürfen diese versehrten Bäume jedenfalls nicht, denn der reiche Ertrag ist ihr Job.

Welches Grün hat in unserer Region noch eine Zukunft? Als ich Mitte der 90-iger Jahre darüber nachdachte, versuchte ich bereits damals schon, der zunehmenden Trockenheit mit entsprechendem Bewuchs rund ums Haus, zu begegnen. Das Ergebnis heute nun, ist ein üppiger, schattenspendender und ungewöhnlich vielseitiger „Waldgarten“. In ihm wachsen für unsere Tiere verschiedene vogelfreundliche, beerentragende Sträucher und kleinere Bäume, auch einige große, wie der Walnussbaum oder die beiden Lärchen. Hier tummelt sich neuerdings zu unserer Freude sogar eines der schützenswerten, rothaarigen Eichhörnchen herum. Im Nussbaum ranken Strauchrosen und am Haus der Blauregen. So dichtes Grün ist aber nicht jedermanns Sache. Wer die direkte Sonne liebt, muss andere Lösungen finden. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass die Natur sich in jedem Fall zu helfen weiß.

Wir sollten sie hierbei vermehrt unterstützen. Manchmal denke ich voller Sarkasmus, wir vernunftbegabten Kreaturen müssen endlich die Option in Erwägung ziehen zahlenmäßig auf weniger, anstatt auf mehr Wachstum, zu setzen. Auf diesen Einfall kamen auch “Die Ärzte”, deren neuesten Song „Abschied“ ich kürzlich erst im Radio hörte. Parasiten werden immer und überall durch ihre Anzahl zum Problem! Bei allen vermeintlichen „Schädlingen“ und „Unkräutern“ ist das so, weshalb die meisten Menschen diesen erfolgreichen, tierischen Spezialisten und pflanzlichen Überlebenskünstlern, auch so feindlich gesonnen gegenüber stehen.

Ganz aktuell sei der gemeine Buchsbaumzünsler genannt, aus dem an sich ein schöner Falter wird, wenn er ausgewachsen ist. Zum Problem wird seit einigen Jahren sein klimabedingtes, massives Auftreten häufig auf beschnittenem Buchs, wobei die Raupen die wertvollen Buchsbaumbüsche leider in kürzester Zeit total kahl fressen. Dem umtriebigen Zünsler ist kaum beizukommen, denn er will nur Buchsbaumblättchen fressen, nichts anderes. Weniger Individuen des Buchsbaumzünslers bedeuteten eindeutig weniger Stress für den „Planeten Buchs“. Und weniger von uns, darauf wiesen die Grünen bereits 2002 hin, bedeuteten für unseren Planeten mehr Aussicht auf ein gesünderes Klima durch weniger Raubbau an der Natur. „Los komm, wir sterben aus, denn das ist besser für die Welt“, „alles ist besser, als ein weiterer Tag, an dem wir den Planeten ruinieren“…

Deutlich WENIGER brächte Entspannung.

Weniger Straßenverkehr, weniger Müll und weniger Klamotten (Kleidung die völlig intakt, weggeworfen wird), weniger benötigte Nahrungsmittel, weniger Futtermittel- und geringerer Wasserverbrauch, weniger schädliche Klima- und Kühlanlagen, weniger Schornsteine (und darum weniger dicke Luft), weniger Abwasser und Fäkalien, weniger Landwirtschaft, Chemie und Umweltgifte, weniger Lärm und weniger Lichtverschmutzung, weniger Versiegelung (mit Stein und Beton = weniger Hitzestau), weniger Schadstoffe im Boden und dafür wieder wahre, natürliche Schönheit! Wie im Paradiesgarten mit Insekten, Vögeln, wilden Pflanzen und überhaupt, wieder mehr Artenreichtum, zu Wasser zu Land und zur Luft. Es geht uns (in unseren Breiten) einfach viel zu gut, darum merken wir erst dann, wenn es bereits zu spät ist, was wir verloren haben! 

“Totalschaden”

Eine blühende Wiese ist eine einzige Freude für den, der Sehen gelernt hat!

Was ist doch der „böse“ Zünsler für ein harmloser Geselle, im Vergleich zu der sorglosen Spezies Mensch! Gibt man die Kombination „Zünsler“ und „Buchs“ bei Google ein, erfährt man einiges über ein erfolgreiches Insekt und über äußerst verärgerte Menschen, die sich anscheinend nur noch mit Chemie dagegen zu helfen wissen. Hat der Zünsler seine Buchsbaumwelt kahl gefressen, zieht er weiter. Aber der Buchs treibt mit etwas Glück wieder aus und kann sich regenerieren! Spatzen helfen ihm dabei, indem sie die Raupen gezielt absammeln und an ihre Jungen verfüttern. Vater Lups lässt grüßen! Die Natur bekommt es in den Griff, solange die Balance stimmt.

Wenn nun aber leider der Bezug zu den Ursprüngen verloren gegangen ist, wird kein einziger Gedanke an das erfolgreiche Wachstum eines kleinen, lästigen Unkrauts, das sich mit Freude zwischen Beton und Flusskieselaufschüttung im Vorgarten angesiedelt hat, verschwendet – schon gar nicht ein von Mitleid oder Achtung getragener. Solange der Rasen im stetigen Wechsel von Wässern und Mähen, teppichgleich und üppig gedeiht, ist alles gut. Sauberkeit, Ordnung und Übersichtlichkeit, sagt „Meister Propper“, das sind nämlich die drei wesentlich wichtigsten Aspekte im Leben des gewöhnlichen und „gemeinen“ Homo sapiens. Seinen keimfreien, möglichst sterilen Standard unter allen Umständen zu erreichen und vor allem auch zu halten, erklärt uns besonders gern im Vorabendprogramm die Putzmittelindustrie zur einzigen, minimalistischen Aufgabe im Leben desselben. Und nach uns dann, die Sintflut!

In Lübnitz bei Bad Belzig vor der “Trockenzeit”

An jenem Tag im Belziger Forst, als wir die sterbenden Fichten in Lübnitz beweinten, wurde mir und meinem Mann schlagartig bewusst, dass der vorausgesagte „Tipping Point“ an manchen Stellen im Land Brandenburg bereits überschritten und eine Umkehr hier nicht mehr möglich ist.

Maren Simon am 23.Oktober/13. November 2019

 

 

 

 

 

 

Sehens-, Fühlens-, und Hörenswert:

„Es lebt!“, Film des Regisseurs Rene Daalder von 1997

Herbstblattdrucke auf Stoff aus der „textil WERK statt“. Kontakt über: http://www.katrinknape.de

„Silberfische in meinem Bett“, äußerst humorvoller Beitrag! Lied von „Fettes Brot“. Wunderbar genuschelter und eilig vorgetragener, hintersinniger Text. Deswegen einer meiner Favoriten in der Musikbox. Im dazugehörigen Video treibt zwar ein Insektenvernichterteam mit viel Sprühnebel sein Unwesen, aber sie bleiben ohne Erfolg. Die Kakerlake gewinnt.

„Die Ärzte“ sarkastisch zum Thema Klimawandel: „Abschied“, 2019.

12. November 2019

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GLÜCK ist doch nur eine Frage der Einstellung

Die Bildhauerin Maren Simon im Gespräch mit Tilda – Bisertha Grünemitten über das Glücklichsein im Allgemeinen und seine Schattenseiten im Besonderen, daraus resultierenden, zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie die Vorbereitungen zu ihrer Ausstellung „Geerdet Aufstrebend“, in der CCS Galerie in Suhl.

Liebe Frau Simon, Sie sind als selbständige und freiberuflich arbeitende Künstlerin anders getaktet, als ihre Mitmenschen es sind, die einen geregelten Tagesablauf haben. Sie spüren gewisse, mitunter ganz leise Schwingungen, die in der Luft liegen und verarbeiten diese künstlerisch. In Suhl werden wir in den nächsten Wochen einige dieser Ergebnisse, vieler Jahre Arbeit anschauen können. Sie sagen, während die Dosis das Gift machte, wie der Arzt und Naturforscher Paracelsus betonte, gäbe es zum Glücklichsein keine verbindlichen Mengenangaben, obwohl sicherlich auch zu viel an Glück mehr Schaden, als Nutzen anrichten könne. Für Sie ist Glück nur eine Frage der persönlichen Einstellung zum Leben. Und immer auch der Umstände! Erklären Sie uns das bitte genauer.

Wir waren in freudiger Urlaubsstimmung und mit der Vorbereitung hierzu beschäftigt, da bekam ich einen Brief mit Karte per Einschreiben zugesandt. Obenan der sinngemäß erhobene „Zeigefinger“ der Lehrerin, ob ich denn tatsächlich mit „der Situation glücklich“ sei. Wir fuhren wie geplant in die Ferien und ich entschied mich, eine eventuelle Beantwortung dieser übergriffigen Frage auf später zu verschieben. Die Post kam nämlich von meiner Mutter. Und die „Situationsfrage“ bezieht sich auf das allgemeine Unbehagen, das unsere Familie nun schon seit vielen, etlichen Jahren gefangen nimmt. Ich bin jedoch froh, endlich Abstand gewonnen zu haben.

Viel zu schön sollten unsere Ferientage erstmals auch mit Hund, werden! Ob bei strahlend blauem Himmel, Sonne oder Wind und Regen, wir machten jeden Tag zu einem kleinen Fest. Ich tankte auf diese Weise vor der letzten, immer heftigen Vorbereitungsphase bei der Ausstellungsvorbereitung, frische Luft und Energie. Wir besuchten in Dänemark Pünktchens Bruder „Akito“ und seine neue Familie und staunten, wie sich beide Hundchen rangelnd und voller Freude, förmlich in den Armen lagen. In unserem strohgedeckten, sehr gemütlichen Urlaubsdomizil mangelte es uns an nichts. Der nah gelegene Strand lockte jeden Tag und das grünlich schimmernde Meerwasser leuchtete so wunderbar klar, was wollten wir mehr? Unsere Hündin sprang vor Freude auf und ab, sie badete und buddelte im Sand, wie ein Kind und flitzte zwischen ihren beiden Menschen immer hin und her. Sie fühlte sich ganz offensichtlich gemeinsam mit uns, (zeitweise auch mit Sohn Carsten und Freundin Aline, die ebenfalls für ein paar gemeinsame Tage vorbeischauten), im urigen Fachwerkhäuschen pudelwohl.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen!

Genauso ist es. Jeder empfindet anders. Ein jeder freut sich auch über anderes, mitunter nur über Kleinigkeiten. Mir sind es die im Urlaub an der See am Strand gefundenen Steine mit Loch, die sogenannten „Hühnergötter“ und solche, mit den tollsten Krusten und Strukturen auf ihrer Oberfläche oder auch bunte Glasscherben, die ich finde. Dem anderen reichen zum Glücklichsein die Sonne unter blauem Himmel, gepaart mit einer Brise Meer in den Haaren und Salz auf der Haut. All das ist umsonst zu haben und es kostet nichts, denn die Natur geht verschwenderisch mit ihren Schätzen um. Einfach wunderbar.

Jetzt fängt die Zeit der bunten Herbstblätter an, die in Unmengen von den Bäumen auf uns herab segeln, zu des einen Last und des anderen Freud! Das Unauffällige, wenig Spektakuläre nimmt in ihrem Leben, aber auch in Ihrem Schaffen, einen großen Stellenwert ein, kann man das so stehen lassen?

Glück hat für mich vor allem mit Genügsamkeit zu tun! Nicht zu verwechseln mit einem allzu „geringen“ Anspruch an das Leben generell. Ich habe dafür viele Beispiele parat, so auch dieses: wenn ich mit dem Hund auf Ackerwegen entlang laufe oder auch auf Wegen im Wald, dann habe ich immer einen Beutel dabei, ich meine nicht jene Tüte, an die Sie jetzt denken. Ich finde überall Scherben! Während der Hund seine Nase schnüffelnd nach unten richtet, um verschiedenste Spuren zu lesen, suche ich in ähnlicher Haltung auf zwei Beinen statt vieren den Boden ab, wenn es vermehrt Aussicht darauf gibt, an einer Stelle fündig zu werden. Schuttberge im Wald erregen mein Interesse; die oft darin verborgenen, scherbenen Fliesenreste machen mich happy. „Kleine Steinchen, kleines Glück sozusagen – genau wie die vielen „Herbstgeschenke”, die jetzt auf uns hernieder fallen.

Diese Jahreszeit mit ihren bunten, fallenden Blättern, ist in der Tat für mich eine der schönsten. Alle kommen zur Ruhe und bereiten sich auf den Winter vor. Die Sonne steht tiefer, erdige Farben gewinnen die Oberhand und bald werden uns zarteste Nebelschleier einhüllen und das Ende des Jahres verkünden. Was mancher als „sterbend“ empfindet, ist natürlichste Notwendigkeit, damit es im Frühjahr wie von Zauberhand, neu keimen und sprießen kann. Ich empfinde diese Wunder als eine einzige, von „oben“ aufs Genialste gelenkte, Performance.

Des Menschen „größeres“ Glück, erscheint allerdings oft nicht, weil man es will oder es gar nötig hätte, sondern besonders gern dann, wenn man nicht damit rechnet! So kam es, dass ich vor einiger Zeit überraschend von meiner ehemaligen Kommilitonin, der Malerin und Grafikerin Gabriele Just mit der ich gemeinsam in Leipzig studierte, am Telefon gefragt worden bin, ob ich in der von ihr betreuten CCS-Galerie in Suhl, eine Ausstellung realisieren wolle. Natürlich sagte ich zu. So kommt eine ganze Gruppe meiner „Kinder“, etwa 20 an der Zahl sind geplant, mal wieder an die frische Luft.

Sie klingen optimistisch, aber so unkompliziert wie Sie durchblicken lassen, ist es wohl nicht immer.

Aufrichtige Wertschätzung, noch dazu von einer anderen Frau zu erfahren, ist etwas Neues für mich. Allein, wie sich das anhört: die Simon in Suhl! Es freut mich auch, dass gerade wir Beiden mit den schon damals kürzesten Beinen, etwas zusammen stemmen werden, was es so auch noch nicht gab. Wie offen die Galeristin, Holzschneiderin und Malerin Just meine Plastik und vor allem auch die Bilder begutachtete, überraschte mich. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns aus Jugendtagen kennen und ebenbürtige Kolleginnen sind.

Ich bitte jetzt aber alle, die auf eine Einladung hoffen, um Entschuldigung. Denn leider schlichen sich auf der Einladungskarte zur Ausstellung etwas zu viele Fehler in den Text hinein! Sie wurde mir zur Abnahme nicht vorgelegt, weswegen ich nun keine verschicken werde. Das ist schade. Ich hoffe aber inniglich, dass dies die einzige Unannehmlichkeit gewesen ist und ansonsten, alles glatt über die Bühne gehen wird.

Ich bin gespannt und freue mich darauf von Ihrer „Welterfahrung“ zu profitieren. Warum sieht man Sie in der Öffentlichkeit nicht öfter? Es muss sich ja einiges angesammelt haben!

Es ist unglaublich anstrengend durch gerade einmal „spaltbreit“ offenstehende Türen schielen zu müssen in der Hoffnung, Gehör und vor allem Augenmerk zu erfahren. Bei mir blieben diese Bemühungen leider zu oft ohne jeden Erfolg. Da vergeht einem die Freude an der Sache. Nehmen Sie jetzt nur einmal den allseits begehrten Handwerker, den man bittet ein Problem lösen zu dürfen! Sein selbstbewusstes Auftreten wird genau durch diesen Sachverhalt – des an ihn mit einem Anliegen Herantretens – gestärkt, was umgekehrt bedeutet, wenig aufrechte Haltung trägt zur Erfolglosigkeit bei. Und Erfolglosigkeit bedingt eine wenig selbstbewusste, wenig aufrechte Haltung – ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt!

Sie sprechen mit sarkastischem Unterton und grinsen dabei.

Weil der Vergleich natürlich hinkt! Der Handwerker hat immer etwas zu bieten, was allseits gebraucht wird, seine Leistung ist begehrt. Selbst dann, wenn er kein Meister seines Faches ist, so kann er doch in der Regel gut von seiner Arbeit leben! Der künstlerisch arbeitende Mensch muss sich dagegen Bittstellend zu oft und zu tief beugen.

Manche von uns zerbrechen daran.

Ich beschäftige mich gedanklich nun schon seit Monaten mit der Präsentation meiner Arbeit in der Galerie, denn ich bin aus der Übung! Der aufwändige Transport meiner sensiblen und schweren Plastiken wird, wie schön, jedoch von Fachleuten übernommen, die sich mit Hilfe eines entsprechend fahrbaren Untersatzes, hoffentlich sorgfältig darum kümmern werden. Die unbequemen Transporte, aber auch die Hängung der Bilder und die Aufstellung der Plastiken samt diverser, selbst bereit gestellter Sockel, hatte ich in der Vergangenheit mit Hilfe des eigenen Autos, meist selbst zu stemmen. Deshalb breitet sich so etwas wie Glück in Form von Dankbarkeit in mir aus. Und Vorfreude auch. Auch ich werde nun einmal nicht jünger.

Dennoch scheinen Sie melancholisch gestimmt zu sein. Sie könnten sich wenigstens ein bisschen zurücklehnen, oder geben Sie Verantwortung nicht gern ab?

Ohne gegenseitiges Vertrauen und Achtung geht kaum etwas! Für mich ist immer auch interessant, die eigene Arbeit aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet, nämlich durch die Augen anderer Personen hindurch, anschauen zu dürfen. Je aufrichtiger die Worte dieses Betrachters, umso besser für mich. Und jetzt komme ich zu dem Einschreiben zurück, das mich wieder an meine ungeliebte Position innerhalb meiner Herkunftsfamilie erinnert.

Ausgerechnet von denen, die Ihnen am Nächsten stehen sollten, wandten Sie sich ab. Sie sagen, Sie wurden als „egoistisch” und “karrieregeil” wahrgenommen, als eine, die es zu maßregeln galt. Und Sie beklagen die Ressentiments, die Ihnen in diesem Zusammenhang angedichtet wurden. Die Tatsache, dass man den außergewöhnlichen, zu Besonderem veranlagten, empfindsamen Menschen in Ihnen missverstand, kränkte Sie sehr.

Und ich schaue voller Verwunderung auf die großen (meist männlichen) Strategen der Kunstszene! Obwohl sie teilweise unausstehlich waren, konnten sie sich auf ein ganzes Imperium, das hinter ihnen stand, verlassen. Nehmen wir als Beispiel Picasso: seine vielen traurigen, durch üble Behandlung geistig verwirrten, sehr wütenden Frauen! Als er bereits lange Tod war, legten zweie noch Hand an sich und brachten sich um! Die vielen Kinder, die Enkel, sogar die lieben Tiere – wir kennen sie alle! Es beeindruckt, wenn jemand derart viel Einfluss auf andere auszuüben vermag. Auch im Seniorenheim greift diese Strategie, wenn die Enkelbilder herumgereicht werden. Die Sorgen und Nöte einer künstlerisch tätigen Frau sind dagegen alles andere, als prickelnd.

Sie lachen. Ihnen den Humor auszutreiben, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein!

Maren Simon, “Teatime”, Höhe: 75 cm, 2018

Naja, ganz so lustig war das alles nicht. Darum zieren meine Selbstportraits abwechselnd zu große und gern auch lädierte Nasen! Die Nase ist ja ein sehr demonstratives Zeichen von Potenz und die beschädigte Nase ist daher ein Indiz für eingebüßte Macht. Und bei Skulpturen ist die Nase oft das favorisierte Körperteil, welches abfällt, wenn die Plastik unsachgemäß transportiert worden ist! Diese Doppelbödigkeit gefällt mir einfach ausgesprochen gut und kommt meinem Naturell entgegen. Weil mein „Größenwahn“ im Laufe der Jahre durch familiären „Feinabrieb“ gelitten hat, weshalb meine Nase „stumpf“ geworden ist, und ich darüber hinaus auch eine „glänzendgoldene“ Nase nie werde mein Eigen nennen können, bin ich selber sehr gespannt darauf, was ich von mir in Sachen „Selbstdarstellung“ künftig noch zu erwarten habe. Vorab müssen die paar Exemplare in der Ausstellung jedoch reichen.

Man spürt, dass Sie die Menschen, obwohl diese ihnen gewisse Probleme bereiten, doch auch lieben.

Es gibt nun einmal Berufe mit einem größeren Risiko (zudem, wenn man „Frau“ ist), andere Menschen zu reizen und zu provozieren. Da bleibt mir nichts weiter übrig, als über den Dingen zu stehen. Als Künstlerin komme ich nicht umhin, die Vorurteile meiner Mitmenschen, die sie gegenüber meiner unsteten Lebensführung haben, ertragen zu müssen und ihren misslichen Empfindungen ausgesetzt zu sein, wenn ich ihre Anspielungen und Anbiedereien nicht erwidere. Meiner Meinung nach wäre es wichtig, statt übereinander zu reden, mehr miteinander zu diskutieren und sich darin zu üben, auch anderer Leute Wahrheit gelten zu lassen, neben der eigenen natürlich. Oft liegen die Sachverhalte beim Gegenüber ja ganz anders als gedacht, doch außer mir interessiert das keinen, denn ich bin nun einmal die, welche außerhalb der Mitte der Gesellschaft ziemlich allein an ihrem Rand steht und nicht die anderen.

Es heißt ja wohl deshalb auch sehr häufig, Künstler würden in „Elfenbeintürmen“ leben. Oft befinden sie sich fern ab von den anderen und dennoch ganz dicht dran an den Menschen! Doch das vergessen viele.

Und keinen interessiert, wieso sie das (nicht immer freiwillig) tun!

„Die beste Tarnung ist die Wahrheit. Die glaubt einem keiner“, wusste schon Max Frisch zu sagen. Fest steht jedenfalls, dass an bereits etablierter Kunst und da kommen die vielen Nachahmer ins Spiel, niemand rüttelt! Sie haben es immer vermieden sich bei anderen Künstlern zu bedienen und fanden stattdessen zu einer sehr eigenen Sprache innerhalb derer, Sie sich Ihrem Publikum mitteilen.

Als ich zum Beispiel versuchte, vor vielleicht 5 Jahren, eine Portraitplastik in Oldenburg dem dortigen Kunstmuseum vorzustellen, weil ich der Ansicht war, sie ist doch recht eigen und auch interessant geraten, kam von der Museumsleiterin eine ausweichende Antwort zurück; es sei noch zu früh für eine derart „drastische Darstellung“, die reinste Zumutung für die Hinterbliebenen. Ich lade dazu ein diesen Sachverhalt zu überprüfen, denn ich gedenke „Horst Janssen“ nach Suhl mitzubringen.

Und auch im „Hetjens“, dem Düsseldorfer Museum für Keramik, erntete ich vor vielen, vielen Jahren amüsierte, freundlichste Ablehnung, denn hier fanden mich die Damen, denen ich einen Katalog schickte, einfach nur lustig und steckten die Künstlerin Simon, in die Comic-Schublade. Der Katalog blieb dort, den wollten sie behalten! Ich bin überglücklich darüber, mit dem Klischee, dass ich mich nur zu doof anstelle, jetzt endlich einmal ordentlich aufräumen zu können! Es ist doch im Gegenteil sogar so, dass Frauen im Verhältnis zu Männern, mehr ranklotzen und mehr Geduld aufbringen müssen als diese. Und ich behaupte, sowohl „drastisch“ als auch „lustig“ in Einem zu sein, das kann auch nur eine Frau. Die Kollegen sind meistens wenig witzig und Selbstironie liegt ihnen überhaupt nicht.

Kränkungen und Demütigungen gehören anscheinend zum Alltag vieler ernsthafter Künstler, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Das Problem scheint mir zu sein, dass man es zu Lebzeiten nicht genau weiß, in welche Kaste man gehört.

An einer Hochschuleinrichtung studiert zu haben, stellt schon einmal keine Garantie dar, im späteren Berufsleben auch ernst genommen zu werden! Als ich mich in jungen Jahren voller Tatendrang darum bewarb, der Organisation der künstlerisch tätigen Frauen, der GEDOK, beizutreten, brauchte man mich dort nicht, trotz des Diploms an einer der renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands in meiner Tasche! Man wünschte mir stattdessen für meine weitere Zukunft „alles Gute“. Jetzt, so scheint es mir, würden sie die Simon in ihre Reihen aufnehmen wollen, warum auch immer. Die Generation der heute erfolgreichen Älteren war damals schon, knallhart. Aber nun will auch ich nicht mehr. Das ist die Ironie des Schicksals.

„Wie du mir, so ich dir“. Kann es sein, dass Sie mit den Jahren kritischer geworden sind und vielleicht auch einen gewissen Stolz entwickelt haben, der Sie davor bewahrt, sich bei anderen Menschen anzudienen?

Maren Simon, “Standbein, Spielbein”, Höhe: 42 cm, 2018

Man selbst spürt doch sehr genau auf welchem Platz man steht und man weiß auch selbst sehr gut, ob man wo dazu gehört oder besser nicht. Ständige Unterforderung und Ablehnung wirken prägend, das ist richtig. In Vereinen, Institutionen oder Organisationen entwickelt sich ja auch so etwas wie eine Rangordnung. Man darf dort nicht erwarten „lieb“ gehabt zu werden! Wenn ich die Ellenbogen gegen andere einsetzen muss, nur um für meine Person eine Vorreiterposition zu erkämpfen, fände ich das einfach nur beschämend. Darum lehne ich Gemeinschaften, die mit einer “Hackordnung“ einhergehen, vehement ab. 

Man wird jetzt immer häufiger gefragt: „und, was macht das dann mit Dir?“ Diese Form des Alleinganges, ohne jeden Rückhalt, ohne Beistand und Unterstützer, erscheint mir doch recht ungewöhnlich und wenig erfolgversprechend.

Ja, was wird es wohl machen? Ich kann es nicht von der Hand weisen, in gewisser Weise darüber desillusioniert, abgestumpft und müde geworden zu sein! Für mich ergibt nur noch Sinn in Ruhe meiner Arbeit nachzugehen. Ich würde gern mehr Gießen lassen wollen, das erwähnte ich schon des Öfteren. Deshalb möchte ich es zur Bedingung werden lassen, dass von jedem Werk, welches angekauft wird, vorab ein Abguss erstellt wird. Denn diese Portraitplastiken und natürlich ebenso auch die kleinen Statuen, sind mein einziges Kapital! Und meine Altersvorsorge. Wer das Unikat besitzt hat den Joker. Die Bronzen sind jedoch ebenso eigenständig, doch können sie das Original natürlich nicht 1:1 ersetzen! Zwei Handvoll keramische Plastiken sind es meist pro Jahr die eben nicht, schnell wie am Fließband, entstehen. In den über 30 Jahren Berufstätigkeit hat sich zwar einiges angesammelt, doch davon will ich zehren können. Mir fehlen die Mittel, Abgüsse in Bronze, oder wenigstens die Abnahme einer Siliconform dafür, vorab vornehmen zu lassen. Darum an dieser Stelle der Hinweis, wenn jemand Geld zu verschenken hat, nur zu! … ich revangiere mich mit Kunst.

Es muss sich doch aber Jemand mit den entsprechenden Verbindungen finden lassen, der Ihre „Goldgrube“ zu schätzen weiß! Ich will das nicht glauben, dass es so derart schwer sein soll, eine Frau mit ihrem Potential auf Kurs zu bringen!

Doch das ist es. Weil ich natürlich notgedrungen immer schwieriger zu Händeln bin, je älter ich werde. Man lernt aus guten, vor allem aber, aus seinen schlechten Erfahrungen! Ich habe von Letzterem einfach zu viel.

Die Empfindlichkeit der Kuratoren und Galeristen und deren überlegen wirkende Reizbarkeit, die sie einen spüren lassen, wenn man mit dem Katalog in der Hand bei ihnen vorstellig wird, ließ mich jedoch anerkennen, wie schwer kuratorische Arbeit ist und dass es immer auch seine Zeit braucht, sämtliche Formen von Kunst angemessen einschätzen, sprich rezipieren zu können. In meinem Falle scheint es eben länger zu dauern, weil meine Statur und auch mein Auftreten mir im Wege stehen. Außerdem spreche ich die Sprache der Kulturlobby nicht, ich versteh manchmal tatsächlich nicht, was man eigentlich von mir will. Das in der Tat mitunter recht widersprüchliche Gebaren mancher Galeristen, bewirkt bei mir dann auch nicht den gewünschten “Biss”, sondern unerwünschte Zweifel. Irgendwann zählt aber nur noch das, was bleibt. Später ist es dann einfacher „Genial“ von „Dreist“ oder „Unterbemittelt“ zu unterscheiden. 

Um Sie umfangreich beurteilen zu können, müsste man sich erst entsprechend informieren, um auf Ihren (kurzbeinigen) Stand zu kommen!

Und man müsste sich konkret die Mühe machen, mich in meiner Werkstatt aufzusuchen. Am Ende wäre es mal was ganz Neues, wenn einer mich von sich zu überzeugen versuchte!

Heißt das, Sie machen die Türe ganz sachte hinter sich zu, obwohl Sie es jetzt richtig krachen lassen könnten?

Nein, aber ich bin ein in sich gekehrter, nie aufmüpfig auftretender Mensch und selbst, wenn die Türe sperrangelweit offen stünde, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, traute sich trotzdem niemand hindurch. Ich kann (muss) darum gut mit mir allein sein. Mitunter ist das die bessere Option! Nur, weil es so viele Leute gibt, die mit Freude im Rampenlicht stehen, muss das nicht auch für mich zwingend notwendig sein. Doch ärgert es mich schon, wenn, wie bei einer Vernissage geschehen, die Galeristin innerhalb ihrer Laudatio glücklich behauptet, den ausstellenden Künstler selbst „entdeckt“ zu haben! So etwas geschieht nur ganz selten und ich behaupte, diese Dame versuchte mit ihrer Ansage doch nur ihre eigene Person „wichtig“ in den Vordergrund zu schieben. Wenn der Maßstab bereits von anderen gesetzt wurde, den man nur zu übernehmen brauchte, dann ist das in meinen Augen keine echte Leistung mehr.

Wie Sie eingangs schon erwähnten, mag es mit dem Auftreten zusammenhängen, wenn es einer leichter hat, als die andere. Einen noch Unbekannten zu entdecken, hieße Mut beweisen. Gut bestellte und von „Unkraut“ befreite Felder sind leichter zu beackern als solche, mit vielen Steinen darin.

Wobei natürlich nie ganz auszuschließen ist, dass ein unterschätztes und missachtetes „Kräutlein“ trotzdem später überraschend zu einem genialen „Riesenknöterich“ heranwachsen kann! Eine Option, die auch ich für mich favorisiere, also, nicht unbedingt den „Knöterich“, aber vielleicht eine in die Höhe sich windende, wilde und aparte Klematis. Diese „Liane“ unter unseren heimischen Kletterpflanzen ist nämlich bei aller Anmut recht stark und gedeiht nur dort, wo sie sich auch wohl fühlt, nicht wie der dröge Hopfen, der überall anzutreffen ist und ebenfalls hoch hinaus will.

Sie können die Gärtnerin in Ihnen, kaum verbergen. Ihre letzte umfangreichere Personalausstellung fand 2012 in Ihrer Heimatstadt Potsdam statt. Das ist eine lange Zeitspanne innerhalb derer Sie, ohne jede Aussicht darauf gesehen zu werden und Geld zu verdienen, darben mussten. Nun erhalten Sie die nötige Aufmerksamkeit und gehen doch wieder rückwärts, wie stellen Sie sich ihre Zukunft als Künstlerin im „Schneckenhaus“ vor?

Wenn mir immer auch „Empfindlichkeit“ vorgeworfen wird, so muss ich dagegenhalten, dass es das allein nicht ist, nicht sein kann! Ich habe ein ziemlich dickes Fell, genau dort, wo es hingehört. Zurückgezogenheit schließt nicht aus, dabei immer auch zugewandt optimistisch tätig zu sein. Mich beschäftigt die buddhistische Lehre, der zufolge der interessierte Laie lernen sollte, loszulassen. Ich kann mich zum Beispiel von meinen Plastiken und auch den Bildern, schlecht trennen, habe also hier großen Handlungsbedarf. Eigentlich möchte ich sie alle ständig um mich haben, was schon allein vom Platze her, ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Ihre Fürsorge ist verständlich, liebe Frau Simon. Nicht umsonst existiert dieser Vergleich zu „Kindern“, die einem ans Herz gewachsen sind, die man begleitet hat, all die Jahre über und sie hat aufwachsen sehen. Wenn sie aber in gute Hände gelangen hätten sie keinen Grund zu klammern.

Vielleicht ist es eine Form von Melancholie oder auch Traurigkeit, die mein Herz einschnürt. Es will mir nicht in den Kopf, wieso ich um ganz selbstverständliche Dinge kämpfen muss. Vermehrt freudige Ereignisse würden sicherlich eine Haltung, die von Vertrauen erfüllt ist, begünstigen. Fehlender Respekt wirkt jedoch kontraproduktiv. Der raue, oft überflüssiger Weise vorwurfsvolle Unterton, den wir untereinander führen, nervt. Ich möchte in privaten und in beruflichen Dingen, auch in nachbarschaftlichen Belangen, sanftmütig bleiben dürfen. Menschen setzen aber genau dann, wenn sie dies spüren, besonders gern ihren Stachel ein. Und die meisten von uns reagieren dann auch genauso, wie sie sollen. Ich tu das nicht und enttäusche dann zuverlässig und igele mich ein. Ich weiß nicht, was mir die Zukunft bringt. Ich bin realistisch denkender, pessimistisch unterfütterter und auf die Dinge die da kommen werden bauender, bei aller Freude nie in Jubel ausbrechender, Optimist.

Wir leiden zunehmend unter allgemeiner Grobheit untereinander, das haben auch soziale Studien festgestellt. Dreiviertel der Befragten stört dies aber und sie wünschten es sich anders! Vielleicht spüren diese Menschen, dass unsere Welt droht, den Bach runter zu gehen. Das lässt hoffen!

In Dänemark beispielsweise, scheint man allgemein betrachtet, glücklicher zu sein, das haben wir im Urlaub so erleben dürfen. Das dänische Zauberwort lautet, Entspannung! Seitdem man das herausgefunden hat, sind auch bei uns „higgelige“ Dinge total angesagt, endlich mal etwas, das nicht aus Amerika zu uns herüber geschwappt ist! „Glück“ oder die Fähigkeit zur Entspannung sind nicht käuflich zu erwerben – aber Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, so denke ich, sind zwei entscheidende Voraussetzungen dafür, die man hat oder nicht hat.

Sie stehen mitten drin in dieser Thematik. Sie scheinen jedoch unglaublich resilient zu sein, ich wundere mich, wieviel Unschönes Sie aushalten. Worüber ärgerten Sie sich zuletzt und worüber würden Sie sich gern einmal Luft machen? (Das Thema “Klimawandel” einmal beiseite lassend …) 

„Luft“ machen sich in Werder doch gerade die Obstbauern! Da darf ich jetzt wenig Gehör erwarten, doch fühle ich mich gerade dort, schon seit Längerem ein wenig gemobbt.

Sie lachen schon wieder.

Das Wort „mobben“ ist einfach zu schön.

In Werder wird debattiert über das Baumblütenfest, dessen Tradition bewahrt werden soll! Einige Kritiker derer, die moderater an das Fest herangehen wollen, was ich begrüßen würde, haben angeblich „große Existenzängste“. Damit kenne ich mich aus! Darum finde ich diese Diskussion auch ein wenig übertrieben, denn es geht doch gar nicht um „Tradition“, das ist doch nur ein Vorwand! Als eine der regelmäßig Betroffenen, die ihre Türen schließen muss, wenn andere daran denken, „Kasse“ zu machen, habe ich natürlich nicht das allergrößte Verständnis für Krawall und Rummel in direkter Nachbarschaft. Aber die offenen Höfe und die Plantagen mit echten Blüten an den Bäumen; ihnen gehört meine aufrichtige Sympathie!

Gab es denn je eine wirkliche Einbeziehung der Anwohner, deren Argumente man respektierte? Oder ist es Ihrer Meinung nach nicht eher so, dass einige Wenige den Ton angeben und nun unzufrieden darüber sind, wenn auch sie einmal zurückstecken sollen?

So kann man das zusammenfassen, muss ich nichts mehr zu sagen. Es gab etliche Versuche eine weniger “dolle Blüte” durchzusetzen, wobei sich damals manche Gegner des Festes genauso laut und unklug und viel zu “weit” aus ihren “Fenstern” lehnten, wie die Befürworter, die sie zu bekämpften suchten. Für mich ist es durchaus denkbar einen zukunftsfähigen Kompromiss zu finden. Einfach seine Phantasie benutzen! Und in die Rolle des jeweils anderen schlüpfen…

Cousin Klaus (Foto: Beate Michelsky-Schlapp)

Ich weiß nicht woran das liegt, aber der Wind weht an vielen Werderaner Ecken mitunter allzu zu heftig! Vor einem Grundstück einer jungen Familie beispielsweise, ist eine gemütlich, einladende Holzbank aufgestellt worden. Trotzdem „zieht“ es dort gewaltig! Mehrere Blumentöpfe mit mediterran anmutendem Grün ergänzen das Ambiente. Wer sich auf die Bank setzt genießt die Sonne, die darauf scheint und kann sich, wie in Italien so schön, auf ihr mit einem liebevoll restaurierten Mäuerchen im Hintergrund, fotografieren lassen. Zwar ist die Aussicht nicht die beste, denn es befindet sich ein geduldeter Parkplatz direkt vor dieser Örtlichkeit, dennoch ist genug Abstand da und wenn man Glück hat, ahnt man das Wasser der Föhse, man kann es riechen und durch die Autos hindurch, glitzern sehen. Himmeliges, strahlendes Blau gibt es gratis dazu.

Sitzt eine der vielen rotgetigerten Katzen auf dieser Bank, um eine Auszeit zu genießen, scheint sie Glück zu empfinden. Sitzen drei Jungen nach der Schule dort in der Sonne, um einen Schwatz zu halten oder auch Touristen, ist es derselbe, entspannte Eindruck, den sie auf mich machen. Wenn aber der bullige Mercedes SUV dort genau mit seiner Schnauze unbeeindruckt in Richtung Banke schaut, will natürlich keiner auf ihr verweilen, nicht einmal die Katz!

Vergeblich versuchte die junge Familie den Straßenraum vor ihrer Grundstücksmauer aufzuwerten und ihm ein freundliches Gesicht zu geben. Andere machen es vor, dort wachsen Gräser und Rosen und es liegen abgrenzende, dicke Steine auf „Strassenland“ ganz ungestört um die Baumscheiben der Linden herum. Das sieht einfach nur schön und freundlich aus und wertet den Lebensort, wo man zu Hause ist, auf. Die Zufahrten und Garagen an denen „bitte frei halten“ steht, bleiben dort selbstverständlich frei!

Nicht so weiter vorn. „Klein Italien“ auf der “Insel”zur Brücke hin gelegen, hat in Werder leider keine Chance. Und ich mit meinem „Schaufenster“ gleich daneben, auch nicht! Hier stelle ich regelmäßig eine neue Plastik auf einem Sockel stehend aus, aber niemand sieht’s. Vielleicht ist es extra so gewollt? Die gewaltigen Motorhauben der unterschiedlichsten Autos, deren Halter meinen, mir die „Schau“ stehlen zu müssen, versperren jedenfalls zuverlässig jede Sicht. Sogar mein großer, bepflanzter Blumentopf, der neben dieser Schaufenstertüre steht, ist bei einer solch unsensiblen Parkaktion angefahren worden und das Tongefäß brach.

In meinen Augen ist das, was da geschieht, „Grenzüberschreitung“ in kalkulierter Absicht! Stück für Stück ließ man die unsichtbare Linie verschwimmen, um dann einen Raum für sich zu beanspruchen, der demjenigen genau so wenig „zusteht“ wie dem anderen, dem man ihn streitig machen will. Denn er ist für alle da.

Mitten auf diesem Parkplatz überraschten im letzten Jahr jedoch blühende Blumen, die unter den kleinen, traurigen Lindenbäumchen von Jemandem angepflanzt worden sind. Ich beobachtete eine Anwohnerin, die ihren „kleinen Garten“ bewusst in Verschönerungsabsicht dort angelegt hatte und ihn täglich pflegte und ihre Blumen mit Wasser und Dünger versorgte, weshalb sie reihenweise Gießkannen schleppte, ohne dafür einen Auftrag erhalten zu haben. Es machte dieser Idealistin einfach nur Freude! Aber auch dieser freundlichen Frau war irgendwann die Lust vergangen. Manchmal standen die geparkten Autos sehr unsensibel direkt auf ihren empfindlichen, üppig blühenden Pflanzen. Wohl deshalb blieb sie in diesen Sommer auch untätig.

Kein gutes Image für eine Stadt, die sich „Blütenstadt“ nennt, möchte ich da anfügen.

Der Umstand etwas anzubieten, das unerwartet zum Genießen, sich Erfreuen oder zum Sitzen einlädt und das dort aber „nicht hingehört“, ruft bei einigen Leuten Reaktionen hervor, die nicht nur ich als respektlos empfinde. Kreativ Denkenden und tätig Werdenden übelst eins auszuwischen ist leider Normalität. Schöne Gedanken werden dadurch kaputt gemacht und stattdessen setzt untereinander geschürtes Hauen und Stechen ein. Die Ursache ist doch aber klar. Die Anwohner fühlen sich mit ihren Parkplatzproblemen allein gelassen. Ein nicht sauber durchdachtes Parkkonzept von Seiten der Stadt wird auf ihren Rücken ausgetragen. Darüber hinaus wird mehrfach im Jahr bei Veranstaltungen und Festen eine Kompromissbereitschaft erwartet, die besonders den Anwohnern der Insel, Umwege und Umstände abverlangen.

Der Frust bahnt sich immer den leichtesten Weg! Von “Alt” zu “Jung” (oder umgekehrt), von „Hart“ nach „Weich“, von „Alteingesessen“ zu „neu Dazugezogen“(oder umgekehrt) von „ordentlich Berufstätig“ hin zu „freiberuflich Faulenzend“ und von “gut Situiert” zu “Unterbemittelt”, sprich arm. Und ich habe den Eindruck, es geht auch gegen jene, die nicht nur Mieter sind, sondern Eigentum besitzen und umgekehrt. Völlig absurd. Ich bin manchmal ganz froh, abends wieder nach Hause zu können.

Googelt man Ihren Namen im Internet und schaut auf die gelisteten Bilder, schieben sich andere Leute “trittbrettfahrend” gern dazwischen. Das will zu Ihren Empfindungen so gar nicht passen, wie finden Sie das?

Amüsant! Darüber können wir uns ja bei Gelegenheit, gern ein anderes Mal unterhalten!

Jeder von uns hat eine moralische Verpflichtung, die einschließt, Andersgeartetes zu respektieren und Eigenarten und Bemühungen Gutes zu tun, zu achten. Die immer wieder zu hörende Devise, „Leben und leben lassen“, hört sich gut an, ist in meinen Augen aber mehr als aggressiv zu verstehen, denn sie bedeutet doch nichts weiter, als uninteressiert an seinem Gegenüber zu sein. Dann möchte einer gern sein eigenes Ding auf Kosten des anderen durchziehen! Wann, wie und wo und was er will. „Mir doch egal, was du davon hältst!“ Das ist die Botschaft dahinter. Meistens wird vorausgesetzt, dass der andere es nicht wagt, sich in derselben herablassenden Art und Weise, daneben zu benehmen. Wer sich nicht wehren will, ist selber schuld, wenn er sich zu viel gefallen lässt.

Originalhandschrift Rudolf Sauer

Das ist das Gemeine daran.

Humorlose neideten auch meinem Mann und mir vor etlichen Jahren, genau wie der jungen Familie heute, unser „Glück“, das wir beim Sitzen mit Glas in der Hand, dicht an der parkenden Menge ganz offensichtlich verströmten! Wir tranken nämlich unterm kraftstrotzenden Lindenbaum, ohne eine entsprechende „Sitzgenehmigung“ besessen zu haben, unser gemeinsames „Feierabendbier“. Auch unsere Bank musste weg, weil auf „Straßenland“ zwar wild geparkt, aber nur mit Genehmigung gesessen werden darf!

Ist das ein Witz, oder meinen Sie das ernst?

Nein, kein Witz. Haarspalterei. Wir sind damals von irgendwelchen „netten Nachbarn“ angeschwärzt worden. Betrachte ich vergleichend diese Vorgehensweise mit der heutigen, erscheint diese mir wie ein einziges Déjà-vu! Es wurde uns unschön etwas unterstellt, was zu anderer Leute Stil gepasst hätte, nicht aber zu unserem! Wir wollten da nur sitzen und sonst nichts.

Sie wollten kein Café für die Laufkundschaft eröffnen? Warum muss ich jetzt plötzlich an Loriot und seine Sketche denken, Frau Simon? Jetzt lachen Sie wieder, das ist schön.

Ich spüre sehr wohl, mich an einer strategisch ganz unwichtigen Stelle in der Stadt zu befinden, wo nie ein Reinigungsteam unterwegs ist. Und dennoch, so habe ich den Eindruck, neidet man mir das Schwarze unter den Fingernägeln! Über diesen Umstand sollte ich mich aber nicht ärgern, ich sollte mich freuen! Neid von Seiten anderer ist nicht zu unterschätzen, ist ein positiv zu bewertendes, Gefühl.

Abschließend könnte man also zusammenfassen: Sie gehören zu den glücklichen Menschen, die mit wenig zufrieden sind, selbst, wenn Sie rein Garnichts zu lachen haben, also unglücklich sein müssten. Sie lassen sich Ihren Humor nicht nehmen und finden immer etwas, worüber Sie sich freuen können. Sie sind streitbar aber nicht streitsüchtig und versuchen mit Vernunft im Gepäck, dennoch erhobenen Hauptes, Ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen.

Das ist korrekt, hätte ich nicht besser formulieren können!

Überall sind freundliche Begegnungen möglich! Ich behaupte, darum fällt es unserem Sohn, der gerade wieder beruflich im Regenwald des Amazonas tätig gewesen ist, auch recht leicht, sich in der weiten Welt zu orientieren. Er spürt, überall gleichermaßen zu Hause zu sein! „Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben“. Und ich möchte ergänzen; “gute” Verbindungen, weil nur von diesen wir auch in schlechten Zeiten, zehren können.

Zitat von Wilhelm von Humboldt und Guy de Maupassant, die beide sinngemäß zu derselben Einsicht gelangten.

Jemandes Kreise zu stören, weil man es kann, fühlt sich vielleicht kurzzeitig „wichtig“ an, doch erscheint es mir viel angenehmer, souverän zuvorkommend eingestellt zu sein und sich nicht von seinen schlechten Emotionen und von schnödem „Bling Bling“ vereinnahmen und die Laune verderben zu lassen. Zu oft lässt Geschäftigkeit uns von einem Ort zum anderen jagen, vieles will erledigt sein, alles muss stimmen, dabei setzen wir uns auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen selbst unter Druck und orientieren uns an dem, was andere haben, um schließlich mit dem Erstbesten zufrieden zu sein. Dass dem so ist, merken wir aber immer erst, wenn es bereits zu spät ist.

Erinnern Sie sich noch, früher gab es doch diese, zugegeben, etwas kitschigen Poesiealben, kurz „Poesie“ genannt, die im Freundinnenkreis reihenweise herumgereicht wurden. Auch ich kritzelte damals meine sinnigen Sprüche, meist in Kombination mit kleiner Zeichnung, in diese „PÖsies“ der Freundinnen hinein. Einer der beliebtesten Sprüche von damals war dieser vom “Glück, das sich verdoppelt, wenn man es teilt”!

Lassen Sie mich zum Schluss darum noch diese kleine Begebenheit erzählen, die wir am Zaun des Kindergartens auf der Werderaner Insel hatten. Drei geschäftige kleine Mädchen mit Langeweile sahen unser „Pünktchen“ und wollten sie unbedingt streicheln. Auch den Hund zog es zu den Kindern hin, die verstanden sich sofort. Es war einfach nur amüsant ihnen zuzuhören! Der Dialog der drei kleinen Damen mit unserer Hündin, die sie „süß“ und „niedlich“ fanden, war sehr witzig. Begeistert äußerten sie sich über die schnuppernde Hundenase und über Pünktchens eifriges Gehopse. Hundis neuer Doppelname, der zum bereits vorhandenen nun hinzugekommen ist, heißt: „Schnuppi – Pupsi“.

Kindergartenkinder kringeln sich bei dem Wort „Pups“, denn es wirkt ansteckend! Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Kinder dieses Alters sind interessiert, unverstellt, freundlich und aufmerksam und gewitzt! Von ihnen kann man lernen glückliche „Leichtigkeit“ zu leben. Schlechtgelaunten Erwachsenen, so mein Vorschlag, sollte man zum Zwecke eines „humorvolleren“ Umgangs miteinander, anlässlich eines „Pups-Praktikums“, eine längere Auszeit inmitten der gutgelaunten Kinder in deren Garten genehmigen.

Liebe Frau Simon, ich bedanke mich bei Ihnen für dieses offene Gespräch.

Tilda – Bisertha Grünemitten, am 23. September 2019

Die Ausstellung „Geerdet Aufstrebend“, Plastische Keramik Malerei und Zeichnung von Maren Simon ist vom 10. Oktober bis 24. November 2019, täglich von 13.00 bis 17.00 Uhr in der CCS Galerie in Suhl zu besuchen. Am Wochenende ist die Galerie von 11.00 bis 17.00 geöffnet.

Galerie im Atrium, Friedrich – König – Straße 7, D-98527 Suhl

 

POSTSKRIPT

Das Wichtigste steht bekanntlich immer am Schluss! Aus aktuellem Anlass muss ich heute schnell noch diese „Nachschrift“ ergänzend hinzufügen, damit ich die Person, die mich so derart erfreute, nicht übergehe und dadurch womöglich verletzend rüberkomme.

Ich dachte ja bisher, Türen sind dazu da, im Gegensatz zu Fenstern, durch sie hindurch gehen zu können. Deshalb baut man sie eigentlich auch ganz bewusst in ein Gebäude ein. Ich wurde aber heute nun eines Besseren belehrt und bedanke mich bei „Unbekannt“ herzlich für diese, meinen Horizont bereichernde, Erkenntnis des Tages.

VIELEN DANK FÜR IHREN BESUCH – möchte ich ausrufen! Was ist passiert?

Ein kleines, blaues Auto, dessen Fahrer anscheinend über besonders viel Kulturdefizit verfügt, versperrte mir den Zugang zu meiner Werkstattüre in einer besonders üblen Art und Weise, als ich nämlich einige von meinen Plastiken in meinen Wagen verladen wollte. Mit seiner Dreistigkeit übertraf dieser vor meiner Türe Parkende, alle bisherigen Leistungen dieser Art. Selbst die ganz Großen ließen dann doch wenigstens die Türklinke zum Anfassen derselben frei.

Diesem Kleinen war dies offensichtlich des Entgegenkommens zu viel, er ging darum aufs Ganze! Deshalb gehe ich davon aus, dass der Halter besonders geil darauf ist, von mir auch tatsächlich in seiner überheblichen Frechheit wahrgenommen zu werden. Ich tu ihm den Gefallen gern und setze sogar noch einen Bonus drauf, weil er sich so viel Mühe gab und sein kleines Auto so süß schaut!

Es darf jetzt in meinen Blog hinein!!! Ich habe zwar schon derart viele Bilder – die Liste ist lang, sodass der PC – Ordner bald überquillt, aber ich will nicht ungerecht sein und wäge darum genau ab, wer sich in meiner „Sonne“ aufhalten darf und wer nicht!

Ich bitte aber aus Datenschutzgründen jetzt alle Leser meines Blogeintrages, das Nummernschild des kleinen, blauen Schelms auf ihren Geräten, mit dickem Edding selbst zu schwärzen, da ich nicht weiß, wie das geht.

“… die Bank ist wenigstens frei…”

Vielen Dank.

Maren Simon am 29. September 13.45 Uhr

Der geteilte Blick – alles ist Wechselwirkung

„Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“ (Augustinus Aurelius)

Das Wichtigste der letzten Wochen war für mich eindeutig die Wundversorgung eines in unserer Nähe befindlichen Straßenbaumes, der leider in einen Autounfall verwickelt wurde. Frontal setzte der Fahrer in einer Kurve seinen Wagen gegen den Stamm dieses Baumes. „Esche 149“ blieb anschließend bis in sämtliche ihrer Wurzeln „erschüttert“ und ihrem Schicksal überlassen, mit einem erheblichen Schaden an ihrem Fuß, ohne jede Wundversorgung zurück.

Wir verloren innerhalb eines Jahrzehnts drei stattliche Bäume vor unserer Tür – und nicht einer wurde je ersetzt! Was bleibt, sind Lücken, die nur von wenigen Menschen als solche und als entsprechender Verlust wahrgenommen werden. Deshalb wurde ich tätig und wollte den Baum davor bewahren, wegen „unterlassener Hilfeleistung“ irgendwann später an seiner Verwundung einzugehen. Bakterien und Pilze erobern solch perfekte Lebensräume für sich sehr schnell, zumal die zunehmende Trockenheit ihnen dabei behilflich ist.

Am Beispiel des Landesstraßenbaumes 149 habe ich erkennen müssen, dass trotz der vielen, derzeit geführten Diskussionen um Natur und Klima, Empathie und Akzeptanz dem Leben eines Baumes gegenüber, ebenso wie beim „Tierwohl“, leider noch zu wünschen übrig lassen. Gewisse Sichtweisen müssen sich wohl immer erst ganz allmählich etablieren. Ich gewann den Eindruck, auch „Vorgänge“ in Behörden haben sich „erwachsen“ anzufühlen, bevor man sich ihrer annehmen und mit ruhigem Gewissen verantwortlich fühlen kann, ohne sich als „zu gefühlig“ zu blamieren. Wer Empathie zeigt, noch dazu für einen Baum, der tickt doch nicht ganz richtig.

Ja, wen kümmert es? In Brasilien wird gerade der Amazonasregenwald großflächig abgeholzt, dem viele Bäume angehören. Wir sind Teil eines verzweigten, lebendigen Systems, dem einzigartigen Planeten „Erde“ , das wissen alle, dass aber die üblen Auswirkungen von Abholzung, Raubbau und landwirtschaftlicher Überdüngung sowie übertriebenem Pflanzenschutz und damit verbundenem Artenverlust, jeden betreffen, wollen indes zu viele immer noch nicht glauben.

Insgesamt hatte ich mich an fünf „fachlich relevante“ Männer und eine freundliche, aber sich offenbar nicht zuständig fühlende Frau gewandt. Nach etlichen Telefonaten gelangte ich am 17. Juli schließlich zu Herrn Gabel, ein, der Stimme nach recht junger Mann, der meine Sprache (und auch meine Sorge um den Baum) verstand. Noch am selben Tag bekam der „Patient“ dann endlich eine entsprechende Versorgung, 6 Wochen nach dem Unfall. Ihm wurde ein „Verband“ angelegt und seitdem hoffe ich, dass seine Wunde eine Narbe mit Wulst am Rand bilden wird. Ich schätze, die alte Esche hat ungefähr mein Alter, wenn sie nicht sogar über noch mehr Jahresringe verfügt. Die Narbe sieht dann eventuell nicht schön aus, aber unser Baum wird noch viele Lebensjahre vor sich haben, hoffentlich mehr, als ich sie habe.

„Vorstellungskraft“ verbunden mit vorausschauendem Denken sollte ein Pflichtschulfach werden. Wie oft höre ich die Leute sagen: „ Ja, wenn ich das früher gewusst hätte!“. Hätten sie dann tatsächlich anders gehandelt? Es ist so leicht ein halbherziges „Sorry“ in die Welt zu entlassen. Woher kommen Verdruss und Gleichgültigkeit bei zunehmender Gereiztheit und Selbstbemitleidung, warum steht unsere Welt Kopf, wieso fliegt gerade alles auseinander? Mutter Erde leidet, aber die „Plage“ Mensch verharrt in Routine und peinigt ihren Wirt, wie eine Krankheit, gegen die es kein Heilmittel gibt.

Irgendwann kam mir beim Begriff „Plage“ die griechische Sage der „Pandora“ und ihrem Gefäß (der doppeldeutigen „Büchse“) aus welcher einst unglücklicherweise außer der Hoffnung, alle Laster und Übel dieser Welt entwichen, in den Sinn. Das Schlechte eroberte die Welt und Trostlosigkeit breitete sich aus – erst als die Hoffnung ebenfalls entweichen konnte, weil die Büchse erneut geöffnet wurde, sollte sie ein Ende finden.

Wenn ich die alten Schriften lese und die mythologischen Themen im Verlauf zu den meinen werden lasse, bin ich erstaunt, wie aktuell sie doch sind.

Bei meiner PANDORA, der „Allbeschenkten“, knüpfte ich ihre Unheilsbringung mit einer gewissen Freude an ihre Schönheit. Denn Pandora war nur das bezaubernde Trugbild einer attraktiven Frau, talentiert und angeblich auch sprachlich gewandt, liebreizend und musikalisch. Eine Freundin der Künste und allem Schönen zugewandt. Parallelen zum biblischen Sündenfall tun sich mir auf, denn in beiden Mythen rächen sich strafende Götter mit Hilfe des attraktiven Weibes an den Menschen. So wird die jeweils erste Frau auf Erden zum Werkzeug degradiert und verführt den Mann – gegen seinen Willen, denn er weiß es eigentlich besser – die Vertreibung aus dem Paradies, beziehungsweise alle Übel in der Welt, sind die Folge.

Gedanklich probierte ich zuvor sämtliche Lösungsansätze durch und kam zu dem Schluss, meiner Protagonistin kein realistisches Frauenantlitz geben zu wollen. Diese Variante erschien mir einfach zu simpel. Herausgekommen ist nun stattdessen ein merkwürdiges Blumending in Pink ohne Gesicht, dem die weltkugelförmige Dose mit Monddeckel in ihren Händen, plötzlich und unerwartet, auseinander fliegt. Doch auch die unheilverströmende „Büchse“ ist vorhanden und befindet sich auf der Rückseite der merkwürdigen Plastik. Der Betrachter wird ihrer schrecklichen Fratze, umgeben von lauter ausgespienen Knochen, erst beim Rundgang um das eigenartige Objekt ansichtig. Ich habe die ursprüngliche Story ein wenig zugunsten der künstlerischen Freiheit, die ich mir einfach herausnahm, abgeändert und der heutigen Umweltthematik angepasst.

Das schräge Objekt birgt leider wieder lauter Tücken in sich und ist schlecht zu heben. Es findet sich kaum eine brauchbare, griffige Nische zum Fassen der gewichtigen Tante. Ich habe (ganz Frau) wieder einmal nur in eine Richtung gedacht und so war mir beim Aufbau nicht wichtig, dass man das unbequeme Teil auch bewegen können muss. Ich arbeite manchmal, wenn ich voller Elan bis über beide Ohren im Gestaltungsprozedere stecke und den roten Faden gefunden habe, wie in Ekstase, jenem rauschhaftem Zustand ohne jede Ratio, der ringsum alles vergessen lässt.

Ich werde neuerdings des Öfteren gefragt, wie ich denn eigentlich zu meinen merkwürdigen Einfällen käme. Antwort: während monotoner Hausarbeiten und auch im Halbschlaf! Ich gehe förmlich „schwanger“ damit, bis ich mich ihrer arbeitend in der Werkstatt annehme. Seit längerem drängte sich mir bisweilen der Gedanke auf, dass es scheinbar allzu oft und ausgerechnet die FRAU ist, die der Welt übel mitspielt. Ich fragte mich, warum ist das so? Und weil es mir schwerfällt meine Gedanken zu verbergen, reagiert der Sohn prompt und grinst dabei: „Wir (Männer) hätten ohne euch (Frauen) all unsere Probleme nicht, wir säßen gemütlich im Biergarten zusammen und alles wäre gut.“

Des Fischers Fru, der Ilsebill ihr Mann, säße dann ganz sicher ebenfalls dort, zusammen mit der Hexe Baba Jaga, die ja eigentlich ein Mann in Frauenkleidung ist, wie wir aus russischen Märchenfilmen wissen. Der Biertisch als Therapiezentrum und Trostspender! Ich kann gar nicht damit aufhören, amüsiert weiterzuspinnen! Auch sämtliche Abgeordnete aus der Politik fänden an diesem Biertisch ihren Platz und sie würden heftig über die Frau und Wissenschaftlerin Angela Merkel diskutieren! Als Bundeskanzlerin, so erklären Mitteilungsbedürftige gern, hätte sie schließlich alles ganz anders anpacken sollen.

Vielleicht hätte sie dies in der Tat tun sollen! Womöglich befand sie sich all die Jahre über, viel zu sorglos in direkter Nähe zur Macht. Gewinnstreben und von Gier getriebene Profitmaximierung (ständig angefordertes Wachstum!) sind meiner Meinung nach verantwortlich für die Zerstörung unseres, im Weltall so trügerisch – schön und blauschimmernden Paradieses. Sämtliche Banker und Wirtschaftsbosse hätten an die lange „Schleppleine“ (ein Begriff aus der Hundeschule) gehört und stattdessen die Wissenschaft gestärkt werden müssen. Denn schon in Goethes Faust, der Tragödie erster Teil, lesen wir von der fatalen Macht des Geldes:

„Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles! Ach wir Armen! …“

Wir schmücken uns mit dem deutschen Kulturerbe und loben die Kunst und die Wissenschaften. Überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit erhalten aber jene, die Spaß versprechen und hierbei möglichst viele Menschen mitnehmen. Dafür gibt es bereitwillige Sponsoren. Wäre es jetzt vielleicht aber doch wichtiger, jenen Gehör zu verschaffen, die nicht nur herumlabern, sondern tatsächlich etwas zu sagen haben und den Intellekt anregen? Die sogenannte „Energiewende“, was für ein gewichtiges Wort (!), sie hätte bereits lange Zeit schon greifen, hätte Wirkung zeigen können, wenn nicht wirtschaftliche Interessen dies blockiert oder sogar ganz verhindert hätten.

Die Bloggerin Laurie Penny stellt die interessante These auf, dass, „wenn alle Frauen morgen aufwachten und sich wirklich gut und mächtig in ihren Körpern fühlten, die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbräche“. Ich denke, nicht nur, weil Kleidungs- und Kosmetikbranche überflüssig würden, sondern auch aus dem Grunde, weil die Frauen endlich einmal positiven Einfluss auf ihre Männer ausübten , anstatt ihre Zeit damit zu verplempern, sich ständig gegenseitig zu vergleichen. Ilsebill hätte es dann nicht mehr nötig, ihren devoten und bequemen Mann zu bedrängen, ihr die absurdesten Wünsche zu erfüllen …

Neue Frauenbilder mit entsprechenden Rahmenbedingungen braucht das Land!

„Chimäre“ Pandora ist ein Mischwesen, zusammengesetzt aus vielerlei, weiblicher Eigenschaften. Elegant rosablumig und schön, unbeholfen und tollpatschig, hinterhältig und gemein. Vorn oben hui und hinten unten pfui. Real und Abstrakt. Sie ist deshalb auch einfach nicht zu fassen. Ich kann sehr gut verstehen, dass ich nicht verstanden werde! Zu absurd und einfältig erscheint einigen dann das, was in meiner Werkstatt entsteht. „Welche Dämonen sind es, die mich reiten“? … diese Frage stellte mir Arno Neumann schon vor Jahren, ein von mir hoch geschätzter und bekannter Kulturjournalist, der in diesen Tagen seinen 89. Geburtstag begeht. Ich konnte seine Frage nicht beantworten, doch damit die „Dämonen“ nicht überhand nehmen, ist es mir wichtig, ermüdet von meinen merkwürdigen Gedankenspielen, zwischendurch lustig zu sein. Beides muss sich die Waage halten! Nur so behalte ich (m)einen klaren Kopf. Neben einer angefangenen Arbeit steht deshalb immer eine zweite, an der ich gleichzeitig nebenher tätig bin. Wie schon erwähnt, habe ich mich in letzter Zeit unter anderem auch mit der Fertigung von Blumenvasen befasst.

Menschliche Leiber räkeln sich auf ihnen und tanzen freudig umeinander herum. Füllige Körper tragen eine Ausdruckskraft in sich, welche mir genügend Raum lässt, witzig zu sein. Ich greife dann gelegentlich mit Humor auf eigene gemachte, „erschreckliche“ Alterserfahrungen vorm Spiegel, zurück. Natürlich sind auch dünne Leute lustig, sie sind es auf eine andere Weise. Aber was soll´s? Schlanke Suppenhühner ergeben nun einmal keine gute Brühe, auch, wenn sich der Koch noch so sehr darum bemüht. Meine Blumenvasen sind deshalb auch nicht für edelste, vom Blumenhändler gestaltete und farblich abgestimmte Blumenarrangements, sondern für die eher krautigen, unscheinbaren Stängel der Blumen des Gartens Eden gemacht. Von den gemeinsamen Spaziergängen mit unserem Hund brachte ich unterschiedlichste Sträuße mit und habe die Vasen schon mal probeweise damit befüllt und ausprobiert. Unkraut steht wunderbar darin! Meine Botschaft „mehr Natürlichkeit wagen!“ … wird auf diese Art bestens zur Geltung gebracht.

Stattliche Sonnenblumen oder duftende Lilien, auch stolze Gladiolen halten diese matt glasierten Gefäße ebenfalls aus, nur extravagante Rosen vielleicht eher nicht. Mein Favorit ist das Garten-Eden-Motiv der verliebten Paare unter Apfelbäumen, als die junge und gerade erst frisch erschaffene Welt, noch halbwegs in Ordnung war. Je nach Laune, dürfen auch die lieben Tiere darin nicht fehlen, so saß mir natürlich unsere Hündin auch das eine oder andere Mal schon Modell.

Pünktchen ist seit heute ein halbes Jahr alt und hat momentan „Flatterohrentage“, was wirklich sehr eigenartig aussieht. Eigentlich sollten beide Ohren gleichmäßige, an den Seiten des Hundegesichts herabhängende, schöne Dreiecke bilden. Doch die Ohren unseres Hundes rollen sich manchmal, wie Blätterteiggebäck und stehen zu den Seiten, beziehungsweise nach hinten hin, merkwürdig ab. Sie tun das nicht immer. Und oft macht ein Ohr anders, als das andere es will! Wir sind gespannt, wohin dieses Ohrenspiel – eine eigenartige Begleiterscheinung der Pubertät dieser Hunderasse – noch führen wird. Wenn dann ein Ohr für immer absteht, das andere aber nicht, dann soll es so sein! Hundekundige versehen die Hundeohren im „Kleinkindhundealter“ vorsorglich mit Gewichten und kleben Centmünzen daran, um die Hängeeigenschaften der Klappohren ihrer Lieblinge zu kontrollieren, so dass sie ordentlich baumeln müssen. Weil wir uns beim Anblick unserer Hündin an „Obelixens“ Hund Idefix erinnert fühlten, dachten auch wir für kurze Zeit daran vorzubeugen, wir hielten die lästige Prozedur aber nicht durch.

Eines meiner Gefäße mit Hund zeigt diesen gemeinsam mit einer, auf ihr gepunktetes Sofa ausgestreckt hingegossen liegenden, deutlich übergewichtigen Frau. Lucian Freud lässt grüßen! Neuerdings begegnen mir jetzt überall Künstler mit ihren Hunden. Ein Phänomen, welches schwangere Frauen auch kennen, wenn sie überall Schwangere sehen und andere Frauen, die Kinderwagen schieben. Oft sitzen kleinere Hündchen auf dem Arm ihrer Besitzer, wie „Daisy“ bei dem Designer Rudolph Moshammer oder „Miss Audrey“ bei Donatella Versage, deren Jack Russell Terrier den Betrachter mit ebensolchen Ohren, wie unser Hund sie zurzeit trägt, erfreut. Loriot muss ich nicht weiter erwähnen, seine zugleich vorwurfsvoll wie melancholisch dreinblickenden Möpse, kennt jeder. Über seine witzige Äußerung „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“… kann man diskutieren, denn das wird, bei allem Humor, jeder Hundebesitzer anders sehen.

Alice Springs Foto von Modeschöpfer Yves Saint Laurent mit einem winzigen Hündchen in der Armbeuge, berührt mich besonders. Der auffallend sehr kleine Hund senkt nachdenklich und scheinbar völlig in sich gekehrt, sein Köpfchen und will nicht in die Kamera sehen. Apparate, die Tieren vor die Nase gehalten werden, scheinen diese mitunter als „respektlos“ zu empfinden. Ich beobachtete Pferde, die deutlich genervt und abweisend auf ein ihnen vorgehaltenes Handy reagierten. Was für eine selbstbewusste Haltung! Sogar Elster Quax mochte die Kamera zwischen seinem und meinem Gesicht nicht sonderlich gern. Der kluge Vogel attackierte dann gereizt den kleinen Apparat in meiner Hand mit seinem kräftigen Schnabel. Elsters Meinung nach, hantierte ich zu viel damit herum. Ich sollte stattdessen, all meine Aufmerksamkeit allein auf ihn gerichtet halten.

Auch der Mensch kann gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Er liebt es für gewöhnlich im Rampenlicht zu stehen und er liebt darum die Kamera.

Vieles hat sich für uns verändert mit Anwesenheit der unterschiedlichsten tierischen Mitbewohner im Hause Simon. Von ihnen lernten wir und mit jeder neuen Lebensphilosophie, die jedes Tier mitbrachte, verschob sich der eigene Betrachtungswinkel ein klein wenig in eine Richtung, die ich vielleicht am besten als „relaxed“ beschreiben könnte. „Du bist schwierig“, behaupten neuerdings, sogar mir wohlgesonnene Kollegen. Ich jedoch, kann das überhaupt nicht nachvollziehen.

Gemeint ist natürlich die spröde, wenig zugängliche und zudem „kamerascheue“ „Künstlerin“ Simon.

Zum widerholten Male frage ich: bin denn nicht auch ich zuerst einmal Mensch? Ich wurde doch nicht als Künstlerin geboren! Es ist kein Wunder, dass ich keine Lust darauf habe, stetig herausfinden zu müssen, auf welchem Fuß der andere gerade steht. Ich steh ebenso auf zwei Beinen und Dank der Operation am Kippelbein, nun auch recht standhaft. Die wechselwirkenden Kräfte des Lebens schleifen jeden „Kieselstein“, mehr oder weniger rund, verändern aber in jedem Fall, seine Form. Philosophisch betrachtet bedeutet das für mich, dass nie alle „Kiesel“ ergonomisch auch wirklich zusammenpassen, um ideale Partner zu sein. Immer reibt sich was, oder es klemmt. Immer ist einer “härter” der andere “weicherer” Natur.

„Eckigere“ ergänzen sich naturgegeben weniger mit den „Runden“, sie liegen dann eher desinteressiert und mit einigem Abstand voneinander, herum. Zwei vollkommen „Runde“ rollen aneinander vorbei und haben sich wohl von daher, auch wenig zu sagen. Zwei sehr spröde, „Eckige“ verkeilen sich ineinander, oder lassen den anderen gar nicht erst an sich heran. Es ist ein weites Feld, ähnlich dem, der Liebe.

In meinem Falle stimmt es schon, dass die „günstige Gelegenheit“, diese überaus sympathische „Freundin“ des Small Talks, meine Gesellschaft meidet. Sie tut dies vorrangig, wenn ich „auf Arbeit“ in Galerien unterwegs bin und Vernissagen besuche. Diese Besuche sind immer eher kurz, denn während eines Gesprächs ohne Inhalt und über nichts, kann man sich auch leicht verquasseln. Ich will mich aber nicht erklären, will mich nicht festnageln und auch nicht immer wieder bemitleiden oder gar trösten lassen, weil einer vermutet (oder sogar darauf hofft), es ginge mir schlecht!

Maren Simon, Selbst mit Nägeln, 2018

Ja, ich mache häufig das Positive im Negativen zu meinem Thema, das stimmt. Die Scherbenplastiken sind dafür der beste Beweis. Aber ich frage, was wäre ein ordentlicher Künstler ohne seine schmerzlichen Psychosen im Oberstübchen? Ich behaupte, „oben ohne“ zu sein ist unmöglich, man wäre sonst arbeitslos! Wie sagt es Augustinus Aurelius, den ich heute öfter schon bemühte, so treffend: „Wenn du nicht Teil der Lösung bist, sei Teil des Problems“.

Das ist etwas, was ich offenbar sehr gut kann – ein Problem zu sein.

Er sagt aber auch: „Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut“. Ich freue mich vor allem, wenn ich mit meinen Händen etwas Sinnstiftendes geschaffen habe. Eine Taktik, um meine Werke auch erfolgreich zu bewerben, habe ich nicht, denn die Worte und auch mein Vertrauen gingen mir im Laufe der vielen erfolglosen Jahre, irgendwie flöten und ohne sie, kommt man als ältere Frau in künstlerischen Gewerken, nur häppchenweise voran. Darum bleibt mir als der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, tatsächlich nur die Arbeit. Und natürlich – Geduld.

Ich erfahre weniger die direkte, als jene stille Form der Wertschätzung von außen, die mich stark sein lässt.

Meine, durch Kontaktarmut gefestigte, anhaltende „Brotlosigkeit“ wäre ein Grund die vorderen Reihen endlich gezielter in Anspruch zu nehmen. Jeder „Anker“, der Publicity verspricht, müsste mir doch da gelegen kommen! In jungen Jahren hätte ich mich in der Tat für Aufgaben, die mir verstärkt Gelegenheit gegeben hätten, mich auf künstlerischem Gebiet etablieren zu können, interessiert. Heute bin ich aus Erfahrung klug und vorsichtig geworden und zudem auch ein wenig bequem. Der Außenstehende darf bei seiner wohlmeinenden Beurteilung nicht unterschätzen, wie tief die Wurzeln dauerhaft gepflegter Gewohnheiten reichen können! Jemand, der so wie ich, anhaltend dazu gezwungen war, immer in Eigenregie sparsamst agieren zu müssen, der ist nicht in der Lage plötzlich auf „Erfolg“ und finanziell ausgerichtetes Denken, umzuschalten.

Dafür bin ich zu lange „völlig losgelöst“ unterwegs und inzwischen auch zu alt.

„Gieß aus, auf dass du erfüllt werdest; Verlerne das Lieben, auf dass du lieben lernst; Kehre dich ab, auf dass du herzugekehrt werdest.“

Dieses treffliche Zitat von Augustinus Aurelius, der von 354 – 430 u.Z. lebte und in meinen Augen derart aktuell ist, dass ich nur staunen kann, bringt meinen Blog – wie passend – im Monat August nun zum Abschluss. Ich hoffe, diese Abhandlung bewirkt, dass meine „Widerspenstigkeit“ kein Thema mehr ist und endlich als löblicher Eigensinn respektiert wird.

Maren Simon, Blumenvase, 2019

Maren Simon am 12. und 13. August 2019

SOMMERTAG

Maren Simon, “Flora”, Ton frei aufgebaut, Rakubrand, 2019

Nach den regenreichen Tagen würde eine trockene und heiße Phase kommen – das war abzusehen und wir tätigten aus diesem Grunde einen überfälligen RAKU-Brand, wobei die noch im Garten steckende Feuchtigkeit, für unsere Entscheidung eine entscheidende Rolle spielte.

Ich experimentierte diesmal für eine Ausstellung unter anderem auch mit Vasen. Dieses „Gefäßprojekt“, bei dem ich Malerei und Zeichnung auf meinen Objekten feiere, befindet sich noch im Versuchsstadium, denn ich bin kein gelernter Keramiker. Einige meiner antik anmutenden Gefäße hielten ihr Versprechen – eine Vase zu sein – einfach nicht und gaben nach der Befüllung mit Wasser, dieses apart wieder nach unten hin ab. Die nächste Serie muss dahingehend dringend verbessert werden, wenn es auch immer machbar ist, kleinere Poren im Nachhinein zu verschließen. Die Vasenobjekte füllten sehr schön die vielen Zwischenräume, der im Ofen stehenden Portraitplastiken. Eine solcherart dicht und sorgfältig gestaltete Aufstellung, sorgt für gute „Brennklimatik“.

Ausgangspunkt für den Themenbereich „Vase“ war der Aufbau eines „sperrigen Blumenbouquets“, wieder entstanden unter Verwendung von Scherben; ein Objekt, dass man aufgrund der kaputten und damit unbrauchbaren, schrägen „Vasenkonstruktion“, die den „Blütenstrauß“ hält, gar nicht anders als „nicht intakt“ interpretieren kann. Ich entschied spontan diese Arbeit ohne RAKU-Effekte zu belassen. Weniger ist manchmal mehr. Obwohl ich es zuerst anders vorgehabt hatte, kamen mir gewisse Bedenken. Das raue und pastellfarbene, hellere Erscheinungsbild wirkte auf mich plötzlich so fragil und bei aller Strenge auch zart, als ich es im Garten und somit im neuen Kontext stehend, anschaute. Das Ensemble wirkt, wie aus „Eis“ aufgebaut, was zu der Hintergrundthematik ganz wunderbar passt.

Ganz anders behaupten sich die eher schwer wirkenden, dunkleren Rakuobjekte. Ich halte meinen Blick bewusst „offen“ für solche gegensätzlichen Kontraste und diese Unterschiedlichkeit meiner vielgestaltigen, plastischen Werke fasziniert den gewogenen Betrachter dann immer wieder.

Auch FLORA bekam nun endlich ihre extravagante Patina eingebrannt und das rosige Blumendekor, das ich im Anschluss an meinen RAKU-Brand an ihrem Kragen befestigte, hebt sich jetzt wunderschön vom Rest dieser, ebenfalls ausgesprochen dunkel gehaltenen Plastik, ab. Im Gesicht brachte ich gezielt etwas mehr Glasur auf, sodass sich hier nun die typischen Linien und Sprünge zeigen, anderswo aber nicht. Nur ein Hauch Glasur sorgte dafür, dass zwar viel Grün erhalten blieb, aber das Rauchig-Dunkle trotzdem überwiegt und die Plastik ohne jeden Glanz geblieben ist. Die wenigen Krakelees auf den rosigen Wangen lenken jetzt jedoch alle Aufmerksamkeit genau in ihr warmherziges Gesicht, obwohl die bunten Rosen selbstverständlich versuchen, diesen ersten Blick für sich zu beanspruchen. Die künstlichen, knallig leuchtenden Farben buhlen förmlich um die Gunst des Betrachters. Dass ihnen das nicht gelingen will, freut mich und macht in meinen Augen das Besondere von FLORA aus.

Ich gewähre nur wenigen Interessierten einen Einblick in dieses RAKU-Brand-Prozedere in unserem Garten. Es ist mir lieber, wenn wir unter uns bleiben. RAKU-Routine, über die meine Kollegen im Allgemeinen verfügen, wenn sie das aufwändige Freibrandverfahren gern vor Publikum vorführen, stellt sich bei mir nicht ein. Die Herstellung kleinerer Gebrauchskeramik ist nicht nur überschaubarer, sie ist auch weniger kraftaufwendig und leichter zu händeln. Das ist etwas völlig anderes, als wenn wir diese schweren, erdigen Objekte durch den Garten bugsieren und die Hitze uns hierbei zu schaffen macht. Ich habe dann kein Auge für Eitelkeiten übrig und versuche bewusst möglichst unbeeindruckt und frei von allen Effekten zu bleiben und Gewohnheiten gar nicht erst zu kultivieren. Jeder Brand gestaltet sich daher anders und ist damit ein einmaliges Ereignis. Dazu will jeglicher Publikumsverkehr einfach nicht passen. Auch ein gemeinsames Arbeiten mit Kollegen möchte ich deshalb nicht provozieren, denn ich kann nicht dafür garantieren, dass das Ergebnis nachher auch gefällt! Meine Vorstellung von dem, was schön ist, unterscheidet sich von dem Schönheitsbegriff anderer Menschen. Die Fähigkeit anzunehmen, was der Zufall uns schenkt, teilen mit mir nur sehr wenige. Die meisten möchten Kontrolle ausüben, sie favorisieren dann ein festes Ergebnis, welches sie vom RAKU erwarten. Da kann ich mit meinem Herangehen, großzügig und uneitel wie ich bin, nur enttäuschen.

Dennoch sollten dieses Mal zwei Besucher dabei sein dürfen.

Wenn ich RAKU mache, geht es mir nicht in erster Linie um die effektvollen Krakelees und schon gar nicht um glänzende Farben, sondern um den vermittelnden Charakter der eher matt gehaltenen Farbe Schwarz. Die eingebrannten, rauchig-dunklen Schatten, die viele meiner Figuren überziehen, wirken zusammenführend. Mitunter bin ich selbst überrascht von dem Ergebnis.

Die größte Überraschung für uns beide diesmal war mitzuerleben, wie sich Pünktchen in unseren RAKU-Betrieb eingliedern würde. Wie würde sie es verkraften, an diesem Tage einmal nicht die erste Geige zu spielen? Unsere Gäste hielten das junge, quirlige Kerlchen natürlich in gewisser Weise bei Laune, was ein schöner Nebeneffekt dieses Besuchs war. Doch in erster Linie kam er wegen des Ofens, um uns bei der Arbeit daran zuzusehen, denn wir werden einiges verändern müssen, damit es in Zukunft für Jörn und mich leichter wird. Wir gehen dieses Problem ganz langsam an, denn noch befindet sich der Hund in der Ausbildungsphase und es braucht gerade viel Zeit und auch Geduld. Ich nehme Pünktchen aber dennoch öfter mal mit in die Werkstatt, denn hier ist der beste Ort für ein „Anti-Frust-Training“. Darauf zu warten, bis ich mit meiner Arbeit fertig bin, ist nicht lustig für den agilen Hund, der gern bestimmen würde, was passiert. Deshalb muss es gezielt geübt werden!

Auf dem Hundeschulgelände wird daher, neben lustigem Welpen- und Junghundespiel, immer auch der ernsten Seiten des Hundehalterlebens gedacht. Manch einer ohne Hund amüsiert sich ja allein schon über das Wort „Hundeschule“. Im Stadtbild geben Hundebesitzer mitunter tatsächlich ein eher lustiges Bild ab, wenn der Mensch vom Hund ausgeführt wird! Als Hundehalter muss man schon allein aus diesem Grund die eine oder andere brüske Bemerkung tolerieren können, wenn man über einen Kamm mit anderen geschoren wird. Deshalb wird des Hundeliebhabers Horizont während der Lehr- und Übungsstunden mit und am Hund auch in dem Sinne geweitet, nicht nur den Hund, sondern auch seine Mitmenschen besser einzuschätzen und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Wobei es vorkommen kann, dass der Hund lernfähiger und einsichtiger ist, als so mancher Mensch.

Einfühlungsvermögen ist das Wort, welches für alle gelten sollte. Auf dem Hundeplatz der Hunde-halter-Schule (denn zuerst muss der Halter lernen den Hund zu führen) stehen für knifflige Situationen die zwei erfahrenen Hündinnen der Trainerin bereit, die ein Auge auf Störenfriede haben und eingreifen, sobald sich einer daneben benimmt. Vielleicht sind Menschen mit Hund darum, nicht immer, aber doch sehr oft sehr viel entspannter, weil sie auf diese Weise erleben, wie einfach es sein kann! Nur durch Gesten, Körpersprache und Blicke teilen sich die beiden Australian Kelpies den Raufbolden, die sie auf dem Kieker haben, mit. Selten hört man ein grollen aus ihren Kehlen, wachsam behalten die agilen Hütehunde alle Junghunde (mitunter mehr als 15) im Blick, auch unser Pünktchen gehört dazu. Die ist jedes Mal, wie ein „Flummi“ und rennt wie der ausgestopfte Hase an der Strippe beim Windhundrennen, in einer Tour übers Gelände, um die anderen, größeren Hunde zum Spiel zu animieren.

Allen Hitzköpfen hilft im Anschluss an diese Toberei in jedem Fall aber, eine schöne Abkühlung! Doch wer jetzt keinen Pool hat, baut sich keinen mehr. Wer jetzt in der prallen Sonne sitzen muss, wird schlicht verdorren, wird sich quälen, sich nach Kühle sehnen … Ist es besonders heiß, so wie in diesen Tagen, suchen wir Abkühlung in den nah gelegenen Wassern und erfrischen uns dort. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Pünktchen, dass es ohne Hilfe und von ganz allein schwimmen kann! Waldgewässer haben ja ihren eigenen Charme. Ich sitze deshalb gerne und zeichne dort auch mit Hund. Dabei ist mir wieder sehr schmerzlich ins Bewusstsein gerückt, wie sich diese, von der letzten Eiszeit geformte Wald- und Seenlandschaft inzwischen verändert hat. An der Badestelle des Colpinsees schwimmt momentan dicke und unappetitliche Algensuppe umher und der ehemals helle Strandbereich ist jetzt schwarz verfärbt. Auch als fachunkundiger Mensch kann man den Notstand, in dem sich das einzigartige Kleinod befinden muss, erkennen. Der Wasserstand ist niedriger als sonst. Die kleinen Bachläufe, die die unterschiedlich großen Gewässer des Lehniner Waldareals miteinander verbinden, sind schon seit einiger Zeit versiegt und ihr angrenzender, ehemals morastiger Untergrund, liegt nun leider trocken; die Flora ändert sich und mit ihr auch das Leben der Tiere.

Einen kleinen moorastigen Flecken, geheimnisvoll und bezaubernd, aber ohne Zugang für den zerstörerisch auftretenden Menschen, entdeckten wir bei einem unserer Spaziergänge rein zufällig. Nur das Einhorn fehlte, sonst wäre es hier so schön, wie im Märchen. Hier kann man den Eindruck bekommen, dass die Welt noch in Ordnung ist; Libellen gleiten fast lautlos über Seerosenteppiche hinweg, das seidige Wasser lockt hellgrünlich, aber klar, darin die Blätter und Stängel einer verschlungenen Seerosenunterwasserwelt, zwischen denen sich kleine Fische tummeln. Sogar eine lange Schlange glitt sachte über die glatte Wasseroberfläche von einem Uferbereich in den nächsten, dicht an uns vorbei. Offenbar reichlich vorhanden auch viele Vögel, nicht zu sehen, aber ständig und laut im dicht wuchernden Schilfgürtel zu hören! Diese wild gewachsene Ordnung ist für den Menschen – bloß gut – absolut unattraktiv, besonders deswegen, weil es sich um ein bevorzugtes Revier sämtlicher Mückenarten handelt.

Nur die nah gelegene Autobahn stört diese Idylle. Der von ihr ausgehende Lärm ist im gesamten Lehniner Waldgebiet mehr oder weniger präsent. Einher mit der Autobahn gehen Abfall, Schmutz und Dreck. Wer keine Lust hat Abgetakeltes aufwendig zu entsorgen, setzt seinen Unrat an stillen und abgelegenen Orten gern aus. Bei unseren Wanderungen finden wir deswegen immer wieder Merkwürdiges; herrenlose halbe Autos zum Beispiel, auch Autositze ohne Auto, Malereimer mit Farbresten darin, Renovierungsabfall sowieso und sogenannte „weiße Wahre“. Auch ein unbrauchbar gewordenes Schlauchboot in Knallgelb liegt mitten im Wald und da es aus Plastik ist, wird es wohl sehr lange dort verbleiben. In seinen Dellen sammeln sich Nadeln und bei Regen auch Wasser, in dem Mückenlarven gedeihen.

Die Wirtschaft findet für schlechtes Benehmen und Mangelverhalten immer eine Ausrede. Es heißt dann gern, es ginge nicht anders, da könne man leider nichts machen, die „Menschen müsse man da abholen, wo sie nun einmal gerade stehen“. Bis es jemand vormacht und Verbündete findet, werden Probleme kleingeredet und jene, die sich darüber aufregen, werden als „Spinner“ bezeichnet. Dabei weiß jeder, dass gern mit dem Kopf durch die Wand dem Weg des geringsten Widerstands gefolgt wird. Das ist nicht nur im Großen so, sondern auch der sogenannte „kleine Mann“ versucht natürlich pfiffiger als der andere, neben ihm agierende zu sein und lebt seinen puren Egoismus selbstverständlich auch aus, wenn er kann. Aber im Laufe der Jahre wird sich das alte Denken in ein vernunftbetontes wandeln müssen. Wenn der Protest zu groß wird und der Gegner an Kraft gewinnt, wenn immer mehr Menschen Partei ergreifen und sich anstecken lassen, kann die Chose kippen! In Sachen Kohle und der ewigen Diskussion um die Arbeitsplätze in der Lausitz, wendet sich ja gerade das Blatt, doch der Weg dorthin war weit!

Wenn der Planet am Verdursten ist, verdursten auch wir, darum sind endlich Alternativen und nicht die ewig gestrigen Argumente gefragt. Immer wieder finde ich Artikel in der Presse, die davon berichten. In diesem Zusammenhang freut es mich zu erwähnen, dass unser Sohn Carsten in Jena am Max-Planck-Institut für Biogeochemie kürzlich seine Doktorarbeit eingereicht hat und wir hoffen mit ihm und drücken ihm die Daumen. Der Erfolg – so sagt das Sprichwort – hat viele Väter und ich füge hinzu: er hat auch viele Mütter! Unser Sohn verdankt unter anderem auch seinen sehr engagierten Lehrerinnen von früher, dort angekommen zu sein, wo er heute steht. Man darf nicht unterschätzen, dass bereits in der Grundschule Persönlichkeiten geformt werden.

Ich schreibe über diesen Sachverhalt etwas detaillierter, weil viele Leute glauben, man bekäme nur in der Stadt die beste Ausbildung. Sie glauben, man müsse seine Kinder auf „bessere“ oder in sogenannte „Freie Schulen“ schicken und die Nähe der Städte suchen, um dem Nachwuchs in entsprechenden Netzwerken der gleichgesinnten, elitären Elternschaft, die passenden Verbindungen zu ermöglichen, die ein zügiges Vorankommen sichern helfen. Dafür zahlen sie dann auch bereitwillig und gern, so, als handelte es sich bei der „richtigen“ Schulwahl um einen Freibrief zum Erfolg. Ich denke, dass das ziemlicher Humbug ist. Auf die inneren Werte kommt es doch zuerst einmal an, das alleinige Setzen auf begünstigende, äußere Umstände ist Selbstbetrug. Was nützen all die oberflächlichen Verbindungen, wenn die einfachste Verknüpfung zur wahrhaftigen Bildung, der des Herzens, abgerissen ist?

Industrielicht contra Mondlicht

Unser Sohn Carsten Simon beschäftigt sich am MPI mit den Ressourcen „Boden“ und „Wasser“, einem immer wichtiger werdenden Themenbereich, denn unsere Anwesenheit lässt sich überallhin, selbst bis in kleinste, mit dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbare Räume, nachverfolgen. Überall ist der „Fußabdruck“ des Menschen präsent: in den dunklen Gefilden der Tiefsee und an den Poolkappen, im All und auf dem Mond genauso, wie in den tieferen Schichten des Erdmantels. Alles Regenwasser muss auf seiner Reise zu den Grundwasserspeicherseen zuerst durch sandige Strukturen mit ihren organischen Bestandteilen aus Blättern, Nadeln und Bodentieren, der sogenannten „Streuschicht“ hindurch, um dann im „Oberboden“ von Zersetzern, wie Bakterien und Pilzen, empfangen zu werden. Schließlich wandert die Feuchtigkeit im günstigsten Fall weiter nach unten zum „Unterboden“, wo sich das Grundwasser normalerweise ansammelt. Darunter befindet sich das verwitterte Ausgangsgestein. Carsten analysiert diese Prozesse, findet allerkleinste, vom Regenwasser gelöste Bestandteile, auch jene, die von menschlicher Aktivität berichten, er filtert sie mit beeindruckender Technik heraus, bewertet und dokumentiert sie.

Quelle: https://twitter.com/maxplanckpress/status/1110575288042377216

Wer durch Wald und Flur wandelt, der spürt, dass der Boden immer trockener wird. Moose und Flechten knistern unter unseren Füßen und können eventuell abregnende Feuchtigkeit kaum noch halten. Wissenschaftler betonen immer wieder, wie wichtig gerade jetzt die alten, erwachsenen und entsprechend starken Bäume sind, dennoch, wir haben in sorgloser Weise unsere Umwelt lang anhaltend und entscheidend verändert. Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer neuen, geochronologischen Epoche, dem sogenannten „Anthropozän“. Nun liegt es an ihnen herauszufinden, wie krank unser schöner, blauer, „fiebernder“ Planet (Zitat H. J. Schellnhuber) tatsächlich ist und ob man ihm noch helfen kann.

Wälder sollen wieder aufgeforstet werden und die neuen Erkenntnisse, dabei auf Monokulturen zu verzichten, werden immer lauter vorgetragen. Aber die jungen Bäume bedürfen einer umfangreichen Pflege und sie müssen vor der zunehmenden Hitze und damit einhergehendem Stress, in Schutz genommen werden. Ehe sie nämlich stark genug sind, um für sich selbst zu sorgen, brauchen sie menschliche Hilfe in größerem Ausmaß, als dies damals noch ihre „Baum-Großeltern“ nötig hatten.

„Herr, der Sommer war sehr groß“, dichtete Rilke. Doch heute macht uns die Aussicht auf solche „großen“ Naturereignisse einfach nur noch Angst. Wenn ich im Hundebadesee-Paradies bei den wunderbar filigranen Seerosen sitze und direkt daneben die donnernden Laster auf der Autobahn höre, frage ich mich, ob es nicht früher schon Alternativen zu immer mehr ausuferndem, menschengemachtem Wachstum gegeben hätte. Solange aber die „Entwickler und Gestalter“ nur den eigenen Tellerrand im Blick behalten und Futterneid eine lobenswerte Eigenschaft darstellt, genau wie „Punkte sammeln“ beim Discounter, wird sich nicht viel verändern – denn es ist der schnöde Eigennutz, der uns engherzige Entscheidungen treffen lässt.


Maren Simon am 30. Juni 2019

5. Juli 2019

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