Alles Gute zu meines Vaters Geburtstag am 14. Februar. Ein Nachruf.

Mein Vater verstarb vor 27 Jahren binnen eines halben Jahres. Sein Ausfall als Familienoberhaupt riss eine große Lücke in unsere Familie. Ich bewahre sein Bild in meinem Innersten, er begleitet mich und mein Tun, denn mein Vater war zu seinen Lebzeiten gleichsam auf einer Wellenlänge mit mir, manchmal spreche ich mit ihm, wenn ich auf dem Friedhof bin.

Rudolf Gustav Sauer wurde 1934 in Hamburg geboren und seine Familie gelangte während der Kriegswirren nach Potsdam. Er studierte in Berlin das Fach Kunsterziehung, arbeitete als junger, diplomierter Lehrer an verschiedenen Schuleinrichtungen und war zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dort im Bereich Kultur, tätig.

Ich habe meinem Vater vor allem zu verdanken, in mir die Liebe zur Kunst geweckt und diese immer auch unterstützt zu haben. Dank ihm bin ich bildende Künstlerin geworden. Sowohl meinem Vater, als auch dessen kunstinteressiertem Vater, meinem Großvater Gustav Sauer, war es nicht möglich, das künstlerische Potential, welches sie in sich trugen, weiter auszubauen. Mein Großvater blieb bis ins hohe Alter ein Hobbymaler, sein Sohn – mein Vater Rudi, wandelte eher auf kunsttheoretischen und kuratorischen Pfaden.

Dies tat er aber außerordentlich gewandt, denn das Wissen, welches er in sich trug, war äußerst breit gefächert und er erweiterte es ständig. Zusammen mit seiner erstgeborenen Tochter, also immer mit mir an der Hand, besuchte er die verschiedensten Ausstellungen von abstrakter und realistischer Kunst in Museen und Galerien und er liebte sakrale Bauten, auch dorthin nahm er seine Familie mit. Wie ein Schwamm saugte ich diese, alles Künstlerische begünstigende, früh-förderliche Atmosphäre in mich hinein und lernte spielend leicht Kunstwerke als solche zu erkennen und zu werten. Und so wusste ich schon damals, als kleines Mädchen, welches Bild ich liebte und welches eher nicht, und vor allem konnte ich auch erklären, warum.

„Maren liebt alle Tiere, besonders alle Hunde“… darum hatte ich meinen Lieblingshund portraitiert!

Vaters Arbeitsraum befand sich neben dem Keller unterm Haus. Dieser Raum verfügte über ein großes Fenster, welches sich auf einer Ebene mit dem Garten befand. Vaters Bücherregal dort war – neben dem Garten mit einem Loch im Zaun hinaus ins Freie – mein bester Freund in Kindertagen. Er selbst saß zu gern in diesem unteren Teil des kleinen Hauses, um dort ungestört lesen zu können. Er wusste, dass ich in seiner Abwesenheit seine Lesestube ebenfalls besuchte, denn ich stöberte gern und oft in den Regalen mit den dicken Kunstbänden. Wenn ich ein Buch nicht ordnungsgemäß zurückstellte, oder ein „Eselsohr“ hinterließ, bekam ich Ärger. Später saß auch mein Mann sehr oft mit ihm in diesem Kellerraum, da waren dann beide Männer ungestört unter sich, tranken manchmal ein Gläschen, rauchten und unterhielten sich dabei über Gott und die Welt. Jörn erinnert sich sehr gern an diese Momente.

Rudolf Sauer war die geborene „Lehrerpersönlichkeit“, war durch und durch Erzieher und ein souveräner „Persönlichkeiten-Entwickler“, auch zu Hause. Ich liebte, achtete und respektierte ihn und stand ihm immer sehr nah. Es war für uns Kinder besonders schön, wenn er neben der notwendigen Strenge auch ab und an seinem Humor freien Lauf ließ und alberne Späße mit uns und manchmal auch mit unseren Freunden machte. Einfallsreich und lustig konnte er sein, war oft auf unserer Seite, genau wie sein Vater es immer gewesen ist. Noch Jahre später nach Großvaters Tod fanden wir Schokolade aus Hamburg in Verstecken, die der Opa heimlich für uns angelegt hatte. Als Großvater Gustav starb, war ich fünf Jahre alt und ich erinnere mich noch sehr genau daran, genauso, wie an den Tod meiner Oma Emma, Mutters Mutter. Sie trug ihre langen Haare zu einem Dutt geflochten und benötigte, genau wie ich, nie einen Friseur. Diese beiden Alten waren mir sehr warmherzige, liebe Menschen, denn sie hatten das Wohl ihrer Familien, trotz aller erlittenen Strapazen in ihren Leben, nie aus den Augen verloren. Derart gut aufgehoben und angenommen, wie in meiner Kleinkindphase sollte ich mich nie wieder fühlen.

Als dann 1992 mit nur 58 Jahren mein Vater starb, brach für mich jener letzte Teil in der Familie weg, der die besondere Sprache mich der Welt mitzuteilen, verstand.

Im Frühling 1962 und danach notierte meine Mutter anfangs meine Fortschritte in einem DIN A5 Schulheftchen. Sie hatte wohl manchmal ein schlechtes Gewissen, weil mich meine Eltern wegen ihrer Arbeit in ihren Schulen vormittags des Öfteren allein lassen mussten. Die Beiden schrieben sich Notizen zu Fütterung und Verdauung auf Zettel – lauter Angaben, die der jeweils Übernehmende des Kindes brauchte. Meine Mutter hatte einige dieser Notizen all die Jahre für mich aufgehoben und gab sie mir später. Ich hatte den Umschlag mit der Loseblattsammlung dann fast vergessen, fand ihn jetzt wieder und bin ihr heute sehr dankbar dafür. In einer metallenen Kiste bewahre ich die mitunter recht lustigen, aber oft in Eile rasch hingeschriebenen Zeilen aus der frühen Zeit meiner Kindheit auf.

Sie schrieb liebevoll von jedem neuen Zähnchen, welches „ihr Mäusele“ bekam und hielt auf einer kleinen Zeichnung fest, wo und wie sie es taten. Ich lese all das mit Erstaunen. Ein kleiner abgerissener Streifen karierten Papiers gibt 1967 aber auch Auskunft über ihren Ärger, den sie offensichtlich empfand, weil Vater und Tochter damals schon „gemeinsame Sache“ machten: „Dass du und der Vati immer böse seid, das lasse ich mir auch nicht gefallen“, schrieb sie, da war ich fünf, und sicher war ihre Bemerkung einfach nur lustig gemeint, denn ich konnte ja noch nicht lesen. Ich brachte ihr zur Wiedergutmachung Blümchen aus dem Garten, wobei sie erfreut festhielt, wie gleichmäßig lang alle Stängelchen dieses kleinen Sträußchens von mir gepflückt worden waren.

„Pappili und sein Püppili“ machten indes offensichtlich das Beste aus allen, mitunter auch noch so vertrackten Situationen. Auf einem Stück Papier entschuldigt er sich für das „Schlachtfeld“, das wir hinterlassen hatten, bevor er mit mir zu einem Spaziergang aufbrach. Über diese Harmonie zwischen Vater und Kind hätte sich meine Mutter auch freuen können, denn meine Eltern, sie hatten zwar ein Kind, aber sie hatten dafür wenig Zeit (und für das zweite hatten sie dann noch weniger). Wir müssen aber lernen zu akzeptieren, dass Probleme bereits unter Umständen bestehen, wenn man noch das kleine, auf Hilfe angewiesene Kind seiner Eltern ist, obwohl sich die frühen, liebevoll verfassten Berichte beider Elternteile so interessant lesen! Und wir müssen begreifen, dass sich diese „Unpässlichkeiten“ nicht so einfach erklären und fassen lassen, weil auch die Eltern früher einmal kleine und hilflose Kinder gewesen sind und als solche waren auch sie auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen. Vielleicht hatten auch sie Defizite hinnehmen müssen.

Auch in der Familie meines Mannes gab es dem kleinen Sohn gegenüber, bereits zu der Zeit, als er noch ein Baby war, solch ein missverständliches Verhalten, denn er hätte eigentlich, nach Ansicht seines Vaters, ein Mädchen werden sollen. Als dann die ersehnte Tochter einige Jahre später kam, waren alle Chancen des kleinen Jungen auf Besserung seiner Situation, wie weggeblasen. Der erwachsene Sohn, mein Mann, ist schließlich von der Familie ausgeschlossen worden, ja man könnte auch sagen, er wurde „weggebissen“. Manch einer freut sich über einen „Stammhalter“ und klagt, wenn sein Mädchen bei einer späteren Heirat den „guten“ Namen ihrer Herkunftsfamilie abgeben muss, andere ärgern sich über eine mögliche „männliche Konkurrenz“ des heranwachsenden Sohnes, der selbst zu einem „Rudelführer“ werden muss und gar nicht anders kann.

Dabei fühlen Frauen und Männer in Familienfragen sehr verschieden und viele Faktoren beeinflussen die Reaktionen. Heute weiß ich, dass für meine liebe Mutter schon damals weniger die Fakten, als die in ihr ausgelösten, negativen Emotionen zählten. Manche damalige Kränkung muss sie regelrecht gepflegt haben. Und so bin ich dann später stellvertretend für die „Verfehlungen“ meines Vaters in die Pflicht genommen worden. Meine Mutter beurteilt in erster Linie danach, wie sich etwas für SIE anfühlt. Die Beweggründe des „Übeltäters“ hält sie sich vom Leibe. Sorgfältig abgespeichert werden alle Animositäten gut konserviert und in ihrem empfindlichen Innersten bewahrt.  

Immer wieder bekam ich deshalb zu spüren, wohl eher nach meinem Vater als nach meiner Mutter geraten zu sein. Gewisse Charaktereigenschaften und Neigungen habe ich definitiv vererbt bekommen. Dadurch wurde ich zu „Vaters Tochter“ – aber ich suchte mir das nicht aus. In diesem Umstand liegt jedoch all unser tragisches, familiäres Konfliktpotential verborgen! Mit dem Tod des Vaters begann aus diesem Grund die Familie auseinander zu fallen. Erschwerend kam hinzu, dass die Wende, einhergehend mit dem Zusammenbruch der DDR, sämtliche Lebensläufe durcheinander wirbelte.  Was sich nicht in Worte fassen ließ, malte ich zu dieser Zeit auf zartestes, brüchiges Papier, so auch unser Ankommen in einer kleinen, dörflichen Gemeinde Potsdam-Mittelmarks, wo wir inmitten von Wiesen, Äckern und Obstbäumen eine neue Heimat für uns fanden.

Es sollte lange dauern, ehe die Farben wieder heller wurden. Im Zuge der verschiedenen Wohnortwechsel traten neue Menschen in unsere Leben, neue Wertvorstellungen und Ansprüche kamen hinzu und alte Erfahrungen mussten sich mit den aktuellen arrangieren. Wie jeder damit umging definierte sich über die jeweilige Haltung und diese richtete sich auch nach den Möglichkeiten, die man hatte oder nicht hatte. Ein „weites Feld“ … würde Fontane sagen.

Vieles wäre auch „familienhistorisch“ betrachtet anders verlaufen, wenn der Vater nicht derart früh als Familienoberhaupt ausgefallen wäre und wenn er heute noch unter uns Lebenden weilte. Rudolf Gustav Sauer hätte die Familie beieinander gehalten, da bin ich mir sicher – und das „schwarze Schaf“, von dem meine Mutter behauptet, ich würde mich selbst dazu machen, hätte er in Schutz genommen. Aber nun ist meines Vaters Familie Geschichte. Mit diesem Text knüpfe ich sein Leben an meines und versuche auf diese Weise, wenigstens zu seinem 85-igsten Geburtstag, ein kleines Licht für ihn zu entfachen. Die qualvollen Bemühungen, sämtliche Irrtümer auch im Namen meines Vaters zu korrigieren, stelle ich nun ein. Ich habe einsehen müssen, dass dies vergebliche Liebesmüh ist. Alles das, was einer Mehrheit dienlich ist, benötigt nämlich keine Korrektur, im Gegenteil! Die im wahrsten Sinne des Wortes „eingefrorene Liebe“ schützt jene, die genau wissen, wo das Unrecht zu Hause ist.

Manchmal fühle ich mich, als säße ich mitten im Theater, sehe den wortgewandten „Iago“ aus Shakespeares „Othello“ direkt vor mir und denke, diese weniger schönen Erfahrungen, die ich machen musste, haben aber auch ihr Gutes, denn sie wirkten sich auf mein weiteres Leben aus, wie ein Bad in „Drachenblut“ : Ich mag keine „Spielchen“, spüre Manipulationen und lasse Täuschungsmanöver abgleiten. Ich habe ein gesundes Misstrauen jeglicher Idealisierung gegenüber entwickelt. Die direkte, von gegenseitiger Achtung geprägte, offene Ansprache von Mensch zu Mensch, ohne jede Erwartungshaltung, halte ich für die einzig wahre.

Unsere kleine Göhlsdorfer Familie steht nun schon seit Jahren allein. Dafür ist in zuverlässiger Weise gesorgt worden. Doch wir haben gelernt damit umzugehen und nun ist es, wie es ist!

Immer, wenn ich zu Vater auf den Friedhof gehe, schaue ich an dem starken Stamm des Eichenbaumes hinauf, der dicht neben seinem Grab in den Himmel ragt. Als ich vor längerer Zeit einmal bei strahlendem Sonnenschein dort gewesen bin, erfreute ich mich an einem herrlichen Blau, das an jenem wunderschönen Tag, zwischen seinen filigranen Zweigen hing. Ich dachte, des Baumes Wurzeln werden in Kontakt zu meinem Vater stehen und seine Energie in die vielen Zweige leiten, was ein tröstlicher Gedanke ist. Das Grün ihrer Blätter im Frühling liest sich dann, jedes Jahr wieder, wie eine Botschaft der Hoffnung für mich. In den Tagen vor Weihnachten brachte ich ihm eine Christrose und setzte sie, gut beschützt, in einen gebundenen Kranz aus Tannenreisig. Sie blüht derzeit wunderschön. Bei einem Besuch etwas später ließ ich ihm zwei Schnittrosen da. Als ich kürzlich wieder vorbeischaute, standen sie noch immer, wie frisch aufgestellt.

Diese beiden Rosen, eine in Zartrosa steht für mich, die andere in Orangerot für meinen Mann, gestalten sich, bei aller Zartheit, verblüffend zäh und sie erscheinen mir bei diesen winterlichen Temperaturen (gut abgehärtet!) sogar viel haltbarer und blühen sogar noch besser, als sie es bei (allzu gemütlicher!) Wärme zu tun pflegen. Vielleicht sind sie am Valentinstag, zu seinem Geburtstag, dem 85-zigsten, noch immer am Blühen.

Maren Simon, in Gedanken – nicht nur bei meinem Vater, zum 14. Februar 2019

 

9. Februar 2019

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Wanderungen in der Gießerei – mein Bronzezeitalter beginnt

Patinierabteilung, Giesserei Hermann Noack

Über Silvester bekamen wir u.a. auch liebe Grüße aus Afrika mit vielen wilden Tieren im Anhang zugeschickt. Savannen und gebirgige Schluchten, sowie wunderschöne Landschaftsaufnahmen vom südlichsten Zipfel Afrikas, dem „Kap der guten Hoffnung“ und den Victoriafällen. Wer sich solch eine Reise vornimmt, der weiß genau, warum er die damit verbundenen Strapazen, auf sich nimmt. Es muss eine sehr schöne Reise gewesen sein.

Und wir? Wir tun nichts dergleichen Beeindruckendes, wir gehen in unseren Wald, oder spazieren in Friedrichs winterlich grauen Gärten und Parks herum. Ein Lächeln schleicht sich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, in mein Gesicht, denn ich bin in den letzten Tagen an einem der interessantesten Orte überhaupt gewesen! Ein jeder muss seine Prioritäten setzen und so stecke ich all meine Energie zuerst einmal in meine Kunst. Während der Reisende von seinen schönen Erinnerungen bis zum nächsten Urlaub zehrt, ist das Wort „Reisebüro“ für mich und meinen Mann zu einem Fremdwort geworden, stattdessen haben wir, aufgrund meiner gut gedeihenden Kunstproduktion, bald keinen Platz mehr zum Treten! Aber ich muss sagen, alle meine Protagonisten um mich zu haben und zu sehen, wie die „Familie“ stetig wächst, beruhigt! Auch das ist eine Form von Altersvorsorge. Wenn nicht für heute, dann sehr wahrscheinlich, für morgen.  

„Wanderungen durch die Gießerei“, so könnte ich meine Erlebnisse in Berlin Charlottenburg übertiteln und auch hier finden sich „wilde“ Tiere: „Henry“, die kleine, französische Bulldogge von Herrmann Noack zum Beispiel, oder „Biene“, die junge Dackelhündin. Beide Hündchen begrüßten mich verspielt auf der Büroetage in der Gießerei, als ich noch im letzten Jahr vor nicht allzu langer Zeit, meine Scherbenkatze abformen ließ. Inzwischen ist auch die zweite Bronze fertiggestellt.

Die Atmosphäre dieses Betriebes, der sich der Kunst verpflichtet fühlt und für Bildhauer aller Temperamente tätig wird, ist einzigartig. Erstaunt registrierte ich bei meinem ersten Besuch im alten Jahr, die vielen baumelnden Meisenknödel die sich, inmitten Berlins, auf dem Gießereigelände an vogelfreundlichen Sträuchern befanden. Amüsiert fragte ich mich, als ich bei weiteren Besuchen die Vögel an den gefüllten Futterständen sah, wer in der Gießerei wohl dafür zuständig sei, jeden Tag die „wilde“ Population der Vogelwelt dieser Stadt, hier bei Laune zu halten! Mein Auto stellte ich direkt unterhalb von „Humpti Dumpti“, dem Flugreisegerät von Jonathan Meese ab und fühlte mich wie auf Entdeckertour, ganz so wie damals, als ich mein „Tonzeitalter“ in Sachen Bildhauerei einläutete und das erste Mal in Glindow, bei meinen märkischen Wanderungen durch die Landschaft der „Glindower Alpen“ mit Staunen, auf das Ziegeleigelände traf.

Solche bodenständigen Orte, wo Menschen in Gemeinschaft mit ihren Händen etwas Erhabenes schaffen und hierbei weder Hitze, noch Staub oder Lärm fürchten, ziehen mich an. Auf dem riesigen Gießereigelände stehen einige Skulpturen, denen man unweigerlich begegnet, bevor man durch das große Tor der Gussabteilung zu den anderen Werkstätten im inneren des Gebäudekomplexes gelangt. Neugierig schaute ich in jede Nische, um herauszufinden, welcher jeweiligen Tätigkeit wohl in den unterschiedlichen Werkstätten nachgegangen wird. Bei dieser Gelegenheit verlief ich mich auch das ein- oder andere Mal und lernte dabei freundliche, offene Menschen kennen, die mir gern Auskunft darüber gaben, was sie den Tag über tun und worin ihre Aufgaben, innerhalb des weitläufigen Gießerei-Organismus, bestehen.

Der Modellbauer und Abformer zum Beispiel. Gut zu wissen, dass es jemanden für solche Fälle gibt, wenn man selbst nicht weiter weiß! Wer beispielsweise nur ein kleines Atelier hat und deshalb über wenig Platz verfügt, so wie ich, der kann mit Unterstützung von Herrn Kaul dennoch ausufernd große Bronzen entstehen lassen! Wenn mich tatsächlich jemand fragen sollte, liebe Frau Simon, dieses kleine faszinierende Tonmodell da, das ist so wunderbar, gibt es das auch in Groß? Dann kann ich sagen, klar doch! Kein Problem!

Sowohl Frau Brückner, meine, mir zugeteilte Ansprechpartnerin für alle Fragen, als auch Herr Noack der Jüngere, berieten mich tatkräftig dabei, meine erste Wahl in Sachen Patinierung zu treffen. Anhand bereits fertiggestellter Kunst, die auch an vielen Orten im Bürokomplex der Gießerei zu finden ist, konnte ich während eines kleinen gemeinsamen Rundgangs beurteilen, wie sich die endgültige Wirkung verschiedenster Patinierungen, am Ende ausnehmen würde.

Die Liste derer, die hier bereits ihre Werke gießen ließen, ist lang und besteht aus lauter klingenden Namen, wie zum Beispiel Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, Georg Kolbe und Wilhelm Lehmbruck, Anselm Kiefer, Joseph Beuys, Georg Baselitz, der seine Bronzen bemalt, weshalb ich mich mit ihm gern einmal unterhalten würde – aber ich weiß, von künstlerisch tätigen Frauen hält er nicht viel – und natürlich nicht zu vergessen, Henry Moore. Kein Wunder, denn die Gießerei Hermann Noack besteht seit 1897 bis heute – in vierter Generation. Seit 2009 gibt es den neuen, größeren und entsprechend modern ausgerichteten Standort in Berlin Charlottenburg mit einzigartiger, archaisch anmutender Werkstattgalerie.

Die Firma wird derzeit von Seniorchef Hermann Noack III und Sohn Hermann Noack IV zusammen geleitet. Herr Noack III dreht einmal in der Woche seine Runde und begrüßt dabei jeden seiner Mitarbeiter persönlich. Das ist eine verbindliche, sehr sympathische Geste, finde ich. Als ich den ersten Katerabguss in Augenschein nahm und mein tönernes Original abholte, begegnete ich ihm ein erstes Mal und stellte mich vor und erklärte begeistert meine Absicht, gern öfter kommen zu wollen. Da schlug er mir lachend und zu meiner Verblüffung sehr herzlich auf die Schulter „na, das machen se mal“… sagte er und ging wieder.    

Scherbenkatzen, bunt und braun, Maren Simon 2018

Zu Beginn des neuen Jahres ist nun auch die zweite der beiden Scherbenkatzen patiniert worden. Guss Nummer 1 ist von klassischer Natur und in Braun gehalten, bei dem anderen wurden innerhalb eines „Tierversuchs“ zusätzlich zum braunen Grundton, einzelne, auf der Bronzehaut gut sichtbare „Scherbenstückchen“, mit verschiedenen Farben versehen, wobei sich der Patineur, Alexander Seitz, in meinem Beisein für dieses Problem viel Zeit nahm. Wenn man ungewohnte Wege beschreitet ist man ja notgedrungen erst einmal allein unterwegs und muss zusehen, Mitstreiter zu gewinnen, die sich von der eigenen Idee „anstecken“ lassen. Viele Farben nebeneinander, als „Patchwork“ zu setzen, das könnte auch dazu führen, dass optisch betrachtet, die ganze Plastik „auseinanderfällt“ – um jedoch für zukünftige Projekte eine gewisse Sicherheit zu erhalten, musste ich es ausprobieren dürfen und musste direkt miterleben können, was da passiert und welche Möglichkeiten sich mir eröffnen würden.

Ich dachte, mit Acrylfarbe bemalen kann ich die Bronze immer noch …  

Weil das Experiment aber geglückt ist, habe ich Blut geleckt und hätte jetzt gern mehr! Ich freue mich sehr, denn da ist etwas völlig Eigenes aus meiner ursprünglichen Arbeit heraus erwachsen, etwas, bei dem ich zwar Urheber und Regisseur bleibe, dennoch einen gewissen Abstand habe, weil jetzt die versierten Hände vieler Menschen am Ergebnis beteiligt sind. Man sieht die eigene Arbeit plötzlich mit anderen Augen. Einzig bei der Abschlussbehandlung in der Patinierabteilung würde ich den Pinsel (und den Brenner!) zu gern selbst einmal schwingen wollen, aber es sind Feuer, Flamme und giftige Dämpfe mit im Spiel, weshalb es so einfach nicht geht, ohne genau zu wissen, was man da tut. Schon allein aus arbeitsschutztechnischen Gründen nicht. Leider.

Auch die Noack-Mitarbeiter sind allesamt Individualisten, die ihre Arbeit sehr ernst nehmen, das respektiere ich. Aber ich habe die Möglichkeit, doch wenigstens mit Bürste und Lappen eingreifen zu können und das pulverige Material herunter zu wischen, um somit gewisse Stellen – sehr subtil – wieder freizulegen. Ich stellte zu Übungszwecken das Szenario zu Hause nach und mischte mir eine acrylhaltige Farbe an, mit der ich versuchte, die Eigenschaften, der von mir favorisierten „Amerikanischen Patina“, nachzuahmen, indem ich sie „kalt“ auf die Bronze auftrug und zum Teil wieder herunterwischte, bis das Ergebnis meinen Vorstellungen entsprach. Diese „Kalt-Patina-Ersatz-Übung“ bot die Möglichkeit, mich des bronzenen Materials anzunähern und an Sicherheit zu gewinnen. Hier souveräner zu werden und mich nicht einschüchtern zu lassen von dem kühlen und gewichtigen Metall, dessen aufwendig in Form gebrachtes Endresultat, mir so viel Respekt einflößt, will ich anstreben, möchte meine Befangenheit loswerden. Aber ich merke schon, dass nach diesen ersten und vorsichtigen Schritten meinerseits, die Einfälle zu sprudeln beginnen. Ich denke bei der Arbeit mit Ton, Scherben und anderen Dingen, jetzt also vermehrt auch in „Bronze“.

Sprudelnde Einfälle – ein Zustand, der einer der schönsten meines Berufsstandes ist! Allerdings muss ich, wenn ich diesen Gestaltungsdrang nutzen und am Laufen halten und in Sachen „Bronze“ tätig bleiben will, auch entsprechende, zahlungswillige Abnehmer finden. 

Besonders herausfordernd für meinen Ein-FraumitMann-Kunstbetrieb ist, wie schon des Öfteren erwähnt, die Arbeit am Freibrandofen. Je älter wir werden, umso schwieriger wird es allerdings werden, dem kräftezehrenden Gestaltungsaufwand gewachsen zu sein. Ich arbeitete all die Jahre frei nach dem Motto „aus Kacke mach Bonbon“ und hielt den finanziellen Aufwand so gering, wie möglich. Aber, wenn ich nun die bronzene Vervielfältigung meiner Keramiken angehe, und darauf hoffe, die „Früchte“ zu ernten, die ich in all den Jahren, beinahe vollkommen „verdienstfrei“ und in selbstausbeuterischer Manier, angebaut habe, muss ich dies auch finanzieren können. Es wäre schön, wenn ein Kreislauf in Gang käme, der es mir erlaubte meiner Arbeit, nun auch innerhalb des Gießereibetriebes, entspannt nachgehen zu können.

Seit ich die Gelegenheit bekam, einem bekannten, renommierten Berliner Galeristen von meiner Arbeit berichten zu dürfen, ist aber erfreuliche Bewegung in mein Leben gekommen.

Bislang fühlte ich mich ähnlich unverstanden, wie der Igel, der seinen Garten verließ, um im naheliegenden Wald ein Teil der dortigen Gemeinschaft zu werden. Er wäre aber lediglich geduldet worden, wenn er sich seines stacheligen Mantels entledigt und sich angepasst hätte und fühlte sich deshalb nicht wirklich angenommen. „Wenn du bei uns bleiben willst, werde so wie wir“, verkündete ausgerechnet das Stachelschwein, Anführer dieses Waldes. Nachdem sich beide – schon wegen ihrer Stacheln so Ähnlichen – einander gegenüber standen, um ihren Disput auszudiskutieren und hierbei der Igel, sich zu einer stacheligen Kugel formend, gewann, wendete sich das Blatt. „Soso ein Igel!“ … sagte der Anführer des Waldes und seine Gefolgschaft wurde plötzlich ganz freundlich – jetzt sollte er bleiben und sogar alle seine Stacheln behalten dürfen! Was ihm irgendwie suspekt vorkam und er dachte daran, diese launige Gesellschaft einfach nur noch verlassen zu wollen, seines Stolzes wegen. Ihn hatte er sich, trotz der Demütigungen im Stachelschweinwald, nämlich bewahrt.

Von vielen, solcherlei Enttäuschungen zermürbt und zunehmend misstrauischer werdend und kaum noch in der Lage, sich auf andere, fremde Menschen einzulassen, muss derjenige, der Vorwürfe erhält „stachelig“ zu sein, umgehen können. Er muss dann bereit sein, das Glück für sich in einem etwas entfernter liegenden „Wald“ zu suchen und zu finden!

Für mich bedeutet das, nicht in Berlins Mitte, wo ich annahm, eigentlich am ehesten hinzugehören, bin ich richtig, sondern stattdessen, anscheinend im westlichen Teil Berlins, in Charlottenburg! Am letzten Tag meines Aufenthalts in der Gießerei, traf ich ein zweites Mal auf Herrn Noack Senior, der wieder seinen wöchentlichen Rundgang abhielt und mit Cora Kühn, die zur Zeit in der Gießerei ein Praktikum absolviert, auf dem Gang beisammen stand. Ich wollte mich vor allem von ihr verabschieden, denn Cora war so freundlich gewesen, in der Mittagspause ihr Tomate-Mozzarella-Brot mit mir zu teilen. Eine scherzhafte Bemerkung meinerseits führte wiederholt dazu, dass Herr Noack III mir gut gelaunt und lachend, beherzt auf die rechte Schulter klopfte, so, dass ich gegenhalten musste, um nicht ins Schwanken zu geraten. Ich glaube nun zu wissen, dass sich ein „Ritterschlag“ in etwa genau so anfühlen muss!

Offenbar bin ich endlich angekommen. Dort, wo ich immer schon sein wollte.

Maren Simon, am 20. Januar, mit Optimismus!!! für das junge Jahr 2019

Das Buch für Kinder ist übertragbar auf sämtliche Lebenslagen in Büro, Familie und Kulturalltag:

„Vom Igel, der keiner mehr sein sollte“, Text von Isolde Stark und Illustrationen von Petra Wiegandt, erschienen im BELTZ Kinderbuchverlag, ISBN: 978-3-407-77120-9

20. Januar 2019

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Die letzten Tage des Jahres – Weihnachten orientalisch

Mein kleiner Edeka-Weihnachtsstern vom letzten Jahr bekam doch tatsächlich pünktlich und der kalten Jahreszeit entsprechend, ein erstes rotes Blatt. Kaum war das kleine Blatt da, saß auch schon wieder ein Feuerkäfer darauf, so, als würde er das Rot zu seinem Glück brauchen. Nach und nach kamen mehrere kleine rote Blätter dazu. Eigentlich schaffen das nur Gärtnereien mit optimal, an den exotischen Lebenswandel der Familie von Euphorbia pulcherrima angepassten, Bedingungen. Dort wachsen dann diese Schönheiten, allesamt Wolfsmilchgewächse, die für meinen kleinen Freund so interessant sind, bei entsprechend auf sie abgestimmten Lichtverhältnissen.

Je größer und umso mehr der roten Blätter des Weihnachtssterns, umso aufdringlicher die Werbung in den Medien, die uns – wie jedes Jahr wieder – neben der Beschenkung und Bewirtung zum Feste,  vor allem „Nächstenliebe“ und „Familie“ möglichst schon ab Oktober in Dauertonendlosschleife als die großen herzigen Hauptthemen der letzten Tage des Jahres, schmackhaft machen sollen. In den weihnachtlich geprägten Familienfilmen gibt es meist nach allerlei durchstandenen Turbulenzen ein „Happy End“, im realen Leben kann man sich darauf jedoch nicht verlassen.

Wir mussten auf dem Wege der Liebe unseren Lebensmittelpunkt verlassen und erst einmal etliche Kilometer mit dem Auto fahren, um in der Studentenbude unseres Sohnes, einen Tag vor dem eigentlichen Feste, in seiner „Herberge“ in Jena, wärmstens aufgenommen zu werden. Alle anderen Bewohner waren ausgeflogen und bei ihren jeweiligen Familien zu Hause und wir hatten also die „sturmfreie“ Bude aus diesem Grund, für uns allein.

Sonst nahm ja immer der Sohn die Fahrerei auf sich, doch in diesem Jahr ergab es sich, dass wir den Besuch bei Freunden mit dem christlichen Fest und einer kleinen ersten Weinverkostung (siehe Blog vom Oktober) verbanden. Das Fest der Liebe bedeutet ja nicht nur allein Geborgenheit im Kreise der „Familie“ zu erfahren, auch Freunde haben hier selbstverständlich ihren Platz. Und dies besonders dann, wenn, wie in unserem Fall, leider die familiäre Pein eher zu Traurigkeit Anlass gibt, anstatt zur Freude.

Es gab an jenem ersten Abend bei unserem Sohn ein feines Essen ganz ohne Fleisch, dafür mit allerlei unterschiedlichem Gemüse und Nudeln dazu. Wie bei den meisten jungen Menschen heute üblich, favorisiert er die neue Essenskultur. Unter einem kleinen, liebevoll geschmückten Bäumchen saßen wir später in seiner geräumigen Küche der WG auf dem dicken Ledersofa zu Dritt, unter der großen Weltkarte an der Wand und sahen uns den TATORT auf seinem PC an. Wir schliefen alle gemeinsam in seinem Zimmer unterm schrägen Dach, was mich an meine eigene Studentenzeit erinnerte, damals, als meine Eltern uns in meiner Studentenbude besuchten.

Sie mussten, aneinander gedrängt wie zwei Grillwürstchen, auf meiner betagten „Wanzenburg“ pennen, einem Utensil, dass ich von der Vorbewohnerin übernommen hatte und welches sich dadurch auszeichnete, sich in meinem damaligen, recht kleinen Zimmer, mächtig wichtig hervorzutun. Wenn man zu zweien auf der Liege lag, rollten die Körper zueinander, ob man es nun wollte oder nicht, die Vertiefung in der Mitte machte es unmöglich, sich diesem Vorgang zu entziehen. Im Winter war die Wohnung, die lediglich über einen Kachelofen verfügte, arschkalt. War ich allein und kam mit dem Kohlenschleppen kaum nach, blieb ich möglichst lange in der Schule und verkroch mich dann, spät am Abend zu Hause angekommen, sehr schnell unter meinem dicken Federbette. War ich zu zweien, eröffnete sich das ganze Potential dieser ulkigen Beschaffenheit meiner Wanzenburgliege, deren sprungfederngestaltetes Innenleben, aufgrund längerwährender und heftiger Benutzung vor meiner Zeit, mittig total ausgenuddelt worden war.

Wenn es dann allerdings in meiner kleinen, Leipziger Dachgeschossbehausung derart kalt wurde, dass die Leitungen einfroren und das Klo eine halbe Treppe tiefer gelegen, nicht mehr zu benutzen war, blieb mir nur noch – Weihnachten sei Dank – die Flucht nach Hause.

Unser Sohn hat in heutiger Zeit einen viel besseren Komfort zu bieten! Er wird fernbeheizt und verfügt über genügend Platz für mehrere Besucher gleichzeitig! Auf den zwei Etagen der großen Studentenwohnung stehen den vier Bewohnern zwei schöne Bäder zur Verfügung. Carstens Zimmer ist ausgesprochen warm und gemütlich eingerichtet. Es freut mich immer wieder, alle seine Schätze anzusehen, die das Flair dieses Raumes mit zwei gegenüberliegenden Dachschrägen, jede mit einem Fenster versehen, bestimmen.

Das Ambiente, bestehend aus (kostengünstig) von der Straße eingesammelten, alten Tischchen, darauf gestapelten Büchern, Bildern – mit und ohne Rahmen und Fotos mit humorvollen Texten dazu, diversen Steinen – allesamt liebevoll drapiert in Schachteln, Muscheln aufgereiht an Fäden und Pflanzen in Ampeln, lässt die sensible Hand seines Bewohners erkennen. Interessante Plakate an den Wänden runden das studentische, leicht chaotische Sammelsurium ab.

Überdacht wird all das von einem ungewöhnlichen Geschenk seiner Freundin Aline vom letzten Jahr: einem orientalisch anmutenden, mit Ornamenten reich versehenen Baldachin aus leichtem Stoff. Sich nach unten hin leicht wölbend, schafft er eine ganz eigene, behagliche Atmosphäre. Carstens Schreibtisch mit der Technik von heute, inmitten dieses Raumes und unter dem Baldachin, bildet den notwendigen Kontrast durch das Vorhandensein einer sachlich-klar strukturierten Fläche, die allein der Arbeit untergeordnet ist. Nur ein von Muttern gestaltetes Pflanzenbehältnis mit „Elefantenohren“ darin, darf am Rand stehen und verbindet die Schreibtischwelt mit dem Rest.

Der Blick in dieses einzigartig gestaltete Zimmer gibt Auskunft über einen sensiblen Charakter mit offenen Augen für Natürliches, Absurdes, Lustiges und auch Nachdenkliches. Keine Frage, er tritt in Alexander v. Humboldts Spuren, auch der war einst Student in Jena gewesen und wirkte später dann, ebenfalls stetig sammelnd und findend, als erfolgreicher Naturforscher weit über Europa hinaus – seine gesammelten Exponate kann man heute u.a. im Berliner Naturkundemuseum bewundern. Es ist schön, wenn man als Elternteil miterleben darf, dass der Nachwuchs ganz offensichtlich seinen Weg gefunden hat und dort angekommen ist, wohin sein Herz ihn einst getragen hat und wenn er auf eignen Beinen stehend, sein Leben meistert. Von uns bekam er zu Weihnachten u. a. auch diverse metallene Kisten für all diese Objekte in Aussicht gestellt, damit sie sicher aufgehoben sind, falls er sich denn irgendwann einmal gezwungen sieht, in kleinere Gefilde umziehen zu müssen.

Seine Talente finden sollte jeder junge Mensch bereits möglichst vor der Pubertät. Auch die inzwischen erwachsen gewordenen Kinder unserer Freunde aus Studententagen, bei denen wir als Familie am 24. Dezember weihnachtlichen „Unterschlupf“ gewährt bekamen und mit denen gemeinsam, wir das Fest der Liebe feierten, sind auf guten Wegen. Ihre Talente erspürten auch diese beiden bereits in jungen Jahren schon, lernten stetig hinzu und bauten sie aus. Der Ältere (Max) war schon immer ein musikbegeisterter „Erfinder“ gewesen und ebenso wissbegierig ist auch die Jüngere (Lena), mutig und ausgesprochen sprachbegabt geht auch sie ihren Weg. Haben doch anscheinend wir Alten so manches richtig gemacht! Ein indisches Sprichwort besagt, wer seine Kinder liebt, der lässt sie reisen, da passt auch ganz aktuell, Alexander von Humboldts Satz dazu: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“.

Die Welt bereisen kann ein jeder nur auf seine Weise, mit den finanziellen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, aber im Geiste beweglich sein und es im Alter dann auch bleiben, dazu braucht es kein Geld. Und genau das haben wir versucht unseren Kindern zu vermitteln.

Die „Herberge“ unserer befreundeten Familie verfügt über viel freien Raum und entsprechend dazu, auch über viele Schlafgelegenheiten, so dass es ein paar gemeinsame Tage mehr werden durften. Und was für Tage und vor allem Nächte das unter Hilfe aller Beteiligter, geworden sind!

Das gemeinsame Essen und Anstoßen auf Vergangenes und Kommendes sind wesentlich wichtig zu Weihnachten, aber auch die kleinen, in unserem Falle – Julklappgeschenke – die die Freundschaft erhalten, sind es. Streckenweise waren 10 Personen anwesend, entsprechend munter gestaltete sich das Treiben beim Auspacken und diskutieren darüber, wer-was-von-wem erhalten hatte. Zu später Stunde wurde es dann bei Kerzenschein besinnlich, weil es überall im Raum aus allerlei porzellanenen Gefäßen und solchen, die aus Filz gestaltet worden sind, unter Klavierbegleitung warm herausleuchtete.

Kein noch so großer, in angesagten, modischen Farben geschmückter und kühlem LED-Licht erstrahlender Baum, kann es mit der Wärme aufnehmen, die ein naturbelassenes, beleuchtetes Stückchen Filz spendet, wenn es  in eine solch schöne Form gebracht worden ist, wie unsere Gastgeberin sie zu gestalten vermag. Weniger ist manchmal mehr! Früher gab es in den Höhlen unserer Vorfahren Höhlenfeuer, um die sich alle versammelten. Heute gibt es Kerzenschein.

Die herzliche, heimelige Atmosphäre dieser vielen kleinen Lichter überall in der Wohnung in Verbindung mit den Klängen des Klaviers, beförderte unter dem zusätzlichen Einfluss von alkoholischen Getränken, u. a. der überraschend interessant schmeckenden, ersten Verkostung des eigenen Weines aus Beeren der Sorte „Isabell“, (die ein sehr eigenes Aroma entwickelt und jetzt noch ein wenig ausgebaut werden soll) einen Prozess, der aus der kleinen, ursprünglich weihnachtlichen Hausmusike nach einiger Zeit, eine richtige „Jam-Session“ entstehen ließ.

Unser Sohn hatte vorsorglich seine beiden Djemben mitgebracht, Familienvater Berni spielte, wie schon erwähnt, Klavier und Sohn Max saß inmitten lauter blinkender „Kisten“ auf einem Schafsfell am Boden unterm Weihnachtsbaum, um mit dieser leuchtenden Technik die tollsten, sphärischen Klänge zu erzeugen. Er spielte eine Art „Spontan-Beat“ unter Mithilfe seines PCs und setzte den Synthesizer ein, um uns alle in eine andere Welt zu transformieren. Unsere beiden anderen Musiker dieses Trios reagierten auf den tonangebenden Techno, und dieses spontane Spiel war so energiegeladen und heftig und es ging bis in die frühen Morgenstunden hinein, dass ich mich verwundert fragte, ob denn die Nachbarn wohl verreist sein müssen, mit denen sich unsere Freunde eine gemeinsame Hauswand teilen, sonst wären sie nämlich aus ihren Betten gefallen.

Das Stück, welches wir „Weihnachten orientalisch“ tauften, war dann der Knüller, wobei es sich ergab, dass ausgerechnet ich mit einem Gläschen trockenen Weins zu viel, den Gesangspart übernahm: Schallala, lala, lala, Weihnachten ist da … und schon wieder vorbei …

Dank Handy – unvergesslich

 

 

 

 

Maren Simon am 30. Dezember 2018

30. Dezember 2018

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Farbesatt Numero zwo

Die leuchtend gelben Blätter von Nussbaum und Ginko hielten in diesem Jahr besonders lange aus und wollten sich von ihren Bäumen kaum trennen. Eine kältere Nacht führte nun vor kurzem dazu, dass alle Blätter gleichzeitig fielen und es beinahe ohne Übergang plötzlich kahl im Garten wurde.  

Jetzt ist es tatsächlich November geworden, so, wie man ihn kennt. Jetzt müssen wir es uns drinnen wieder gemütlich machen. Bis vor ein paar Tagen badeten die Spatzen noch zu Fünfzehnt in ihrer Wanne aus Stein, ein letztes Mal und alle gleichzeitig. Sie veranstalten jedes Jahr zum Abschluss der Badesaison, solch ein Fest. Alle unsere Vögel kommen dann zusammen, stellen sich an, warten, bis sie an der Reihe sind und steigen hinein. Dann spritzen sie nur so um sich und haben offenbar einen riesen Spaß dabei, so dass das Badewasser laufend ergänzt werden muss. Ich wundere mich nur darüber, dass die Vögel es im Sommer scheinbar weniger nötig hatten, sich zu erfrischen, als jetzt, wo die Temperaturen doch seit einigen Tagen schon sehr viel ungemütlicher geworden sind. So denke ich, hat es tatsächlich mit der Reinigung zu tun und damit, das Gefieder nach dem Bade ordentlich zu putzen und schön einzufetten, damit der Winter kommen kann. Sie futtern jetzt auch extrem viel und bevorzugen unsere, extra für sie geknackten Nüsse, vom eigenen Walnussbaum.

Wenn es mich bei Nieselregen und ungemütlichen Temperaturen im Minusgradbereich irgendwann doch nach Farben dürstet, habe ich das dringende Bedürfnis meine ehemalige Gärtnerkollegin Margit auf ihrer Arbeitsstelle im Berliner Umland zu besuchen, denn dort gibt es, obwohl draußen alles frostig Grau ist, Farbesatt anzuschauen. Die schönsten Blumen stehen hier in einer kühlen Halle und warten auf Blumenbinder und Floristen, die dann aus ihnen die prachtvollsten Sträuße binden. Margit inhaliert also den ganzen langen Arbeitstag über sozusagen, Schönheit pur. Doch ab und an braucht sie eine Rauchpause und dann ist meine Gelegenheit für eine kurze Stippvisite gekommen. Die Blumen sind fast alle ohne eine Spur von Duft, den haben sie leider der Pracht und Größe ihrer Blüten opfern müssen, aber sie leuchten dafür in den herrlichsten Farben. Nach ihnen sortiert stehen sie in ihren Kübeln und diese Farbenpracht, die in allen Schattierungen des Regenbogens leuchtet, fasziniert mich total und ich sauge alle diese Farben förmlich auf.

Ich habe schon oft während meiner Besuche gedacht, wie meine Freundin da so inmitten dieser blumigen Pracht zugange ist und all diese schönen Gestalten unter ihrer Obhut hat, das ist faszinierend und erinnert mich in gewisser Weise, an die Göttin FLORA, die in ihrem Reich alle Pflanzen unter sich hat und diese hegt und pflegt und behütet. Naturhistorisch betrachtet, wird nach ihr der gesamte Reichtum an grünen Gewächsen auf unserer Erde benannt. Margit kenne ich seit Jugendtagen, als wir beide noch als Junggärtner im Potsdamer Umland arbeiteten. Während ich die Sparte wechselte, blieb sie den Pflanzen treu, heute steht sie im Blumengroßmarkt ihren Mann und kann kräftig zupacken, wenn es sein muss. Ihre Hände und die ganze Erscheinung sprechen davon. Der Gedanke, mich mit dem Bild der FLORA auseinandersetzen zu wollen, kam mir in den Sinn, als sich mir ein Kontrast zwischen den üppigsten Rosengebinden in sämtlichen Farben einerseits und der leisen Melancholie meiner Freundin andererseits, offenbarte.

Gehüllt in eine robuste Arbeitskleidung – warmes, grobes Hemd mit wollener Jacke darüber, entspricht meine Gärtnerfreundin der idealisierten, geschönten und langweiligen FLORA nämlich überhaupt nicht. In sämtlichen bildkünstlerischen Darstellungen wird ja eigentlich immer eine, mit dem Frühling assoziierte, liebreizende und leicht bekleidete, jugendlich anmutende Frau mit Blüten im Haar gepriesen, die besonders den Anforderungen bedürftiger Männerherzen entspricht. Für die schon etwas reifere Frau, nachdenklich, lebenserfahren und mutig sich ihrer Haut erwehrend, ist da kein Platz. Es geht ihr ähnlich so, wie der Werderaner Baumblütenkönigin, die auch nur ganz jung an Jahren sein darf. Mir macht es von daher eine große Freude jegliche Erwartungen zu unterwandern, um bei der Gestaltung meiner FLORA nun, beherzt all die überholten Klischees, links liegen zu lassen.

Wenn meine Freundin ihre Rauchpause genießt und der Zigarettenstummel in ihrer rechten Hand das Ende derselben signalisiert, der nächste Kunde ihre Aufmerksamkeit einfordert und meine Freundin kompetent und souverän, wie immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen gelassen und geduldig bleibt, dann spüre ich, wie wichtig Menschen und ein freundliches Miteinander für sie sind. Derart bodenständig veranlagt, war sie denn auch überhaupt nicht erpicht darauf von mir ins Visier genommen und portraitiert zu werden, im Gegenteil. Ich musste lange warten, bis der rechte Zeitpunkt gekommen schien, und sie sich endlich damit abgefunden hatte, da nicht drum herum zu kommen. Tatsächlich wehrte sie sich, bald 7 lange Jahre schon dagegen, von meinem künstlerischen Blick vereinnahmt zu werden, aber nun war es endlich soweit. Eine kleine Zeichnung von 2011 lag schon seit langem bereit, dazu kamen nun noch zwei neuere, die ich auf ihrer Arbeitsstelle während der erwähnten Rauchpause machen konnte, ergänzt von einer, aus mehreren Fotos bestehenden Fotostrecke. Margit frontal mit Brille und ohne, mal im Profil von der Seite, mal ernst, mal lächelnd, ihr Gesicht mehr von unten oder mehr von oben – jetzt hatte ich genug „Material“ beisammen und nun gab es kein Halten mehr, ich konnte endlich mit der Arbeit beginnen.    

Wenn ich mein Thema gefunden habe und die Person schon längere Zeit kenne, geht es meistens recht schnell. Erst baute ich in groben Zügen den Torso auf, wobei frühere Erinnerungen und heutige Erfahrungen gleichermaßen in meine Hände flossen und die grobe Form beinahe ganz von allein bestimmten und dann widmete ich mich den Einzelheiten. Diesen unterbewussten Prozessen des Findens zu trauen und diese, ohne jeden Druck zuzulassen, ist eine Gabe.

Margit gab mir schließlich ihr o.k. unter der Bedingung, ihre Brille bitteschön wegzulassen. Wir kennen das von Fotos, die wir, wenn wir uns darauf abgebildet sehen, mitunter viel zu kritisch als nötig betrachten. Ihre Befürchtungen ignorierte ich, ließ die Brille aber tatsächlich weg. Jeder Mensch hat schließlich seine ureigenen Schwachstellen, die heute vielleicht enorm wichtig erscheinen und morgen niemanden mehr interessieren. Nach solchen Kleinigkeiten suche ich auch nicht, sondern trachte danach, die Einmaligkeit jedes Menschen und das Besondere, das ihn jeweils ausmacht, zu ergründen. Es geht mir immer um den Kern der Persönlichkeit und diesen lege ich frei und arbeite ihn heraus. Ich verachte das Bemühen um Ähnlichkeit nicht, auch ich versuche es so gut, wie möglich hinzubekommen, dies aber ohne jeden Druck! Deshalb arbeite ich gern an zwei Figuren gleichzeitig, so beiße ich mich nie fest und der Blick bleibt frei. Und manchmal hilft mir auch mein Freund Zufall. Er mischt sich mitunter ein, wenn ich bereits unterschwellig weiß, dass ich ein Problem habe. So muss es auch bei der FLORA geschehen sein, als er dafür sorgte, dass sie mit ihrer gesamten Vorderfront in meiner Werkzeugablage gelandet ist.

Ich bin dankbar, dass dies passierte, wenn ich auch zuerst recht bedeppert geschaut haben muss!

Aber der allzu perfekte Zustand, den meine FLORA Anfangs aufzuweisen hatte und der mir suspekt erschien, der war mit einem Schlag in sein Gegenteil verkehrt worden. Und ich sah sofort, nachdem ich die Tante vorsichtig angehoben und zurück auf ihre Gipsplatte gestellt hatte, dass das Malheur nur als ein solches getarnt – ein Angebot gewesen ist! Ich brauchte nur von innen wieder ein wenig gegenkloppen – ganz vorsichtig, um die Arbeit des lieben Freund Zufall bloß nicht zu zerstören – und gut. Das leicht Schräge, das nach dem Aufprall in ihrem Gesicht jetzt auffällt, steht ihr gut und ergänzt zudem das, einer FLORA eigentlich nicht zugehörige Utensil, diesen krummen, komischen Zigarettenstummel in ihrer, vom Aufschlag ebenfalls leicht verdrehten Hand!

Der geneigte Betrachter wird sich zwar wundern und sich fragen, woher wohl die Abdrücke in ihrem total abgeflachten Pony herrühren, er wird aber auch das Rosige, Frische in ihrem Gesicht bemerken und er wird das Grün in ihren Haaren als nicht störend empfinden, weil es genauso sein muss! Auf ihrem Kleid trägt sie herbstliches Laub, statt Blümchenmuster, ein Füllhorn hat sie auch nicht dabei. Dafür die Kippe! Blumen gebe aber auch ich ihr mit auf den Weg. Poppig und Knallig will ich sie haben, auch wenn Margit Pastellfarben lieber mag. Sie sagt, sie liebt die lachsfarbenen Sorten unter den Blumen, auch Altrosa darf es sein, nur nicht dieses scheußliche Pink. Früher war das nicht so, sagt sie, es wird wohl an den Wechseljahren liegen…

Mir muss das egal sein! Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich möchte, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, der lebendigen Kraft Ausdruck verleihen, die ich mit meiner Gärtnerfreundin in Verbindung bringe. Bei der qualmenden FLORA ist mir nur zweitrangig wichtig, der Realität entsprechen zu wollen, um ein naturgetreues Abbild geht es mir nicht. Nie kann der Künstler die Natur kopieren, nie kommt er in Gänze an das lebendige Original heran! Er muss etwas Neues schaffen. Vielleicht wird FLORA, mit etwas Glück, ein Kunstobjekt, das spricht!

So, wie ja all die anderen tönernen Protagonisten aus meiner staubigen Werkstatt es scheinbar tun, wenn sie sich in ihren Regalen und auf Sockeln stehend, miteinander zu unterhalten scheinen. „Ilse“ Beispielsweise, meine betagte Nachbarin, deren Konterfei wirkt in sich gekehrt und scheint auf etwas zu warten. Die Keramische Plastik des Malers Arno Rink hingegen, durcheilt leicht rückwärtsschauend nach vornehastend, meine Räume. Der Grafiker Horst Janssen hält auf seinem Sockel einen Monolog, während die Xanthippe kämpferisch ihre Hörner zeigt. Nur die alte Tänzerin schaut mir interessiert bei meiner Arbeit am Ofen zu. Sie sieht vorbei an dem erfolgreichen Galeristen ihr gegenüber, der Eier in sämtlichen Sorten und Größen bebrütet.

Wenn nun bald die liebenswert schräge, qualmende und ungewöhnliche FLORA dem Betrachter ihrerseits ein Lächeln ins Gesicht zaubert, habe ich mein Ziel erreicht.

Immer lieber Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu liefern!

Maren Simon am 24. November 2018

25. November 2018

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Farbesatt im goldenen Oktober

Die trockene Hitze hatte uns ja so fest im Griff, dass ich mich nicht getraute einen Rakubrand zu tätigen und warten musste, bis es deutlich kühler wurde. Entsprechend viel Material hatte sich angesammelt, wenn ich auch das eine oder andere Stück aus der Not heraus, meinem Elektroofen anvertraute. Wie so oft ergaben sich während des Freibrennens nicht vorhersehbare, dies Mal eher dunkel gehaltene, Farbschattierungen. Immer ist es aber so, als hätte es nie anders sein sollen! Zu der nachdenklichen Thematik, die ich bearbeitet hatte, gaben das samtene Schwarz und Braun die ideale Ergänzung. Es ist immer wieder ein Erlebnis, wie einzigartig jeder Brand verläuft und wie wir mit den an uns gestellten Aufgaben, wachsen. 

Eine besonders eigenwillige, aus unterschiedlichsten Scherben zusammengesetzte, raumgreifende und empfindliche Arbeit „Scherben bringen Glück“ mit einem Umfang von etwa 1,40 m und einer Höhe von 66 cm, bei über 30 kg Gewicht, musste auf Grund ihrer ausladenden Maße anders als üblicher Weise, geborgen werden: Jörn griff mit der groben Rakuzange zu, führte und hob das Objekt auf, während ich, mit einem derben Handschuhschutz versehen, direkt mit beiden Händen absichernd unter die glühendheiße Arbeit fasste.

Beherzt hoben wir in vereinten Kräften und bei größter Hitze gemeinsam das unbequeme Teil sanft aus dem Ofen heraus. Unglaublich aber wahr.

Solche kniffligen Situationen, die mich an den Rand meiner Möglichkeiten bringen, liebe ich! Deshalb baue ich auch immer wieder Plastiken aus Scherben, die scheinbar nicht zusammen gehören wollen auf und bringe diese Einzelteile dann dazu, es miteinander auszuhalten. So auch bei der „Scherbenkatze“, eine Hommage auf unseren Kater Micio. Die Plastik ist so schön geworden, dass ich beschloss, sie von der Gießerei Noack in Bronze umsetzen zu lassen. Es kommt mir hierbei besonders darauf an, dass die einzelnen Scherben in ihrer Unterschiedlichkeit auch auf der bronzenen Kopie sichtbar werden, was hoffentlich mit verschiedenen Patinierungen erreicht werden kann.

Wenn das Experiment „Katze“ gelingt, habe ich vor, später auch einige Portraitköpfe in Bronze abgießen zu lassen. Zum Beispiel die Arbeit „Selbst – aus Scherben und mit Nägeln“, die mir sehr am Herzen liegt und welche eine starke Farbigkeit besitzt. Sicherlich werde ich farbtechnisch gesehen, nie auf Eins zu Eins setzen können, aber versuchen will ich es trotzdem, so gut es eben geht. Gerade die vielen, in letzter Zeit entstandenen Scherbenportraitarbeiten, sind sehr anspruchsvoll, was die Unterschiedlichkeit ihrer Oberfläche betrifft. Aber nicht nur rein äußerlich betrachtet, sondern auch von ihrer Thematik her, sind sie sehr merkwürdige Gestalten, denn ich verarbeite in und mit ihnen meinen Schmerz über alles, was mit „Herkunftsfamilie“ zu tun hat. Die Freude, die sich im Herzen, trotz der traurigen Umstände warm ausbreitet, wenn ich denke, dass eine Arbeit gelungenen ist, kann als eine Form von Schmerzbewältigung erachtet werden und unterscheidet meine Werke von denen der Routiniers, denen es meist wichtiger ist, zu gefallen, als einfallsreich zu sein.  

Immer noch Sonne, Sonne, Sonne. Und Farben! Immer mehr der Bäume, die die Dürre überstanden haben und ihre Blätter behielten, wandeln sich derzeit und zeigen Farbe, bevor sie ihr Laub ganz verlieren werden. Melancholie schleicht sich in mein Herz, der unvermeidliche Abschied von den „lebendigen“ Jahreszeiten naht. Die bunten Farben gleichen einem letzten großen, finalen Feuerwerk, bereits mit Nebel im Schlepptau. In zartesten Abstufungen erscheint uns dabei die farbenfrohe Landschaft, bevor alles einen grauen Anstrich bekommen wird.

Deshalb wollten wir noch schnell ein kräftigeres Blau, das der Himmel woanders für uns beide in besonderer Intensität bereithalten sollte, genießen. Das nahende Ende unseres Katers hatte es uns in der letzten Zeit unmöglich werden lassen, ihn für längere Zeit allein zu lassen. Spontan entschieden wir uns deshalb jetzt, nach seinem Ableben, für ein paar Tage Urlaub. In der Gewissheit, dass die Sonne den Süden liebt, sollte uns unsere Reise in wärmere Gefilde führen, wir fanden jedoch stattdessen, über Jena und Dresden, nach Krakau. Hier beeindruckten uns besonders die verschiedensten Gotteshäuser, die es in der Stadt verteilt, anzuschauen gab. So wirkte zum Beispiel die dunkel anmutende Bazylika Św. Franciszka auf mich äußerst modern, denn sie ist sorgfältig mit verschiedensten, blühenden Garten- und Unkrautpflanzen so farbenprächtig ausgemalt worden, dass es die reinste Freude für uns war, diese zu studieren und eingehend zu betrachten. Nicht allein das Vorhandensein gewöhnlichen Unkrauts an den Wänden eines so wichtigen Bauwerks beeindruckte, nein, mich erstaunte es auch sehr, mit welcher Selbstverständlichkeit hier die, in zarter Farbigkeit aufgemalte, realistische Blütenpracht auf einem ungewöhnlichen, aus abstrakten Elementen gestalteten Hintergrund, erblühte. Hier wird dem, der das Natürliche bevorzugte, auf besondere Weise gehuldigt.

Auf Grund seiner wilden und zugewachsenen grünen Vegetation, beeindruckte uns auch der „neue jüdische Friedhof“, den wir ebenfalls besuchten. Die morbiden Grabsteine hatten teilweise keinen festen Stand mehr aufzuweisen und kippten gefährlich in alle Richtungen oder zerbröselten bereits, offenbar war dieses friedlich verwunschene Areal ganz bewusst den ordnenden, grünen Händen von Mutter Natur überlassen worden – wunderschön! Efeu rankte überaus präsent herum und alte Bäume warfen angenehm kühlen Schatten. Ich konnte mich kaum satt sehen an den zarten Lichteinfällen, die zwischen den Baumstämmen aufleuchteten in diesem an sich, so zugewachsenen, verschatteten Gesamtkunstwerk. Die verwitterten Namen auf den alten Grabsteinen – wunderschöne, klangvolle Namen – sie erzählten uns auch vom traurigen Schicksaal derer, denen diese Namen früher einmal gehörten. Da lasen wir das Wort „Holocaust“ und Beklemmung ergriff unsere Herzen. Um all die Wunden verheilen zu lassen, ist noch nicht genug Zeit vergangen, wenn das überhaupt möglich ist! Und so kündeten Steinchen und Kastanien, ab und an auch einzelne Blumen und aufgestellte Lichter davon, dass es Besucher gibt. Wir fanden auf den Gräbern sogar Briefe, die dort abgelegt worden sind! Erfreulicher Weise räumt niemand auf in dem Sinne, wie auf Friedhöfen üblich und es gibt kaum Buntes oder Künstliches. Es darf hier im wahrsten Sinne des Wortes, Unkraut und Gras und Efeu über die Grabstellen und somit auch über die Verstorbenen selbst, wachsen. „Ruhe in Frieden“, bedeutete hier, die Natur gestaltet und deckt Vergangenes liebevoll behütend, mit dichter Pflanzendecke zu.    

Der eigenen Endlichkeit wurden wir beide uns dann aber erst so richtig bewusst, als wir vor Gräbern standen, wo anscheinend Mann und Frau nebeneinander ihre letzte Ruhe gefunden hatten und ihre hohen sandsteinernen Grabsteine sich einander zuzuneigen schienen. Das berührte uns sehr und tröstete dennoch auf eine eigene, wundersame Weise. Während die alten und hohen und vielfach noch recht grünbelaubten Bäume ganz leise ihre ersten, gelbgefärbten Blätter über uns abwarfen und diese sachte um uns herum zu Boden sanken, um sich dann, mit einem letzten Seufzer zu den anderen Blättern am Boden zu legen und mit ihnen gemeinsam einen riesigen Teppich zu bilden, vergaßen wir die hektische Welt um uns herum.

Voller Melancholie und Demut im Herzen verließen wir schließlich nach mehr als zwei Stunden, diesen verwunschenen Ort und die Sonne hatte uns wieder. Knallhart schien sie auf uns, was etwas Brutales an sich hatte, denn unsere nachdenklichen Gedanken, sie wollten sich mit den gleißenden Sonnenstrahlen einfach nicht vertragen.

Angesichts des regen Treibens in den Straßen der Stadt fanden wir dennoch notgedrungen zur allgemeinen Tagesordnung zurück. Restaurants und Cafés luden zum Verweilen ein. Es duftete überall sehr würzig und so genossen wir es schließlich, unter all den anderen lachenden Menschen, am Leben und zu Zweien zusammen zu sein.

Immer präsenter wurde, trotz Wärme und Sonne satt während unseres Urlaubs, der Nebel. Sachte und milde stimmend legte er sich über die Berge der hohen Tatra, an denen vorbei wir fuhren, um wieder nach Hause zu gelangen. Es waren wenige, aber schönste, letzte, wärmende Tage gewesen und auch unser Garten empfing uns in gut gelaunter, farbenfroher Stimmung! Das raschelnde Geräusch beim Herabsinken sämtlicher, uns den Sommer über liebgewordener Blätter, erinnerte auch hier an den nahenden Abschied. Nasse Tage sind im Kommen und sie sind nötig.

Schmerzlich vermisste ich bei unserer Ankunft unseren alten Kater! Zu Lebzeiten hütete er während unserer Abwesenheit Haus und Garten, liebevoll betreut von der Nachbarin nebenan und seine Freude war groß, wenn wir wieder nach Hause kamen. Auch den Tieren scheinen traurige Gedanken nicht erspart zu bleiben! Jeden Tag sehe ich von meinem runden Schreibtisch aus, diesen jungen, schwarzen Katz an Micios Grabstelle stehen, ganz so, wie wir Menschen es tun, wenn wir auf dem Friedhof unserer Toten gedenken. Der Besucher kommt jeden Tag. Auch bei Regen.

Denn die Sonne ist inzwischen einem herbstlichen Nieseldauerregen gewichen. Das schöne und nur im Deutschen gebräuchliche Wort „feucht“, Synonym für eine leicht ungemütliche Spannung, die sich auch im Hause breit zu machen scheint, bevor die Heizung „merkt“, dass sie ihre Arbeit aufzunehmen hat, kommt mir in den Sinn. Die Wärme der letzten Wochen hat sich, aller Kühle zum Trotz, jedoch in unseren Herzen eingenistet. Sie wird uns, ebenso wie die Süße der Früchte dieses ausgesprochen südlichen Herbsts, durch den kalten Winter begleiten. Mit großer Freude halfen wir auch darum noch rechtzeitig und zum Ende der diesjährigen Erntesaison, einen Teil des üppigen Weinbeerenbehangs, der an der Hauswand unserer Freunde in Jena prall und dunkelblau-violett lockte, abernten zu helfen und in Saft zu verwandeln. Aus ihm soll nun – mit etwas Glück – ein frischer Landwein werden. Ein echtes Experiment (!) und Neuland für Jörn, dessen Erfahrungen mit „Obst“ hoffentlich zur Freude aller Beteiligter, auch bei „richtigem“ Wein fruchten werden.

Maren Simon am 23. und 28. Oktober 2018

29. Oktober 2018

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Mit allen Sinnen genießen!

Dessert “Vanille-Lakritz Creme”, Restaurant SAVU

In Berlin unterwegs zu sein, hat für uns Landeier immer etwas Außergewöhnliches an sich. Diesmal fuhr ich ganz bewusst mit der „Berg- und Talbahn“. Ich war nicht allein und war es doch.

Ich dachte, meinem Mann zu seinem anstehenden Geburtstag einen Lehrgang der besonderen Art zu schenken und meldete ihn zu einem Workshop mit exklusivem Seminar in einem Restaurant auf dem Kurfürstendamm an. „Kochen und schlemmen Sie gerne?“ So lockte die Tageszeitung mich auf diese Fährte. Ja, natürlich, sagte ich zu mir selbst und ich verbinde gern das Angenehme mit dem Nützlichen! Jörn probiert gern aus und er hat Freude daran, wenn es gut wird. Und das, freut dann auch mich! Obstwein zum Beispiel, ihm galt all seine Aufmerksamkeit in den letzten Wochen und es sind seitdem viele Früchte durch seine Presse gewandert. In diversen Ballons gärte es und in den entsprechenden Röhrchen dazu blubberte es den Sommer über rhythmisch, herrlich, auch diese Farbenpracht von Gelb über Orange hin zu Rot, in sämtlichen Schattierungen. Die ersten Flaschen sind bereits abgefüllt worden, süffig ist er, hat zwischen 9 und 14 %-Vol. und lagert nun im Keller. Beste Erwachsenen-Vitamine für den Winter! Während mein Mann nun mit Gleichgesinnten hinter verschlossenen Türen aus erster Hand von den interessantesten Kochgeheimnissen erfuhr, nutzte ich die Zeit ohne ihn, auf meine Weise und besuchte eine Fotoausstellung im Museum für Fotografie: „Künstler Komplex“. Ich versprach mir einen wesentlichen Erkenntnisgewinn, weil – das Wort „Komplex“ im Ausstellungstitel deutet es an – mich die Psychologie dahinter, interessierte.  

Gegen Sieben wollte ich zum krönenden Abenddinner zurück sein.  

Der Regen begann sich leider unangenehm zu verdichten. Im Garten eine Freude! In der Stadt, eher weniger … außerdem verspürte ich ein leichtes Hungergefühl, also entschloss ich mich, vor dem Kunstgenuss einen aufmunternden Kaffee zu trinken, was offenbar an diesem Tage ein Ding der Unmöglichkeit darstellen sollte. Im Fotomuseum gibt es zwar ein Café „Max“ wie man mir mitteilte, aber nur zum Sitzen – ohne jeden Kaffee. Im nahe gelegenen C/O Berlin und dem dazugehörenden Besuchercafé wurde gerade umgebaut, deshalb gab es auch dort kein Käffchen. Suchend zu Fuß im grauen Berlin bei Regen unterwegs zu sein, ist wenig angenehm. Die Nässe kroch mir förmlich unter die Haut und unter meine Kopfbedeckung, ein Schnäppchen von „Wunderkind“, ein Utensil für Sommer und Sonne! Und dann sah ich das Schild von der McDonalds Filiale, ich war in der richtigen Stimmung und angesichts des anstehenden, exklusiven Dinners am Abend, kam mir spontan die Idee, eine Achterbahnfahrt der Genüsse zu absolvieren und so ging ich beherzt hinein.

Ich muss gestehen, ich war bisher nur ein einziges Mal in einer McDonalds Filiale gewesen und ich orderte damals ein Eis, während mein Mann seine Erfahrungen in Sachen Schnellrestaurant bei einer Burger-King-Filiale absolvierte. Unser Sohn wünschte sich die Saurieruhr, die es damals, vor ca. 20 Jahren, gratis zum Brötchen mit Boulette gab.

Notgedrungen, diesmal mit vielen anderen, regenscheuen Menschen, saß ich jetzt also freiwillig erneut im Burgerparadies. Glücklicherweise gab es auch Milchkaffee in großen Tassen aus Porzellan, dazu ein kleines, in Papier gebackenes Törtchen, umweltfreundlich also und somit ein Angebot, dass man akzeptieren konnte. Ich setzte mich an einen winzigen Tisch mit Sofaplatz und beobachtete das rege Treiben mir gegenüber, wobei drei Automaten, die auch bargeldloses Bestellen für Analphabeten möglich machten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen: Nummer ziehen und eintippen, Menüliste mit Abbildungen anschauen, Auswählen, Ordern durch Anklicken, Bezahlen per Karte, Platz suchen und dort auf die Bedienung warten. Mein Vorurteil gegen diese Form von Essenskultur bestätigte sich dann leider in der Weise, wie sich das Einwegverpackungsmaterial auf den Nachbartischen, mit vorzugsweise jüngeren Leuten daran, stapelte. Interessant, warum diese Tüten und Kartons offenbar so beliebt sind: es geht ums Auspacken! Fast liebevoll öffnete das junge asiatisch wirkende Mädchen ihre Tüte, schnupperte, sah hinein, freute sich … und lächelte selig.

Wenn die Besucher nicht selbst Hand anlegten, kam eine sehr präsente Reinigungsfachfrau und putzte. Sauberkeit ist nicht das Problem. Im Gegenteil, die Leute machen mit. Das Schlimmste sind in meinen Augen überflüssige Plastikbehälter für Flüssiges und Fettendes. Dieser dumme Mensch, der „Kaffee to go“ erfunden hat, sollte ohne Kaffee, aber mit Becher und Trinkhalm in die Wüste geschickt werden. In was für Zeiten leben wir? Und wo ist eigentlich die Vernunft abgeblieben? Schläft sie wieder? Immerzu werde ich mit den gierigen Wünschen und Wachstumsproblemen anderer, mir fremder Menschen belästigt, ich soll kaufen-kaufen-kaufen. Um „glücklich“ zu werden? Mein zu kleiner, alter Briefkasten stöhnt, die Gratiswerbepapiere – besonders jene, die als „Zeitung“ getarnt daher kommen, diverse „Wochenblätter“ und Hochglanzprospekte für Küchenmöbel, sie sorgen bei ihm für Völlegefühl mit Aufstoßen! Wenn ich etwas brauche, weiß ich, woher ich es bekommen kann, ich bin erwachsen!

Die akuten Weltprobleme fallen angesichts dieser überflüssigen Werbefluten, hinten runter.

Mir kommen Gedanken zum Hambacher Forst in den Sinn, hier driften akut Meinungen derart auseinander, dass es nur so kracht und die Baumhäuser wackeln. Jahrhundertealte Bäume sollen der billigen Kohle geopfert werden. Aus ihrem Holz entstehen dann im schlimmsten Falle, auch diese entsetzlich schrill bedruckten Faltschachteln für Fastfood und das haben die Bäume einfach nicht verdient. Bücher auf Papier sind out heißt es, Werbescheiß ist es nie. Fortschritt geht anders.

Der Regen lockte immer mehr Leute ins Schnellrestaurant. Kein Wunder, denn man holt sie förmlich bequemst dort ab, wo sie gerade stehen und erfüllt ihnen dann zuverlässig die antrainierten Wünsche nach kostengünstiger, sorgloser, sättigender, fettreicher und süßer Nahrung. So ein Brötchen zu verspeisen, mit allem was zwischen beiden Hälften steckt, scheint zwar nicht einfach zu sein, es läuft, tropft, kleckert … aber es schmeckt offenbar. Diese Woche ist scharfe Woche angesagt, intensiv Rot beworben – mit Chili.

Das Museum war voller als sonst, der Regen hat also auch in Sachen Kultur sein Gutes! Als ich die fotografischen Portraits „von Baselitz bis Warhol“ betrachte, ist alles gut, obwohl Unordnung beziehungsweise herumliegender Krempel, auch hier auf manchem Bild eine Rolle spielten. Besonders beeindruckend das, mir bereits bekannte, berührende s/w Foto des Fotografen Carlos Freire, welches den Maler Francis Bacon in seinem total zugemüllten Atelier zeigt. Scheinbar verloren befindet sich der Künstler inmitten eines einzigen Chaos um sich herum. Dadurch, dass jede Farbe fehlt, wirkt es noch trauriger. Ein kreatives Durcheinander, welches für Bacon offensichtlich notwendig gewesen ist, um seine Arbeit in dieser, für ihn charakteristischen Form, überhaupt tätigen zu können. Ich bin immer wieder ergriffen von Bacons mehrschichtig angelegten Portraits von Menschen, deren Schmerz er mithilfe zerlegter und in sich verdrehter Körperlichkeit, Ausdruck verlieh. Schmerz ist das große Thema seiner Bilder. Die auseinander driftenden Körperteile passen kaum mehr zusammen und mir tut das richtig weh, es anzuschauen. Konservativ „normal“ veranlagten Mitmenschen ist nicht zu vermitteln, welche Schönheit von seinen Bildern ausgeht. Indem Freire den Menschen Francis hinter dem Künstler Bacon zu fassen sucht, baut er diesen aber eine Brücke: schaut auf seine Schuhe inmitten des Drecks, sie glänzen!

Nachdem ich in der Buchhandlung des Museums wieder ein wenig zu lange zubrachte, musste ich mich beeilen, um nicht unpünktlich zu sein. Als ich schließlich, dank eines freundlichen Busfahrers rechtzeitig und kostenlos im Restaurant SAVU ankam, waren alle Teilnehmer in einer lockeren, gelösten Stimmung und es duftete im ganzen Raum aromatisch und feinwürzig rauchig, kein Wunder, SAVU ist finnisch und bedeutet „Rauch“. Ich bekam ein funkelndes Glas Prosecco gereicht und genoss den Moment, nun, zu später Stunde, mit freundlichen Menschen zusammen zu sein. Alle Teilnehmer des Lehrgangs hatten emsig gearbeitet. Jetzt gab es den Lohn dafür. Mein Mann strahlte, denn kochen ist sein Element. An einem liebevoll gedeckten, langen Tisch aus rustikalem Holz mit Blick in die offen einsehbare Küchenlandschaft des Restaurants, nahmen wir als Gruppe Platz. Nun konnte das Dinner beginnen.

Unser Küchenmeister, Sauli Kemppainen war äußerst gut vorbereitet und er hatte sich vorab viele Gedanken gemacht, um seine Choreographie für diesen Abend auf den Punkt zu bringen. Er erklärte und fasste zusammen, deutete an und sprach aus – nachzulesen auf Papier. Die an diesem Tage gemeinsam bereiteten Speisen wurden jetzt, nach der Ansprache, direkt vor unseren Augen und mithilfe seines freundlichen Teams, liebevoll in Tassen, auf Schalen und Tellern, arrangiert. Es gab mehrere Varianten duftenden Brotes als Einstieg, gemeinsam mit raffiniert zubereitetem Sellerie, zart und schmelzend – ein Genuss! Daran anschließend kam Wärmendes auf den Tisch – auf den Sellerie fein abgestimmt ein Süppchen vom Lachs, später dann auf verschiedenste Weise gegarte, oder auch geräucherte, finnische und maritime Köstlichkeiten, darunter Wachtel mit pochiertem und geeistem Ei, Hummerfleisch und die Arme eines Tintenfischs mit knackigem Gemüse unterlegt, sowie ein ungewöhnliches, sehr feines Dessert … all das begleitet von erlesen, zum Essen genau abgestimmten, weißen Weinen.

Sich ein wenig an die Hand nehmen und somit rein praktisch betrachtet, auch weiterbilden zu lassen, stellt keinen Makel dar, im Gegenteil! Es macht den Reiz des Lebens aus, von unterschiedlichster Lebensweisheit und Kultur, auf direktem Wege und auf Augenhöhe erfahren und profitieren zu dürfen. In diesem Sinne bedanken wir uns sehr herzlich bei Sauli Kemppainen und seinem Team für diese sensible und feine, kulinarische Reise.

Wir haben an diesem Abend viel Neues erfahren und hinzulernen dürfen. Es gibt viele Wege, glücklich zu sein. Kein profitabler Automat kann den Menschen und seine Ausstrahlung imitieren oder ersetzen, dennoch, auch Billig- und Schnellgastronomie haben ihre Daseinsberechtigung. Auch hier kann man sich, zumal bei Regen, aufwärmen und der Situation entsprechend, angenommen fühlen. Derjenige, der womöglich drei Berufe nebeneinander ausüben muss, um über die Runden zu kommen, hat andere Sorgen, als Erhabenes in Anspruch zu nehmen. Er kann sich jedoch glücklich schätzen gegenüber dem, der in seinen Schlafsack eingemummelt, neben seinem Hund unter der Brücke am Bahnhof Zoo, aushalten muss. Wer fragt schon danach, wie Obdachlose sich bei Dauernässe fühlen? Ich gab in den Becher aus Plastik aus meinem Portemonnaie einen Schein. Vielleicht ein Moment des Glücks für den, der ihn dieser Tage im grauen Berlin, zu McDonalds trug.  

Maren Simon, am 23. September 2018

Im SAVU Restaurant, Kurfürstendamm 160, 10709 Berlin

 

29. September 2018

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Abschiednehmen

Abschiednehmen zu müssen von Vertrautem ist allgegenwärtig.

Die Hitze wütete ungemein heftig und Wälder brannten sogar. Mir tut es um die Bäume leid, die dieser Hitze so schutzlos ausgeliefert sind und nun vermehrt zusätzlich zur sommerlichen Trockenheit, mit Pilzen und Parasiten zu kämpfen haben. Wenn ich unterwegs bin, sehe ich überall rote Punkte, aufgesprüht auf Baumrinde bedeuten sie den Tod. Dabei wirken manche nicht krank auf mich, im Gegenteil, sie wirken mitunter sogar recht stattlich, sollen aber trotzdem fallen. Mich macht das traurig. Anstatt die alten Bäume einfach umzuhacken, sollte man ihnen eine Chance geben, sich anzupassen. Jeden möglichst zu erhalten, das wäre die richtige Option.

Schlimmer als diese Hitze ist jedoch das dauerhaft fehlende Nass von oben. Der Garten geht mit der Trockenheit aber sehr souverän um, aus den vorangegangenen Trockenperioden der letzte Jahre, muss er gelernt haben! Ich staune und sehe, wie sich die Kräuter, Bäume und Sträucher gegenseitig in Schutz nehmen. Während die unterste Schicht, die direkt am Boden wächst, jedes bisschen Feuchtigkeit speichert, spendet das schützende Blätterdach von oben, hilfreichen Schatten.

Jetzt wird überdeutlich, dass Stein und Beton als Lebensraum nichts taugen, denn sie heizen sich zu lebensfeindlichen Zonen auf. Aber eine saubere und glatte, leicht zu reinigende Oberfläche, zieht der ordentliche Gärtner leider jeder natürlichen, die auch mal „schmutzen“ kann, selbst bei dieser schweißtreibenden Sonnenhitze, vor. Ich kann solch Handeln nicht nachvollziehen. Wir haben schon sehr früh begriffen, dass wir uns mit einem grünen Gürtel ums Haus herum, eine kühlende Oase schaffen würden und diese Ahnung bestätigte sich in diesem Sommer auf eine besonders eindringliche Weise. Grün schützt! Deshalb lassen wir es auch bewusst zu, dass die Vegetation ganz nah an uns heran darf. Wenn Besuch im Sommer kommt, ist die erste Feststellung immer dieselbe: „Ach, ist das aber angenehm kühl bei euch.“

Das zarte, grüne, feingliederige Laub hat die schützende Wirkung einer Kathedrale, sanft leuchtet dies Grün bei Sonneneinwirkung in allen Schattierungen, von Gelbgrün bis hin zu Rottönen und wunderbar zart hängen glitzernd die Tropfen darin, wenn es denn einmal regnet! Wir leben mit Grün und wir leben auf eine sanfte Weise beschützt darin, wir sind eingebunden in einen wundervollen Wachstumsprozess und sind auch den Tieren somit ganz nah. Aber einige Menschen fürchten eben gerade diese Nähe. Das wuchernde, krautige Grün schürt tiefste, verborgen geglaubte Urängste, doch es hält die Hitze von den Hauswänden fern, es schützt und kühlt, aber es fordert auch seinen Raum zum Wachsen und Gedeihen. Perfekt wirkt diese grüne, natürliche „Klimaanlage“ in Verbindung eines Hauses mit Keller: wenn man die kühle Luft von unten nach oben durchs Haus führt und aus den oberen Fenstern angewärmt nach draußen entlässt, entsteht ein angenehmer Kühlungseffekt mit leichter Luftbewegung.

In diesem Zusammenhang möchte ich mein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass unsere Hausbaufirma HAACKE – HAUS leider Insolvenz anmelden musste, was ich gar nicht verstehen kann. Jetzt, wo diese leicht gebauten Häuser das Versprechen des Herstellers einlösen, da will sie keiner mehr haben? Wir sind zufrieden in unserem, es ist, wie oben beschrieben, ein sehr angenehmes Wohnen, selbst unter diesen extremen Bedingungen! Ich hoffe darum von Herzen, es findet sich ein neuer Investor, der einen Weg sieht, die mit vielen Auszeichnungen bedachte Firma, am Leben zu erhalten.

Zurück zu meinem Thema. Was ich andeuten wollte ist doch, dass nur der, der bereit ist, sich ohne Vorbehalte auf die Natur einzulassen, von ihr belohnt wird. Tiere können einem dabei helfen, sich dem Natürlichen hier wieder ein Stückchen anzunähern. Sie bauen die Brücke, auf der der Mensch gehen kann, der verlernt hat, sich als ein Teil seiner Umwelt zu empfinden. Allerdings muss man Vertrauen haben und es gegebenenfalls auch zulassen, eventuell etwas an Kontrolle zu verlieren.

Unser alter Kater zum Beispiel, der hatte von Beginn an Wert darauf gelegt, immer er selbst bleiben zu wollen. Im Sommer lebte er draußen, im Winter mit uns gemeinsam, drinnen im Haus. Als fertiger Katz tauchte er erstmals im Frühling des Jahres 2000 in unserem Garten auf und brauchte Hilfe. Er bekam sie und entschloss sich daraufhin zu bleiben. Wir freuten uns über so viel Vertrauen seinerseits. Ein eigenartiges, gestanztes Loch im Ohr verriet uns aber, dass er bereits ein bewegtes Leben hinter sich zu haben schien. Ganz jung an Jahren, muss er als Streuner gelistet worden sein, dem man in Folge dessen, seine Fortpflanzungsfähigkeit genommen hatte und dieses Loch im linken Ohrzipfel, es war wohl das Erkennungszeichen dafür.

Micio hatte sich, trotz seiner weniger schönen Erfahrungen, einen wunderbar sanften Charakter bewahrt und er besaß Würde. In Würde wollte er sich auch von dieser Welt verabschieden, das war sein Plan, aber ein Schlaganfall vereitelte ihm diesen und so blieb es an mir, in seinem Sinne zu handeln. Das bedeutete für mich, seinen Sterbeprozess zu begleiten, ihn aber nicht gänzlich bestimmen zu wollen. Der Kater ist alt geworden, wir wissen nicht genau, wie alt, wir schätzen aber, 20 lange Jahre sind es sicherlich. 18 Jahre ist es her, dass wir uns kennen lernten. Er hatte sich seine Familie selbst ausgesucht und ich war all diese Jahre über, seine wichtigste Bezugsperson gewesen und er vertraute mir so, wie ich ihm. Ich hegte die leise Hoffnung, unser „Stehaufmännchen“ würde es vielleicht wieder einmal schaffen, sich zu berappeln, wie in der Vergangenheit schon so oft geschehen.

Nicht wissend, was unser Kater schon alles erlebt und wie viele seiner „sieben Leben“ er bereits aufgebraucht hatte, überschattete dieses Hoffen die Realität. Es gibt Katzen, die werden 23 oder sogar 25 Jahre alt und so gut, wie Micio jetzt aussah, so gut sah er in seinen besten Zeiten als Draufgänger mit häufig angestaubtem Fellchen, nicht aus. Ich wollte nicht wahrhaben, dass so manche Katze nicht sehr alt wird und dass die durchschnittliche Lebenserwartung einer autonom lebenden Straßen- beziehungsweise einer Draußenkatze, lediglich bei 8 Jahren liegt. Ich blendete diese Tatsache erst einmal aus. Bis zu dem Tage, an dem sich der Gedanke, in liebevoller Verbundenheit Sterbehilfe leisten zu müssen, bei allem Schmerz über den Verlust des geliebten Kerlchens, in mein Herz bohrte.

Denn plötzlich steht man am Lager des Kranken und sieht, dass es nie mehr gut werden wird und man fragt sich, inwiefern man sich einmischen darf in diesen natürlichen Prozess des Sterbens, weil es die alte Lebensqualität im wörtlichen Sinne, nicht mehr geben wird. Auch Tiere fühlen Schmerzen, genauso, wie wir. Leise klagte unser armer, schwarzer Kater und er stöhnte ab und an, wenn er glaubte mit sich allein zu sein. Manchmal dachte ich und fühlte so etwas wie Trost, er würde seine starken Schmerzen vielleicht einfach verschlafen, so ruhig atmete er mitunter, doch sobald er meine Anwesenheit spürte, mauzelte er. Es hörte sich für mich so an, als wollte er mich auf diese Weise darüber hinweg trösten, bald ohne ihn zu sein. Seine tiefen Seufzer zwischendurch und die Traurigkeit in seiner Stimme, ergriffen mein Herz in einer Heftigkeit, dass ich mich schließlich dazu entschloss, ihn von seinem Leiden endlich erlösen zu lassen.

Am Morgen des sonnendurchfluteten, 23. August, schlief er im Garten sanft und friedlich unter den jungen Händen seiner freundlichen Tierärztin, ein.

Die Vögel bekamen diese letzten Vorgänge um unseren Kater natürlich auch mit und es war, als nähmen sie Anteil an unserer Trauer. Das muss sich witzig anhören, ich weiß, aber der alte Kater stellte ja auch in seinen letzten Lebensjahren keine Gefahr mehr für sie dar! Im Gegenteil, er war im Garten zu einer festen Größe geworden und er gehörte zu uns dazu. Wenn er an ihren Wasserschalen vorbei wackelte, badeten die Meisen trotzdem weiter und die Amsel zog neben ihm im Grase, ihren Wurm aus der Erde. Jetzt fehlt der alte Kater und so wurden alle Vögel für ein Weilchen, ganz still. Sie haben, wie absurd, ihren besten Beschützer verloren! Die vielen Katzen der weitläufigen Nachbarschaft kommen nämlich seit des Katers Tod ungeniert und schnüren vermehrt durch sein ehemaliges Revier! Leicht überheblich wirkend, gehen sie federnden Schrittes in seinem Garten auf und ab und – auf Jagd. Endlich ist der Alte fort! Und so gepflegt, unordentlich und katzenfreundlich ist es nur hier, würden sie sagen, wenn sie es könnten. Uns ist aufgefallen, dass jetzt sehr viele Vögel plötzlich ihre Schwänze eingebüßt haben, was recht komisch aussieht, sie alle sind scheinbar gerade noch so, mit dem Leben davon gekommen!

Nur ein junger, schöner und ebenso schwarzer Kater, wie unserer es früher einmal gewesen ist, der scheint tatsächlich um unseren alten Katz zu trauern! Er war auch der letzte Besucher am Krankenlager gewesen und er kommt noch immer regelmäßig vorbei, um nachzuschauen, was in Micios Revier passiert. Er positioniert sich dann ein Stück abseits von uns und sieht mich sehr lange, sehr nachdenklich und durchdringend an. Unsere  schwarzen Katzen unterhielten sich gern in den Abendstunden und saßen dazu gemeinsam auf der Terrassenbank, um über die Dinge des Lebens im Allgemeinen und die des Erwachsenwerdens im Besonderen, zu philosophieren. Beide Katzen tauschten sich bestimmt, das ein oder das andere Mal, über ihre Menschen und die dazugehörigen Familien aus, vielleicht waren Micio und sein Freund sogar miteinander verwandt.

Unser Kater Micio ist früher der Lehrmeister des Jüngeren gewesen und ich denke, nur er allein wird wissen, ob ich in des alten Katers Sinn handelte, oder ob womöglich, dagegen.

Bedrückende Fragen ohne Antworten, sie werden bleiben.

Maren Simon, sehr traurig, am 29. August 2018

30. August 2018

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Meine, deine, unsere Kinder

Seit anderthalb Wochen leben wir mit Spatzen direkter als sonst, zusammen. Wir haben zwei Nestlinge gefunden und päppelten sie auf. Nun befinden sich die beiden seit kurzem in ihrer spannendsten, in der sogenannten „Ästlingsphase“, wobei sie sich frei im Garten bewegen dürfen. Die Eltern unseres Geschwisterpaares sind immer anwesend. Wir „teilen“ uns ihre Kinder sozusagen, denn wir haben von der Spatzenfamilie ein „Sorgerecht“ eingeräumt bekommen, vielleicht deshalb, weil sie unser Bemühen um ihre Kinder spürten. Neben der Fütterungspflicht erhielten wir so etwas, wie eine temporäre Berechtigung auf einen liebevollen Umgang mit den Spätzchen, die uns weiterhin mit ihrer drolligen Art erfreuen, obwohl sie überall hinfliegen könnten. Herr und Frau Spatz dulden  den Umgang ihres Nachwuchses mit uns.

Es ist Wochenende und sehr trocken, seit Monaten gab es kaum Regen. Spatzens sind Frühaufsteher, sie ruhen um die Mittagszeit ein wenig aus und treten deshalb etwas kürzer, das heißt, sie essen und tschilpen weniger und „plaudern“ stattdessen ausgiebig, um daran anschließend, ein gemütliches Schläfchen zu halten. Die Kinderspatzen sind kurzzeitig bei uns „geparkt“ worden, denn sie wollen wohl, wie alle Kinder, lieber spielen anstatt zu dösen. Beide sitzen freiwillig im offenen Käfig nebeneinander auf der Sitzstange, wie in einer Kita. Später baden sie ausgiebig, erst im Wassernapf der Katze und danach im Vogelsand des Käfigs, sie sonnen sich (zumal die Sonne im Schattengarten jetzt wieder präsenter auftritt, weil der Nachbar seine lange Tannenreihe reduziert hat) und sie schnäbeln und suchen nach eventuell übersehenen Krümeln, vom gestrigen Tag.

Vier junge, neugierige Meisen studieren interessiert den Speiseteller und gehen ebenfalls hinein ins Vogelhaus. Nun sitzen 6 Vögelchen in dem engen Kasten aus Draht und verstehen sich offensichtlich prächtig. Je jünger sie sind, umso einfacher scheint es, sich gegenseitig in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen. Der beste Käfig ist nicht der goldene, sondern der, mit ständig für alle Besucher, offen stehenden Tür! Dazu passt auch die Katze, die unter dem Tisch eingerollt im Schatten liegt und döst, ohne sich vom fröhlichen Lärm oben drüber, stören zu lassen.

Aber irgendwann sind die letzten Krümel gefuttert und das kleinste Spatzenkind fliegt auf und setzt sich auf einem tiefer gelegenen Ast in Position. Es beginnt erst leise, dann etwas lauter, sich bemerkbar zu machen: Futterzeit! Man kann die Uhr danach stellen. Alle Stunde hören wir diese Dauertschilptonendlosschleife, beinahe so, wie sich die tickernde Smartphoneeieruhrapp anhört, wenn die vorab eingestellte Minutenzeit läuft. Das kleine Fritzi ist ständig hungrig und „eiert“ deshalb am laufenden Bande nur so herum, was nicht zu überhören ist. Der ältere Horsti dagegen, ist inzwischen recht ausgeglichen, er findet überall etwas zu Futtern und das scheinbar, so nebenbei. Er kommt wohl nur noch aus „solidarischen“ Gründen mit – hat es nicht mehr unbedingt nötig seine Menschen um Futter anzubetteln. Um an den dicken, coolen Horsti heranzukommen, renke ich mich deshalb auch fast aus, ich stehe dann auf Zehenspitzen, um ihn zu erreichen. Das kleine Fritzi hüpft derweil ihrem Futterspender freudig entgegen.

Zu Beginn unserer Bekanntschaft kam Horsti sehr abgeschlagen rüber und verhielt sich depressiv. Er wirkte verletzlicher, als das sehr viel kleinere, muntere Geschwisterchen und so haben wir ihn dann auch sanft zwingen müssen, unsere Hilfe anzunehmen. Das Kerlchen wollte einfach nicht mitmachen und kniff seinen kleinen Schnabel feste zu. Kaum größer als eine Walnuss war er und hatte doch schon die Verantwortung für das jüngere Geschwister auferlegt bekommen. Als unser alter Kater zu seiner Wasserschüssel gelaufen kam, hinter der sich die beiden versteckt hielten, beschützte der geringfügig Ältere das Kleinere. Aufmerksam beobachtete ich die Situation und nahm zur Kenntnis, wie sich der Kater wieder abwandte, nachdem er seinen Durst gestillt hatte, ohne die beiden überhaupt bemerkt zu haben, obwohl sie doch nur 20 cm von seiner Nasenspitze entfernt, am Boden und ihm direkt gegenüber, saßen. Ich entschloss mich in die Szenerie einzugreifen, als nach zwei Stunden den Älteren seine Kräfte zu verlassen drohten und die Katze wieder trinken wollte.

Inzwischen geht es auf den späten Nachmittag zu, während ich im Garten sitze und diesen Text in meinen Laptop tippe. Man hört nicht einen Pieps. Wo sind die Kinder? Auch im Käfig-Kindergarten befindet sich keines mehr. Ich schau mich um und sehe etwas weiter oben in den Zweigen des Baumes, in dessen Schatten es sich gemütlich aushalten lässt, ebenso gemütlich, Mutter und Vater Spatz ohne ihren Anhang sitzen. Auch sie genießen also eine Auszeit! Während sie bei 35 °C im Schatten warten, dass ihre Spatzenkinderbande von ihrem Ausflug zurück kommt, beaufsichtigen wir unsere beiden Kleinsten, die nicht mitfliegen durften und knacken Nüsse und pulen ihnen bei dieser Gelegenheit, die appetitlich dicken, vegan ernährten Bio-Haselnussmaden aus ihren grünlich-weißen Nussbehausungen heraus: Heiße-Sommer-Entschleunigung auf ihre nützlichste Weise!

Wenn Vater LUPS, ein erfahrener Spatz, sich uns mitteilen könnte, dann fiele seine Version dieser Geschichte mit Sicherheit nüchterner aus, „CHICKENCHARING“, so könnte die Überschrift lauten.

Na, das haben wir doch super eingefädelt! Auf diese verrückte „Vogelfreundin“ kann man sich doch tatsächlich verlassen, dachte mir schon, dass wir der unsere beiden Spätzünder überhelfen können. Natürlich hätten wir bei der Eiablage aufpassen und den Schlupftermin der ältesten Eier etwas nach hinten verschieben können, aber nun ist`s halt passiert! Für unsere großen Kinder gab es kein Halten mehr, denn sie wollten schnellstens hinaus in die grüne, verschlungene Welt unseres Gartens, in dem das komische Menschenpaar ebenfalls wohnen darf.

Nun ist ja auch alles gut gegangen, die Frau fand unseren Sohn, unser vorletztes Kind und hob ihn auf, sie hat ein Händchen für schwierige Fälle! Auch dem Elsterjungen half sie vor 4 Sommern so warmherzig, alle bekamen es mit, so laut wie dieser Quaxl immerzu schrie, wenn es Futter gab. Nun kümmert sie sich rührend um unsere Brut, wobei uns wichtig war, für dieses Projekt zweie zu nehmen, die sich nahe sind und die es diesen Menschen dann, entsprechend schwer machen würden, sie an sich zu binden. Der Plan ist vorerst fehlgeschlagen. Besonders unser Kleinster zeigt sich leider anhänglicher, als er sollte. Es muss wohl am Essen liegen, denn sie reicht ihm so leckere Maden, unser Kleiner fährt leider total darauf ab. Es ist klüger den Menschen, wenn schon denn schon, bereits ältere Kinder zu überlassen, denn diese sind weniger beeinflussbar…   

Nun sitzen beide Leutchen da unten und gucken schon wieder so unverschämt zu uns herauf. Bloß gut, dass sie nicht flugfähig sind! Die würden sich glatt zu uns setzen, wenn sie könnten, so wie die drauf sind. Ich frage mich, wieso sie so sehr auf Vogelkinder stehen, haben die kein eigenes Kind, das sie päppeln können? Ich erinnere mich genau, dass sie einen lustigen Sohn hatten, wo ist der eigentlich abgeblieben? Die Antwort auf diese Frage bekamen wir gerade eben, als sie telefonierten. Nun wissen wir, dass er sich gerade im Lande eines Mannes mit gelb-orangenen Haaren befindet. Aber, wieso schicken sie ihr einziges Kind dorthin? Nur, um sich dann fremde Kinder ins Haus zu holen? Außerdem, deren Sorgen möchte ich haben! Reden die doch tatsächlich darüber wie „komisch frisiert“ der Mann mit den lustigen Haaren ist, selbst, wenn der ohne jedes Haar wär, das spielte doch überhaupt keine Rolle!

Wie einer piept ist entscheidend!

Und bei denen scheint nicht alles richtig zu piepen, denn sie legen uns jetzt, im Sommer (!) sogar Körnchen ins Vogelhaus, mächtig bekloppt sind die! Sicher denken sie, wir sind bestechlich. Aber Schwamm drüber, solange sie auch im Winter bereitwillig Futter vergeben, ist ja alles gut. Tun wir ihnen also den Gefallen und spielen mit. Wenn diese dusseligen, arroganten Menschen es unbedingt wollen, na, dann sollen sie auch unsere beiden Kleinen aufpäppeln, wo sie doch glaubten diese, gegen den Willen der Natur, unbedingt „retten“ zu müssen. Der Mann macht übrigens emsig mit, erstaunlich, genau, wie bei uns Sperlingen! Ich sage nur „Kinderdefizit“, die einen brauchen einen Hund, die anderen haben einen Vogel.

Dabei gibt es überall so viel Not auf dieser Welt, sie aber kümmern sich ausgerechnet um eine Katze und um deren Leibspeise! Von wegen „Weltfrieden“ und so … Wenn sich diese Gutmenschen dadurch besser fühlen, sollen sie machen, bitteschön! Unsere Kinder bleiben dennoch unsere Kinder, dafür werden wir schon sorgen! Wenn diese Rührseligen die mühsame Fütterungsarbeit erledigen wollen, sollen sie! Sie zeigen sich ja recht talentiert! Wenn wir uns in Folge dessen, bei stetig steigenden Temperaturen um weniger Kinder zu kümmern haben, dann bleiben – logisch – mehr Futter und mehr Freizeit über. Das spart Energie und erhöht die Spatzenquote. Bedeutet stetiges Wachstum.

Diese innovative Idee, kräftesparendes CHICKENSHARING, wird Schule machen und ist die Chance für Sperlinge mit Zukunft.

 

Maren Simon, am 8. August 2018

8. August 2018

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Ich bin zurück

Reinhardtsdorf und sein alter, stillgelegter Steinbruch liegen hinter mir und ich bin wieder um einige Erfahrungen reicher. Wir hatten eine ausgesprochen günstige Wetterlage, denn es war warm und sonnig. Im Sommer 2014 habe ich das auch schon ganz anders erlebt, da goss es in Strömen und ich erinnere mich, dass wir uns bei der Arbeit Einkaufstüten übergestülpt hatten, um uns vor der Nässe halbwegs provisorisch zu schützen. Dies Jahr regnete es bevorzugt des Nachts ein wenig und am Tage gab es zudem oftmals recht viel frischen Wind, der hatte so etwas Erquickendes, was ausgesprochen angenehm war …

… und zu betrachten, als Ausgleich sozusagen, zu meiner Gefühlslage, denn, wenn ich unter gestandenen Bildhauern im Steinbruch bin, fühle ich mich notgedrungen, wie ein grünschnäbeliges Junges … deshalb machte es bei mir auch nur: ping, ping, ping, anstatt: PENG!!! … aber der Weg ist das Ziel, ich brauche für alles länger, suche und finde nicht gleich, bin aber beharrlich und geduldig bei der Sache und sauge alles auf, wie ein Schwamm. Dabei sind mir mein kleines Skizzenbuch und das Handy behilflich. Mit Letzterem führe ich eine Art „Bildtagebuch“, so kann nichts verloren gehen.

Wenn einer in einer Sache Meister geworden ist, dann sollte er in einer anderen Sache wieder zum Schüler werden, stellte Gerhart Hauptmann einmal für die Nachwelt fest. Auf diese Weise entgeht man der Neigung, seine Arbeit, wenn sie zu leicht von der Hand zu gehen scheint, in Routine ausarten zu lassen. In meinem Falle kann ich nur sagen, wie dankbar ich war, mein trautes Tonmaterial wieder zu haben! Ich bin nach diesen zwei Wochen im Bruch, die meinen Händen ziemlich zu schaffen machten, mit so viel Elan und Tatkraft wieder an meine eigentliche, „weicher“ ausgerichtete Arbeit gegangen, dass es eine Freude war! Das geschmeidige Material, entspricht meiner Art zu sein wohl eher, weil ich mit ihm arbeiten und nicht dagegen angehen muss. Beim Stein hole ich unter enormen Kraftaufwand Material herunter, da muss als Erstes entschieden werden, was überflüssig ist und möglichst früh schon abgeschlagen werden sollte, um Kraft und Zeit zu sparen. Bei der keramischen Arbeit mit Ton baue ich meine Figuren ganz allmählich auf, von unten nach oben und von innen nach außen. Einziges Problem hier, die Objekte dürfen, solange ich daran arbeiten will, nicht austrocknen.

Ich habe Hochachtung vor den Kollegen und ich habe Ehrfurcht vor den Steinen. Den auserwählten Stein behauen und ihm meine Form aufzwingen zu müssen und ihm sozusagen, unter die Haut zu gehen, macht mir zu schaffen. So ein Steinexemplar hat doch, im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Hubel austauschbaren Tons, seine eigene Biographie! Er ist bereits zu „etwas“ geworden, er ist präsent, hat seine weiche Phase hinter sich! Ich muss lernen, mich stärker noch auf das, was werden könnte oder sollte, zu konzentrieren. Manchen Leuten ergeht es angesichts eines weißen Blatt Papiers ähnlich so. Dann ist die Hemmschwelle, die es zu überwinden gilt, um die unschuldig-weiße Oberfläche zu brechen, auch der Grund dafür, dass aller Anfang sich in die Länge ziehen kann …

Lasse ich der Tonerde eine gewisse Freiheit und gebe auch dem Zufall Raum, kann ich diese freundlich abwartende und großzügige Einstellung dem Stein gegenüber, nicht zur Anwendung bringen. Der Steinbildhauer plant stets genau und vorausschauend, was er tut – denn, was weg ist, ist weg! Steinbildhauer sind klare Menschen, sie schauen optimistisch nach vorn, sonst müssten sie angesichts ihrer harten Arbeit bereits vorneweg kapitulieren! Das tun sie aber nie, angriffslustig nehmen sie die Herausforderung an. Dieser optimistische Ansatz interessiert mich, rein therapeutisch betrachtet, ungemein und ich gewinne während der Arbeit am Stein etwas für mich, egal, ob ich nun eine Glanzleistung hinlege, oder nicht.

Manche der Kollegen sind bereits mit einem vorgefertigten Projekt (in Form eines kleinen Modells aus Ton) in den Bruch gekommen und suchten sich dann ein Exemplar entsprechend der gewünschten Maße, oder schlugen in aufwendiger Prozedur ein entsprechendes Stück eines großen Steinblockes ab. Es ist wirklich sehr beeindruckend, so eine Aktion miterleben zu dürfen. Und wer Gelegenheit bekommt, dabei zuzuschauen, wie allein mit dem Verstande Gewichte gestemmt werden, der kann nur staunen, wozu Menschen fähig sind. Dabei stehen die Frauen den Männern in nichts nach und auch das Alter präsentiert sich im Steinbruch ganz anders, als gemeinhin üblich, denn ich sehe, auch mit über 80 Jahren ist es möglich, noch locker mit Formen (und Steinen) zu jonglieren …

Ich suchte mir (ohne viel Aufwand) einen Stein, der neben anderen, kleineren und größeren Brocken im Grase ruhte und ließ mich dabei von seiner Unregelmäßigkeit und seiner Größe nicht sonderlich beeindrucken. Ich schaute ihn von allen Seiten an und fand ihn sympathisch! Nach Abkloppen der witterungsbedingt entstandenen losen Teile und der Feststellung, die angedachte Standfläche wegen des Vorhandenseins eines sogenannten „Stichs“, der den Stein im unteren Drittel schräg aufwärts durchzog und damit in seiner Festigkeit beeinträchtigte – nicht zur selben ausbauen zu können, wurde aus meinem ursprünglich gewünschten, aufrechten Hochformat dann doch ein queres.

So wird nun letztendlich eine liegende „Reinhardtsdorfer Venus“ daraus, die in ihrer runden Form, mir und dem Stein (siehe Bild oben) entspricht.

Die Berliner Bildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas schaute immer mal auf meine Arbeit und kürzte gewisse, mühsame Erkenntnisprozesse meinerseits, durch ihre resolute Ansprache und Korrektur, direkt auf meinem Stein, ab. Sie hat eine überaus große Erfahrung im Umgang mit Elbsand- und anderen Steinen. Seit 45 Jahren organisiert Marguerite diese Bildhauertreffen in Reinhardtsdorf. Das kollegiale Miteinander tut allen Beteiligten gut. Man erinnert sich gern und vielleicht knüpft sich auch der eine oder andere, neue Kontakt! Das wunderbare, ländlich gesunde Grün und das Glück, innerhalb dieser temporären Künstler WG im Hause Wolf, zeitweise ein Bestandteilchen derselben zu sein, liebevoll bekocht zu werden und im Kollegenkreis beinahe sorgenfrei arbeiten und hinzulernen zu können, ist für mich Luxus pur.

Natürlich bin ich in den 14 Tagen im Steinbruch mit der Arbeit nicht fertig geworden, deshalb gebe ich auch nur obige, kleine Zeichnung aus meinem Skizzenbuch zur Ansicht frei. Ich arbeite inzwischen zu Hause, in meinem wilden Garten an der Vollendung meines Werkes. Während ich meine Plastiken aus Tonerde alle liebevoll als „Tanten“ betitele, spreche ich die schwere Dame aus Stein, des Öfteren mit ihrem korrekten, gewichtigen Titel an, damit aus ihr hoffentlich auch werden mag, was sie einst werden soll: eine Venus.

Meinen herzlichen Dank an Marguerite Blume-Cárdenas und nochmals einen herzlichen Gruß den lieben Kollegen …

Maren Simon, am 5. Juli 2018

7. Juli 2018

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Baumblüte in Werder

Das heißt für mich, Urlaub zu nehmen, um mich unter blühenden Bäumen aufzuhalten, vorzugsweise mit einem Glas Obstwein in der Hand. Wer möchte, genießt zum süßen Wein eine heiße Bratwurst vom Grill und dazu, ein Stück selbstgebackenen Kuchens vom Blech. Eine zugegeben, sehr merkwürdige Kombination und für meine Begriffe nicht zusammengehörig, aber dafür, eine äußerst beliebte Tradition in Werder.

Meine Werkstatt muss in dieser Zeit leider geschlossen bleiben. Das ist mir alles viel zu laut mit den vielen vergnügungssüchtigen Menschen auf engstem Raum. Zudem wird es in meinen Räumen dunkel, weil das Riesenrad tatsächlich riesig ist und so dichte dran, einen riesen Schatten wirft. Ein Absperrgitter soll mich vor Zudringlichkeiten zum Beispiel, blasenschwacher Mitmenschen, schützen … und sperrt mich ungemütlich ein.

Ein „offenes“ Atelier ist somit unmöglich. Nicht einmal die Post kann meinen Briefkasten dann noch finden. Aber wer will, der zwängt seinen Körper trotzdem durchs Gitter, um sich hinter der dicken Linde zu erleichtern. Die Situation ist einfach – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht sauber durchdacht, was aber scheinbar allen, außer mir, egal ist.

Ich genieße die Blüte und den Gesang der Vögel also daheim, im eigenen Garten, wobei mir aufgefallen ist, dass die Nachtigallen weniger geworden sind. In unserem Garten hatten wir zwei Jahre lang auch solch wunderbaren Gast, der einer anderen männlichen Nachtigall der Nachbarschaft, regelmäßig antwortete. Aber aus welchen Gründen auch immer, war plötzlich Schluss. Schade. Es ist doch die höchste Auszeichnung, die man bekommen kann, eine Nachtigall im Garten „sein eigen“ nennen zu dürfen! Aber sie singen nun einmal sehr kraftvoll und ausdauernd und wer keine Fähigkeit dafür besitzt, diese Stärke auch als solche anzuerkennen, fühlt sich einfach nur genervt. Vielleicht wurde sie vergrämt oder die Katzen sind schuld. Wenn Pflanzen oder Tiere „erfolgreich“ sind, ist das für Menschen die reinste Kampfansage. Aber unser komplexes Ökosystem funktioniert auf eine so wunderbare Weise, wenn es an einer Stelle klemmt, leiden alle darunter. Nur merken die arroganten Menschen dies immer erst, wenn es bereits zu spät ist und wenn dieser wunderbare Gesang der Nachtigallen beispielsweise, nur noch gegen Bezahlung bei „Amazon“ zu haben wäre.

Von daher freue ich mich, dass unser Sohn auf Pfaden wandelt und einen beruflichen Werdegang wählte, der ihn befähigt diese, unsere noch halbwegs intakte Welt, in ihrer Einzigartigkeit zu erforschen und wenn möglich, seinen Beitrag zur Erhaltung unseres Planeten, zu leisten. Er befindet sich gerade zu dieser Zeit (bereits zum 2. Male) im brasilianischen Regenwald des Amazonas und lässt seine Eltern, per Smartphone, an seinen Erlebnissen teilhaben. So geschehen auch im Herbst des letzten Jahres, als wir den Gesang eines Vogels zu hören bekamen, der in den herrlichsten Klangfarben sein Revier kenntlich machte. Je näher die Wissenschaftler an ihn und sein Nest herankamen, umso lauter und schöner sang er, einfach unglaublich!

Solch ein Privatkonzert gab unsere Nachtigall damals mitten in der Nacht für mich auch. Sie hatte mich mit ihrem Gesang geweckt, woraufhin ich nach draußen ging, um sie zu suchen. Schließlich stand ich in der Mitte des Gartens in meinem Schlafanzug unter dem Blauregen und hörte ihr zu. Dort hielt sie sich nämlich verborgen und sang von oben auf mich herunter und ich nahm jeden schwingenden Ton in aller Schönheit wahr. Man „sieht nicht nur mit dem Herzen gut“, man „sieht“ auch mit den Ohren, wenn man offene Ohren hat und die Gelegenheit nutzt.

Ist das Blütenfest vorbei und alle unsere Gäste sind wieder abgereist, steht bei mir der nächste Rakubrand an. Für das erneute Brennen der Objekte, welche den langen Winter über entstanden sind, werde ich womöglich zwei volle Tage benötigen. Wenn ich in meiner derb-dicken, hitzeabhaltenden Kluft zugange bin, fühle ich mich als Eins mit den Elementen! Es gibt kaum etwas Schöneres, als diese ganz eigenwillige Sorte von Stress, die das Rakubrandverfahren zwangsläufig mit sich bringt. Das sich hierbei entwickelnde gute Gefühl, wieder Einzigartiges geschaffen und mit ein wenig Glück wohlbehalten in die Welt gesetzt zu haben, ist wunderbar. Insofern empfinde ich schon jetzt die reinste Vorfreude …

Wegen dieser, meiner „großartigen Kunstwerke“, werde ich von guten Bekannten und unseren Freunden allerdings in letzter Zeit oft gefragt, wieso man sie in der Öffentlichkeit nie zu sehen bekommt. Sie finden, dass ich es nicht richtig anstellen würde, mich ordentlich zu vermarkten. Sie glauben, es läge an einem mangelnden Selbstbewusstsein meinerseits und sie sagen mir dann zum Beispiel: „steh zu dir und deiner Arbeit“, „deine Sachen sind so stark, sei du das endlich auch“ und ich denke dann, dass es sich hier doch nur um einziges Missverständnis handeln kann und da muss ich mich nun doch einmal genauer erklären.

Klar, wäre ich gern präsenter, aber das liegt nicht allein, in meiner Hand! Dazu gehören mindestens zwei. Ich sei zu leise, sagen sie dann und lassen nicht locker, was echt nervend ist. Zu leise? Nein. Ich bin schon in der Lage meinen Platz Im „Kulturgarten“ zwitschernd zu behaupten – wenn man mir die Chance dazu gibt. Vielleicht sollten hier, die Kuratoren und die Galeristen Antwort geben! In all den Jahren als Künstlerin, habe ich jedenfalls genug Klinken putzen dürfen und musste leider die prägende Erfahrung machen, je intensiver man dies tut, umso verschlossener bleiben einem diese Türen dann. Und ich kann von daher für mich nur behaupten, dass es eine Kunst gewesen ist, die ganzen Jahre über, bei diesen ungemütlichen Bedingungen mit solch eisigen Temperaturen und heftigsten Winden, überhaupt noch am Leben (und bei der Arbeit) geblieben zu sein!!!

Ich sitze das jetzt aus und gehe einfach nicht mehr putzen. Schlechter kann’s ja nicht werden .-)

Meine Freundin aus Kindertagen formulierte neulich so locker ihre kritischen Zeilen an mich, dass ich diese dem geneigten Leser nicht vorenthalten will. Auch sie ermahnt mich immer wieder, endlich resoluter aufzutreten, damit sich bei mir etwas ändert. Tja, du und deine Freundlichkeit :)) – da du Mimik und Stimmlage nicht ganz so “offenherzig” handhabst muss man dich schon gut kennen um zu merken, wann du ein Gegenüber nicht mehr so recht ernst nimmst oder anfängst desinteressiert/ärgerlich zu werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass manch einer das als “leicht bedimpelbar” oder “nachgiebig” einschätzt …. Aber was soll’s! Du bist erstens im Laufe der Jahre schon wesentlich entschiedener geworden und zweitens muss, wer auch immer, damit umgehen können, dass ihm der vermeintlich fette Fang vom Haken hüpft! P wie Pech …

Trotz des versteckten Kompliments „besser“ geworden und vor allem, ein „fetter Fang“ zu sein, setzte sich in mir eine Art „heiße Welle“ in Gang, weil ich, wie schon erwähnt, vermehrt solche Ansagen zu verkraften hatte und die eigenwillige Wortkombination „leicht bedimpelbar“ erst einmal verdauen musste. Die Kernaussage ist bei allen Kritikern, egal welche Worte sie für mich finden, immer dieselbe, dennoch, ich lebe mit meiner, dieser offen ersichtlichen “Behinderung” nun schon so lange und ich setze dagegen, liebe Leute, wäre ich tatsächlich so unterbelichtet und naiv, dann stünde ich doch wohl nicht dort, wo ich heute steh! Meine Arbeit mache ich doch offenbar ganz ordentlich und es scheint einen Zusammenhang zu geben, zwischen ihr und meiner Art zu Sein! Also, alles gut. Oder? Um die Umstände, was gedacht wird (oder vermutet werden könnte) und woher die Anmaßungen kommen, weiß ich doch selbst bestens Bescheid – kleiner Hobbypsychologe, der ich nebenher immer auch bin. Keine Frage.

Mir ist völlig klar, dass man sich innerhalb des gemeinsamen Freundeskreises vielleicht Sorgen macht, die Provokation ist dann also das Mittel zum guten Zweck, sozusagen! Aber ich werde mich trotzdem nie extrovertierter geben können, als ich bin. Manch einer ahnt wohl inzwischen, dass es neben der eher „runden“, ruhigen und lustigen auch eine „kantigere“, spröde und abweisende Maren geben könnte. Und genau so ist es! Ich mache es anderen, mir fremden Menschen, die vor allem beruflich mit mir zu tun bekommen, mitunter sehr, sehr schwer, mich in ihr Herz zu schließen. Und dann ist es natürlich kein Wunder, dass ich meine Karriere „solo“ ausüben muss. Ich wehre mich mit all meiner Kraft dagegen, nur benutzt oder vereinnahmt zu werden. Mich abhängig zu machen, eines vermeintlichen Vorteils wegen, oder in irgendwelche dubiosen Prozesse eingebunden zu werden, die mich dann Zeit und Energie kosten, mir meine Kraft rauben und anderen Nutzen versprechen, mir selbst am Ende aber rein gar nichts bringen, vermeide ich tunlichst. Eventuelle geschäftliche Partner können von daher nur solche Menschen werden, die meinen eigenen Schaffensprozess respektieren und nicht in Konkurrenz dazu, auftreten. Ich bin da aus Erfahrung sehr vorsichtig geworden.

Meine liebe Freundin rät mir im Folgenden: „Ich meine ja nicht, dass du dein freundliches Wesen verbergen oder “abschaffen” sollst! Leider ist es aber in der heutigen Zeit so, dass Freundlichkeit im Geschäftlichen nur zu gerne als “nachgiebig” missinterpretiert wird. Merkt dann dein Gegenüber, dass dem nicht so ist, fühlt er sich enttäuscht und wird ruppig. Ist nicht dein Fehler, da hast du völlig Recht.“ Was bedeutet, nur, wer stetig unterschätzt worden ist, kann letztendlich überraschen!  Wenn es der Überraschte denn sportlich nehmen würde, wäre ja auch alles gut. Was ist denn so falsch daran, zuzugeben, sich eventuell geirrt zu haben? Beleidigt zu tun und darauf zu spekulieren, dass der fehl Beurteilte doch noch angekrochen kommen könnte, weil er/sie „nett“ behandelt oder wie K. es nennt, „bedimpelt“ werden will, wäre doch aber eine ziemliche Zumutung. Oder liege ich da so sehr falsch?

Machtspielchen, wo auch immer sie auftreten, kann/will ich nichts abgewinnen. Wenn ich an der langen Leine gehalten werde und wiederholt übers Stöckchen springen soll, dann nehme ich mich ohne viele überflüssige Gesten aus dieser, für mich entwürdigenden Situation, heraus. Oft tut es unglaublich weh, so konsequent sein zu müssen und oft sind es weniger die Schwachen, als die Starken, die die schlechtesten Manieren aufzuweisen haben. Des Menschen Würde, sie ist unantastbar – aber manchmal empfinde ich mich einfach (auch innerhalb der Familie) nur als ein Ritterlein der traurigen Gestalt in beklemmend, schwerer Rüstung! Hängende Schultern spiegeln tatsächlich immer auch den inneren Zustand wider. Ich gebe zu, nach außen hin muss das den Anschein bewirken, nicht sonderlich handlungsfähig zu sein. Bis ich mich wieder aufgerappelt habe …

Denn das Leben mit der Kunst, es muss weiter gehen! Das optische Erscheinungsbild, das ich abgebe, ist mir hierbei ziemlich egal. In der Krise entstehen nun einmal die besten Sachen! Jedenfalls funktioniert es bei mir sehr häufig genauso. Nicht, wie die Künstlerin sich gibt oder wie sie aussieht, sollte bei einer Beurteilung entscheidend sein, sondern das, was diese Person tut und wodurch sie sich von anderen Menschen unterscheidet und auszeichnet, nämlich durch ihr Werk und ihre Haltung dazu. Ich denke, dass angesichts meiner expressiven Figuren einfach nur eine dahinter stehende, entschieden auftretende „Powerfrau“ erwartet wird, eine, die fordert und nicht etwa an sich zweifeln könnte, also eine, die entsprechend dominant in Erscheinung tritt. Sorry, ist das so? Dann tut es mir leid, wenn ich enttäuschen muss. Das soll ja Vincent v. Gogh auch schon so ergangen sein.

Zu einer säkularen Ethik gehören Geduld und Langmut, Demut und Großzügigkeit ganz wesentlich. Wahre Geduld erfordert eine große innere Stärke. Es gibt drei Aspekte der Geduld: Geduld gegenüber jenen, die uns Leid zufügen, das Annehmen des Leids und das Annehmen der Wirklichkeit. Diese Geduld führt zu einem Prozess der Wandlung und Weiterentwicklung.“ Ethik ist wichtiger als Religion“ Der Appell des Dalei Lama an die Welt, herausgegeben, anlässlich seines des 80 zigsten Geburtstages am 6.7. 2015

Dieses „Annehmen“ meiner „Wirklichkeit“, der vermeintlichen Schwäche, führt bei mir zur künstlerisch-therapeutischen Auseinandersetzung und ist, das möchte ich betonen: ein Glücksfall. Also! Fragen aufzuwerfen und dafür kritisiert zu werden, gehört immer auch zur Kunst dazu, die viele Gesichter hat und allerlei unterschiedliche Geschmäcker bedienen muss. „Richtig“ und „Falsch“ erübrigen sich also in der Kunstszene. Allein die Tatsache, dass es immer auch jenen übelgesonnenen, das Haar in der Suppe aufspürenden Neider beiderlei Geschlechts gibt, der mit Gehässigkeit stetig austeilen oder irgendwelche Geschichten erfinden muss, um seine Wichtigkeit gegenüber der meinen, zu demonstrieren, ist das, was in gewisser Weise (u.a.) meine „Leiden“ schafft, doch damit muss ich, damit kann ich leben!

Maren Simon, am 26. April 2018

27. April 2018

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