Die SIMON in Suhl

Eine sehr schöne Ausstellungseröffnung liegt hinter mir, voller Euphorie hätte ich gern mehr darüber berichten wollen, doch schob sich innerhalb der letzten Wochen manches an ungewöhnlichen Fakten aus Kultur und Politik dazwischen. Die Vermarktung von Kunst treibt immer dreistere Blüten und eine exorbitante Preispolitik nimmt Dimensionen an, die kaum jemand so richtig nachvollziehen kann. Hier nach Möglichkeiten zu suchen, die dumme Käuferschaft mit zu viel Geld, zu überrumpeln liegt nahe, zumal solche Menschen sich in vielen Fällen nur zu Spekulationszwecken für Kunst interessieren. Blöd für alle, die sich nicht auskennen, aber mitmischen wollen und sich – ohne jedes Gespür – allein auf die Expertise der Vermittler und Händler beim Kunstkauf verlassen. 

Ich habe stets den Eindruck vermittelt bekommen, nicht zu genügen oder nur die zweite Wahl zu sein. Eine kleine, lustige Frau, die gern malt und ein bisschen in ihrer Freizeit (von Familie und Broterwerb), mit Tonerde herumwerkelt. Der erste, bei dem ich diesbezüglich einen anderen Eindruck gewonnen hatte, war nun ausgerechnet der Charlottenburger Galerist Michael Schultz gewesen, den man jetzt des Auftrags zur Kunstfälschung eines Gerhard-Richter-Gemäldes verdächtigt. Ich kann das kaum fassen und will es nicht glauben. Muss ich jetzt sogar froh darüber sein, dass ich mit seiner „rechten Hand“, einer Dame meines Alters, so gar nicht klar kam? Zuletzt war ich deshalb auch nicht mehr mit ihr, sondern mit ihm direkt per E-Mail in Kontakt und schickte Fotos meiner neuesten Werke auf seinen PC. Ich habe diesem Galeristen zu verdanken, einen gehörigen “Aufwind” erhalten zu haben. Denn, dass er sich für meine Arbeit interessierte, sprach sich schnell herum. Eine Art Gütesiegel! Nun sind alle meine Hoffnungen erst einmal zerschlagen worden und ich frage mich, ob ich ein Leben lang ohne Galerist werde auskommen müssen.  

Kommunale Galerien sind dem finanziellen Dauerdruck nicht in derselben Art und Weise ausgeliefert, wie ihn die privaten Galerien zu verzeichnen haben. Deshalb können sie sich leisten, entspannter zu agieren, backen aber auch nur die kleineren Brötchen. Als ausstellender Künstler hat man deshalb auch oft vermehrt Aufwand statt Nutzen zu verzeichnen, wenn man es rein finanziell betrachtet. Doch in meinem Fall ist die Ausstellung ein Genuss, denn sie wurde von kluger Hand geplant und ihre ca. siebzig Einzelteile wurden liebevoll drapiert und wirksam in Szene gesetzt. Bis zum 24. November kann sie noch besucht werden.

Mit unserem Hund im Gepäck gestalteten sich die nächsten Tage, auch im nahe gelegenen Hotel, überraschend unkompliziert. Das tat in der Tat gut, denn zuvor musste ich „Steine“ vor meiner Türe in Werder beiseite wälzen. Ich hätte mich nämlich vorab um einen sogenannten “Verkehrssicherer” bemühen müssen, um gewährleisten zu können, mit dem Transporter zuverlässig bis dicht heran an meine Werkstattüre zu gelangen. Es gibt davor weder einen Fußweg noch eine richtige Straße – nur einen Parkplatz, dessen „regelnde“ Parkordnung per Verkehrsschild, jedoch gern umgangen wird.

Dann schaue ich aus meiner Ladentüre heraus auf die grinsenden Schnauzen der Autos davor. Warum zuvorkommend freundlich, wenn es auch umständlich geht? Gut, dass ich genug Zeit hatte, um meinen Verladeproblemen cool begegnen und eine Notfallstrategie entwickeln zu können.

Als Kunstbetrachter sieht man all das nicht, wenn man mit der Preisliste in der Hand seinen Ausstellungsrundgang tätigt. Wer über Preise nachsinnt, bedenkt nicht das Davor und Danach und auch nicht die Logistik dahinter. Allein die gewichtigen Plastiken zu heben, zwanzig an der Zahl, das kam in meinem Fall einem Kraftakt gleich. Zwei sensible Terrakotten, den „Papst“ und die „Pandora“, transportierten wir mit dem eigenen Auto und als diese beiden letzten Stücke dann endlich auf ihren bereitgestellten Sockeln standen, ohne Schaden genommen zu haben, war das ein erhebender Moment, nicht nur für mich.

Trotz herbstlich-kühler Temperaturen und Nieselregens mit Nebelschleiern blieben wir noch einige angehängte freie Tage in Suhl und fühlten uns gut aufgehoben. Unsere junge Hündin lag in der Hotelbar so gut wie nie unterm Tisch, sondern hatte immer nette Spielkontakte. Mal handelte es sich um eine ganze holländische, hundefreundlich gestimmte Reisegruppe, ein anderes Mal um einzelne Gäste, die selbst einen oder sogar mehrere Hunde dabei hatten. Erschöpft und selig schlief unser Hundchen darum jeden Abend zufrieden in seiner mitgebrachten Box ein. Eine gute Übung für den jungen Hund – auch im Urlaubsmodus zeigte sich unser Pünktchen liebenswürdig, zuverlässig, humorvoll, alltagstauglich und stressresistend.

Zurück fuhren wir über Jena. Unsere Freunde und unser Sohn haben hier ihren Lebensmittelpunkt. Ich wurde spontan eingeladen bei einer „herbstlich“ gestimmten, faszinierenden Tätigkeit „Ecoprint“ genannt, mitzumachen und erlernte bei dieser Gelegenheit das „Blätterauflegen“, indem ich zu meiner Verwunderung meinen eigenen, bereits vorbereiteten Schal, gestalten durfte.

„Ecoprinten“ geschieht unter Zuhilfenahme von gerbsäurehaltigem Blattwerk. Es kommen zuvor gefärbte Stoffe zum Einsatz, auf denen diese Blätter lose angeordnet werden. Ihre Konturen drucken sich später auf der Unterlage effektvoll ab. In Folie wickelt man zuvor alles ein, als würde man einen Strudel zu einem Paket binden wollen und lässt diese Rolle über Dampf längere Zeit garen, zum Beispiel in einem Einwecktopf, da passen mehrere Rollen gleichzeitig hinein. Anschließend erfolgt die Endbehandlung unter fließendem Wasser. Wenn die Blätter ihre färbenden Wirkstoffe mehr oder weniger erfolgreich abgegeben haben, lassen sich ihre Abdrücke deutlich erkennen, mitunter aber auch nur als ein Hauch erahnen. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel die Walnuss oder der rotfärbende Eukalyptus, sind sehr präsent, so dass man anschließend sämtliche Blattrippen zählen kann, andere verhalten sich subtiler. So entsteht Spannung, die erstaunen lässt.

Eine überaus reizvolle Technik, die Zartes und Verletzliches passend zur derzeitigen herbstlichen Stimmung, ausdrucksvoll in Szene setzt. Dieser, von den wunderschönen Stoffen ausgehenden Faszination, kann man sich kaum entziehen. Ich spraye Blätter mit der Dose, hier aber sind es echte, lebendige Blätter! Die vielen Schritte, die es braucht, um zu einem erfreulichen Ergebnis zu gelangen, sieht der Laie natürlich auch hier nicht. Hinzu kommt der Aspekt der Nützlichkeit. Benutzertaugliches hat nun einmal nicht teuer zu sein. Doch diese kleinen Kunstwerke sind in meinen Augen ein Stück Luxus. Mitunter muss ein Stoff mehrmals „überprintet“ werden, weil der Zufall nicht immer so freundlich ist, wie erwartet. Auf den ersten Druck kommt in solchen Fällen ein zweiter, manchmal wird auch ein dritter gesetzt. Der verwendete Untergrund entscheidet, neben den unterschiedlichen verwendeten Sorten von Blättern ebenfalls darüber, wie das Ergebnis ausfällt. Wolle reagiert anders als seidene Stoffe, transparentes anders als derb geartetes Material.

Es sind am Ende Wissen und Erfahrung, die den Wert einer gelungenen Arbeit ausmachen.

Gestaltete sich unser Aufenthalt in Suhl eher feucht, so nahm uns bereits während der Rückfahrt über Jena eine wunderbar wärmende Sonne in ihren Bann. Der Rennsteig wirkte wie eine Wetterscheide. Gemütlich ließen wir im herbstlich blühenden Garten unserer Freunde, die letzten Tage und meine Ausstellung in Suhl, Revue passieren. Bevor wir endgültig unsere Rückfahrt antraten, führte uns ein letzter, gemeinsamer Spaziergang in einen beliebten Biergarten an der Saale und hier sollte auch Pünktchen nochmals auf ihre Kosten kommen. Überall Spielgefährten, so auch dort. Zum Erstaunen vieler Zuschauer, die auf der Brücke stehen blieben und belustigt zusahen, veranstalteten die übermütigen Hunde unten drunter eine wilde Verfolgungsjagd im Wasser. Unsere hakenschlagend vorneweg, etwas schwerfälliger die beiden größeren Hunde hinter ihr her.

Auf der Terrasse empfing uns an jenem Abend, als wir schließlich heim kamen, eine wundersam dunstige Stimmung, ganz so, wie im tropischen Regenwald! Feinste Wassertröpfchen hingen verteilt in der Luft und in den Zweigen der Tamariske. Am nächsten Tag konnten wir darum nicht anders, als in die Pilze zu gehen! Zahlreich zeigten sie sich und erfreuen auch jetzt noch, nach Einsetzen des ersten Frosts, den kundigen Sammler, der überall fündig wird. Wir gehen natürlich nicht allein, sondern mit unserem Hund, denn wir versuchen diesem beizubringen, Speisepilze für uns zu erschnüffeln. Der Prozess des Lernens ist jedoch langwierig. Noch findet Pünktchen leider sämtliche Pilzsorten, auch die psychedelischen, gleichermaßen interessant!

Moose und Flechten haben sich erholt, es ist jetzt im nebeligen Wald einfach wunderbar. Dennoch, für manchen Baum kam die erfreulich reichhaltige Feuchtigkeit der letzten Wochen leider zu spät. Wir standen kürzlich vor einer Fichte die sich vollkommen ihrer noch grünen Nadeln entledigt hatte. In Schichten lagen sie, wie ein weicher Teppich, unter dem Baum und um dessen Stamm herum verteilt. Durch diesen zog sich ein langer Spannungsriss von unten bis weit nach oben. Ich verfolgte seinen Verlauf und traute meinen Augen kaum: die letzten Äste des alten Baumes lebten noch! Wie eine Fahne erhob sich dieses „Restbäumchen“ oberhalb des toten Geästes und trotzte dem Wind, der über die danebenstehenden, ebenfalls langsam dahinsiechenden Gefährten strich. Ein Bild, das mir sämtliche Tränen in die Augen trieb. Mein Herz krampfte und die Kehle schnürte sich mir zu und so ließ ich sie laufen in dem Bewusstsein, hier nichts tun zu können.

Je weiter nördlich man kommt, umso anhaltend trockener und heißer scheint es zu werden. Im Land Brandenburg findet tatsächlich gerade eine dramatische Wandlung statt, genauso, wie es von der Wissenschaft vorausgesagt worden ist. Nicht so im Thüringer Wald, hier sehen die majestätischen Baumriesen noch intakt aus. Im dunstigen Nebel erschienen sie uns, wie hintereinander aufgestellte, sanfte Schatten und es roch wunderbar würzig. Wenn wir der Filmindustrie Glauben schenken, dann ist unser aller geheimnisvolle Waldwelt irgendwann Geschichte. „Regen“ wird dann ein Fremdwort für uns sein und wenn dann erst eine glühende „Dauersonne“ in aller Brutalität auf unseren Landstrich herniederscheint, werden wir uns nur noch – verhuscht wie Kellerasseln und Küchenschaben – vor dem gleißenden Licht und der sengenden Hitze überall, gesellig in kühlen und dunklen Schutzräumen verstecken können. Das klingt nach der Überlebensmaxime eines Grafen Dracula; auch der soll ja kein Sonnenlicht vertragen haben, weshalb er die hellen Stunden des Tages, in seiner muffigen Gruft verschlief.

Maren Simon, 3 Kleinplastiken, 2012 – 2019

„Schmutzende“ und verschattende Bäume, auch solche, die reichlich Früchte tragen oder Laub abwerfen, werden unseres Klimanotstandes zum Trotz, neuerdings leider sehr häufig wenig kulturvoll gestutzt. Ich meine nicht die Straßenbäume, die „gesundgeschnitten“ wurden und deshalb manchmal wie verstümmelt wirken, sondern ich wundere mich über diese aufkommende „Mode“, dem Wachstum von Douglasien, Fichten oder Tannen, deren Erscheinungsbild anfangs sehr „knuffig“ später aber zu üppig ausfällt, Einhalt zu gebieten, weil sie ihr „Versprechen“, so gefällig wie in jungen Jahren zu bleiben, einfach nicht halten wollen! Sie wollen in zu dichter Ansammlung und in Reihe angepflanzt, bei zu starkem Wasserverbrauch viel zu hoch hinaus! Oben wird gekappt, aber die unteren Wedel bleiben dran. Manchmal steht nur noch der Stamm – nackt und ohne alles da, was ich ziemlich halbherzig finde. Grausam und brutal in jedem Fall. Beliebt ist auch die Methode bei sehr alten Obstbäumen durch rabiate „Verjüngung“ einer „Vergreisung“ entgegen zu wirken. Es sieht dann in der Dämmerung für mich so aus und beflügelt meine Phantasie, als wären das menschliche Kreaturen, die ohne ihr Haupt, dafür aber mit mehreren amputierten Armen und auf einem Fuße stehend, kläglich am Leben gehalten werden. In Würde altern dürfen diese versehrten Bäume jedenfalls nicht, denn der reiche Ertrag ist ihr Job.

Welches Grün hat in unserer Region noch eine Zukunft? Als ich Mitte der 90-iger Jahre darüber nachdachte, versuchte ich bereits damals schon, der zunehmenden Trockenheit mit entsprechendem Bewuchs rund ums Haus, zu begegnen. Das Ergebnis heute nun, ist ein üppiger, schattenspendender und ungewöhnlich vielseitiger „Waldgarten“. In ihm wachsen für unsere Tiere verschiedene vogelfreundliche, beerentragende Sträucher und kleinere Bäume, auch einige große, wie der Walnussbaum oder die beiden Lärchen. Hier tummelt sich neuerdings zu unserer Freude sogar eines der schützenswerten, rothaarigen Eichhörnchen herum. Im Nussbaum ranken Strauchrosen und am Haus der Blauregen. So dichtes Grün ist aber nicht jedermanns Sache. Wer die direkte Sonne liebt, muss andere Lösungen finden. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass die Natur sich in jedem Fall zu helfen weiß.

Wir sollten sie hierbei vermehrt unterstützen. Manchmal denke ich voller Sarkasmus, wir vernunftbegabten Kreaturen müssen endlich die Option in Erwägung ziehen zahlenmäßig auf weniger, anstatt auf mehr Wachstum, zu setzen. Auf diesen Einfall kamen auch “Die Ärzte”, deren neuesten Song „Abschied“ ich kürzlich erst im Radio hörte. Parasiten werden immer und überall durch ihre Anzahl zum Problem! Bei allen vermeintlichen „Schädlingen“ und „Unkräutern“ ist das so, weshalb die meisten Menschen diesen erfolgreichen, tierischen Spezialisten und pflanzlichen Überlebenskünstlern, auch so feindlich gesonnen gegenüber stehen.

Ganz aktuell sei der gemeine Buchsbaumzünsler genannt, aus dem an sich ein schöner Falter wird, wenn er ausgewachsen ist. Zum Problem wird seit einigen Jahren sein klimabedingtes, massives Auftreten häufig auf beschnittenem Buchs, wobei die Raupen die wertvollen Buchsbaumbüsche leider in kürzester Zeit total kahl fressen. Dem umtriebigen Zünsler ist kaum beizukommen, denn er will nur Buchsbaumblättchen fressen, nichts anderes. Weniger Individuen des Buchsbaumzünslers bedeuteten eindeutig weniger Stress für den „Planeten Buchs“. Und weniger von uns, darauf wiesen die Grünen bereits 2002 hin, bedeuteten für unseren Planeten mehr Aussicht auf ein gesünderes Klima durch weniger Raubbau an der Natur. „Los komm, wir sterben aus, denn das ist besser für die Welt“, „alles ist besser, als ein weiterer Tag, an dem wir den Planeten ruinieren“…

Deutlich WENIGER brächte Entspannung.

Weniger Straßenverkehr, weniger Müll und weniger Klamotten (Kleidung die völlig intakt, weggeworfen wird), weniger benötigte Nahrungsmittel, weniger Futtermittel- und geringerer Wasserverbrauch, weniger schädliche Klima- und Kühlanlagen, weniger Schornsteine (und darum weniger dicke Luft), weniger Abwasser und Fäkalien, weniger Landwirtschaft, Chemie und Umweltgifte, weniger Lärm und weniger Lichtverschmutzung, weniger Versiegelung (mit Stein und Beton = weniger Hitzestau), weniger Schadstoffe im Boden und dafür wieder wahre, natürliche Schönheit! Wie im Paradiesgarten mit Insekten, Vögeln, wilden Pflanzen und überhaupt, wieder mehr Artenreichtum, zu Wasser zu Land und zur Luft. Es geht uns (in unseren Breiten) einfach viel zu gut, darum merken wir erst dann, wenn es bereits zu spät ist, was wir verloren haben! 

“Totalschaden”

Eine blühende Wiese ist eine einzige Freude für den, der Sehen gelernt hat!

Was ist doch der „böse“ Zünsler für ein harmloser Geselle, im Vergleich zu der sorglosen Spezies Mensch! Gibt man die Kombination „Zünsler“ und „Buchs“ bei Google ein, erfährt man einiges über ein erfolgreiches Insekt und über äußerst verärgerte Menschen, die sich anscheinend nur noch mit Chemie dagegen zu helfen wissen. Hat der Zünsler seine Buchsbaumwelt kahl gefressen, zieht er weiter. Aber der Buchs treibt mit etwas Glück wieder aus und kann sich regenerieren! Spatzen helfen ihm dabei, indem sie die Raupen gezielt absammeln und an ihre Jungen verfüttern. Vater Lups lässt grüßen! Die Natur bekommt es in den Griff, solange die Balance stimmt.

Wenn nun aber leider der Bezug zu den Ursprüngen verloren gegangen ist, wird kein einziger Gedanke an das erfolgreiche Wachstum eines kleinen, lästigen Unkrauts, das sich mit Freude zwischen Beton und Flusskieselaufschüttung im Vorgarten angesiedelt hat, verschwendet – schon gar nicht ein von Mitleid oder Achtung getragener. Solange der Rasen im stetigen Wechsel von Wässern und Mähen, teppichgleich und üppig gedeiht, ist alles gut. Sauberkeit, Ordnung und Übersichtlichkeit, sagt „Meister Propper“, das sind nämlich die drei wesentlich wichtigsten Aspekte im Leben des gewöhnlichen und „gemeinen“ Homo sapiens. Seinen keimfreien, möglichst sterilen Standard unter allen Umständen zu erreichen und vor allem auch zu halten, erklärt uns besonders gern im Vorabendprogramm die Putzmittelindustrie zur einzigen, minimalistischen Aufgabe im Leben desselben. Und nach uns dann, die Sintflut!

In Lübnitz bei Bad Belzig vor der “Trockenzeit”

An jenem Tag im Belziger Forst, als wir die sterbenden Fichten in Lübnitz beweinten, wurde mir und meinem Mann schlagartig bewusst, dass der vorausgesagte „Tipping Point“ an manchen Stellen im Land Brandenburg bereits überschritten und eine Umkehr hier nicht mehr möglich ist.

Maren Simon am 23.Oktober/13. November 2019

 

 

 

 

 

 

Sehens-, Fühlens-, und Hörenswert:

„Es lebt!“, Film des Regisseurs Rene Daalder von 1997

Herbstblattdrucke auf Stoff aus der „textil WERK statt“. Kontakt über: http://www.katrinknape.de

„Silberfische in meinem Bett“, äußerst humorvoller Beitrag! Lied von „Fettes Brot“. Wunderbar genuschelter und eilig vorgetragener, hintersinniger Text. Deswegen einer meiner Favoriten in der Musikbox. Im dazugehörigen Video treibt zwar ein Insektenvernichterteam mit viel Sprühnebel sein Unwesen, aber sie bleiben ohne Erfolg. Die Kakerlake gewinnt.

„Die Ärzte“ sarkastisch zum Thema Klimawandel: „Abschied“, 2019.

12. November 2019

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GLÜCK ist doch nur eine Frage der Einstellung

Die Bildhauerin Maren Simon im Gespräch mit Tilda – Bisertha Grünemitten über das Glücklichsein im Allgemeinen und seine Schattenseiten im Besonderen, daraus resultierenden, zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie die Vorbereitungen zu ihrer Ausstellung „Geerdet Aufstrebend“, in der CCS Galerie in Suhl.

Liebe Frau Simon, Sie sind als selbständige und freiberuflich arbeitende Künstlerin anders getaktet, als ihre Mitmenschen es sind, die einen geregelten Tagesablauf haben. Sie spüren gewisse, mitunter ganz leise Schwingungen, die in der Luft liegen und verarbeiten diese künstlerisch. In Suhl werden wir in den nächsten Wochen einige dieser Ergebnisse, vieler Jahre Arbeit anschauen können. Sie sagen, während die Dosis das Gift machte, wie der Arzt und Naturforscher Paracelsus betonte, gäbe es zum Glücklichsein keine verbindlichen Mengenangaben, obwohl sicherlich auch zu viel an Glück mehr Schaden, als Nutzen anrichten könne. Für Sie ist Glück nur eine Frage der persönlichen Einstellung zum Leben. Und immer auch der Umstände! Erklären Sie uns das bitte genauer.

Wir waren in freudiger Urlaubsstimmung und mit der Vorbereitung hierzu beschäftigt, da bekam ich einen Brief mit Karte per Einschreiben zugesandt. Obenan der sinngemäß erhobene „Zeigefinger“ der Lehrerin, ob ich denn tatsächlich mit „der Situation glücklich“ sei. Wir fuhren wie geplant in die Ferien und ich entschied mich, eine eventuelle Beantwortung dieser übergriffigen Frage auf später zu verschieben. Die Post kam nämlich von meiner Mutter. Und die „Situationsfrage“ bezieht sich auf das allgemeine Unbehagen, das unsere Familie nun schon seit vielen, etlichen Jahren gefangen nimmt. Ich bin jedoch froh, endlich Abstand gewonnen zu haben.

Viel zu schön sollten unsere Ferientage erstmals auch mit Hund, werden! Ob bei strahlend blauem Himmel, Sonne oder Wind und Regen, wir machten jeden Tag zu einem kleinen Fest. Ich tankte auf diese Weise vor der letzten, immer heftigen Vorbereitungsphase bei der Ausstellungsvorbereitung, frische Luft und Energie. Wir besuchten in Dänemark Pünktchens Bruder „Akito“ und seine neue Familie und staunten, wie sich beide Hundchen rangelnd und voller Freude, förmlich in den Armen lagen. In unserem strohgedeckten, sehr gemütlichen Urlaubsdomizil mangelte es uns an nichts. Der nah gelegene Strand lockte jeden Tag und das grünlich schimmernde Meerwasser leuchtete so wunderbar klar, was wollten wir mehr? Unsere Hündin sprang vor Freude auf und ab, sie badete und buddelte im Sand, wie ein Kind und flitzte zwischen ihren beiden Menschen immer hin und her. Sie fühlte sich ganz offensichtlich gemeinsam mit uns, (zeitweise auch mit Sohn Carsten und Freundin Aline, die ebenfalls für ein paar gemeinsame Tage vorbeischauten), im urigen Fachwerkhäuschen pudelwohl.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen!

Genauso ist es. Jeder empfindet anders. Ein jeder freut sich auch über anderes, mitunter nur über Kleinigkeiten. Mir sind es die im Urlaub an der See am Strand gefundenen Steine mit Loch, die sogenannten „Hühnergötter“ und solche, mit den tollsten Krusten und Strukturen auf ihrer Oberfläche oder auch bunte Glasscherben, die ich finde. Dem anderen reichen zum Glücklichsein die Sonne unter blauem Himmel, gepaart mit einer Brise Meer in den Haaren und Salz auf der Haut. All das ist umsonst zu haben und es kostet nichts, denn die Natur geht verschwenderisch mit ihren Schätzen um. Einfach wunderbar.

Jetzt fängt die Zeit der bunten Herbstblätter an, die in Unmengen von den Bäumen auf uns herab segeln, zu des einen Last und des anderen Freud! Das Unauffällige, wenig Spektakuläre nimmt in ihrem Leben, aber auch in Ihrem Schaffen, einen großen Stellenwert ein, kann man das so stehen lassen?

Glück hat für mich vor allem mit Genügsamkeit zu tun! Nicht zu verwechseln mit einem allzu „geringen“ Anspruch an das Leben generell. Ich habe dafür viele Beispiele parat, so auch dieses: wenn ich mit dem Hund auf Ackerwegen entlang laufe oder auch auf Wegen im Wald, dann habe ich immer einen Beutel dabei, ich meine nicht jene Tüte, an die Sie jetzt denken. Ich finde überall Scherben! Während der Hund seine Nase schnüffelnd nach unten richtet, um verschiedenste Spuren zu lesen, suche ich in ähnlicher Haltung auf zwei Beinen statt vieren den Boden ab, wenn es vermehrt Aussicht darauf gibt, an einer Stelle fündig zu werden. Schuttberge im Wald erregen mein Interesse; die oft darin verborgenen, scherbenen Fliesenreste machen mich happy. „Kleine Steinchen, kleines Glück sozusagen – genau wie die vielen „Herbstgeschenke”, die jetzt auf uns hernieder fallen.

Diese Jahreszeit mit ihren bunten, fallenden Blättern, ist in der Tat für mich eine der schönsten. Alle kommen zur Ruhe und bereiten sich auf den Winter vor. Die Sonne steht tiefer, erdige Farben gewinnen die Oberhand und bald werden uns zarteste Nebelschleier einhüllen und das Ende des Jahres verkünden. Was mancher als „sterbend“ empfindet, ist natürlichste Notwendigkeit, damit es im Frühjahr wie von Zauberhand, neu keimen und sprießen kann. Ich empfinde diese Wunder als eine einzige, von „oben“ aufs Genialste gelenkte, Performance.

Des Menschen „größeres“ Glück, erscheint allerdings oft nicht, weil man es will oder es gar nötig hätte, sondern besonders gern dann, wenn man nicht damit rechnet! So kam es, dass ich vor einiger Zeit überraschend von meiner ehemaligen Kommilitonin, der Malerin und Grafikerin Gabriele Just mit der ich gemeinsam in Leipzig studierte, am Telefon gefragt worden bin, ob ich in der von ihr betreuten CCS-Galerie in Suhl, eine Ausstellung realisieren wolle. Natürlich sagte ich zu. So kommt eine ganze Gruppe meiner „Kinder“, etwa 20 an der Zahl sind geplant, mal wieder an die frische Luft.

Sie klingen optimistisch, aber so unkompliziert wie Sie durchblicken lassen, ist es wohl nicht immer.

Aufrichtige Wertschätzung, noch dazu von einer anderen Frau zu erfahren, ist etwas Neues für mich. Allein, wie sich das anhört: die Simon in Suhl! Es freut mich auch, dass gerade wir Beiden mit den schon damals kürzesten Beinen, etwas zusammen stemmen werden, was es so auch noch nicht gab. Wie offen die Galeristin, Holzschneiderin und Malerin Just meine Plastik und vor allem auch die Bilder begutachtete, überraschte mich. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns aus Jugendtagen kennen und ebenbürtige Kolleginnen sind.

Ich bitte jetzt aber alle, die auf eine Einladung hoffen, um Entschuldigung. Denn leider schlichen sich auf der Einladungskarte zur Ausstellung etwas zu viele Fehler in den Text hinein! Sie wurde mir zur Abnahme nicht vorgelegt, weswegen ich nun keine verschicken werde. Das ist schade. Ich hoffe aber inniglich, dass dies die einzige Unannehmlichkeit gewesen ist und ansonsten, alles glatt über die Bühne gehen wird.

Ich bin gespannt und freue mich darauf von Ihrer „Welterfahrung“ zu profitieren. Warum sieht man Sie in der Öffentlichkeit nicht öfter? Es muss sich ja einiges angesammelt haben!

Es ist unglaublich anstrengend durch gerade einmal „spaltbreit“ offenstehende Türen schielen zu müssen in der Hoffnung, Gehör und vor allem Augenmerk zu erfahren. Bei mir blieben diese Bemühungen leider zu oft ohne jeden Erfolg. Da vergeht einem die Freude an der Sache. Nehmen Sie jetzt nur einmal den allseits begehrten Handwerker, den man bittet ein Problem lösen zu dürfen! Sein selbstbewusstes Auftreten wird genau durch diesen Sachverhalt – des an ihn mit einem Anliegen Herantretens – gestärkt, was umgekehrt bedeutet, wenig aufrechte Haltung trägt zur Erfolglosigkeit bei. Und Erfolglosigkeit bedingt eine wenig selbstbewusste, wenig aufrechte Haltung – ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt!

Sie sprechen mit sarkastischem Unterton und grinsen dabei.

Weil der Vergleich natürlich hinkt! Der Handwerker hat immer etwas zu bieten, was allseits gebraucht wird, seine Leistung ist begehrt. Selbst dann, wenn er kein Meister seines Faches ist, so kann er doch in der Regel gut von seiner Arbeit leben! Der künstlerisch arbeitende Mensch muss sich dagegen Bittstellend zu oft und zu tief beugen.

Manche von uns zerbrechen daran.

Ich beschäftige mich gedanklich nun schon seit Monaten mit der Präsentation meiner Arbeit in der Galerie, denn ich bin aus der Übung! Der aufwändige Transport meiner sensiblen und schweren Plastiken wird, wie schön, jedoch von Fachleuten übernommen, die sich mit Hilfe eines entsprechend fahrbaren Untersatzes, hoffentlich sorgfältig darum kümmern werden. Die unbequemen Transporte, aber auch die Hängung der Bilder und die Aufstellung der Plastiken samt diverser, selbst bereit gestellter Sockel, hatte ich in der Vergangenheit mit Hilfe des eigenen Autos, meist selbst zu stemmen. Deshalb breitet sich so etwas wie Glück in Form von Dankbarkeit in mir aus. Und Vorfreude auch. Auch ich werde nun einmal nicht jünger.

Dennoch scheinen Sie melancholisch gestimmt zu sein. Sie könnten sich wenigstens ein bisschen zurücklehnen, oder geben Sie Verantwortung nicht gern ab?

Ohne gegenseitiges Vertrauen und Achtung geht kaum etwas! Für mich ist immer auch interessant, die eigene Arbeit aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet, nämlich durch die Augen anderer Personen hindurch, anschauen zu dürfen. Je aufrichtiger die Worte dieses Betrachters, umso besser für mich. Und jetzt komme ich zu dem Einschreiben zurück, das mich wieder an meine ungeliebte Position innerhalb meiner Herkunftsfamilie erinnert.

Ausgerechnet von denen, die Ihnen am Nächsten stehen sollten, wandten Sie sich ab. Sie sagen, Sie wurden als „egoistisch” und “karrieregeil” wahrgenommen, als eine, die es zu maßregeln galt. Und Sie beklagen die Ressentiments, die Ihnen in diesem Zusammenhang angedichtet wurden. Die Tatsache, dass man den außergewöhnlichen, zu Besonderem veranlagten, empfindsamen Menschen in Ihnen missverstand, kränkte Sie sehr.

Und ich schaue voller Verwunderung auf die großen (meist männlichen) Strategen der Kunstszene! Obwohl sie teilweise unausstehlich waren, konnten sie sich auf ein ganzes Imperium, das hinter ihnen stand, verlassen. Nehmen wir als Beispiel Picasso: seine vielen traurigen, durch üble Behandlung geistig verwirrten, sehr wütenden Frauen! Als er bereits lange Tod war, legten zweie noch Hand an sich und brachten sich um! Die vielen Kinder, die Enkel, sogar die lieben Tiere – wir kennen sie alle! Es beeindruckt, wenn jemand derart viel Einfluss auf andere auszuüben vermag. Auch im Seniorenheim greift diese Strategie, wenn die Enkelbilder herumgereicht werden. Die Sorgen und Nöte einer künstlerisch tätigen Frau sind dagegen alles andere, als prickelnd.

Sie lachen. Ihnen den Humor auszutreiben, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein!

Maren Simon, “Teatime”, Höhe: 75 cm, 2018

Naja, ganz so lustig war das alles nicht. Darum zieren meine Selbstportraits abwechselnd zu große und gern auch lädierte Nasen! Die Nase ist ja ein sehr demonstratives Zeichen von Potenz und die beschädigte Nase ist daher ein Indiz für eingebüßte Macht. Und bei Skulpturen ist die Nase oft das favorisierte Körperteil, welches abfällt, wenn die Plastik unsachgemäß transportiert worden ist! Diese Doppelbödigkeit gefällt mir einfach ausgesprochen gut und kommt meinem Naturell entgegen. Weil mein „Größenwahn“ im Laufe der Jahre durch familiären „Feinabrieb“ gelitten hat, weshalb meine Nase „stumpf“ geworden ist, und ich darüber hinaus auch eine „glänzendgoldene“ Nase nie werde mein Eigen nennen können, bin ich selber sehr gespannt darauf, was ich von mir in Sachen „Selbstdarstellung“ künftig noch zu erwarten habe. Vorab müssen die paar Exemplare in der Ausstellung jedoch reichen.

Man spürt, dass Sie die Menschen, obwohl diese ihnen gewisse Probleme bereiten, doch auch lieben.

Es gibt nun einmal Berufe mit einem größeren Risiko (zudem, wenn man „Frau“ ist), andere Menschen zu reizen und zu provozieren. Da bleibt mir nichts weiter übrig, als über den Dingen zu stehen. Als Künstlerin komme ich nicht umhin, die Vorurteile meiner Mitmenschen, die sie gegenüber meiner unsteten Lebensführung haben, ertragen zu müssen und ihren misslichen Empfindungen ausgesetzt zu sein, wenn ich ihre Anspielungen und Anbiedereien nicht erwidere. Meiner Meinung nach wäre es wichtig, statt übereinander zu reden, mehr miteinander zu diskutieren und sich darin zu üben, auch anderer Leute Wahrheit gelten zu lassen, neben der eigenen natürlich. Oft liegen die Sachverhalte beim Gegenüber ja ganz anders als gedacht, doch außer mir interessiert das keinen, denn ich bin nun einmal die, welche außerhalb der Mitte der Gesellschaft ziemlich allein an ihrem Rand steht und nicht die anderen.

Es heißt ja wohl deshalb auch sehr häufig, Künstler würden in „Elfenbeintürmen“ leben. Oft befinden sie sich fern ab von den anderen und dennoch ganz dicht dran an den Menschen! Doch das vergessen viele.

Und keinen interessiert, wieso sie das (nicht immer freiwillig) tun!

„Die beste Tarnung ist die Wahrheit. Die glaubt einem keiner“, wusste schon Max Frisch zu sagen. Fest steht jedenfalls, dass an bereits etablierter Kunst und da kommen die vielen Nachahmer ins Spiel, niemand rüttelt! Sie haben es immer vermieden sich bei anderen Künstlern zu bedienen und fanden stattdessen zu einer sehr eigenen Sprache innerhalb derer, Sie sich Ihrem Publikum mitteilen.

Als ich zum Beispiel versuchte, vor vielleicht 5 Jahren, eine Portraitplastik in Oldenburg dem dortigen Kunstmuseum vorzustellen, weil ich der Ansicht war, sie ist doch recht eigen und auch interessant geraten, kam von der Museumsleiterin eine ausweichende Antwort zurück; es sei noch zu früh für eine derart „drastische Darstellung“, die reinste Zumutung für die Hinterbliebenen. Ich lade dazu ein diesen Sachverhalt zu überprüfen, denn ich gedenke „Horst Janssen“ nach Suhl mitzubringen.

Und auch im „Hetjens“, dem Düsseldorfer Museum für Keramik, erntete ich vor vielen, vielen Jahren amüsierte, freundlichste Ablehnung, denn hier fanden mich die Damen, denen ich einen Katalog schickte, einfach nur lustig und steckten die Künstlerin Simon, in die Comic-Schublade. Der Katalog blieb dort, den wollten sie behalten! Ich bin überglücklich darüber, mit dem Klischee, dass ich mich nur zu doof anstelle, jetzt endlich einmal ordentlich aufräumen zu können! Es ist doch im Gegenteil sogar so, dass Frauen im Verhältnis zu Männern, mehr ranklotzen und mehr Geduld aufbringen müssen als diese. Und ich behaupte, sowohl „drastisch“ als auch „lustig“ in Einem zu sein, das kann auch nur eine Frau. Die Kollegen sind meistens wenig witzig und Selbstironie liegt ihnen überhaupt nicht.

Kränkungen und Demütigungen gehören anscheinend zum Alltag vieler ernsthafter Künstler, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Das Problem scheint mir zu sein, dass man es zu Lebzeiten nicht genau weiß, in welche Kaste man gehört.

An einer Hochschuleinrichtung studiert zu haben, stellt schon einmal keine Garantie dar, im späteren Berufsleben auch ernst genommen zu werden! Als ich mich in jungen Jahren voller Tatendrang darum bewarb, der Organisation der künstlerisch tätigen Frauen, der GEDOK, beizutreten, brauchte man mich dort nicht, trotz des Diploms an einer der renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands in meiner Tasche! Man wünschte mir stattdessen für meine weitere Zukunft „alles Gute“. Jetzt, so scheint es mir, würden sie die Simon in ihre Reihen aufnehmen wollen, warum auch immer. Die Generation der heute erfolgreichen Älteren war damals schon, knallhart. Aber nun will auch ich nicht mehr. Das ist die Ironie des Schicksals.

„Wie du mir, so ich dir“. Kann es sein, dass Sie mit den Jahren kritischer geworden sind und vielleicht auch einen gewissen Stolz entwickelt haben, der Sie davor bewahrt, sich bei anderen Menschen anzudienen?

Maren Simon, “Standbein, Spielbein”, Höhe: 42 cm, 2018

Man selbst spürt doch sehr genau auf welchem Platz man steht und man weiß auch selbst sehr gut, ob man wo dazu gehört oder besser nicht. Ständige Unterforderung und Ablehnung wirken prägend, das ist richtig. In Vereinen, Institutionen oder Organisationen entwickelt sich ja auch so etwas wie eine Rangordnung. Man darf dort nicht erwarten „lieb“ gehabt zu werden! Wenn ich die Ellenbogen gegen andere einsetzen muss, nur um für meine Person eine Vorreiterposition zu erkämpfen, fände ich das einfach nur beschämend. Darum lehne ich Gemeinschaften, die mit einer “Hackordnung“ einhergehen, vehement ab. 

Man wird jetzt immer häufiger gefragt: „und, was macht das dann mit Dir?“ Diese Form des Alleinganges, ohne jeden Rückhalt, ohne Beistand und Unterstützer, erscheint mir doch recht ungewöhnlich und wenig erfolgversprechend.

Ja, was wird es wohl machen? Ich kann es nicht von der Hand weisen, in gewisser Weise darüber desillusioniert, abgestumpft und müde geworden zu sein! Für mich ergibt nur noch Sinn in Ruhe meiner Arbeit nachzugehen. Ich würde gern mehr Gießen lassen wollen, das erwähnte ich schon des Öfteren. Deshalb möchte ich es zur Bedingung werden lassen, dass von jedem Werk, welches angekauft wird, vorab ein Abguss erstellt wird. Denn diese Portraitplastiken und natürlich ebenso auch die kleinen Statuen, sind mein einziges Kapital! Und meine Altersvorsorge. Wer das Unikat besitzt hat den Joker. Die Bronzen sind jedoch ebenso eigenständig, doch können sie das Original natürlich nicht 1:1 ersetzen! Zwei Handvoll keramische Plastiken sind es meist pro Jahr die eben nicht, schnell wie am Fließband, entstehen. In den über 30 Jahren Berufstätigkeit hat sich zwar einiges angesammelt, doch davon will ich zehren können. Mir fehlen die Mittel, Abgüsse in Bronze, oder wenigstens die Abnahme einer Siliconform dafür, vorab vornehmen zu lassen. Darum an dieser Stelle der Hinweis, wenn jemand Geld zu verschenken hat, nur zu! … ich revangiere mich mit Kunst.

Es muss sich doch aber Jemand mit den entsprechenden Verbindungen finden lassen, der Ihre „Goldgrube“ zu schätzen weiß! Ich will das nicht glauben, dass es so derart schwer sein soll, eine Frau mit ihrem Potential auf Kurs zu bringen!

Doch das ist es. Weil ich natürlich notgedrungen immer schwieriger zu Händeln bin, je älter ich werde. Man lernt aus guten, vor allem aber, aus seinen schlechten Erfahrungen! Ich habe von Letzterem einfach zu viel.

Die Empfindlichkeit der Kuratoren und Galeristen und deren überlegen wirkende Reizbarkeit, die sie einen spüren lassen, wenn man mit dem Katalog in der Hand bei ihnen vorstellig wird, ließ mich jedoch anerkennen, wie schwer kuratorische Arbeit ist und dass es immer auch seine Zeit braucht, sämtliche Formen von Kunst angemessen einschätzen, sprich rezipieren zu können. In meinem Falle scheint es eben länger zu dauern, weil meine Statur und auch mein Auftreten mir im Wege stehen. Außerdem spreche ich die Sprache der Kulturlobby nicht, ich versteh manchmal tatsächlich nicht, was man eigentlich von mir will. Das in der Tat mitunter recht widersprüchliche Gebaren mancher Galeristen, bewirkt bei mir dann auch nicht den gewünschten “Biss”, sondern unerwünschte Zweifel. Irgendwann zählt aber nur noch das, was bleibt. Später ist es dann einfacher „Genial“ von „Dreist“ oder „Unterbemittelt“ zu unterscheiden. 

Um Sie umfangreich beurteilen zu können, müsste man sich erst entsprechend informieren, um auf Ihren (kurzbeinigen) Stand zu kommen!

Und man müsste sich konkret die Mühe machen, mich in meiner Werkstatt aufzusuchen. Am Ende wäre es mal was ganz Neues, wenn einer mich von sich zu überzeugen versuchte!

Heißt das, Sie machen die Türe ganz sachte hinter sich zu, obwohl Sie es jetzt richtig krachen lassen könnten?

Nein, aber ich bin ein in sich gekehrter, nie aufmüpfig auftretender Mensch und selbst, wenn die Türe sperrangelweit offen stünde, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, traute sich trotzdem niemand hindurch. Ich kann (muss) darum gut mit mir allein sein. Mitunter ist das die bessere Option! Nur, weil es so viele Leute gibt, die mit Freude im Rampenlicht stehen, muss das nicht auch für mich zwingend notwendig sein. Doch ärgert es mich schon, wenn, wie bei einer Vernissage geschehen, die Galeristin innerhalb ihrer Laudatio glücklich behauptet, den ausstellenden Künstler selbst „entdeckt“ zu haben! So etwas geschieht nur ganz selten und ich behaupte, diese Dame versuchte mit ihrer Ansage doch nur ihre eigene Person „wichtig“ in den Vordergrund zu schieben. Wenn der Maßstab bereits von anderen gesetzt wurde, den man nur zu übernehmen brauchte, dann ist das in meinen Augen keine echte Leistung mehr.

Wie Sie eingangs schon erwähnten, mag es mit dem Auftreten zusammenhängen, wenn es einer leichter hat, als die andere. Einen noch Unbekannten zu entdecken, hieße Mut beweisen. Gut bestellte und von „Unkraut“ befreite Felder sind leichter zu beackern als solche, mit vielen Steinen darin.

Wobei natürlich nie ganz auszuschließen ist, dass ein unterschätztes und missachtetes „Kräutlein“ trotzdem später überraschend zu einem genialen „Riesenknöterich“ heranwachsen kann! Eine Option, die auch ich für mich favorisiere, also, nicht unbedingt den „Knöterich“, aber vielleicht eine in die Höhe sich windende, wilde und aparte Klematis. Diese „Liane“ unter unseren heimischen Kletterpflanzen ist nämlich bei aller Anmut recht stark und gedeiht nur dort, wo sie sich auch wohl fühlt, nicht wie der dröge Hopfen, der überall anzutreffen ist und ebenfalls hoch hinaus will.

Sie können die Gärtnerin in Ihnen, kaum verbergen. Ihre letzte umfangreichere Personalausstellung fand 2012 in Ihrer Heimatstadt Potsdam statt. Das ist eine lange Zeitspanne innerhalb derer Sie, ohne jede Aussicht darauf gesehen zu werden und Geld zu verdienen, darben mussten. Nun erhalten Sie die nötige Aufmerksamkeit und gehen doch wieder rückwärts, wie stellen Sie sich ihre Zukunft als Künstlerin im „Schneckenhaus“ vor?

Wenn mir immer auch „Empfindlichkeit“ vorgeworfen wird, so muss ich dagegenhalten, dass es das allein nicht ist, nicht sein kann! Ich habe ein ziemlich dickes Fell, genau dort, wo es hingehört. Zurückgezogenheit schließt nicht aus, dabei immer auch zugewandt optimistisch tätig zu sein. Mich beschäftigt die buddhistische Lehre, der zufolge der interessierte Laie lernen sollte, loszulassen. Ich kann mich zum Beispiel von meinen Plastiken und auch den Bildern, schlecht trennen, habe also hier großen Handlungsbedarf. Eigentlich möchte ich sie alle ständig um mich haben, was schon allein vom Platze her, ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Ihre Fürsorge ist verständlich, liebe Frau Simon. Nicht umsonst existiert dieser Vergleich zu „Kindern“, die einem ans Herz gewachsen sind, die man begleitet hat, all die Jahre über und sie hat aufwachsen sehen. Wenn sie aber in gute Hände gelangen hätten sie keinen Grund zu klammern.

Vielleicht ist es eine Form von Melancholie oder auch Traurigkeit, die mein Herz einschnürt. Es will mir nicht in den Kopf, wieso ich um ganz selbstverständliche Dinge kämpfen muss. Vermehrt freudige Ereignisse würden sicherlich eine Haltung, die von Vertrauen erfüllt ist, begünstigen. Fehlender Respekt wirkt jedoch kontraproduktiv. Der raue, oft überflüssiger Weise vorwurfsvolle Unterton, den wir untereinander führen, nervt. Ich möchte in privaten und in beruflichen Dingen, auch in nachbarschaftlichen Belangen, sanftmütig bleiben dürfen. Menschen setzen aber genau dann, wenn sie dies spüren, besonders gern ihren Stachel ein. Und die meisten von uns reagieren dann auch genauso, wie sie sollen. Ich tu das nicht und enttäusche dann zuverlässig und igele mich ein. Ich weiß nicht, was mir die Zukunft bringt. Ich bin realistisch denkender, pessimistisch unterfütterter und auf die Dinge die da kommen werden bauender, bei aller Freude nie in Jubel ausbrechender, Optimist.

Wir leiden zunehmend unter allgemeiner Grobheit untereinander, das haben auch soziale Studien festgestellt. Dreiviertel der Befragten stört dies aber und sie wünschten es sich anders! Vielleicht spüren diese Menschen, dass unsere Welt droht, den Bach runter zu gehen. Das lässt hoffen!

In Dänemark beispielsweise, scheint man allgemein betrachtet, glücklicher zu sein, das haben wir im Urlaub so erleben dürfen. Das dänische Zauberwort lautet, Entspannung! Seitdem man das herausgefunden hat, sind auch bei uns „higgelige“ Dinge total angesagt, endlich mal etwas, das nicht aus Amerika zu uns herüber geschwappt ist! „Glück“ oder die Fähigkeit zur Entspannung sind nicht käuflich zu erwerben – aber Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, so denke ich, sind zwei entscheidende Voraussetzungen dafür, die man hat oder nicht hat.

Sie stehen mitten drin in dieser Thematik. Sie scheinen jedoch unglaublich resilient zu sein, ich wundere mich, wieviel Unschönes Sie aushalten. Worüber ärgerten Sie sich zuletzt und worüber würden Sie sich gern einmal Luft machen? (Das Thema “Klimawandel” einmal beiseite lassend …) 

„Luft“ machen sich in Werder doch gerade die Obstbauern! Da darf ich jetzt wenig Gehör erwarten, doch fühle ich mich gerade dort, schon seit Längerem ein wenig gemobbt.

Sie lachen schon wieder.

Das Wort „mobben“ ist einfach zu schön.

In Werder wird debattiert über das Baumblütenfest, dessen Tradition bewahrt werden soll! Einige Kritiker derer, die moderater an das Fest herangehen wollen, was ich begrüßen würde, haben angeblich „große Existenzängste“. Damit kenne ich mich aus! Darum finde ich diese Diskussion auch ein wenig übertrieben, denn es geht doch gar nicht um „Tradition“, das ist doch nur ein Vorwand! Als eine der regelmäßig Betroffenen, die ihre Türen schließen muss, wenn andere daran denken, „Kasse“ zu machen, habe ich natürlich nicht das allergrößte Verständnis für Krawall und Rummel in direkter Nachbarschaft. Aber die offenen Höfe und die Plantagen mit echten Blüten an den Bäumen; ihnen gehört meine aufrichtige Sympathie!

Gab es denn je eine wirkliche Einbeziehung der Anwohner, deren Argumente man respektierte? Oder ist es Ihrer Meinung nach nicht eher so, dass einige Wenige den Ton angeben und nun unzufrieden darüber sind, wenn auch sie einmal zurückstecken sollen?

So kann man das zusammenfassen, muss ich nichts mehr zu sagen. Es gab etliche Versuche eine weniger “dolle Blüte” durchzusetzen, wobei sich damals manche Gegner des Festes genauso laut und unklug und viel zu “weit” aus ihren “Fenstern” lehnten, wie die Befürworter, die sie zu bekämpften suchten. Für mich ist es durchaus denkbar einen zukunftsfähigen Kompromiss zu finden. Einfach seine Phantasie benutzen! Und in die Rolle des jeweils anderen schlüpfen…

Cousin Klaus (Foto: Beate Michelsky-Schlapp)

Ich weiß nicht woran das liegt, aber der Wind weht an vielen Werderaner Ecken mitunter allzu zu heftig! Vor einem Grundstück einer jungen Familie beispielsweise, ist eine gemütlich, einladende Holzbank aufgestellt worden. Trotzdem „zieht“ es dort gewaltig! Mehrere Blumentöpfe mit mediterran anmutendem Grün ergänzen das Ambiente. Wer sich auf die Bank setzt genießt die Sonne, die darauf scheint und kann sich, wie in Italien so schön, auf ihr mit einem liebevoll restaurierten Mäuerchen im Hintergrund, fotografieren lassen. Zwar ist die Aussicht nicht die beste, denn es befindet sich ein geduldeter Parkplatz direkt vor dieser Örtlichkeit, dennoch ist genug Abstand da und wenn man Glück hat, ahnt man das Wasser der Föhse, man kann es riechen und durch die Autos hindurch, glitzern sehen. Himmeliges, strahlendes Blau gibt es gratis dazu.

Sitzt eine der vielen rotgetigerten Katzen auf dieser Bank, um eine Auszeit zu genießen, scheint sie Glück zu empfinden. Sitzen drei Jungen nach der Schule dort in der Sonne, um einen Schwatz zu halten oder auch Touristen, ist es derselbe, entspannte Eindruck, den sie auf mich machen. Wenn aber der bullige Mercedes SUV dort genau mit seiner Schnauze unbeeindruckt in Richtung Banke schaut, will natürlich keiner auf ihr verweilen, nicht einmal die Katz!

Vergeblich versuchte die junge Familie den Straßenraum vor ihrer Grundstücksmauer aufzuwerten und ihm ein freundliches Gesicht zu geben. Andere machen es vor, dort wachsen Gräser und Rosen und es liegen abgrenzende, dicke Steine auf „Strassenland“ ganz ungestört um die Baumscheiben der Linden herum. Das sieht einfach nur schön und freundlich aus und wertet den Lebensort, wo man zu Hause ist, auf. Die Zufahrten und Garagen an denen „bitte frei halten“ steht, bleiben dort selbstverständlich frei!

Nicht so weiter vorn. „Klein Italien“ auf der “Insel”zur Brücke hin gelegen, hat in Werder leider keine Chance. Und ich mit meinem „Schaufenster“ gleich daneben, auch nicht! Hier stelle ich regelmäßig eine neue Plastik auf einem Sockel stehend aus, aber niemand sieht’s. Vielleicht ist es extra so gewollt? Die gewaltigen Motorhauben der unterschiedlichsten Autos, deren Halter meinen, mir die „Schau“ stehlen zu müssen, versperren jedenfalls zuverlässig jede Sicht. Sogar mein großer, bepflanzter Blumentopf, der neben dieser Schaufenstertüre steht, ist bei einer solch unsensiblen Parkaktion angefahren worden und das Tongefäß brach.

In meinen Augen ist das, was da geschieht, „Grenzüberschreitung“ in kalkulierter Absicht! Stück für Stück ließ man die unsichtbare Linie verschwimmen, um dann einen Raum für sich zu beanspruchen, der demjenigen genau so wenig „zusteht“ wie dem anderen, dem man ihn streitig machen will. Denn er ist für alle da.

Mitten auf diesem Parkplatz überraschten im letzten Jahr jedoch blühende Blumen, die unter den kleinen, traurigen Lindenbäumchen von Jemandem angepflanzt worden sind. Ich beobachtete eine Anwohnerin, die ihren „kleinen Garten“ bewusst in Verschönerungsabsicht dort angelegt hatte und ihn täglich pflegte und ihre Blumen mit Wasser und Dünger versorgte, weshalb sie reihenweise Gießkannen schleppte, ohne dafür einen Auftrag erhalten zu haben. Es machte dieser Idealistin einfach nur Freude! Aber auch dieser freundlichen Frau war irgendwann die Lust vergangen. Manchmal standen die geparkten Autos sehr unsensibel direkt auf ihren empfindlichen, üppig blühenden Pflanzen. Wohl deshalb blieb sie in diesen Sommer auch untätig.

Kein gutes Image für eine Stadt, die sich „Blütenstadt“ nennt, möchte ich da anfügen.

Der Umstand etwas anzubieten, das unerwartet zum Genießen, sich Erfreuen oder zum Sitzen einlädt und das dort aber „nicht hingehört“, ruft bei einigen Leuten Reaktionen hervor, die nicht nur ich als respektlos empfinde. Kreativ Denkenden und tätig Werdenden übelst eins auszuwischen ist leider Normalität. Schöne Gedanken werden dadurch kaputt gemacht und stattdessen setzt untereinander geschürtes Hauen und Stechen ein. Die Ursache ist doch aber klar. Die Anwohner fühlen sich mit ihren Parkplatzproblemen allein gelassen. Ein nicht sauber durchdachtes Parkkonzept von Seiten der Stadt wird auf ihren Rücken ausgetragen. Darüber hinaus wird mehrfach im Jahr bei Veranstaltungen und Festen eine Kompromissbereitschaft erwartet, die besonders den Anwohnern der Insel, Umwege und Umstände abverlangen.

Der Frust bahnt sich immer den leichtesten Weg! Von “Alt” zu “Jung” (oder umgekehrt), von „Hart“ nach „Weich“, von „Alteingesessen“ zu „neu Dazugezogen“(oder umgekehrt) von „ordentlich Berufstätig“ hin zu „freiberuflich Faulenzend“ und von “gut Situiert” zu “Unterbemittelt”, sprich arm. Und ich habe den Eindruck, es geht auch gegen jene, die nicht nur Mieter sind, sondern Eigentum besitzen und umgekehrt. Völlig absurd. Ich bin manchmal ganz froh, abends wieder nach Hause zu können.

Googelt man Ihren Namen im Internet und schaut auf die gelisteten Bilder, schieben sich andere Leute “trittbrettfahrend” gern dazwischen. Das will zu Ihren Empfindungen so gar nicht passen, wie finden Sie das?

Amüsant! Darüber können wir uns ja bei Gelegenheit, gern ein anderes Mal unterhalten!

Jeder von uns hat eine moralische Verpflichtung, die einschließt, Andersgeartetes zu respektieren und Eigenarten und Bemühungen Gutes zu tun, zu achten. Die immer wieder zu hörende Devise, „Leben und leben lassen“, hört sich gut an, ist in meinen Augen aber mehr als aggressiv zu verstehen, denn sie bedeutet doch nichts weiter, als uninteressiert an seinem Gegenüber zu sein. Dann möchte einer gern sein eigenes Ding auf Kosten des anderen durchziehen! Wann, wie und wo und was er will. „Mir doch egal, was du davon hältst!“ Das ist die Botschaft dahinter. Meistens wird vorausgesetzt, dass der andere es nicht wagt, sich in derselben herablassenden Art und Weise, daneben zu benehmen. Wer sich nicht wehren will, ist selber schuld, wenn er sich zu viel gefallen lässt.

Originalhandschrift Rudolf Sauer

Das ist das Gemeine daran.

Humorlose neideten auch meinem Mann und mir vor etlichen Jahren, genau wie der jungen Familie heute, unser „Glück“, das wir beim Sitzen mit Glas in der Hand, dicht an der parkenden Menge ganz offensichtlich verströmten! Wir tranken nämlich unterm kraftstrotzenden Lindenbaum, ohne eine entsprechende „Sitzgenehmigung“ besessen zu haben, unser gemeinsames „Feierabendbier“. Auch unsere Bank musste weg, weil auf „Straßenland“ zwar wild geparkt, aber nur mit Genehmigung gesessen werden darf!

Ist das ein Witz, oder meinen Sie das ernst?

Nein, kein Witz. Haarspalterei. Wir sind damals von irgendwelchen „netten Nachbarn“ angeschwärzt worden. Betrachte ich vergleichend diese Vorgehensweise mit der heutigen, erscheint diese mir wie ein einziges Déjà-vu! Es wurde uns unschön etwas unterstellt, was zu anderer Leute Stil gepasst hätte, nicht aber zu unserem! Wir wollten da nur sitzen und sonst nichts.

Sie wollten kein Café für die Laufkundschaft eröffnen? Warum muss ich jetzt plötzlich an Loriot und seine Sketche denken, Frau Simon? Jetzt lachen Sie wieder, das ist schön.

Ich spüre sehr wohl, mich an einer strategisch ganz unwichtigen Stelle in der Stadt zu befinden, wo nie ein Reinigungsteam unterwegs ist. Und dennoch, so habe ich den Eindruck, neidet man mir das Schwarze unter den Fingernägeln! Über diesen Umstand sollte ich mich aber nicht ärgern, ich sollte mich freuen! Neid von Seiten anderer ist nicht zu unterschätzen, ist ein positiv zu bewertendes, Gefühl.

Abschließend könnte man also zusammenfassen: Sie gehören zu den glücklichen Menschen, die mit wenig zufrieden sind, selbst, wenn Sie rein Garnichts zu lachen haben, also unglücklich sein müssten. Sie lassen sich Ihren Humor nicht nehmen und finden immer etwas, worüber Sie sich freuen können. Sie sind streitbar aber nicht streitsüchtig und versuchen mit Vernunft im Gepäck, dennoch erhobenen Hauptes, Ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen.

Das ist korrekt, hätte ich nicht besser formulieren können!

Überall sind freundliche Begegnungen möglich! Ich behaupte, darum fällt es unserem Sohn, der gerade wieder beruflich im Regenwald des Amazonas tätig gewesen ist, auch recht leicht, sich in der weiten Welt zu orientieren. Er spürt, überall gleichermaßen zu Hause zu sein! „Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben“. Und ich möchte ergänzen; “gute” Verbindungen, weil nur von diesen wir auch in schlechten Zeiten, zehren können.

Zitat von Wilhelm von Humboldt und Guy de Maupassant, die beide sinngemäß zu derselben Einsicht gelangten.

Jemandes Kreise zu stören, weil man es kann, fühlt sich vielleicht kurzzeitig „wichtig“ an, doch erscheint es mir viel angenehmer, souverän zuvorkommend eingestellt zu sein und sich nicht von seinen schlechten Emotionen und von schnödem „Bling Bling“ vereinnahmen und die Laune verderben zu lassen. Zu oft lässt Geschäftigkeit uns von einem Ort zum anderen jagen, vieles will erledigt sein, alles muss stimmen, dabei setzen wir uns auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen selbst unter Druck und orientieren uns an dem, was andere haben, um schließlich mit dem Erstbesten zufrieden zu sein. Dass dem so ist, merken wir aber immer erst, wenn es bereits zu spät ist.

Erinnern Sie sich noch, früher gab es doch diese, zugegeben, etwas kitschigen Poesiealben, kurz „Poesie“ genannt, die im Freundinnenkreis reihenweise herumgereicht wurden. Auch ich kritzelte damals meine sinnigen Sprüche, meist in Kombination mit kleiner Zeichnung, in diese „PÖsies“ der Freundinnen hinein. Einer der beliebtesten Sprüche von damals war dieser vom “Glück, das sich verdoppelt, wenn man es teilt”!

Lassen Sie mich zum Schluss darum noch diese kleine Begebenheit erzählen, die wir am Zaun des Kindergartens auf der Werderaner Insel hatten. Drei geschäftige kleine Mädchen mit Langeweile sahen unser „Pünktchen“ und wollten sie unbedingt streicheln. Auch den Hund zog es zu den Kindern hin, die verstanden sich sofort. Es war einfach nur amüsant ihnen zuzuhören! Der Dialog der drei kleinen Damen mit unserer Hündin, die sie „süß“ und „niedlich“ fanden, war sehr witzig. Begeistert äußerten sie sich über die schnuppernde Hundenase und über Pünktchens eifriges Gehopse. Hundis neuer Doppelname, der zum bereits vorhandenen nun hinzugekommen ist, heißt: „Schnuppi – Pupsi“.

Kindergartenkinder kringeln sich bei dem Wort „Pups“, denn es wirkt ansteckend! Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Kinder dieses Alters sind interessiert, unverstellt, freundlich und aufmerksam und gewitzt! Von ihnen kann man lernen glückliche „Leichtigkeit“ zu leben. Schlechtgelaunten Erwachsenen, so mein Vorschlag, sollte man zum Zwecke eines „humorvolleren“ Umgangs miteinander, anlässlich eines „Pups-Praktikums“, eine längere Auszeit inmitten der gutgelaunten Kinder in deren Garten genehmigen.

Liebe Frau Simon, ich bedanke mich bei Ihnen für dieses offene Gespräch.

Tilda – Bisertha Grünemitten, am 23. September 2019

Die Ausstellung „Geerdet Aufstrebend“, Plastische Keramik Malerei und Zeichnung von Maren Simon ist vom 10. Oktober bis 24. November 2019, täglich von 13.00 bis 17.00 Uhr in der CCS Galerie in Suhl zu besuchen. Am Wochenende ist die Galerie von 11.00 bis 17.00 geöffnet.

Galerie im Atrium, Friedrich – König – Straße 7, D-98527 Suhl

 

POSTSKRIPT

Das Wichtigste steht bekanntlich immer am Schluss! Aus aktuellem Anlass muss ich heute schnell noch diese „Nachschrift“ ergänzend hinzufügen, damit ich die Person, die mich so derart erfreute, nicht übergehe und dadurch womöglich verletzend rüberkomme.

Ich dachte ja bisher, Türen sind dazu da, im Gegensatz zu Fenstern, durch sie hindurch gehen zu können. Deshalb baut man sie eigentlich auch ganz bewusst in ein Gebäude ein. Ich wurde aber heute nun eines Besseren belehrt und bedanke mich bei „Unbekannt“ herzlich für diese, meinen Horizont bereichernde, Erkenntnis des Tages.

VIELEN DANK FÜR IHREN BESUCH – möchte ich ausrufen! Was ist passiert?

Ein kleines, blaues Auto, dessen Fahrer anscheinend über besonders viel Kulturdefizit verfügt, versperrte mir den Zugang zu meiner Werkstattüre in einer besonders üblen Art und Weise, als ich nämlich einige von meinen Plastiken in meinen Wagen verladen wollte. Mit seiner Dreistigkeit übertraf dieser vor meiner Türe Parkende, alle bisherigen Leistungen dieser Art. Selbst die ganz Großen ließen dann doch wenigstens die Türklinke zum Anfassen derselben frei.

Diesem Kleinen war dies offensichtlich des Entgegenkommens zu viel, er ging darum aufs Ganze! Deshalb gehe ich davon aus, dass der Halter besonders geil darauf ist, von mir auch tatsächlich in seiner überheblichen Frechheit wahrgenommen zu werden. Ich tu ihm den Gefallen gern und setze sogar noch einen Bonus drauf, weil er sich so viel Mühe gab und sein kleines Auto so süß schaut!

Es darf jetzt in meinen Blog hinein!!! Ich habe zwar schon derart viele Bilder – die Liste ist lang, sodass der PC – Ordner bald überquillt, aber ich will nicht ungerecht sein und wäge darum genau ab, wer sich in meiner „Sonne“ aufhalten darf und wer nicht!

Ich bitte aber aus Datenschutzgründen jetzt alle Leser meines Blogeintrages, das Nummernschild des kleinen, blauen Schelms auf ihren Geräten, mit dickem Edding selbst zu schwärzen, da ich nicht weiß, wie das geht.

“… die Bank ist wenigstens frei…”

Vielen Dank.

Maren Simon am 29. September 13.45 Uhr

Der geteilte Blick – alles ist Wechselwirkung

„Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“ (Augustinus Aurelius)

Das Wichtigste der letzten Wochen war für mich eindeutig die Wundversorgung eines in unserer Nähe befindlichen Straßenbaumes, der leider in einen Autounfall verwickelt wurde. Frontal setzte der Fahrer in einer Kurve seinen Wagen gegen den Stamm dieses Baumes. „Esche 149“ blieb anschließend bis in sämtliche ihrer Wurzeln „erschüttert“ und ihrem Schicksal überlassen, mit einem erheblichen Schaden an ihrem Fuß, ohne jede Wundversorgung zurück.

Wir verloren innerhalb eines Jahrzehnts drei stattliche Bäume vor unserer Tür – und nicht einer wurde je ersetzt! Was bleibt, sind Lücken, die nur von wenigen Menschen als solche und als entsprechender Verlust wahrgenommen werden. Deshalb wurde ich tätig und wollte den Baum davor bewahren, wegen „unterlassener Hilfeleistung“ irgendwann später an seiner Verwundung einzugehen. Bakterien und Pilze erobern solch perfekte Lebensräume für sich sehr schnell, zumal die zunehmende Trockenheit ihnen dabei behilflich ist.

Am Beispiel des Landesstraßenbaumes 149 habe ich erkennen müssen, dass trotz der vielen, derzeit geführten Diskussionen um Natur und Klima, Empathie und Akzeptanz dem Leben eines Baumes gegenüber, ebenso wie beim „Tierwohl“, leider noch zu wünschen übrig lassen. Gewisse Sichtweisen müssen sich wohl immer erst ganz allmählich etablieren. Ich gewann den Eindruck, auch „Vorgänge“ in Behörden haben sich „erwachsen“ anzufühlen, bevor man sich ihrer annehmen und mit ruhigem Gewissen verantwortlich fühlen kann, ohne sich als „zu gefühlig“ zu blamieren. Wer Empathie zeigt, noch dazu für einen Baum, der tickt doch nicht ganz richtig.

Ja, wen kümmert es? In Brasilien wird gerade der Amazonasregenwald großflächig abgeholzt, dem viele Bäume angehören. Wir sind Teil eines verzweigten, lebendigen Systems, dem einzigartigen Planeten „Erde“ , das wissen alle, dass aber die üblen Auswirkungen von Abholzung, Raubbau und landwirtschaftlicher Überdüngung sowie übertriebenem Pflanzenschutz und damit verbundenem Artenverlust, jeden betreffen, wollen indes zu viele immer noch nicht glauben.

Insgesamt hatte ich mich an fünf „fachlich relevante“ Männer und eine freundliche, aber sich offenbar nicht zuständig fühlende Frau gewandt. Nach etlichen Telefonaten gelangte ich am 17. Juli schließlich zu Herrn Gabel, ein, der Stimme nach recht junger Mann, der meine Sprache (und auch meine Sorge um den Baum) verstand. Noch am selben Tag bekam der „Patient“ dann endlich eine entsprechende Versorgung, 6 Wochen nach dem Unfall. Ihm wurde ein „Verband“ angelegt und seitdem hoffe ich, dass seine Wunde eine Narbe mit Wulst am Rand bilden wird. Ich schätze, die alte Esche hat ungefähr mein Alter, wenn sie nicht sogar über noch mehr Jahresringe verfügt. Die Narbe sieht dann eventuell nicht schön aus, aber unser Baum wird noch viele Lebensjahre vor sich haben, hoffentlich mehr, als ich sie habe.

„Vorstellungskraft“ verbunden mit vorausschauendem Denken sollte ein Pflichtschulfach werden. Wie oft höre ich die Leute sagen: „ Ja, wenn ich das früher gewusst hätte!“. Hätten sie dann tatsächlich anders gehandelt? Es ist so leicht ein halbherziges „Sorry“ in die Welt zu entlassen. Woher kommen Verdruss und Gleichgültigkeit bei zunehmender Gereiztheit und Selbstbemitleidung, warum steht unsere Welt Kopf, wieso fliegt gerade alles auseinander? Mutter Erde leidet, aber die „Plage“ Mensch verharrt in Routine und peinigt ihren Wirt, wie eine Krankheit, gegen die es kein Heilmittel gibt.

Irgendwann kam mir beim Begriff „Plage“ die griechische Sage der „Pandora“ und ihrem Gefäß (der doppeldeutigen „Büchse“) aus welcher einst unglücklicherweise außer der Hoffnung, alle Laster und Übel dieser Welt entwichen, in den Sinn. Das Schlechte eroberte die Welt und Trostlosigkeit breitete sich aus – erst als die Hoffnung ebenfalls entweichen konnte, weil die Büchse erneut geöffnet wurde, sollte sie ein Ende finden.

Wenn ich die alten Schriften lese und die mythologischen Themen im Verlauf zu den meinen werden lasse, bin ich erstaunt, wie aktuell sie doch sind.

Bei meiner PANDORA, der „Allbeschenkten“, knüpfte ich ihre Unheilsbringung mit einer gewissen Freude an ihre Schönheit. Denn Pandora war nur das bezaubernde Trugbild einer attraktiven Frau, talentiert und angeblich auch sprachlich gewandt, liebreizend und musikalisch. Eine Freundin der Künste und allem Schönen zugewandt. Parallelen zum biblischen Sündenfall tun sich mir auf, denn in beiden Mythen rächen sich strafende Götter mit Hilfe des attraktiven Weibes an den Menschen. So wird die jeweils erste Frau auf Erden zum Werkzeug degradiert und verführt den Mann – gegen seinen Willen, denn er weiß es eigentlich besser – die Vertreibung aus dem Paradies, beziehungsweise alle Übel in der Welt, sind die Folge.

Gedanklich probierte ich zuvor sämtliche Lösungsansätze durch und kam zu dem Schluss, meiner Protagonistin kein realistisches Frauenantlitz geben zu wollen. Diese Variante erschien mir einfach zu simpel. Herausgekommen ist nun stattdessen ein merkwürdiges Blumending in Pink ohne Gesicht, dem die weltkugelförmige Dose mit Monddeckel in ihren Händen, plötzlich und unerwartet, auseinander fliegt. Doch auch die unheilverströmende „Büchse“ ist vorhanden und befindet sich auf der Rückseite der merkwürdigen Plastik. Der Betrachter wird ihrer schrecklichen Fratze, umgeben von lauter ausgespienen Knochen, erst beim Rundgang um das eigenartige Objekt ansichtig. Ich habe die ursprüngliche Story ein wenig zugunsten der künstlerischen Freiheit, die ich mir einfach herausnahm, abgeändert und der heutigen Umweltthematik angepasst.

Das schräge Objekt birgt leider wieder lauter Tücken in sich und ist schlecht zu heben. Es findet sich kaum eine brauchbare, griffige Nische zum Fassen der gewichtigen Tante. Ich habe (ganz Frau) wieder einmal nur in eine Richtung gedacht und so war mir beim Aufbau nicht wichtig, dass man das unbequeme Teil auch bewegen können muss. Ich arbeite manchmal, wenn ich voller Elan bis über beide Ohren im Gestaltungsprozedere stecke und den roten Faden gefunden habe, wie in Ekstase, jenem rauschhaftem Zustand ohne jede Ratio, der ringsum alles vergessen lässt.

Ich werde neuerdings des Öfteren gefragt, wie ich denn eigentlich zu meinen merkwürdigen Einfällen käme. Antwort: während monotoner Hausarbeiten und auch im Halbschlaf! Ich gehe förmlich „schwanger“ damit, bis ich mich ihrer arbeitend in der Werkstatt annehme. Seit längerem drängte sich mir bisweilen der Gedanke auf, dass es scheinbar allzu oft und ausgerechnet die FRAU ist, die der Welt übel mitspielt. Ich fragte mich, warum ist das so? Und weil es mir schwerfällt meine Gedanken zu verbergen, reagiert der Sohn prompt und grinst dabei: „Wir (Männer) hätten ohne euch (Frauen) all unsere Probleme nicht, wir säßen gemütlich im Biergarten zusammen und alles wäre gut.“

Des Fischers Fru, der Ilsebill ihr Mann, säße dann ganz sicher ebenfalls dort, zusammen mit der Hexe Baba Jaga, die ja eigentlich ein Mann in Frauenkleidung ist, wie wir aus russischen Märchenfilmen wissen. Der Biertisch als Therapiezentrum und Trostspender! Ich kann gar nicht damit aufhören, amüsiert weiterzuspinnen! Auch sämtliche Abgeordnete aus der Politik fänden an diesem Biertisch ihren Platz und sie würden heftig über die Frau und Wissenschaftlerin Angela Merkel diskutieren! Als Bundeskanzlerin, so erklären Mitteilungsbedürftige gern, hätte sie schließlich alles ganz anders anpacken sollen.

Vielleicht hätte sie dies in der Tat tun sollen! Womöglich befand sie sich all die Jahre über, viel zu sorglos in direkter Nähe zur Macht. Gewinnstreben und von Gier getriebene Profitmaximierung (ständig angefordertes Wachstum!) sind meiner Meinung nach verantwortlich für die Zerstörung unseres, im Weltall so trügerisch – schön und blauschimmernden Paradieses. Sämtliche Banker und Wirtschaftsbosse hätten an die lange „Schleppleine“ (ein Begriff aus der Hundeschule) gehört und stattdessen die Wissenschaft gestärkt werden müssen. Denn schon in Goethes Faust, der Tragödie erster Teil, lesen wir von der fatalen Macht des Geldes:

„Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles! Ach wir Armen! …“

Wir schmücken uns mit dem deutschen Kulturerbe und loben die Kunst und die Wissenschaften. Überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit erhalten aber jene, die Spaß versprechen und hierbei möglichst viele Menschen mitnehmen. Dafür gibt es bereitwillige Sponsoren. Wäre es jetzt vielleicht aber doch wichtiger, jenen Gehör zu verschaffen, die nicht nur herumlabern, sondern tatsächlich etwas zu sagen haben und den Intellekt anregen? Die sogenannte „Energiewende“, was für ein gewichtiges Wort (!), sie hätte bereits lange Zeit schon greifen, hätte Wirkung zeigen können, wenn nicht wirtschaftliche Interessen dies blockiert oder sogar ganz verhindert hätten.

Die Bloggerin Laurie Penny stellt die interessante These auf, dass, „wenn alle Frauen morgen aufwachten und sich wirklich gut und mächtig in ihren Körpern fühlten, die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbräche“. Ich denke, nicht nur, weil Kleidungs- und Kosmetikbranche überflüssig würden, sondern auch aus dem Grunde, weil die Frauen endlich einmal positiven Einfluss auf ihre Männer ausübten , anstatt ihre Zeit damit zu verplempern, sich ständig gegenseitig zu vergleichen. Ilsebill hätte es dann nicht mehr nötig, ihren devoten und bequemen Mann zu bedrängen, ihr die absurdesten Wünsche zu erfüllen …

Neue Frauenbilder mit entsprechenden Rahmenbedingungen braucht das Land!

„Chimäre“ Pandora ist ein Mischwesen, zusammengesetzt aus vielerlei, weiblicher Eigenschaften. Elegant rosablumig und schön, unbeholfen und tollpatschig, hinterhältig und gemein. Vorn oben hui und hinten unten pfui. Real und Abstrakt. Sie ist deshalb auch einfach nicht zu fassen. Ich kann sehr gut verstehen, dass ich nicht verstanden werde! Zu absurd und einfältig erscheint einigen dann das, was in meiner Werkstatt entsteht. „Welche Dämonen sind es, die mich reiten“? … diese Frage stellte mir Arno Neumann schon vor Jahren, ein von mir hoch geschätzter und bekannter Kulturjournalist, der in diesen Tagen seinen 89. Geburtstag begeht. Ich konnte seine Frage nicht beantworten, doch damit die „Dämonen“ nicht überhand nehmen, ist es mir wichtig, ermüdet von meinen merkwürdigen Gedankenspielen, zwischendurch lustig zu sein. Beides muss sich die Waage halten! Nur so behalte ich (m)einen klaren Kopf. Neben einer angefangenen Arbeit steht deshalb immer eine zweite, an der ich gleichzeitig nebenher tätig bin. Wie schon erwähnt, habe ich mich in letzter Zeit unter anderem auch mit der Fertigung von Blumenvasen befasst.

Menschliche Leiber räkeln sich auf ihnen und tanzen freudig umeinander herum. Füllige Körper tragen eine Ausdruckskraft in sich, welche mir genügend Raum lässt, witzig zu sein. Ich greife dann gelegentlich mit Humor auf eigene gemachte, „erschreckliche“ Alterserfahrungen vorm Spiegel, zurück. Natürlich sind auch dünne Leute lustig, sie sind es auf eine andere Weise. Aber was soll´s? Schlanke Suppenhühner ergeben nun einmal keine gute Brühe, auch, wenn sich der Koch noch so sehr darum bemüht. Meine Blumenvasen sind deshalb auch nicht für edelste, vom Blumenhändler gestaltete und farblich abgestimmte Blumenarrangements, sondern für die eher krautigen, unscheinbaren Stängel der Blumen des Gartens Eden gemacht. Von den gemeinsamen Spaziergängen mit unserem Hund brachte ich unterschiedlichste Sträuße mit und habe die Vasen schon mal probeweise damit befüllt und ausprobiert. Unkraut steht wunderbar darin! Meine Botschaft „mehr Natürlichkeit wagen!“ … wird auf diese Art bestens zur Geltung gebracht.

Stattliche Sonnenblumen oder duftende Lilien, auch stolze Gladiolen halten diese matt glasierten Gefäße ebenfalls aus, nur extravagante Rosen vielleicht eher nicht. Mein Favorit ist das Garten-Eden-Motiv der verliebten Paare unter Apfelbäumen, als die junge und gerade erst frisch erschaffene Welt, noch halbwegs in Ordnung war. Je nach Laune, dürfen auch die lieben Tiere darin nicht fehlen, so saß mir natürlich unsere Hündin auch das eine oder andere Mal schon Modell.

Pünktchen ist seit heute ein halbes Jahr alt und hat momentan „Flatterohrentage“, was wirklich sehr eigenartig aussieht. Eigentlich sollten beide Ohren gleichmäßige, an den Seiten des Hundegesichts herabhängende, schöne Dreiecke bilden. Doch die Ohren unseres Hundes rollen sich manchmal, wie Blätterteiggebäck und stehen zu den Seiten, beziehungsweise nach hinten hin, merkwürdig ab. Sie tun das nicht immer. Und oft macht ein Ohr anders, als das andere es will! Wir sind gespannt, wohin dieses Ohrenspiel – eine eigenartige Begleiterscheinung der Pubertät dieser Hunderasse – noch führen wird. Wenn dann ein Ohr für immer absteht, das andere aber nicht, dann soll es so sein! Hundekundige versehen die Hundeohren im „Kleinkindhundealter“ vorsorglich mit Gewichten und kleben Centmünzen daran, um die Hängeeigenschaften der Klappohren ihrer Lieblinge zu kontrollieren, so dass sie ordentlich baumeln müssen. Weil wir uns beim Anblick unserer Hündin an „Obelixens“ Hund Idefix erinnert fühlten, dachten auch wir für kurze Zeit daran vorzubeugen, wir hielten die lästige Prozedur aber nicht durch.

Eines meiner Gefäße mit Hund zeigt diesen gemeinsam mit einer, auf ihr gepunktetes Sofa ausgestreckt hingegossen liegenden, deutlich übergewichtigen Frau. Lucian Freud lässt grüßen! Neuerdings begegnen mir jetzt überall Künstler mit ihren Hunden. Ein Phänomen, welches schwangere Frauen auch kennen, wenn sie überall Schwangere sehen und andere Frauen, die Kinderwagen schieben. Oft sitzen kleinere Hündchen auf dem Arm ihrer Besitzer, wie „Daisy“ bei dem Designer Rudolph Moshammer oder „Miss Audrey“ bei Donatella Versage, deren Jack Russell Terrier den Betrachter mit ebensolchen Ohren, wie unser Hund sie zurzeit trägt, erfreut. Loriot muss ich nicht weiter erwähnen, seine zugleich vorwurfsvoll wie melancholisch dreinblickenden Möpse, kennt jeder. Über seine witzige Äußerung „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“… kann man diskutieren, denn das wird, bei allem Humor, jeder Hundebesitzer anders sehen.

Alice Springs Foto von Modeschöpfer Yves Saint Laurent mit einem winzigen Hündchen in der Armbeuge, berührt mich besonders. Der auffallend sehr kleine Hund senkt nachdenklich und scheinbar völlig in sich gekehrt, sein Köpfchen und will nicht in die Kamera sehen. Apparate, die Tieren vor die Nase gehalten werden, scheinen diese mitunter als „respektlos“ zu empfinden. Ich beobachtete Pferde, die deutlich genervt und abweisend auf ein ihnen vorgehaltenes Handy reagierten. Was für eine selbstbewusste Haltung! Sogar Elster Quax mochte die Kamera zwischen seinem und meinem Gesicht nicht sonderlich gern. Der kluge Vogel attackierte dann gereizt den kleinen Apparat in meiner Hand mit seinem kräftigen Schnabel. Elsters Meinung nach, hantierte ich zu viel damit herum. Ich sollte stattdessen, all meine Aufmerksamkeit allein auf ihn gerichtet halten.

Auch der Mensch kann gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Er liebt es für gewöhnlich im Rampenlicht zu stehen und er liebt darum die Kamera.

Vieles hat sich für uns verändert mit Anwesenheit der unterschiedlichsten tierischen Mitbewohner im Hause Simon. Von ihnen lernten wir und mit jeder neuen Lebensphilosophie, die jedes Tier mitbrachte, verschob sich der eigene Betrachtungswinkel ein klein wenig in eine Richtung, die ich vielleicht am besten als „relaxed“ beschreiben könnte. „Du bist schwierig“, behaupten neuerdings, sogar mir wohlgesonnene Kollegen. Ich jedoch, kann das überhaupt nicht nachvollziehen.

Gemeint ist natürlich die spröde, wenig zugängliche und zudem „kamerascheue“ „Künstlerin“ Simon.

Zum widerholten Male frage ich: bin denn nicht auch ich zuerst einmal Mensch? Ich wurde doch nicht als Künstlerin geboren! Es ist kein Wunder, dass ich keine Lust darauf habe, stetig herausfinden zu müssen, auf welchem Fuß der andere gerade steht. Ich steh ebenso auf zwei Beinen und Dank der Operation am Kippelbein, nun auch recht standhaft. Die wechselwirkenden Kräfte des Lebens schleifen jeden „Kieselstein“, mehr oder weniger rund, verändern aber in jedem Fall, seine Form. Philosophisch betrachtet bedeutet das für mich, dass nie alle „Kiesel“ ergonomisch auch wirklich zusammenpassen, um ideale Partner zu sein. Immer reibt sich was, oder es klemmt. Immer ist einer “härter” der andere “weicherer” Natur.

„Eckigere“ ergänzen sich naturgegeben weniger mit den „Runden“, sie liegen dann eher desinteressiert und mit einigem Abstand voneinander, herum. Zwei vollkommen „Runde“ rollen aneinander vorbei und haben sich wohl von daher, auch wenig zu sagen. Zwei sehr spröde, „Eckige“ verkeilen sich ineinander, oder lassen den anderen gar nicht erst an sich heran. Es ist ein weites Feld, ähnlich dem, der Liebe.

In meinem Falle stimmt es schon, dass die „günstige Gelegenheit“, diese überaus sympathische „Freundin“ des Small Talks, meine Gesellschaft meidet. Sie tut dies vorrangig, wenn ich „auf Arbeit“ in Galerien unterwegs bin und Vernissagen besuche. Diese Besuche sind immer eher kurz, denn während eines Gesprächs ohne Inhalt und über nichts, kann man sich auch leicht verquasseln. Ich will mich aber nicht erklären, will mich nicht festnageln und auch nicht immer wieder bemitleiden oder gar trösten lassen, weil einer vermutet (oder sogar darauf hofft), es ginge mir schlecht!

Maren Simon, Selbst mit Nägeln, 2018

Ja, ich mache häufig das Positive im Negativen zu meinem Thema, das stimmt. Die Scherbenplastiken sind dafür der beste Beweis. Aber ich frage, was wäre ein ordentlicher Künstler ohne seine schmerzlichen Psychosen im Oberstübchen? Ich behaupte, „oben ohne“ zu sein ist unmöglich, man wäre sonst arbeitslos! Wie sagt es Augustinus Aurelius, den ich heute öfter schon bemühte, so treffend: „Wenn du nicht Teil der Lösung bist, sei Teil des Problems“.

Das ist etwas, was ich offenbar sehr gut kann – ein Problem zu sein.

Er sagt aber auch: „Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut“. Ich freue mich vor allem, wenn ich mit meinen Händen etwas Sinnstiftendes geschaffen habe. Eine Taktik, um meine Werke auch erfolgreich zu bewerben, habe ich nicht, denn die Worte und auch mein Vertrauen gingen mir im Laufe der vielen erfolglosen Jahre, irgendwie flöten und ohne sie, kommt man als ältere Frau in künstlerischen Gewerken, nur häppchenweise voran. Darum bleibt mir als der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, tatsächlich nur die Arbeit. Und natürlich – Geduld.

Ich erfahre weniger die direkte, als jene stille Form der Wertschätzung von außen, die mich stark sein lässt.

Meine, durch Kontaktarmut gefestigte, anhaltende „Brotlosigkeit“ wäre ein Grund die vorderen Reihen endlich gezielter in Anspruch zu nehmen. Jeder „Anker“, der Publicity verspricht, müsste mir doch da gelegen kommen! In jungen Jahren hätte ich mich in der Tat für Aufgaben, die mir verstärkt Gelegenheit gegeben hätten, mich auf künstlerischem Gebiet etablieren zu können, interessiert. Heute bin ich aus Erfahrung klug und vorsichtig geworden und zudem auch ein wenig bequem. Der Außenstehende darf bei seiner wohlmeinenden Beurteilung nicht unterschätzen, wie tief die Wurzeln dauerhaft gepflegter Gewohnheiten reichen können! Jemand, der so wie ich, anhaltend dazu gezwungen war, immer in Eigenregie sparsamst agieren zu müssen, der ist nicht in der Lage plötzlich auf „Erfolg“ und finanziell ausgerichtetes Denken, umzuschalten.

Dafür bin ich zu lange „völlig losgelöst“ unterwegs und inzwischen auch zu alt.

„Gieß aus, auf dass du erfüllt werdest; Verlerne das Lieben, auf dass du lieben lernst; Kehre dich ab, auf dass du herzugekehrt werdest.“

Dieses treffliche Zitat von Augustinus Aurelius, der von 354 – 430 u.Z. lebte und in meinen Augen derart aktuell ist, dass ich nur staunen kann, bringt meinen Blog – wie passend – im Monat August nun zum Abschluss. Ich hoffe, diese Abhandlung bewirkt, dass meine „Widerspenstigkeit“ kein Thema mehr ist und endlich als löblicher Eigensinn respektiert wird.

Maren Simon, Blumenvase, 2019

Maren Simon am 12. und 13. August 2019

SOMMERTAG

Maren Simon, “Flora”, Ton frei aufgebaut, Rakubrand, 2019

Nach den regenreichen Tagen würde eine trockene und heiße Phase kommen – das war abzusehen und wir tätigten aus diesem Grunde einen überfälligen RAKU-Brand, wobei die noch im Garten steckende Feuchtigkeit, für unsere Entscheidung eine entscheidende Rolle spielte.

Ich experimentierte diesmal für eine Ausstellung unter anderem auch mit Vasen. Dieses „Gefäßprojekt“, bei dem ich Malerei und Zeichnung auf meinen Objekten feiere, befindet sich noch im Versuchsstadium, denn ich bin kein gelernter Keramiker. Einige meiner antik anmutenden Gefäße hielten ihr Versprechen – eine Vase zu sein – einfach nicht und gaben nach der Befüllung mit Wasser, dieses apart wieder nach unten hin ab. Die nächste Serie muss dahingehend dringend verbessert werden, wenn es auch immer machbar ist, kleinere Poren im Nachhinein zu verschließen. Die Vasenobjekte füllten sehr schön die vielen Zwischenräume, der im Ofen stehenden Portraitplastiken. Eine solcherart dicht und sorgfältig gestaltete Aufstellung, sorgt für gute „Brennklimatik“.

Ausgangspunkt für den Themenbereich „Vase“ war der Aufbau eines „sperrigen Blumenbouquets“, wieder entstanden unter Verwendung von Scherben; ein Objekt, dass man aufgrund der kaputten und damit unbrauchbaren, schrägen „Vasenkonstruktion“, die den „Blütenstrauß“ hält, gar nicht anders als „nicht intakt“ interpretieren kann. Ich entschied spontan diese Arbeit ohne RAKU-Effekte zu belassen. Weniger ist manchmal mehr. Obwohl ich es zuerst anders vorgehabt hatte, kamen mir gewisse Bedenken. Das raue und pastellfarbene, hellere Erscheinungsbild wirkte auf mich plötzlich so fragil und bei aller Strenge auch zart, als ich es im Garten und somit im neuen Kontext stehend, anschaute. Das Ensemble wirkt, wie aus „Eis“ aufgebaut, was zu der Hintergrundthematik ganz wunderbar passt.

Ganz anders behaupten sich die eher schwer wirkenden, dunkleren Rakuobjekte. Ich halte meinen Blick bewusst „offen“ für solche gegensätzlichen Kontraste und diese Unterschiedlichkeit meiner vielgestaltigen, plastischen Werke fasziniert den gewogenen Betrachter dann immer wieder.

Auch FLORA bekam nun endlich ihre extravagante Patina eingebrannt und das rosige Blumendekor, das ich im Anschluss an meinen RAKU-Brand an ihrem Kragen befestigte, hebt sich jetzt wunderschön vom Rest dieser, ebenfalls ausgesprochen dunkel gehaltenen Plastik, ab. Im Gesicht brachte ich gezielt etwas mehr Glasur auf, sodass sich hier nun die typischen Linien und Sprünge zeigen, anderswo aber nicht. Nur ein Hauch Glasur sorgte dafür, dass zwar viel Grün erhalten blieb, aber das Rauchig-Dunkle trotzdem überwiegt und die Plastik ohne jeden Glanz geblieben ist. Die wenigen Krakelees auf den rosigen Wangen lenken jetzt jedoch alle Aufmerksamkeit genau in ihr warmherziges Gesicht, obwohl die bunten Rosen selbstverständlich versuchen, diesen ersten Blick für sich zu beanspruchen. Die künstlichen, knallig leuchtenden Farben buhlen förmlich um die Gunst des Betrachters. Dass ihnen das nicht gelingen will, freut mich und macht in meinen Augen das Besondere von FLORA aus.

Ich gewähre nur wenigen Interessierten einen Einblick in dieses RAKU-Brand-Prozedere in unserem Garten. Es ist mir lieber, wenn wir unter uns bleiben. RAKU-Routine, über die meine Kollegen im Allgemeinen verfügen, wenn sie das aufwändige Freibrandverfahren gern vor Publikum vorführen, stellt sich bei mir nicht ein. Die Herstellung kleinerer Gebrauchskeramik ist nicht nur überschaubarer, sie ist auch weniger kraftaufwendig und leichter zu händeln. Das ist etwas völlig anderes, als wenn wir diese schweren, erdigen Objekte durch den Garten bugsieren und die Hitze uns hierbei zu schaffen macht. Ich habe dann kein Auge für Eitelkeiten übrig und versuche bewusst möglichst unbeeindruckt und frei von allen Effekten zu bleiben und Gewohnheiten gar nicht erst zu kultivieren. Jeder Brand gestaltet sich daher anders und ist damit ein einmaliges Ereignis. Dazu will jeglicher Publikumsverkehr einfach nicht passen. Auch ein gemeinsames Arbeiten mit Kollegen möchte ich deshalb nicht provozieren, denn ich kann nicht dafür garantieren, dass das Ergebnis nachher auch gefällt! Meine Vorstellung von dem, was schön ist, unterscheidet sich von dem Schönheitsbegriff anderer Menschen. Die Fähigkeit anzunehmen, was der Zufall uns schenkt, teilen mit mir nur sehr wenige. Die meisten möchten Kontrolle ausüben, sie favorisieren dann ein festes Ergebnis, welches sie vom RAKU erwarten. Da kann ich mit meinem Herangehen, großzügig und uneitel wie ich bin, nur enttäuschen.

Dennoch sollten dieses Mal zwei Besucher dabei sein dürfen.

Wenn ich RAKU mache, geht es mir nicht in erster Linie um die effektvollen Krakelees und schon gar nicht um glänzende Farben, sondern um den vermittelnden Charakter der eher matt gehaltenen Farbe Schwarz. Die eingebrannten, rauchig-dunklen Schatten, die viele meiner Figuren überziehen, wirken zusammenführend. Mitunter bin ich selbst überrascht von dem Ergebnis.

Die größte Überraschung für uns beide diesmal war mitzuerleben, wie sich Pünktchen in unseren RAKU-Betrieb eingliedern würde. Wie würde sie es verkraften, an diesem Tage einmal nicht die erste Geige zu spielen? Unsere Gäste hielten das junge, quirlige Kerlchen natürlich in gewisser Weise bei Laune, was ein schöner Nebeneffekt dieses Besuchs war. Doch in erster Linie kam er wegen des Ofens, um uns bei der Arbeit daran zuzusehen, denn wir werden einiges verändern müssen, damit es in Zukunft für Jörn und mich leichter wird. Wir gehen dieses Problem ganz langsam an, denn noch befindet sich der Hund in der Ausbildungsphase und es braucht gerade viel Zeit und auch Geduld. Ich nehme Pünktchen aber dennoch öfter mal mit in die Werkstatt, denn hier ist der beste Ort für ein „Anti-Frust-Training“. Darauf zu warten, bis ich mit meiner Arbeit fertig bin, ist nicht lustig für den agilen Hund, der gern bestimmen würde, was passiert. Deshalb muss es gezielt geübt werden!

Auf dem Hundeschulgelände wird daher, neben lustigem Welpen- und Junghundespiel, immer auch der ernsten Seiten des Hundehalterlebens gedacht. Manch einer ohne Hund amüsiert sich ja allein schon über das Wort „Hundeschule“. Im Stadtbild geben Hundebesitzer mitunter tatsächlich ein eher lustiges Bild ab, wenn der Mensch vom Hund ausgeführt wird! Als Hundehalter muss man schon allein aus diesem Grund die eine oder andere brüske Bemerkung tolerieren können, wenn man über einen Kamm mit anderen geschoren wird. Deshalb wird des Hundeliebhabers Horizont während der Lehr- und Übungsstunden mit und am Hund auch in dem Sinne geweitet, nicht nur den Hund, sondern auch seine Mitmenschen besser einzuschätzen und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Wobei es vorkommen kann, dass der Hund lernfähiger und einsichtiger ist, als so mancher Mensch.

Einfühlungsvermögen ist das Wort, welches für alle gelten sollte. Auf dem Hundeplatz der Hunde-halter-Schule (denn zuerst muss der Halter lernen den Hund zu führen) stehen für knifflige Situationen die zwei erfahrenen Hündinnen der Trainerin bereit, die ein Auge auf Störenfriede haben und eingreifen, sobald sich einer daneben benimmt. Vielleicht sind Menschen mit Hund darum, nicht immer, aber doch sehr oft sehr viel entspannter, weil sie auf diese Weise erleben, wie einfach es sein kann! Nur durch Gesten, Körpersprache und Blicke teilen sich die beiden Australian Kelpies den Raufbolden, die sie auf dem Kieker haben, mit. Selten hört man ein grollen aus ihren Kehlen, wachsam behalten die agilen Hütehunde alle Junghunde (mitunter mehr als 15) im Blick, auch unser Pünktchen gehört dazu. Die ist jedes Mal, wie ein „Flummi“ und rennt wie der ausgestopfte Hase an der Strippe beim Windhundrennen, in einer Tour übers Gelände, um die anderen, größeren Hunde zum Spiel zu animieren.

Allen Hitzköpfen hilft im Anschluss an diese Toberei in jedem Fall aber, eine schöne Abkühlung! Doch wer jetzt keinen Pool hat, baut sich keinen mehr. Wer jetzt in der prallen Sonne sitzen muss, wird schlicht verdorren, wird sich quälen, sich nach Kühle sehnen … Ist es besonders heiß, so wie in diesen Tagen, suchen wir Abkühlung in den nah gelegenen Wassern und erfrischen uns dort. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Pünktchen, dass es ohne Hilfe und von ganz allein schwimmen kann! Waldgewässer haben ja ihren eigenen Charme. Ich sitze deshalb gerne und zeichne dort auch mit Hund. Dabei ist mir wieder sehr schmerzlich ins Bewusstsein gerückt, wie sich diese, von der letzten Eiszeit geformte Wald- und Seenlandschaft inzwischen verändert hat. An der Badestelle des Colpinsees schwimmt momentan dicke und unappetitliche Algensuppe umher und der ehemals helle Strandbereich ist jetzt schwarz verfärbt. Auch als fachunkundiger Mensch kann man den Notstand, in dem sich das einzigartige Kleinod befinden muss, erkennen. Der Wasserstand ist niedriger als sonst. Die kleinen Bachläufe, die die unterschiedlich großen Gewässer des Lehniner Waldareals miteinander verbinden, sind schon seit einiger Zeit versiegt und ihr angrenzender, ehemals morastiger Untergrund, liegt nun leider trocken; die Flora ändert sich und mit ihr auch das Leben der Tiere.

Einen kleinen moorastigen Flecken, geheimnisvoll und bezaubernd, aber ohne Zugang für den zerstörerisch auftretenden Menschen, entdeckten wir bei einem unserer Spaziergänge rein zufällig. Nur das Einhorn fehlte, sonst wäre es hier so schön, wie im Märchen. Hier kann man den Eindruck bekommen, dass die Welt noch in Ordnung ist; Libellen gleiten fast lautlos über Seerosenteppiche hinweg, das seidige Wasser lockt hellgrünlich, aber klar, darin die Blätter und Stängel einer verschlungenen Seerosenunterwasserwelt, zwischen denen sich kleine Fische tummeln. Sogar eine lange Schlange glitt sachte über die glatte Wasseroberfläche von einem Uferbereich in den nächsten, dicht an uns vorbei. Offenbar reichlich vorhanden auch viele Vögel, nicht zu sehen, aber ständig und laut im dicht wuchernden Schilfgürtel zu hören! Diese wild gewachsene Ordnung ist für den Menschen – bloß gut – absolut unattraktiv, besonders deswegen, weil es sich um ein bevorzugtes Revier sämtlicher Mückenarten handelt.

Nur die nah gelegene Autobahn stört diese Idylle. Der von ihr ausgehende Lärm ist im gesamten Lehniner Waldgebiet mehr oder weniger präsent. Einher mit der Autobahn gehen Abfall, Schmutz und Dreck. Wer keine Lust hat Abgetakeltes aufwendig zu entsorgen, setzt seinen Unrat an stillen und abgelegenen Orten gern aus. Bei unseren Wanderungen finden wir deswegen immer wieder Merkwürdiges; herrenlose halbe Autos zum Beispiel, auch Autositze ohne Auto, Malereimer mit Farbresten darin, Renovierungsabfall sowieso und sogenannte „weiße Wahre“. Auch ein unbrauchbar gewordenes Schlauchboot in Knallgelb liegt mitten im Wald und da es aus Plastik ist, wird es wohl sehr lange dort verbleiben. In seinen Dellen sammeln sich Nadeln und bei Regen auch Wasser, in dem Mückenlarven gedeihen.

Die Wirtschaft findet für schlechtes Benehmen und Mangelverhalten immer eine Ausrede. Es heißt dann gern, es ginge nicht anders, da könne man leider nichts machen, die „Menschen müsse man da abholen, wo sie nun einmal gerade stehen“. Bis es jemand vormacht und Verbündete findet, werden Probleme kleingeredet und jene, die sich darüber aufregen, werden als „Spinner“ bezeichnet. Dabei weiß jeder, dass gern mit dem Kopf durch die Wand dem Weg des geringsten Widerstands gefolgt wird. Das ist nicht nur im Großen so, sondern auch der sogenannte „kleine Mann“ versucht natürlich pfiffiger als der andere, neben ihm agierende zu sein und lebt seinen puren Egoismus selbstverständlich auch aus, wenn er kann. Aber im Laufe der Jahre wird sich das alte Denken in ein vernunftbetontes wandeln müssen. Wenn der Protest zu groß wird und der Gegner an Kraft gewinnt, wenn immer mehr Menschen Partei ergreifen und sich anstecken lassen, kann die Chose kippen! In Sachen Kohle und der ewigen Diskussion um die Arbeitsplätze in der Lausitz, wendet sich ja gerade das Blatt, doch der Weg dorthin war weit!

Wenn der Planet am Verdursten ist, verdursten auch wir, darum sind endlich Alternativen und nicht die ewig gestrigen Argumente gefragt. Immer wieder finde ich Artikel in der Presse, die davon berichten. In diesem Zusammenhang freut es mich zu erwähnen, dass unser Sohn Carsten in Jena am Max-Planck-Institut für Biogeochemie kürzlich seine Doktorarbeit eingereicht hat und wir hoffen mit ihm und drücken ihm die Daumen. Der Erfolg – so sagt das Sprichwort – hat viele Väter und ich füge hinzu: er hat auch viele Mütter! Unser Sohn verdankt unter anderem auch seinen sehr engagierten Lehrerinnen von früher, dort angekommen zu sein, wo er heute steht. Man darf nicht unterschätzen, dass bereits in der Grundschule Persönlichkeiten geformt werden.

Ich schreibe über diesen Sachverhalt etwas detaillierter, weil viele Leute glauben, man bekäme nur in der Stadt die beste Ausbildung. Sie glauben, man müsse seine Kinder auf „bessere“ oder in sogenannte „Freie Schulen“ schicken und die Nähe der Städte suchen, um dem Nachwuchs in entsprechenden Netzwerken der gleichgesinnten, elitären Elternschaft, die passenden Verbindungen zu ermöglichen, die ein zügiges Vorankommen sichern helfen. Dafür zahlen sie dann auch bereitwillig und gern, so, als handelte es sich bei der „richtigen“ Schulwahl um einen Freibrief zum Erfolg. Ich denke, dass das ziemlicher Humbug ist. Auf die inneren Werte kommt es doch zuerst einmal an, das alleinige Setzen auf begünstigende, äußere Umstände ist Selbstbetrug. Was nützen all die oberflächlichen Verbindungen, wenn die einfachste Verknüpfung zur wahrhaftigen Bildung, der des Herzens, abgerissen ist?

Industrielicht contra Mondlicht

Unser Sohn Carsten Simon beschäftigt sich am MPI mit den Ressourcen „Boden“ und „Wasser“, einem immer wichtiger werdenden Themenbereich, denn unsere Anwesenheit lässt sich überallhin, selbst bis in kleinste, mit dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbare Räume, nachverfolgen. Überall ist der „Fußabdruck“ des Menschen präsent: in den dunklen Gefilden der Tiefsee und an den Poolkappen, im All und auf dem Mond genauso, wie in den tieferen Schichten des Erdmantels. Alles Regenwasser muss auf seiner Reise zu den Grundwasserspeicherseen zuerst durch sandige Strukturen mit ihren organischen Bestandteilen aus Blättern, Nadeln und Bodentieren, der sogenannten „Streuschicht“ hindurch, um dann im „Oberboden“ von Zersetzern, wie Bakterien und Pilzen, empfangen zu werden. Schließlich wandert die Feuchtigkeit im günstigsten Fall weiter nach unten zum „Unterboden“, wo sich das Grundwasser normalerweise ansammelt. Darunter befindet sich das verwitterte Ausgangsgestein. Carsten analysiert diese Prozesse, findet allerkleinste, vom Regenwasser gelöste Bestandteile, auch jene, die von menschlicher Aktivität berichten, er filtert sie mit beeindruckender Technik heraus, bewertet und dokumentiert sie.

Quelle: https://twitter.com/maxplanckpress/status/1110575288042377216

Wer durch Wald und Flur wandelt, der spürt, dass der Boden immer trockener wird. Moose und Flechten knistern unter unseren Füßen und können eventuell abregnende Feuchtigkeit kaum noch halten. Wissenschaftler betonen immer wieder, wie wichtig gerade jetzt die alten, erwachsenen und entsprechend starken Bäume sind, dennoch, wir haben in sorgloser Weise unsere Umwelt lang anhaltend und entscheidend verändert. Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer neuen, geochronologischen Epoche, dem sogenannten „Anthropozän“. Nun liegt es an ihnen herauszufinden, wie krank unser schöner, blauer, „fiebernder“ Planet (Zitat H. J. Schellnhuber) tatsächlich ist und ob man ihm noch helfen kann.

Wälder sollen wieder aufgeforstet werden und die neuen Erkenntnisse, dabei auf Monokulturen zu verzichten, werden immer lauter vorgetragen. Aber die jungen Bäume bedürfen einer umfangreichen Pflege und sie müssen vor der zunehmenden Hitze und damit einhergehendem Stress, in Schutz genommen werden. Ehe sie nämlich stark genug sind, um für sich selbst zu sorgen, brauchen sie menschliche Hilfe in größerem Ausmaß, als dies damals noch ihre „Baum-Großeltern“ nötig hatten.

„Herr, der Sommer war sehr groß“, dichtete Rilke. Doch heute macht uns die Aussicht auf solche „großen“ Naturereignisse einfach nur noch Angst. Wenn ich im Hundebadesee-Paradies bei den wunderbar filigranen Seerosen sitze und direkt daneben die donnernden Laster auf der Autobahn höre, frage ich mich, ob es nicht früher schon Alternativen zu immer mehr ausuferndem, menschengemachtem Wachstum gegeben hätte. Solange aber die „Entwickler und Gestalter“ nur den eigenen Tellerrand im Blick behalten und Futterneid eine lobenswerte Eigenschaft darstellt, genau wie „Punkte sammeln“ beim Discounter, wird sich nicht viel verändern – denn es ist der schnöde Eigennutz, der uns engherzige Entscheidungen treffen lässt.


Maren Simon am 30. Juni 2019

5. Juli 2019

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Mit Pünktchen auf den Hund gekommen

Satzzeichen sind ausgesprochen wichtig. Ich habe gelernt mit typographischen Zeichen und Schriften umzugehen, als ich in Leipzig „Grafik“ studierte. Jetzt sind wir auf den Hund gekommen und wie sollte es anders sein, natürlich ist unser Exemplar kein gewöhnlicher, sondern ein besonderer Hund! Es ergab sich nämlich, dass wir passend zur Typographin, einen Hund mit „Pünktchen“, „Kommas“ und „Anführungszeichen“ (ohne direkte Rede) bekamen. Wir wählten vorab unter den soliden „Mittelklassemodellen“ den richtigen Typ Hund, wir wollten einen „Begleithund“ nicht klein und nicht groß sollte er sein, eher ruhig und nicht aggressiv veranlagt und einer Sorte angehören, die über reichlich Intelligenz verfügt. Was wir dann vor gut 4 Wochen, am 17. April, beim unserem freundlichen Züchter in der „Streusandbüchse“ abholen durften, war ein winziger Welpe, ein kleines Hundchen, wie frisch vom Designer und mit lebhaftem Schwänzchen, unser Pünktchen!

Unsere kleine Hündin ist jetzt ca. 14 Wochen alt und sehr agil, sie ist einfach wunderbar! Ein „bunter“ Künstler-Hund ist sie aber nicht, sie besitzt eine weiße Grundfarbe und hat kräftig karamellfarbene Flecken darauf. Das namensgebende, „typographisch“ anmutende Pünktchen sitzt beinahe perfekt mittig auf dem Steißbein, genau genommen sind es sogar zwei – denn ein kleineres Pünktchen befindet sich zusätzlich 3 fingerbreit über dem größeren. Das größere Pünktchen bewegt sich beim Spazierengehen ziemlich witzig auf und ab, wenn des Hündchens Hinterteil vor unseren Augen hin und her wackelt, unser kleiner, eifriger Hund ist seiner Truppe natürlich immer gern ein Stück voraus.

Nach und nach kommen neue, zarteste, kleine Flecken hinzu. Pünktchens Haarkleid verändert sich noch von seidig weich, bis hin zu „rauhaarig“ und mit der Pubertät wird sie sogar noch einen Bart bekommen! Darauf warten wir gespannt, denn das ist ja überhaupt das Beste, ein Mädchen mit Bart! Die kleine Hündin berührt unsere Herzen, denn sie ist lebhaft und freundlich, vorurteilsfrei und klug … und schön ist sie auch noch.

Somit übertrifft das Tierchen alle unsere Erwartungen, kaum zu glauben – was für ein Glück!

Bisher bekamen wir unsere Tiere meistens „von oben“ zugewiesen. Wir fanden sie (außer Kaninchen Herrmann) alle in misslicher Lage auf und halfen ihnen zu überleben, woraus sich dann, besonders bei der Katze, eine lebenslange Zuneigung entwickelte. Alle waren sie uns lieb und ans Herz gewachsen. Igel „Stachli“ blieb uns treu, indem er sich nahe am Haus sein Lager aus Herbstblättern baute, an das wir nie Hand (oder Forke) anlegten. Im Laufe der Jahre wurde der Haufen immer größer und ob es heute noch derselbe Igel ist, der dort nach bald 25 Jahren haust, darf bezweifelt werden. Doch der Überwinterungshaufen blieb in all den Jahren, ohne Unterbrechung bewohnt! Vielleicht sollte ich ihn schnell noch malen, denn „Haufen“ in Öl bringen momentan, siehe Claude Monets „Meules“ („Heuschober“, gemalt 1890), Millionen!

Ab und an bekommen wir auch besonderen Besuch von der Elster. Sie sitzt dann etwas länger in unserem Garten und in einigem Abstand zu uns in den Zweigen des Rosenstrauchs und auf Augenhöhe zu uns, anstatt hoch oben. Wir rufen und er (oder sie) schaut zurück, hält den Schnabel leicht schräg und wartet. Deshalb glauben wir, dass es „unsere“ Elster „Quax“ ist. Die letzten Pflegegäste, die beiden Spatzen „Horsti“ und „Fritzi“, kommen sicherlich auch regelmäßig nachschauen, wie es uns so ergeht, allerdings sind sie vom Rest ihrer Truppe leider überhaupt nicht mehr zu unterscheiden, sie sind ja ständig in „Familie“ und nie allein. Optisch betrachtet, gehen die beiden in ihrer Spatzenbande unter. Da kann man nur hoffen, dass es ihnen (und den 50 anderen) gut geht.

Der auf Eigensinn bedachte Kater fand damals schnell seinen Rhythmus und lebte sowohl dicht bei uns, als auch geheimnisvoll des Nachts, ohne seine Menschenfamilie. Unsere Hündin möchte indes an allem teilhaben, was ihre Leutchen so zu tun pflegen. Mit Pünktchen ist es im Wald viel schöner, als zu zweien allein! Nie wollte der Kater mit in den Wald! Er blieb nach 20 gemeinsamen Metern des Weges einfach stehen, drehte sich um und trabte zurück nach Hause. Bei unserer Rückkehr schlief er dann gemütlich zusammengerollt in seiner Gartenkiste.

Unser neues Familienmitglied erschnuppert auf kindliche Weise alles Neue und sein freundliches Wesen füttert unsere Gemüter mit Glückshormonen. Alles ist interessant und muss mit der Nase genauestens analysiert werden! Der morgendliche Gang durch den Garten beginnt mit einem Ritual; in übermütiger Weise, werden mit der Schnauze all die Blättchen der Blumen angestubst, die es wagen, frech in Hündchens Weg hineinzuhängen … Lebensfreude pur … Schön, dass unser Hund ein „Frühlingswelpe“ geworden ist. Ein „Winterhund“ hätte als erstes die Kälte kennen gelernt und hätte mit Schneebällen spielen müssen … bei Pünktchen sind nicht nur, die auf langen Stielen baumelnden, roten Blumenköpfe der Tulpen beliebt, auch Kienäppel aus dem Wald hat sie zum Zerpflücken gern. Genüsslich und geduldig werden die kleinen, hölzernen Kunstwerke in sämtliche Einzelteile zerlegt. Eine Leidenschaft, die sie schon im Welpenställchen, das sie sich mit den acht Geschwistern teilte, ausleben durfte. Alle Welpen dieses Wurfs strahlen Dankbarkeit für jede noch so kleine, von wem auch immer erhaltene, freundliche Zuwendung und alles, was sie umgibt, mit jeder Faser ihres Körpers aus. Man kann gar nicht anders, als diese zu erwidern.

Übersetzt heißt das: es ist einfach nur schön auf dieser Welt zu sein.

Ein neuer Lebensabschnitt hat deshalb auch für mich und meinen Mann mit Hund begonnen! Wir haben in den letzten Wochen so viel gelacht, einfach wunderbar. In ähnlich witzige Situationen, wie mit unserem Welpchen, kamen wir zuletzt vor 5 Jahren mit dem klugen Quax. Alle Rabenvögel, zu denen auch die Elstern gehören, sind äußerst intelligent, denn sie wissen, was es bedeutet Langeweile zu haben und kommen dann, wenn sie welche verspüren, auf dusselige Gedanken, besonders die pubertären Jungen! Beim Quaxl saß damals bereits, obwohl er noch ganz klein war, der Schalk in seinem blauäugigen Blick und auch hier konnte man gar nicht anders, als den Kleinen zu mögen! Mutter Natur dachte sich das wirklich richtig gut aus; Kinderaugen lassen uns weich werden, egal ob Menschlein oder Tierkind.

Nun lernt der kleine Hund, was ein großer Hund wissen und können soll und dazu muss er die geschützte Umgebung seines Gartens immer wieder verlassen. Ich führte unser Pünktchen aus diesem Anlass auch durch die Kulturhauptstadt Berlin. Mit den vielen Beinen, die sich um sie herum bewegten, ging sie sehr schnell erstaunlich souverän um, Bahnfahren im Berufsverkehr – kein Problem – sogar an einer Ausstellungseröffnung in der Galerie von Michael Schultz nahmen wir gemeinsam teil – aber steile Treppen nach unten, die hinab ins Dunkle führenden U-Bahnschächte, sie sind die Hölle für den kleinen Hund. Die Geräusche und der Lärm, den die Bahn im „Keller“ verursacht, flößten dem kleinen Kerlchen unglaublich viel Respekt ein. Wir üben jetzt jeden Tag zu Hause und gehen dazu die Treppe hinab, die in unseren dunklen Keller führt. Unser Hundekind protestiert jedoch jedes Mal lautstark quickend und sieht diese Maßnahme einfach nicht ein. Somit werden wohl noch einige U-Bahnschacht-Berlinausflüge folgen müssen. Dem kleinen Hund vom Lande machte es hingegen gar nichts aus mit mir von einer Galerie in die nächste laufen zu müssen. Bei Regen kann es mit „Kultur“ sogar sehr angenehm sein! Frauchen musste heftig an der Leine ziehen und bitten, damit es weiterging. Am liebsten wären wir bei „EIGEN+ART“, zwischen Tür und Angel und nach draußen schauend, einfach sitzen geblieben …

Plötzlich merkt man, woran es liegen könnte, in gewisse „Lagen“ zu geraten, ohne es zu wollen! Es liegt an der Körpersprache und der Haltung. Zu „weich“ bekam ich ja öfter schon zu hören. In der Welpenschule erfuhr ich nun, dass sich mein Protest dem Hund gegenüber, wenn der anders will als ich und er mich beim Raufen zu dolle zwackt, als eine einzige Aufforderung zum Weitermachen anhören würde … wie bitte? In der Tat, bin ich der „Oberraufpartner“ für unseren Hund. Ich bin aber auch „Schmusetante“. Schließt sich das nicht gegenseitig aus? Wenn es mir zu viel wird und ich laut werde, macht es dem Hund erst so richtig Spaß, mich zu knuffen und zu beißen und dabei zu knurren und zu grummeln, wie ein alter, besonders dicker Hund. Das kann ich nicht leugnen, genauso ist es.

Meine „subtilere“ Art der Ansage versteht unser Pünktchen dennoch – es dauert nur ein bisschen länger, bis es darauf reagiert, das will ich gern zugeben. Mit ihrem kleinen, scheinbar immer lächelnden Schnäuzchen sieht sie einfach lustig und liebenswert aus und das ist sie meistens auch – aber nicht immer. Man kann sich kaum vorstellen, wie weit sie diesen kleinen, ewig lächelnden „Strichmund“, der direkt unter der großen Nase von den Züchtern in Zusammenarbeit mit Mutter Natur platziert worden ist, bereits aufsperren kann, darin die spitzen Zähnchen! Also bemühe ich mich nun im eigenen Interesse darum alle meine Ansagen kurz und knapp und möglichst klar an den Hund zu bringen. Doch das kleine charmante Kerlchen ist ein Schelm. Und es weiß offenbar, dass es niedlich aussieht und es scheint, als mache es ihm eine große Freude die gefühlige Erwartungshaltung seiner Menschen zu unterwandern.

Es tut mir Leid, aber ich kann da einfach nicht den nötigen Ernst aufbringen und auch nie richtig böse sein.

Im Gegensatz zu Menschen, welche die Schwächen anderer nicht in Großzügigkeit anerkennen, sondern nur zu ihrem Vorteil nutzen wollen, kann der kluge Hund unterscheiden. Ich habe den Eindruck, unserer schätzt an seinem „Frauchen“ das eher Sanfte und Ruhige, denn es bedeutet für Pünktchen wohl eine andere Form von Stärke, vor allem aber, Geborgenheit. „Herrchen“ organisiert dagegen die großen Spaziergänge im Wald und an der frischen Luft. Mit Rucksack und Proviant sorgt er im Freien und am Elektrokocherd auch zu Hause, für das leibliche Wohl seines Rudels. Ganz offensichtlich werden unser beider guten Eigenschaften vom Hund gleichberechtigt anerkannt, ohne hierbei die jeweiligen menschlichen Schwächen, für sich auszunutzen. Im Gegenteil! Der kleine Hund ist stets sehr diplomatisch und verteilt seine Liebe gleichmäßig. Pünktchen genießt entspannt in unserer Mitte das Leben, genau, wie es Kater Micio zu seinen besten Zeiten tat.

In der Werkstatt in Werder steht nun ebenfalls eine Kiste mit Bett darin, dicht an der Glastür und bereit für den Hund. Geht eine der werderschen, rot getigerten Katzen an meiner Ladentüre vorbei, wird kräftig gebellt und der kleine Hund stellt sich straff auf seine Hinterbeine und es drängt ihn, da hinterher zu wollen. Das Lustige ist ja, dass ich mir einbildete, unser Pünktchen „katzenfreundlich“ einstimmen zu können. Es soll ja sogar Menschen geben, die aus ihren Hunden „Vegetarier“ machen können. Pünktchen darf also gezielt in Micios alter Katzenhöhle, einem relativ festen eiförmigen Gebilde aus Filz, schlafen und kuscheln, solange sie dort noch hineinpassen will. Im Ei duftet es sicherlich noch nach Katz und es macht Spaß innen drinnen sitzend, mit dem Ding durch den Raum zu kugeln, aber die erhoffte, vermittelnde Wirkung auf den Hund, sie bleibt scheinbar trotzdem aus. Dabei dachte ich in Nächstenliebe auch an Nachbars Katzen – insgesamt 3 Stück an der Zahl, die möglichst unbehelligt bleiben sollen!

In unserem Hund steckt nämlich, neben dem großen und ruhigen, von der französischen Westküste „Lan Vendée“ stammenden, weichfelligen „Grand Griffon Vendéen“, auch ein gutes Stück des agilen, drahthaarigen, britischen Foxterriers“ verborgen. Im „Kromfohrländer“ sind beide Rassen vereint. Im günstigen Fall ergänzen sich beiderlei gute Eigenschaften, aber es kann natürlich auch vorkommen, dass eine Seite ein wenig mehr dominiert. Es wird also noch spannend werden.

Sofaplatz = Lieblingsplatz – genau wie bei der Katze!

Sämtliche, auch von weiter her kommende Katzentiere verbringen gerade ihre „Wellnesswochen“ in unserem Garten – die Vögel haben Junge. Alle drei Samtpfoten (und der Schwarze, der gerne zu Besuch kommt) registrierten bereits stirnrunzelnd, neuerdings einen „Störfaktor“ im simonschen Schlaraffenland zu haben. Es ist abzusehen, dass das noch kleine, noch unerfahrene, so lustig kläffende Pünktchen, sein Refugium mit zunehmendem Alter, stärker als bisher, verteidigen wird. Bloß gut, dass unser Hund im Hause seinen Platz hat und nicht ständig ebenfalls, wie die Katzen, auf der Lauer liegen wird. Hoffen wir, dass unser „Garten Eden“ für alle Wildgartenliebhaber ein solcher bleibt und die Nachtigall weiterhin ungestört ihr Lied darin singen kann.

Maren Simon am 19. Mai 2019

19. Mai 2019

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Unsere abgewickelten Leben – wie wir uns von unseren “Millionenobjekten” verabschieden mussten

Manchmal kann es sehr schnell gehen; erst richtet man sich gemütlich ein, das Nest wächst, doch dann wird der ganze Baum gefällt und das alte Leben einfach für überholt erklärt … Wir steuern auf 30 Jahre deutscher Einheit zu und Fragen tun sich noch immer auf, denn damals wurden die Existenzen vieler Menschen durcheinander geschüttelt, was zu Ergebnissen führen sollte, unter denen wir auch heute noch zu leiden haben.

Ich möchte betonen, wenn ich nun ausführlicher werde und über jene Zeit berichte, in die just unsere Familienplanung gefallen ist, dass ich hier nur für mich und meinen Mann sprechen kann. Ich bin weit davon entfernt, die Lebensläufe anderer Menschen antasten und beurteilen zu wollen, weil Menschen die Wendezeit nun einmal sehr unterschiedlich erlebten! Gefühlt sind aber die “richtigen” Leben vieler “Ostler” über Nacht zu “falschen” geworden. Die Menschen mussten sich im wahrsten Sinne des Wortes „neu erfinden“ und die alten Werte hinterfragen. Wenn Westdeutsche die Ostdeutschen auch heute noch in abwertender Form beurteilen, dann negieren sie genau diesen Sachverhalt, der den „Ostlern“, die sich wie im „Schleudersitz“ fühlen mussten, Unglaubliches abverlangte, während die gemütlichen, „warmen Sessel“ der „Westler“ nicht angetastet wurden.

Es ist noch nicht “zusammengewachsen, was zusammen gehört” nach wie vor liegt zwischen der jungen Generation, die jetzt aufeinander zugehen will und nach einer gemeinsamen Zukunft strebt, leider immer noch so viel Müll, dass die Fragen zur Herkunft – besonders derer aus der alten DDR – von uns Älteren beantwortet werden wollen. Auch ich sehe mich gezwungen zu erklären, wie wir zu unserem Haus gekommen sind, weshalb dieser Blogeintrag überhaupt notwendig wird. Ist die Religionsfrage die vorherrschende, die sich unter Umständen den “Ostlern” stellt, wenn es um die Westdeutschen geht, so gibt es umgekehrt bei den ehemaligen Ostdeutschen der Möglichkeiten viele, die interessieren könnten!

Das Nichtwissen darüber, aus welchen Familienverhältnissen einer stammt und was einer vielleicht “vorher” war und was er später auf welche Art und Weise wurde, belastet und will geklärt werden. Leider gibt es einige Altbundesbürger, die lediglich auf Vermutungen in Verbindung mit “gefährlichem Halbwissen” setzen. Ihnen ist eine leichtfertige Erklärung in Schwarz/Weiß noch immer die Liebste, weil sie Vorurteile bedient. Es sind hier aber vor allem die Grautöne, die dominieren!

Natürlich gab es Menschen, die, sowohl in dem einen, als auch im anderen System – egal welche Funktion sie darin innehatten – stets oben schwimmen sollten, was aber keine Frage des gerade herrschenden Systems, sondern eher eine Charakterfrage ist. “Wendehälse” gab es viele. Ebenso wie Wendegewinner oder -Verlierer. Wer als DDR-ler damals Haus und Hof besaß, hatte es relativ gut und konnte sich entspannt zurücklehnen. Nicht wenigen wurde diese Lebensgrundlage aber dadurch entzogen, weil frühere Besitzer plötzlich Rückübertragungsansprüche geltend machten.  Einige der davon Betroffenen bekamen für ihren Auszug eine Abfindung, die ihnen den Neuanfang erleichtern half, andere bekamen solch eine Vergütung nicht. Der ungenaue Kenntnisstand all dieser “Sachverhalte” öffnete mitunter ein weites Feld für Spekulationen aller Art innerhalb der Nachbarschaft, die an diesen Vorgängen interessiert Anteil nahm.

Die Golfsaison ist eröffnet, Maren Simon, Mischtechnik, 1999

Plötzlich stand auch im Osten das Geld im Vordergrund und es begann unschön alle Facetten des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu dominieren und so förderte die neue Gesellschaftsordnung vermehrt auch negative Charakterzüge zutage, die bis dato in den Menschen nur “geschlummert” hatten. Die Frage nach Besitz – wem was gehört – wurde immer wichtiger.

Wenn ich über unsere Jugend schreiben will, werden auch bei mir alte Wunden wieder aufgerissen. Uns sind einige Narben zurückgeblieben. Inzwischen hat sich aber die Zeit, wie ein Wundpflaster, schützend über die kaputte Oberfläche gelegt. In Dankbarkeit an das, was gut war und gut werden sollte, relativiert sich alles Traurige und Erniedrigende, was wir in der Zeit vor und nach der Wende durchmachen mussten. Beide Systeme hatten uns – jedes auf seine Art und Weise – arg zugesetzt und auch geschadet. Durch beide erfuhren wir aber auch Gutes. Ich bedauere es sehr, dass die große Chance vertan wurde sämtliche positive Errungenschaften, die in beiden Staaten existierten, innerhalb etwas gänzlich Neuem zusammenzuführen.

Mit der Beendigung des Studiums 1987 begann ein neuer Lebensabschnitt für mich und meinen Mann. Unser bis dahin „wildes“ Leben gaben wir auf, heirateten und gründeten eine Familie. Mit dem Diplom in der Tasche hatte ich weder Aufträge, noch besaß ich einen Raum zum Arbeiten. Wir wussten auch nicht, unter welchen Umständen wir als Familie zusammenleben würden, sobald  Jörn ein Jahr später, ebenfalls sein Studium beenden würde. Meine Eltern erbarmten sich unser und nahmen auch ihn bei sich auf.

Erst als unser Sohn im Juni 1988 geboren wurde, erhielten wir ein sogenanntes Anrecht auf Wohnraum. Ohne “Beziehungen” lief in der DDR kaum etwas, weshalb wir im Endstadium des Sozialismus beim Wohnbebauungsplan „40 Jahre DDR” auch schlicht vergessen wurden! Obwohl wir bereits verheiratet und sogenannte “Studienrückkehrer” und also nicht mehr ganz jung an Jahren waren, bettelten wir vergeblich und sprachen bei vielen Stellen vor. Mit unserer kritischen Einstellung und Widerborstigkeit gegen alles staatlich Verordnete, konnten wir natürlich keinen Blumentopf gewinnen, denn den damaligen “Seelenfängern” ist es nie gelungen uns Starrsinnige zu vereinnahmen, obwohl es dafür der Gelegenheiten viele (Lehre, Armeedienst, Studium) gegeben hatte. So muss man der Richtigkeit halber erwähnen, dass wir im Gegensatz zu anderen, klügeren Leuten, irgendwie auch selber schuld an unserem Zustand – frei wie die Vögel zu sein – gewesen sind.

Babelsberger Selbstbildnis Maren Simon, Aquarell

Das hatten wir nun davon.

“Dringlichkeit” hieß das Wort, das Türen öffnete. Solange kein Kind da war, brauchte es keine entsprechende Versorgung und wir merkten mehr und mehr, wie egal wir “Studierten” dem Arbeiter- und Bauernstaat, ohne das umgangssprachlich “Bonbon” genannte Abzeichen am Revers, offensichtlich waren. In der Schlange bei der Wohnraumlenkung standen wir ganz hinten an und hetzten – gefangen wie im Mäuselabyrinth eines Experimentallabors – von einer Stelle zur nächsten, ohne je irgendwo anzukommen. Immer wussten die diensthabenden Mitarbeiter bereits über uns Bescheid und vertrösteten uns gezielt mit entsprechend rührigen, aber leeren Worthülsen. Auch bei meinem Berufsverband, den ich um Unterstützung bat, vertüttelte ich umsonst meine Zeit. Auch hier fühlte ich mich mit meinen Sorgen nicht ernst genommen.

Als wir dann endlich einige Objekte anschauen durften, geriet uns immer dann, wenn wir die Renovierungsarbeiten fast abgeschlossen hatten, irgendetwas dazwischen! Die erste Wohnung bekam ganz plötzlich akuten Hausschwammbefall. Nach der baupolizeilichen Sperrung derselben, zog dann zügig ein sogenannter “Hundertprozentiger” in die durch uns hergerichtete Wohnung ein. Wir erfuhren davon durch die Nachbarn, die lieber die “jungen Leute” behalten hätten. Ein anderes Mal durften wir uns das Objekt zwar ansehen und waren begeistert, aber die Wohnung bekamen wir dann doch nicht zugesprochen, weil der Balkon der freundlichen Dame, die in kleinere Gefilde umziehen wollte und Frau Bombe hieß, leider “abzustürzen” drohte, ausgerechnet, nachdem wir die Wohnung besichtigt hatten…

Und als dann sogar die in Aussicht gestellte Plattenbau-Siedlung im Potsdamer Stadtteil Drewitz, trotz ausgezeichneter “Planwirtschaft 40 Jahre DDR”, nicht rechtzeitig fertig wurde, resignierten wir beinahe, derweil ich immer unbeweglicher und dicker wurde und unsere Stressresistenz ab- und somit für uns die “gefühlte” Dringlichkeit mehr und mehr zunahm.

Unser Sohn erblickte das Licht der Welt und wir saßen noch immer bei meinen Eltern fest.

Die Betriebsleitung meines Mannes half uns aber sehr freundlich mittels einer provisorischen Überbrückungslösung aus der Patsche, sodass wir nun beinahe, wie eine richtige Familie, zusammen leben konnten. Leider handelte es sich bei dem Objekt um eine einzige Baustelle und in dem kleinen Haus kämpften wir gegen feuchte Wände an. Tapfer harrten wir aus und machten das Beste aus unserer scheiß Situation und das hätte nach Ansicht der Wohnraumlenkung auch ewig so weiter gehen können! Denn unsere mickrigen Sorgen waren für die Genossen, angesichts der sich ankündigenden DDR-Endphase-Problematik, wohl nur ein Klacks. Während unser Anspruch auf Normalität wieder und wieder aufgeschoben wurde, enteilte uns aber unser Leben!

1986 geschah die Kernreaktorkatastrophe in Tschernobyl, weswegen die Ärzte in der DDR auch Jahre danach noch aufmerksam alle jungen Mütter und ihre nach `86 geborenen Babys, beobachteten. Unser Söhnchen weinte viel als er noch ganz klein war. Ich konnte ihn mitunter kaum trösten, ständig schrie er, scheinbar völlig grundlos. Er überspannte seinen kleinen Körper und wirkte dabei fast, wie ein Athlet und wollte doch, obwohl er so “sportlich” rüberkam, einfach nicht krabbeln! Entsprechende Untersuchungen wurden notwendig, die uns Eltern stark zusetzten. Der kleine Körper wurde geröntgt und Hinrnwasser mittels einer stählernen Kanüle aus der Fontanelle entnommen. Auch seine Äugelein wurden speziell untersucht, wobei sie seine Pupillen mit Augentropfen weiteten.

Wir waren beide so traurig, doch der Kleine entwickelte trotz allem ein drolliges Gemüt. Mit den Worten “so ein sonniges Kerlchen“ wurden wir regelmäßig in der Kindersprechstunde empfangen. Bald bewegte er sich äußerst munter auf seinem Hintern rutschend umher und mit Hilfe seines Kindergestells, indem er sicher, wie in einer „Hose“ hing, wobei die Füßchen Bodenkontakt hatten, rollte er durch die Bude, dass es nur so eine Freude war. In einer anderen „Hose“ hing er baumelnd mittels einer Stahlfeder, die am Türrahmen zur Küche befestigt wurde. Darin hopste unser Kind so oft es nur konnte, freudig und mit viel Gekreisch, auf und nieder und trainierte dabei seine Beinchen. Alles an ihm war in ständiger Bewegung und vielleicht war das die beste Therapie für uns alle.

Mutter und Kind, Übergangslösung in Babelsberg, 1988

Dennoch, das Wort „Behinderung“ fiel und man informierte uns darüber, dass unser Sohn „nie richtig würde laufen können“ … wir bekamen Auflagen geduldig und ruhig zu bleiben und sportliche Übungen mit ihm zu machen. Wir sollten dabei „lustig“ sein und mit ihm lachen, durften den Kleinen unsere Betroffenheit nicht spüren lassen. Als er dann überraschend und ohne die Krabbelphase je durchlaufen zu haben, selbstbewusst auf seinen beiden Beinchen stand und seine Runden freudig kreischend in ihrem Sprechzimmer drehte, freute sich auch die zuständige, freundliche Ärztin sichtlich mit uns.

Die Kinderärzte hatten sich alle – Gott sei Dank – geirrt.

Bei dem für unseren Wohnbezirk zuständigen Parteigenossen legten wir in dieser Zeit Beschwerde ein und drohten damit, die anstehende Wahl zu boykottieren. Nur durch diesen „Kunstgriff“ unsererseits kam in die Wohnsache SIMON dann endlich Leben! Und im Mai ’89 erhielten wir ganz plötzlich eine Zuweisung für eine als “schwer vermittelbar” eingestufte und nahe dem Neuen Garten gelegene Altbauwohnung. Unser Kind war zu der Zeit, als wir den Mietvertrag unterschrieben, bereits ein Jahr alt. Die Wohnung befand sich in der oberen Etage einer italienisch anmutenden Villa, erbaut um 1900 und war ohne jeden Komfort: 4 Zimmer – 3 Kohleöfen – ein Balkon – eine “kalte” Küche – kein Bad – eine Toilette auf dem Flur. In die nicht beheizbare Küche bauten wir selbst eine Dusche ein.

Aber unser neues Wohnzimmer war bereits von anderen Mietern zuvor, in Ansätzen renoviert worden, ein Umstand der fast zu schön gewesen ist, um wahr zu sein und uns irgendwie bekannt und auch verdächtig vorkam. Wir ignorierten jedes mulmige Gefühl und sollten bald zu spüren bekommen, dass wir diese Wohnung nicht ohne Grund erhalten hatten. Von den fürsorglichen Genossen der Wohnungsvergabestelle sind wir nämlich direkt zu des “Teufels Großmutter” vermittelt worden und als wir es bemerkten, war es bereits zu spät. Zugegeben, anfangs gaben sich unsere beiden Vermieterinnen, Mutter und Tochter, sehr aufmerksam und interessiert … denn der Bau des alten Hauses wurde damals von einem bekannten Potsdamer Künstler in Auftrag gegeben, dessen Nachfahren sie waren und der nette Zufall, nun ausgerechnet eine Künstlerin und deren Familie als Mieter bekommen zu haben, gab dem Haus eine entscheidende Facette seines ehemaligen Flairs zurück.

Mit der Wende wurde die alte im Grünen gelegene Villa, trotz ihrer Mängel, aber leider sehr bald zu einem spekulativen “Millionenobjekt” erklärt. In Folge dessen wurde unsere Anwesenheit im Hause B. zunehmend als lästig empfunden, was man uns deutlich zu spüren gab. Die verschiedensten Leute kamen und gingen und sie wollten sich natürlich auch in unseren Räumen umsehen. Wenn ich heute zurückschaue kann ich darüber, wie sich dieser Umstand für uns im Einzelnen gestaltete, sogar lachen, aber damals blieb es uns im Halse stecken.

Indizien sprachen dafür, dass sogar in unserer Abwesenheit (z. Bsp. während des Urlaubs) “Führungen” stattgefunden hatten. Diese waren unter anderem auch der Neugierde der beiden Vermieterinnen geschuldet, die sich mithilfe des Zweitschlüssels und unter dem Vorwand, den Schornsteinfeger auf das Dach begleiten zu müssen, in unserer Privatsphäre “ab und an umschauen” und dort nach dem “Rechten” sehen wollten. Um den Verdacht zu prüfen präparierte ich unseren Eingangsbereich mit einem meiner langen Haare und klebte es, wenn wir die Wohnung für längere Zeit verließen, zwischen Rahmen und Tür. Ich dokumentierte den Sachverhalt sicherheitshalber mit der Kamera. Es waren dann nicht nur zerrissene Haare, die verärgerten, sondern auch der Umstand, bei der Rückkehr des Öfteren von einem blumigen Parfümduft empfangen zu werden, der nicht meiner – mir aber wohlbekannt war!

Schließlich ließen wir das Türschloss auswechseln und gaben den Zweitschlüssel unserem freundlichen Nachbarn in Obhut. Die Entrüstung über den Vertrauensverlust war groß und wir fühlten uns deshalb auch nur bestätigt darin, recht getan zu haben, indem wir die „Frechheit“ privat bleiben zu wollen, durchsetzten.

Angesichts merkwürdiger Formulierungen im Mietvertrag hätten wir uns vieles vorab denken können. In Anbetracht der Tatsache wohnraumtechnisch gesehen, überhaupt untergekommen zu sein, ließen wir aber von Beginn an zu viel Nachsehen durchblicken und blieben selbst in Situationen beherrscht, wo andere an unserer Stelle, bereits am Ausflippen gewesen wären. Das war völlig falsch verstandene Liebesmüh! Mit Humor versuchte ich stattdessen die sich aufbauenden Spannungen zu entschärfen, aber sie besaßen keinen. Mein Problem war, dass ich mich tagsüber (freischaffend und allein) zu Hause aufhielt und in meiner Eigenschaft als Künstlerin, das beste Angriffsziel für die Übergriffe der beiden Damen abgab. Ich konnte von Glück sagen, dass wenigstens klein Carsten im Kindergarten gut aufgehoben war und “sans souci” spielend, dort seine Vormittage unter Gleichaltrigen verbrachte.

Alle zwei Wochen stand die Treppenreinigung an. Natürlich wurde ich auch hier genauestens kontrolliert und nie war ich gründlich genug! Dabei strotzte das Haus an sich – von seinem ganzen Erscheinungsbilde her – nicht gerade vor Ordentlichkeit, aber irgendetwas, manchmal ein Krümel nur, war immer. Ich fand dann entsprechende, belehrende Zettelchen im Briefkasten vor, die mit “Hausbesitzer” unterschrieben waren. Ein anderes Mal war das Kind zu laut, mal störte der Kinderwagen, mal schien es, war unser Besuch das Problem. Unsere “Vergehen” zu bemängeln diente allein der Demonstration ihrer Macht, die sie mit reichlicher Willkür betrieben. Ich behielt meinen humorvollen Blick und legte meinerseits Zettel in den Postkasten der Damen zurück, die ich mit “Hirnbesitzer” unterzeichnete. Mir war aufgrund der ewigen Nörgelei um – Nichts – jeglicher Respekt abhandengekommen.

Lärmschutz war zu der Zeit, als die Villa erbaut worden war, noch kein Thema – nicht so, wie heute! Wenn unten etwas lauter gesprochen oder gar “gesungen” wurde hörten wir das, aufgrund der strohgefüllten Deckenkonstruktion. Geräusche und Lüfte wanderten wie selbstverständlich im Hause – der Thermik gehorchend – umher und so stiegen sämtliche Kochgerüche von unten zu uns auf und umgekehrt, nervten die Lebens- und Dielengeräusche von oben, die beiden Frauen in den unteren Etagen.

Abhörsystem, Maren Simon, Federzeichnung, 1990

Meinen Briefen, die ich in meiner Verzweiflung vielen lieben Menschen schrieb, fügte ich kleine, witzige Zeichnungen hinzu, die mir immer wieder zum Thema “Hauseigentümer kontra Mieter” eingefallen sind und habe auf diese Weise sämtliche Gemeinheiten verarbeitet. Es gab einige Leute in unserem Umfeld, die voller Vorfreude nur darauf warteten, dass bei uns die “Luft wieder brannte” und ich einen Grund hatte, entsprechende Briefe mit spaßigem Inhalt zu versenden.

Denn eine Gemeinheit jagte die nächste …

Auch in Babelsberg wurde das kleine Einfamilienhaus, indem Mutter und Vater bis dato gelebt hatten und in dem ich aufgewachsen bin, über Nacht zu einem “Millionenobjekt” deklariert und genau wie wir in der italienischen Villa, wohnten auch sie nur zur Miete darin. Meine Eltern fühlten sich an ihre Zeit von Flucht und Vertreibung erinnert und ein zweites Mal ihrer Würde beraubt. Sie empfanden als „Wendeverlierer“ Scham, gleichzeitig aber auch so etwas wie Stolz. Beide waren beruflich noch immer aktiv und mein Vater wurde von der Dorfschule in Drewitz zur damaligen Pädagogischen Hochschule in Potsdam berufen, doch seine Abteilung, die, in diesem Zusammenhang sei es erwähnt, sinniger Weise “Bereich Kultur” hieß, hielt sich nicht und wurde “abgewickelt” – was für ein schlechtes Omen!

Überhaupt war es so, dass andauernd irgendetwas abgewickelt werden musste nur, um dann anschließend wieder neu erfunden zu werden!  

Meine Mutter – Abschied von Babelsberg 1994/95

Als uns der Vater starb, war ich gerade einmal 30 Jahre alt. In der Doppelrolle, einerseits die älteste Tochter meiner Mutter und andererseits junge Mutter meines kleinen Sohnes zu sein, blieb mir wenig Raum für die eigene Trauer. Wenn ich in der Nacht dem Druck nachgab, liefen mir die Tränen. “Schöne Aussicht”, “Das Millionenobjekt”, “Entmietet”, “Das verlorene Paradies” oder ,,Abschied von Babelsberg” hießen meine Bilder, die damals entstanden sind. Freunde von uns erwarben einige und bekundeten auf diese Weise ihre Solidarität. Leider behauptete sich die Malerei des Ostens lange Zeit nur sehr schwer oder gar nicht. In Potsdams Kulturszene kam zwar Bewegung, jedoch mit einer Tendenz, die dem Westen huldigte und den Osten anfangs lediglich duldete – nicht aber, respektierte.

Gefühlt war alles “Realistische” totgeweiht, nur das ,,Abstrakte” durfte leben und wurde hofiert.

Ich sollte mich von der indirekten, nie ausgesprochenen Ablehnung, welche mein Selbstbewusstsein auf eine harte Probe stellte, nie wieder so richtig erholen. Ich freundete mich stattdessen mit dem gewonnenen Eindruck, einfach nicht über die richtigen Argumente zu verfügen an und richtete mich zunehmend einzelgängernd darin ein. Ich befand mich mit einem Hochschulabschluss so kurz vor dem Fall der Mauer und der Tatsache, ein Kleinkind in meiner Obhut zu haben, genau an der Schnittstelle zwischen den Welten, was die Aussicht auf eine Chance zur Etablierung meiner Fähigkeiten, erheblich verringerte. Bereits in der DDR erfolgreich aufgetretene Kollegen, die auf ihre alten Freundschaften und auf ihre Bekanntheit in der Kulturszene bauen konnten, hatten es da wesentlich leichter, wieder festeren Boden unter ihre Füße zu bekommen.

Mit meiner Leipziger Ausbildung war ich den Potsdamern zu allem Überfluss ein Dorn im Auge. Ich empfand mich als Einheimische wie ein “Fremdkörper” in den eigenen Reihen. So am Rande stehend nahm ich Kassandragleich sämtliche Strömungen und auch die Tendenz wahr, dass die Gesellschaft sich in kleine, sich ablehnende Gruppen aufzuspalten begann, die sich gegenseitig anfeindeten. Wollte einer eine Sache gezielt voranbringen, musste er immer mit einem Gegenentwurf rechnen. So kam es, dass auch ich einige Male auf diese Weise meine Stimme innerhalb eines Projekts verlor und ausgehebelt wurde. Diskussion und Streit – an sich etwas Positives – sind dann mitunter lediglich als Alibi benutzt worden, sich in der eigenen Sache Gehör zu verschaffen, nur, um die entsprechend gewünschte Aufmerksamkeit dann auf sich selbst lenken zu können. Diese, von mir als unaufrichtig empfundene Profilierung auf Kosten anderer, trug meiner Ansicht nach zur Abwertung jeglicher Art von “Kultur” bei. Dass „eine Hand die andere wusch“, das lief auch in der alten DDR nicht anders als im danach folgenden Westsystem, nur richtete sich in der DDR nicht alles nur allein nach dem Gelde aus. Dafür war allerdings eine korrekte politische Gesinnung, die sich der Parteiführung anzudienen hatte, Pflicht, wenn man in dem Staat DDR weiter kommen wollte.

Das neue Motto, das der staatlich verordneten Politik folgen sollte, hieß “der Stärkere gewinnt”. Wer zu schwach wirkte, weil er zu leise auftrat und deshalb nicht voran kam, war selbst schuld! Und so bekam auch ich damals zu hören, dass ich „mein Licht selbst unter den Scheffel stellen” würde, was ich als eine einzige Frechheit empfand! Denn, das lernten wir schnell – der “Stärkere” ist nicht immer auch der Genialste und der Lauteste nicht immer auch derjenige, mit den besten Argumenten!

“Potsdamer Parkduell”, Maren Simon, Mischtechnik, 2005

Diese leidigen Erfahrungen prägten allerdings meine Arbeitsweise derart, dass ich heute noch immer versuche, mich alleine “durchzuwurschteln” und danach trachte, Abhängigkeit zu vermeiden. Vertrauen zu entwickeln habe ich in meiner, von “Brüchen” belasteten „Sozialisierungsphase” nach Beendigung meiner Studienzeit, einfach nie gelernt! Dafür lernte ich, dass ich nur allein für mein Seelenheil sorgen und mich nicht auf andere dabei verlassen darf. Ich versuchte es natürlich trotzdem, scheiterte aber regelmäßig, weil ich immer autark darauf bedacht gewesen bin, mich nie in Gänze unterordnen zu lassen. Meine Freiheitsliebe wurde mir dann zum Nachteil gereicht, was verständlich und auch irgendwie nachvollziehbar ist.

Die Beschaffung von Sach- und Geldmitteln für “Projekte” aller Couleur wurde wichtiger als die “Kunst”, für die man sie brauchte. Der Beruf des „Künstlers“ bekam auch dadurch eine gewisse Beliebigkeit angehängt, die ihn zum „Allrounder“ abwertete. Kunst strahlte jetzt vermehrt „Leichtigkeit“ und „Schönheit“ aus. Eine Kombination, welche eher die „Oberfläche“ bediente und Tiefe eher vermissen ließ – für mich ein Unding. Aus dieser Entwicklung heraus resultierende Spannungen sollten auf meiner dünnen Haut dauerhafte Spuren hinterlassen.

Im Durcheinander der Wendezeit hatte jedoch wenigstens mein Mann eine glückliche Begegnung! Er traf auf jemanden mit dem es möglich war, sich in Gegenseitigkeit anzunehmen, trotz aller Unterschiede und ohne hierbei die üblichen Vorbehalte zu bedienen. So kam er in diesen wirren Zeiten zu einem Angebot, das er nicht ablehnen konnte, weil es uns ermöglichte unsere mangelhafte Wohnsituation endgültig zu beheben. Ich erinnere mich noch genau daran, wie lange wir trotzdem hin und her überlegten und dabei das Wort “Moral” wendeten und drehten – nächtelang – nur wenige Menschen wussten davon.

Etliche, gut ausgebildete Fachkräfte verließen ja während dieser Zeit die Region Brandenburg in Richtung Westen, weil sich die Bezahlung dort einfach viel besser gestaltete als hier und man in den alten Bundesländern mehr Möglichkeiten zur Entfaltung angeboten bekam. Mit der Öffnung der Glienicker Brücke wurde auch für uns Potsdamer die Nähe zum westlichen Teil Berlins in einer Weise Realität, die uns die damalige Entscheidung erleichtern half. Wir durften innerhalb der alten Grenzen bleiben und bekamen dennoch Zugang zu allem Neuen, das direkt vor der Haustüre auf uns wartete.

Junge Leute aus der ehemaligen DDR, das war allgemein bekannt, verfügten über eine solide Ausbildung und mein Mann erfüllte genau die geforderten Ansprüche! Er hatte an der TU in Dresden erfolgreich Maschinenbau studiert, war streitbar und selbstbewusst, ein zielstrebiger junger Mann, der sogar verstand, seine damaligen Professoren von seinen Ansichten zu überzeugen. Allein dieser, seiner neuen Tätigkeit im Westteil Berlins, verdankten wir letztendlich, völlig auf uns allein gestellt, in Folge gut über die Runden gekommen zu sein. Und dieser Aspekt rief leider diverse Neider auf den Plan, denn es schien uns nach all den traurigen Vorkommnissen, von denen kaum einer wusste, jetzt einfach viel zu gut zu gehen!

Ihre Verachtung gipfelte in einer Ansprache, in der das Wort “Arsch” – in den man uns angeblich am laufenden Bande “kröche”, mehrmals vorkam. Aus den negativen Gefühlen, in deren Zentrum wir jungen Leute uns befanden, machten unsere Vermieterinnen auch keinen Hehl. Unser Dasein begann sich innerhalb des Hauses immer ungemütlicher zu gestalten und die Lage spitzte sich zu. Ich hielt es kaum noch aus, wollte nur noch weg.

Millionenobjekt am Neuen Garten

Sie besaßen dieses “Millionending” und fühlten sich anscheinend trotzdem desolat. “Jammerossis” gab es tatsächlich! Heute kann ich mit dem nötigen Abstand sagen, dass es sich dabei sehr oft ausgerechnet um solche Mitmenschen handelte, denen es besser ging, als all den anderen “Ossis” und die eigentlich nicht nötig gehabt hätten, sich selbst zu bemitleiden. Diese Menschen wollten, nachdem sie sämtliche Vorteile mitgenommen und für sich gesorgt hatten, dann auch recht schnell die trennende Mauer wieder haben. Wem es wirklich schlecht erging, der klagte nicht, denn diesen Leuten hatte es in den meisten Fällen die Sprache verschlagen! Man machte halt das Beste aus der neuen Situation und hegte im Stillen die Hoffnung, es würde schon irgendwie werden.

Bei uns stand inzwischen eine Mieterhöhung an und wir sollten für ein “Bad” zusätzlich zahlen ohne ein Bad bekommen zu haben. Unfassbar! Natürlich weigerten wir uns diese kuriose Form der Mieterhöhung anzuerkennen, hatten wir die Dusche in der Küche doch selbst dort platziert! Pünktlich zum Herbst wurde einer unserer Kachelöfen vom zuständigen Schornsteinfegermeister wegen bestehender Erstickungsgefahr gesperrt und so gab es dann statt einer Erhöhung, sogar Mietminderung.

Unsere Auseinandersetzung begann allen Beteiligten gleichermaßen auf die Nerven zu gehen.

Deshalb führte eine sogenannte „Hausverwaltung” die Geschäfte im Interesse der Vermieterinnen weiter und unsere Mietminderung hatte zur Folge, dass wir eine fristlose Kündigung zugestellt bekamen, binnen derer wir innerhalb von 14 Tagen, aus der Villa ausgezogen sein sollten. Der Schikane zu entrinnen war unmöglich. Kampflos aufzugeben kam aber auch nicht in Frage. Ich erinnere mich noch genau, wie ich kreidebleich stand und ihm, der mir da mit dem unfreundlichen Brief in der Hand an der Schwelle zur Tür gegenüber stand, sichtlich Leid tat. Anfangs hofften wir noch auf eine gütliche Einigung, die erniedrigende Juristensprache belehrte uns aber eines Besseren. Wir sahen uns mit Lügen und bewusst falsch formulierten “Tatsachen” konfrontiert und wir brauchten entsprechend fachlich ausgebildete Unterstützung. So lernten wir sehr schnell, wie die neue Gesellschaftsordnung tickte und versuchten, es sportlich zu nehmen. Denn um das Einzelschicksal von Personen, beziehungsweise, um das Menschliche an sich, ging es ja schon lange nicht mehr … dem schnöden Sachverhalt (in Verbindung mit Geld) galt das alleinige Interesse. 

Nachdem der Gerichtsvollzieher uns besuchte, sahen wir uns deshalb auch gezwungen, einen Anwalt zu bemühen. Mit seiner Hilfe verhinderten wir das Schlimmste; nämlich mit Kind und Hab und Gut auf die Straße gesetzt zu werden. Solche Erfahrungen wünsche ich keinem! Ich war nur noch ein Strich in der Landschaft und alles in mir sehnte sich danach, diesen unerquicklichen Ort endlich verlassen zu dürfen. Sechs Jahre unseres Lebens sahen wir uns der Willkür dieser beiden, ganz offensichtlich vom Leben enttäuschten Frauen, ausgesetzt. Über die „üblen“ Auswirkungen des “absterbenden Kapitalismus” wussten wir alle, dank des „Staatsbürgerkundeunterrichts“ in unseren Schulen, Bescheid! Dass sich aber der einst solcherart sozialistisch geprägte, ,,fortschrittlichere” Mensch derart schnell zum “Wolf im Schafspelz” wandeln sollte, das war eine völlig neue Erfahrung für uns – solcherart umgekrempelte „schwarze Schafe“ waren gefräßiger, als die echten „Wölfe“ aus den alten Bundesländern es waren, über die in Foren an „runden Tischen“ gemeckert wurde.

So bereiteten wir schließlich Anfang’ 93 schweren Herzens unseren Weggang aus Potsdam vor und zurrten unter anderem auch die große und sperrige Rolle unseres Wohnzimmerteppichs auf dem Dach des Kombis fest. Unsere Villenbesitzer spürten wohl, dass da etwas nicht stimmen konnte und wir sahen, wie sie unser Treiben mit einiger Bestürzung in den Augen, beobachteten. Als die Kündigung pünktlich 14 Tage vor unserem Auszug per Einschreiben eintraf, vernahm ich dann auch einen entsetzten Schrei der Alten derer von Basedow aus der Kellerküche ihres Millionenobjekts.

Die Botschaft demnächst ohne Mieter (und finanzielle Einnahmen) zu sein, war angekommen!

Schlüsselübergabe

Derartig Erniedrigendes wollten wir nie wieder erleben, weshalb wir ein neues Mietverhältnis nicht in Betracht zogen. Wir mobilisierten stattdessen all unsere Kräfte und bauten uns ein kleines, aber eigenes Haus. Bei dem leisesten Verdacht, womöglich nur wieder für die Interessen anderer benutzt zu werden, zogen wir die entsprechenden Konsequenzen. Jetzt, da ich an diesem Text schreibe, muss ich sagen, dass sich Menschen auch im Ostteil der Bundesrepublik seit der Wendezeit immer schwerer im Umgang miteinander anstellen. Sie interessieren sich jetzt genauso wenig für ihr Gegenüber und reden nicht mehr miteinander, wie die einst von ihnen verteufelten “Wessis” es zu tun pflegen. Anscheinend sind auch wir “Ossis” endlich im wilden Westen angekommen! Allgemein versagt man sich gern jeden Respekt untereinander und gibt sich arrogant nur, um nicht auf die Argumente des anderen eingehen, oder sie gar akzeptieren zu müssen! Jeder, der etwas auf sich hält, möchte jetzt auch im Osten gern ein Alphatier sein und jeder will deshalb natürlich auch nicht hinten, sondern ganz vorn – neben dem Busfahrer sitzen!

Der gefühlte Unterton hierbei lautet, nur wer “schwach“ ist, der gibt auch Klein bei.

Die Umstände unserer Wohnraumsuche und der frühe Tod meines Vaters, einhergehend mit dem Verlust des Elternhauses mitsamt unseren eigenen gemachten, schlimmen Erfahrungen als Mieter, das wirkte in seiner Komplexität unglaublich erdrückend. Proportional dazu leuchtete unser junges, wiedergefundenes Glück ein gesundes Kind zu haben und Potsdam in guter Verfassung verlassen zu können, dann aber umso heller nach außen hin auf, je mehr Landluft wir atmeten. Endlich konnten wir uns entfalten und auch klein Carsten war glücklich, endlich durfte er toben – am liebsten tat er es im nahen Wald und auf den umliegenden Wiesen, auch in unserem kleinen Garten und er wünschte sich sehnlichst ein Tier, damit er einen Spielgefährten haben würde. Es sollten im Laufe der Jahre mehrere werden …

Pünktlich zur Einschulung hoppelte dann als erster Gast ein Zwergkaninchen in unsere Familie. Wie lustig, aber auch wie wehrhaft diese Tierchen sein können! In der alten Villa wäre es unserem Sohn nie möglich gewesen, solche amüsanten (und auch weniger amüsanten) Erfahrungen fürs zukünftige Leben sammeln zu können, wie diese, mit seinem kleinen, frechen Herrmännchen! Und so wurde das – im Allgemeinen als possierlich und niedlich unterschätzte, freiheitsliebende Karnickel, das, solange es lebte eine ziemlich witzige und selbstbewusste “Persönlichkeit” darstellte, zum Symbol für die neu gewonnene Freiheit unserer kleinen Familie.

Damit unsere Geschichte auch später für andere nachvollziehbar bleibt, klemmten wir alle Vorgänge zu unserer ungeliebten Potsdamer Vergangenheit sorgsam zwischen zwei Aktendeckel und stellten den Ordner ins Regal – andere Ordner mit unschönen „Vorgängen“ gesellten sich später leider hinzu, denn die „Vernunft“ war nach der Wende, genau wie die „Regentrude“, wohl eingeschlafen … was einen allgemeinen “Klimawandel mit Dürreperioden” zur Folge haben sollte. 

Fazit: Im “Käfig” festgehalten zu werden, verbiegt den Charakter! Wer sich gezwungen sieht, stets nach den Vorgaben und Regeln anderer leben zu müssen, findet keinen Weg zu sich selbst und wird früher oder später ruppig. Wer dagegen einzig und allein tun und lassen kann, wie und was er will, bleibt unterfordert und wird unzufrieden sein und wird nie wissen, was ihm zum Glücklichsein fehlt.

Im neuen Zuhause

Zu einer “runden” Persönlichkeit heranreifen wird nur derjenige, der, was auch passiert, seine Stacheln behält.

Maren Simon, 31. März 2019

2. April 2019

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Alles Gute zu meines Vaters Geburtstag am 14. Februar. Ein Nachruf.

Mein Vater verstarb vor 27 Jahren binnen eines halben Jahres. Sein Ausfall als Familienoberhaupt riss eine große Lücke in unsere Familie. Ich bewahre sein Bild in meinem Innersten, er begleitet mich und mein Tun, denn mein Vater war zu seinen Lebzeiten gleichsam auf einer Wellenlänge mit mir, manchmal spreche ich mit ihm, wenn ich auf dem Friedhof bin.

Rudolf Gustav Sauer wurde 1934 in Hamburg geboren und seine Familie gelangte während der Kriegswirren nach Potsdam. Er studierte in Berlin das Fach Kunsterziehung, arbeitete als junger, diplomierter Lehrer an verschiedenen Schuleinrichtungen und war zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dort im Bereich Kultur, tätig.

Ich habe meinem Vater vor allem zu verdanken, in mir die Liebe zur Kunst geweckt und diese immer auch unterstützt zu haben. Dank ihm bin ich bildende Künstlerin geworden. Sowohl meinem Vater, als auch dessen kunstinteressiertem Vater, meinem Großvater Gustav Sauer, war es nicht möglich, das künstlerische Potential, welches sie in sich trugen, weiter auszubauen. Mein Großvater blieb bis ins hohe Alter ein Hobbymaler, sein Sohn – mein Vater Rudi, wandelte eher auf kunsttheoretischen und kuratorischen Pfaden.

Dies tat er aber außerordentlich gewandt, denn das Wissen, welches er in sich trug, war äußerst breit gefächert und er erweiterte es ständig. Zusammen mit seiner erstgeborenen Tochter, also immer mit mir an der Hand, besuchte er die verschiedensten Ausstellungen von abstrakter und realistischer Kunst in Museen und Galerien und er liebte sakrale Bauten, auch dorthin nahm er seine Familie mit. Wie ein Schwamm saugte ich diese, alles Künstlerische begünstigende, früh-förderliche Atmosphäre in mich hinein und lernte spielend leicht Kunstwerke als solche zu erkennen und zu werten. Und so wusste ich schon damals, als kleines Mädchen, welches Bild ich liebte und welches eher nicht, und vor allem konnte ich auch erklären, warum.

„Maren liebt alle Tiere, besonders alle Hunde“… darum hatte ich meinen Lieblingshund portraitiert!

Vaters Arbeitsraum befand sich neben dem Keller unterm Haus. Dieser Raum verfügte über ein großes Fenster, welches sich auf einer Ebene mit dem Garten befand. Vaters Bücherregal dort war – neben dem Garten mit einem Loch im Zaun hinaus ins Freie – mein bester Freund in Kindertagen. Er selbst saß zu gern in diesem unteren Teil des kleinen Hauses, um dort ungestört lesen zu können. Er wusste, dass ich in seiner Abwesenheit seine Lesestube ebenfalls besuchte, denn ich stöberte gern und oft in den Regalen mit den dicken Kunstbänden. Wenn ich ein Buch nicht ordnungsgemäß zurückstellte, oder ein „Eselsohr“ hinterließ, bekam ich Ärger. Später saß auch mein Mann sehr oft mit ihm in diesem Kellerraum, da waren dann beide Männer ungestört unter sich, tranken manchmal ein Gläschen, rauchten und unterhielten sich dabei über Gott und die Welt. Jörn erinnert sich sehr gern an diese Momente.

Rudolf Sauer war die geborene „Lehrerpersönlichkeit“, war durch und durch Erzieher und ein souveräner „Persönlichkeiten-Entwickler“, auch zu Hause. Ich liebte, achtete und respektierte ihn und stand ihm immer sehr nah. Es war für uns Kinder besonders schön, wenn er neben der notwendigen Strenge auch ab und an seinem Humor freien Lauf ließ und alberne Späße mit uns und manchmal auch mit unseren Freunden machte. Einfallsreich und lustig konnte er sein, war oft auf unserer Seite, genau wie sein Vater es immer gewesen ist. Noch Jahre später nach Großvaters Tod fanden wir Schokolade aus Hamburg in Verstecken, die der Opa heimlich für uns angelegt hatte. Als Großvater Gustav starb, war ich fünf Jahre alt und ich erinnere mich noch sehr genau daran, genauso, wie an den Tod meiner Oma Emma, Mutters Mutter. Sie trug ihre langen Haare zu einem Dutt geflochten und benötigte, genau wie ich, nie einen Friseur. Diese beiden Alten waren mir sehr warmherzige, liebe Menschen, denn sie hatten das Wohl ihrer Familien, trotz aller erlittenen Strapazen in ihren Leben, nie aus den Augen verloren. Derart gut aufgehoben und angenommen, wie in meiner Kleinkindphase sollte ich mich nie wieder fühlen.

Als dann 1992 mit nur 58 Jahren mein Vater starb, brach für mich jener letzte Teil in der Familie weg, der die besondere Sprache mich der Welt mitzuteilen, verstand.

Im Frühling 1962 und danach notierte meine Mutter anfangs meine Fortschritte in einem DIN A5 Schulheftchen. Sie hatte wohl manchmal ein schlechtes Gewissen, weil mich meine Eltern wegen ihrer Arbeit in ihren Schulen vormittags des Öfteren allein lassen mussten. Die Beiden schrieben sich Notizen zu Fütterung und Verdauung auf Zettel – lauter Angaben, die der jeweils Übernehmende des Kindes brauchte. Meine Mutter hatte einige dieser Notizen all die Jahre für mich aufgehoben und gab sie mir später. Ich hatte den Umschlag mit der Loseblattsammlung dann fast vergessen, fand ihn jetzt wieder und bin ihr heute sehr dankbar dafür. In einer metallenen Kiste bewahre ich die mitunter recht lustigen, aber oft in Eile rasch hingeschriebenen Zeilen aus der frühen Zeit meiner Kindheit auf.

Sie schrieb liebevoll von jedem neuen Zähnchen, welches „ihr Mäusele“ bekam und hielt auf einer kleinen Zeichnung fest, wo und wie sie es taten. Ich lese all das mit Erstaunen. Ein kleiner abgerissener Streifen karierten Papiers gibt 1967 aber auch Auskunft über ihren Ärger, den sie offensichtlich empfand, weil Vater und Tochter damals schon „gemeinsame Sache“ machten: „Dass du und der Vati immer böse seid, das lasse ich mir auch nicht gefallen“, schrieb sie, da war ich fünf, und sicher war ihre Bemerkung einfach nur lustig gemeint, denn ich konnte ja noch nicht lesen. Ich brachte ihr zur Wiedergutmachung Blümchen aus dem Garten, wobei sie erfreut festhielt, wie gleichmäßig lang alle Stängelchen dieses kleinen Sträußchens von mir gepflückt worden waren.

„Pappili und sein Püppili“ machten indes offensichtlich das Beste aus allen, mitunter auch noch so vertrackten Situationen. Auf einem Stück Papier entschuldigt er sich für das „Schlachtfeld“, das wir hinterlassen hatten, bevor er mit mir zu einem Spaziergang aufbrach. Über diese Harmonie zwischen Vater und Kind hätte sich meine Mutter auch freuen können, denn meine Eltern, sie hatten zwar ein Kind, aber sie hatten dafür wenig Zeit (und für das zweite hatten sie dann noch weniger). Wir müssen aber lernen zu akzeptieren, dass Probleme bereits unter Umständen bestehen, wenn man noch das kleine, auf Hilfe angewiesene Kind seiner Eltern ist, obwohl sich die frühen, liebevoll verfassten Berichte beider Elternteile so interessant lesen! Und wir müssen begreifen, dass sich diese „Unpässlichkeiten“ nicht so einfach erklären und fassen lassen, weil auch die Eltern früher einmal kleine und hilflose Kinder gewesen sind und als solche waren auch sie auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen. Vielleicht hatten auch sie Defizite hinnehmen müssen.

Auch in der Familie meines Mannes gab es dem kleinen Sohn gegenüber, bereits zu der Zeit, als er noch ein Baby war, solch ein missverständliches Verhalten, denn er hätte eigentlich, nach Ansicht seines Vaters, ein Mädchen werden sollen. Als dann die ersehnte Tochter einige Jahre später kam, waren alle Chancen des kleinen Jungen auf Besserung seiner Situation, wie weggeblasen. Der erwachsene Sohn, mein Mann, ist schließlich von der Familie ausgeschlossen worden, ja man könnte auch sagen, er wurde „weggebissen“. Manch einer freut sich über einen „Stammhalter“ und klagt, wenn sein Mädchen bei einer späteren Heirat den „guten“ Namen ihrer Herkunftsfamilie abgeben muss, andere ärgern sich über eine mögliche „männliche Konkurrenz“ des heranwachsenden Sohnes, der selbst zu einem „Rudelführer“ werden muss und gar nicht anders kann.

Dabei fühlen Frauen und Männer in Familienfragen sehr verschieden und viele Faktoren beeinflussen die Reaktionen. Heute weiß ich, dass für meine liebe Mutter schon damals weniger die Fakten, als die in ihr ausgelösten, negativen Emotionen zählten. Manche damalige Kränkung muss sie regelrecht gepflegt haben. Und so bin ich dann später stellvertretend für die „Verfehlungen“ meines Vaters in die Pflicht genommen worden. Meine Mutter beurteilt in erster Linie danach, wie sich etwas für SIE anfühlt. Die Beweggründe des „Übeltäters“ hält sie sich vom Leibe. Sorgfältig abgespeichert werden alle Animositäten gut konserviert und in ihrem empfindlichen Innersten bewahrt.  

Immer wieder bekam ich deshalb zu spüren, wohl eher nach meinem Vater als nach meiner Mutter geraten zu sein. Gewisse Charaktereigenschaften und Neigungen habe ich definitiv vererbt bekommen. Dadurch wurde ich zu „Vaters Tochter“ – aber ich suchte mir das nicht aus. In diesem Umstand liegt jedoch all unser tragisches, familiäres Konfliktpotential verborgen! Mit dem Tod des Vaters begann aus diesem Grund die Familie auseinander zu fallen. Erschwerend kam hinzu, dass die Wende, einhergehend mit dem Zusammenbruch der DDR, sämtliche Lebensläufe durcheinander wirbelte.  Was sich nicht in Worte fassen ließ, malte ich zu dieser Zeit auf zartestes, brüchiges Papier, so auch unser Ankommen in einer kleinen, dörflichen Gemeinde Potsdam-Mittelmarks, wo wir inmitten von Wiesen, Äckern und Obstbäumen eine neue Heimat für uns fanden.

Es sollte lange dauern, ehe die Farben wieder heller wurden. Im Zuge der verschiedenen Wohnortwechsel traten neue Menschen in unsere Leben, neue Wertvorstellungen und Ansprüche kamen hinzu und alte Erfahrungen mussten sich mit den aktuellen arrangieren. Wie jeder damit umging definierte sich über die jeweilige Haltung und diese richtete sich auch nach den Möglichkeiten, die man hatte oder nicht hatte. Ein „weites Feld“ … würde Fontane sagen.

Vieles wäre auch „familienhistorisch“ betrachtet anders verlaufen, wenn der Vater nicht derart früh als Familienoberhaupt ausgefallen wäre und wenn er heute noch unter uns Lebenden weilte. Rudolf Gustav Sauer hätte die Familie beieinander gehalten, da bin ich mir sicher – und das „schwarze Schaf“, von dem meine Mutter behauptet, ich würde mich selbst dazu machen, hätte er in Schutz genommen. Aber nun ist meines Vaters Familie Geschichte. Mit diesem Text knüpfe ich sein Leben an meines und versuche auf diese Weise, wenigstens zu seinem 85-igsten Geburtstag, ein kleines Licht für ihn zu entfachen. Die qualvollen Bemühungen, sämtliche Irrtümer auch im Namen meines Vaters zu korrigieren, stelle ich nun ein. Ich habe einsehen müssen, dass dies vergebliche Liebesmüh ist. Alles das, was einer Mehrheit dienlich ist, benötigt nämlich keine Korrektur, im Gegenteil! Die im wahrsten Sinne des Wortes „eingefrorene Liebe“ schützt jene, die genau wissen, wo das Unrecht zu Hause ist.

Manchmal fühle ich mich, als säße ich mitten im Theater, sehe den wortgewandten „Iago“ aus Shakespeares „Othello“ direkt vor mir und denke, diese weniger schönen Erfahrungen, die ich machen musste, haben aber auch ihr Gutes, denn sie wirkten sich auf mein weiteres Leben aus, wie ein Bad in „Drachenblut“ : Ich mag keine „Spielchen“, spüre Manipulationen und lasse Täuschungsmanöver abgleiten. Ich habe ein gesundes Misstrauen jeglicher Idealisierung gegenüber entwickelt. Die direkte, von gegenseitiger Achtung geprägte, offene Ansprache von Mensch zu Mensch, ohne jede Erwartungshaltung, halte ich für die einzig wahre.

Unsere kleine Göhlsdorfer Familie steht nun schon seit Jahren allein. Dafür ist in zuverlässiger Weise gesorgt worden. Doch wir haben gelernt damit umzugehen und nun ist es, wie es ist!

Immer, wenn ich zu Vater auf den Friedhof gehe, schaue ich an dem starken Stamm des Eichenbaumes hinauf, der dicht neben seinem Grab in den Himmel ragt. Als ich vor längerer Zeit einmal bei strahlendem Sonnenschein dort gewesen bin, erfreute ich mich an einem herrlichen Blau, das an jenem wunderschönen Tag, zwischen seinen filigranen Zweigen hing. Ich dachte, des Baumes Wurzeln werden in Kontakt zu meinem Vater stehen und seine Energie in die vielen Zweige leiten, was ein tröstlicher Gedanke ist. Das Grün ihrer Blätter im Frühling liest sich dann, jedes Jahr wieder, wie eine Botschaft der Hoffnung für mich. In den Tagen vor Weihnachten brachte ich ihm eine Christrose und setzte sie, gut beschützt, in einen gebundenen Kranz aus Tannenreisig. Sie blüht derzeit wunderschön. Bei einem Besuch etwas später ließ ich ihm zwei Schnittrosen da. Als ich kürzlich wieder vorbeischaute, standen sie noch immer, wie frisch aufgestellt.

Diese beiden Rosen, eine in Zartrosa steht für mich, die andere in Orangerot für meinen Mann, gestalten sich, bei aller Zartheit, verblüffend zäh und sie erscheinen mir bei diesen winterlichen Temperaturen (gut abgehärtet!) sogar viel haltbarer und blühen sogar noch besser, als sie es bei (allzu gemütlicher!) Wärme zu tun pflegen. Vielleicht sind sie am Valentinstag, zu seinem Geburtstag, dem 85-zigsten, noch immer am Blühen.

Maren Simon, in Gedanken – nicht nur bei meinem Vater, zum 14. Februar 2019

 

9. Februar 2019

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Wanderungen in der Gießerei – mein Bronzezeitalter beginnt

Patinierabteilung, Giesserei Hermann Noack

Über Silvester bekamen wir u.a. auch liebe Grüße aus Afrika mit vielen wilden Tieren im Anhang zugeschickt. Savannen und gebirgige Schluchten, sowie wunderschöne Landschaftsaufnahmen vom südlichsten Zipfel Afrikas, dem „Kap der guten Hoffnung“ und den Victoriafällen. Wer sich solch eine Reise vornimmt, der weiß genau, warum er die damit verbundenen Strapazen, auf sich nimmt. Es muss eine sehr schöne Reise gewesen sein.

Und wir? Wir tun nichts dergleichen Beeindruckendes, wir gehen in unseren Wald, oder spazieren in Friedrichs winterlich grauen Gärten und Parks herum. Ein Lächeln schleicht sich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, in mein Gesicht, denn ich bin in den letzten Tagen an einem der interessantesten Orte überhaupt gewesen! Ein jeder muss seine Prioritäten setzen und so stecke ich all meine Energie zuerst einmal in meine Kunst. Während der Reisende von seinen schönen Erinnerungen bis zum nächsten Urlaub zehrt, ist das Wort „Reisebüro“ für mich und meinen Mann zu einem Fremdwort geworden, stattdessen haben wir, aufgrund meiner gut gedeihenden Kunstproduktion, bald keinen Platz mehr zum Treten! Aber ich muss sagen, alle meine Protagonisten um mich zu haben und zu sehen, wie die „Familie“ stetig wächst, beruhigt! Auch das ist eine Form von Altersvorsorge. Wenn nicht für heute, dann sehr wahrscheinlich, für morgen.  

„Wanderungen durch die Gießerei“, so könnte ich meine Erlebnisse in Berlin Charlottenburg übertiteln und auch hier finden sich „wilde“ Tiere: „Henry“, die kleine, französische Bulldogge von Herrmann Noack zum Beispiel, oder „Biene“, die junge Dackelhündin. Beide Hündchen begrüßten mich verspielt auf der Büroetage in der Gießerei, als ich noch im letzten Jahr vor nicht allzu langer Zeit, meine Scherbenkatze abformen ließ. Inzwischen ist auch die zweite Bronze fertiggestellt.

Die Atmosphäre dieses Betriebes, der sich der Kunst verpflichtet fühlt und für Bildhauer aller Temperamente tätig wird, ist einzigartig. Erstaunt registrierte ich bei meinem ersten Besuch im alten Jahr, die vielen baumelnden Meisenknödel die sich, inmitten Berlins, auf dem Gießereigelände an vogelfreundlichen Sträuchern befanden. Amüsiert fragte ich mich, als ich bei weiteren Besuchen die Vögel an den gefüllten Futterständen sah, wer in der Gießerei wohl dafür zuständig sei, jeden Tag die „wilde“ Population der Vogelwelt dieser Stadt, hier bei Laune zu halten! Mein Auto stellte ich direkt unterhalb von „Humpti Dumpti“, dem Flugreisegerät von Jonathan Meese ab und fühlte mich wie auf Entdeckertour, ganz so wie damals, als ich mein „Tonzeitalter“ in Sachen Bildhauerei einläutete und das erste Mal in Glindow, bei meinen märkischen Wanderungen durch die Landschaft der „Glindower Alpen“ mit Staunen, auf das Ziegeleigelände traf.

Solche bodenständigen Orte, wo Menschen in Gemeinschaft mit ihren Händen etwas Erhabenes schaffen und hierbei weder Hitze, noch Staub oder Lärm fürchten, ziehen mich an. Auf dem riesigen Gießereigelände stehen einige Skulpturen, denen man unweigerlich begegnet, bevor man durch das große Tor der Gussabteilung zu den anderen Werkstätten im inneren des Gebäudekomplexes gelangt. Neugierig schaute ich in jede Nische, um herauszufinden, welcher jeweiligen Tätigkeit wohl in den unterschiedlichen Werkstätten nachgegangen wird. Bei dieser Gelegenheit verlief ich mich auch das ein- oder andere Mal und lernte dabei freundliche, offene Menschen kennen, die mir gern Auskunft darüber gaben, was sie den Tag über tun und worin ihre Aufgaben, innerhalb des weitläufigen Gießerei-Organismus, bestehen.

Der Modellbauer und Abformer zum Beispiel. Gut zu wissen, dass es jemanden für solche Fälle gibt, wenn man selbst nicht weiter weiß! Wer beispielsweise nur ein kleines Atelier hat und deshalb über wenig Platz verfügt, so wie ich, der kann mit Unterstützung von Herrn Kaul dennoch ausufernd große Bronzen entstehen lassen! Wenn mich tatsächlich jemand fragen sollte, liebe Frau Simon, dieses kleine faszinierende Tonmodell da, das ist so wunderbar, gibt es das auch in Groß? Dann kann ich sagen, klar doch! Kein Problem!

Sowohl Frau Brückner, meine, mir zugeteilte Ansprechpartnerin für alle Fragen, als auch Herr Noack der Jüngere, berieten mich tatkräftig dabei, meine erste Wahl in Sachen Patinierung zu treffen. Anhand bereits fertiggestellter Kunst, die auch an vielen Orten im Bürokomplex der Gießerei zu finden ist, konnte ich während eines kleinen gemeinsamen Rundgangs beurteilen, wie sich die endgültige Wirkung verschiedenster Patinierungen, am Ende ausnehmen würde.

Die Liste derer, die hier bereits ihre Werke gießen ließen, ist lang und besteht aus lauter klingenden Namen, wie zum Beispiel Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, Georg Kolbe und Wilhelm Lehmbruck, Anselm Kiefer, Joseph Beuys, Georg Baselitz, der seine Bronzen bemalt, weshalb ich mich mit ihm gern einmal unterhalten würde – aber ich weiß, von künstlerisch tätigen Frauen hält er nicht viel – und natürlich nicht zu vergessen, Henry Moore. Kein Wunder, denn die Gießerei Hermann Noack besteht seit 1897 bis heute – in vierter Generation. Seit 2009 gibt es den neuen, größeren und entsprechend modern ausgerichteten Standort in Berlin Charlottenburg mit einzigartiger, archaisch anmutender Werkstattgalerie.

Die Firma wird derzeit von Seniorchef Hermann Noack III und Sohn Hermann Noack IV zusammen geleitet. Herr Noack III dreht einmal in der Woche seine Runde und begrüßt dabei jeden seiner Mitarbeiter persönlich. Das ist eine verbindliche, sehr sympathische Geste, finde ich. Als ich den ersten Katerabguss in Augenschein nahm und mein tönernes Original abholte, begegnete ich ihm ein erstes Mal und stellte mich vor und erklärte begeistert meine Absicht, gern öfter kommen zu wollen. Da schlug er mir lachend und zu meiner Verblüffung sehr herzlich auf die Schulter „na, das machen se mal“… sagte er und ging wieder.    

Scherbenkatzen, bunt und braun, Maren Simon 2018

Zu Beginn des neuen Jahres ist nun auch die zweite der beiden Scherbenkatzen patiniert worden. Guss Nummer 1 ist von klassischer Natur und in Braun gehalten, bei dem anderen wurden innerhalb eines „Tierversuchs“ zusätzlich zum braunen Grundton, einzelne, auf der Bronzehaut gut sichtbare „Scherbenstückchen“, mit verschiedenen Farben versehen, wobei sich der Patineur, Alexander Seitz, in meinem Beisein für dieses Problem viel Zeit nahm. Wenn man ungewohnte Wege beschreitet ist man ja notgedrungen erst einmal allein unterwegs und muss zusehen, Mitstreiter zu gewinnen, die sich von der eigenen Idee „anstecken“ lassen. Viele Farben nebeneinander, als „Patchwork“ zu setzen, das könnte auch dazu führen, dass optisch betrachtet, die ganze Plastik „auseinanderfällt“ – um jedoch für zukünftige Projekte eine gewisse Sicherheit zu erhalten, musste ich es ausprobieren dürfen und musste direkt miterleben können, was da passiert und welche Möglichkeiten sich mir eröffnen würden.

Ich dachte, mit Acrylfarbe bemalen kann ich die Bronze immer noch …  

Weil das Experiment aber geglückt ist, habe ich Blut geleckt und hätte jetzt gern mehr! Ich freue mich sehr, denn da ist etwas völlig Eigenes aus meiner ursprünglichen Arbeit heraus erwachsen, etwas, bei dem ich zwar Urheber und Regisseur bleibe, dennoch einen gewissen Abstand habe, weil jetzt die versierten Hände vieler Menschen am Ergebnis beteiligt sind. Man sieht die eigene Arbeit plötzlich mit anderen Augen. Einzig bei der Abschlussbehandlung in der Patinierabteilung würde ich den Pinsel (und den Brenner!) zu gern selbst einmal schwingen wollen, aber es sind Feuer, Flamme und giftige Dämpfe mit im Spiel, weshalb es so einfach nicht geht, ohne genau zu wissen, was man da tut. Schon allein aus arbeitsschutztechnischen Gründen nicht. Leider.

Auch die Noack-Mitarbeiter sind allesamt Individualisten, die ihre Arbeit sehr ernst nehmen, das respektiere ich. Aber ich habe die Möglichkeit, doch wenigstens mit Bürste und Lappen eingreifen zu können und das pulverige Material herunter zu wischen, um somit gewisse Stellen – sehr subtil – wieder freizulegen. Ich stellte zu Übungszwecken das Szenario zu Hause nach und mischte mir eine acrylhaltige Farbe an, mit der ich versuchte, die Eigenschaften, der von mir favorisierten „Amerikanischen Patina“, nachzuahmen, indem ich sie „kalt“ auf die Bronze auftrug und zum Teil wieder herunterwischte, bis das Ergebnis meinen Vorstellungen entsprach. Diese „Kalt-Patina-Ersatz-Übung“ bot die Möglichkeit, mich des bronzenen Materials anzunähern und an Sicherheit zu gewinnen. Hier souveräner zu werden und mich nicht einschüchtern zu lassen von dem kühlen und gewichtigen Metall, dessen aufwendig in Form gebrachtes Endresultat, mir so viel Respekt einflößt, will ich anstreben, möchte meine Befangenheit loswerden. Aber ich merke schon, dass nach diesen ersten und vorsichtigen Schritten meinerseits, die Einfälle zu sprudeln beginnen. Ich denke bei der Arbeit mit Ton, Scherben und anderen Dingen, jetzt also vermehrt auch in „Bronze“.

Sprudelnde Einfälle – ein Zustand, der einer der schönsten meines Berufsstandes ist! Allerdings muss ich, wenn ich diesen Gestaltungsdrang nutzen und am Laufen halten und in Sachen „Bronze“ tätig bleiben will, auch entsprechende, zahlungswillige Abnehmer finden. 

Besonders herausfordernd für meinen Ein-FraumitMann-Kunstbetrieb ist, wie schon des Öfteren erwähnt, die Arbeit am Freibrandofen. Je älter wir werden, umso schwieriger wird es allerdings werden, dem kräftezehrenden Gestaltungsaufwand gewachsen zu sein. Ich arbeitete all die Jahre frei nach dem Motto „aus Kacke mach Bonbon“ und hielt den finanziellen Aufwand so gering, wie möglich. Aber, wenn ich nun die bronzene Vervielfältigung meiner Keramiken angehe, und darauf hoffe, die „Früchte“ zu ernten, die ich in all den Jahren, beinahe vollkommen „verdienstfrei“ und in selbstausbeuterischer Manier, angebaut habe, muss ich dies auch finanzieren können. Es wäre schön, wenn ein Kreislauf in Gang käme, der es mir erlaubte meiner Arbeit, nun auch innerhalb des Gießereibetriebes, entspannt nachgehen zu können.

Seit ich die Gelegenheit bekam, einem bekannten, renommierten Berliner Galeristen von meiner Arbeit berichten zu dürfen, ist aber erfreuliche Bewegung in mein Leben gekommen.

Bislang fühlte ich mich ähnlich unverstanden, wie der Igel, der seinen Garten verließ, um im naheliegenden Wald ein Teil der dortigen Gemeinschaft zu werden. Er wäre aber lediglich geduldet worden, wenn er sich seines stacheligen Mantels entledigt und sich angepasst hätte und fühlte sich deshalb nicht wirklich angenommen. „Wenn du bei uns bleiben willst, werde so wie wir“, verkündete ausgerechnet das Stachelschwein, Anführer dieses Waldes. Nachdem sich beide – schon wegen ihrer Stacheln so Ähnlichen – einander gegenüber standen, um ihren Disput auszudiskutieren und hierbei der Igel, sich zu einer stacheligen Kugel formend, gewann, wendete sich das Blatt. „Soso ein Igel!“ … sagte der Anführer des Waldes und seine Gefolgschaft wurde plötzlich ganz freundlich – jetzt sollte er bleiben und sogar alle seine Stacheln behalten dürfen! Was ihm irgendwie suspekt vorkam und er dachte daran, diese launige Gesellschaft einfach nur noch verlassen zu wollen, seines Stolzes wegen. Ihn hatte er sich, trotz der Demütigungen im Stachelschweinwald, nämlich bewahrt.

Von vielen, solcherlei Enttäuschungen zermürbt und zunehmend misstrauischer werdend und kaum noch in der Lage, sich auf andere, fremde Menschen einzulassen, muss derjenige, der Vorwürfe erhält „stachelig“ zu sein, umgehen können. Er muss dann bereit sein, das Glück für sich in einem etwas entfernter liegenden „Wald“ zu suchen und zu finden!

Für mich bedeutet das, nicht in Berlins Mitte, wo ich annahm, eigentlich am ehesten hinzugehören, bin ich richtig, sondern stattdessen, anscheinend im westlichen Teil Berlins, in Charlottenburg! Am letzten Tag meines Aufenthalts in der Gießerei, traf ich ein zweites Mal auf Herrn Noack Senior, der wieder seinen wöchentlichen Rundgang abhielt und mit Cora Kühn, die zur Zeit in der Gießerei ein Praktikum absolviert, auf dem Gang beisammen stand. Ich wollte mich vor allem von ihr verabschieden, denn Cora war so freundlich gewesen, in der Mittagspause ihr Tomate-Mozzarella-Brot mit mir zu teilen. Eine scherzhafte Bemerkung meinerseits führte wiederholt dazu, dass Herr Noack III mir gut gelaunt und lachend, beherzt auf die rechte Schulter klopfte, so, dass ich gegenhalten musste, um nicht ins Schwanken zu geraten. Ich glaube nun zu wissen, dass sich ein „Ritterschlag“ in etwa genau so anfühlen muss!

Offenbar bin ich endlich angekommen. Dort, wo ich immer schon sein wollte.

Maren Simon, am 20. Januar, mit Optimismus!!! für das junge Jahr 2019

Das Buch für Kinder ist übertragbar auf sämtliche Lebenslagen in Büro, Familie und Kulturalltag:

„Vom Igel, der keiner mehr sein sollte“, Text von Isolde Stark und Illustrationen von Petra Wiegandt, erschienen im BELTZ Kinderbuchverlag, ISBN: 978-3-407-77120-9

20. Januar 2019

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Die letzten Tage des Jahres – Weihnachten orientalisch

Mein kleiner Edeka-Weihnachtsstern vom letzten Jahr bekam doch tatsächlich pünktlich und der kalten Jahreszeit entsprechend, ein erstes rotes Blatt. Kaum war das kleine Blatt da, saß auch schon wieder ein Feuerkäfer darauf, so, als würde er das Rot zu seinem Glück brauchen. Nach und nach kamen mehrere kleine rote Blätter dazu. Eigentlich schaffen das nur Gärtnereien mit optimal, an den exotischen Lebenswandel der Familie von Euphorbia pulcherrima angepassten, Bedingungen. Dort wachsen dann diese Schönheiten, allesamt Wolfsmilchgewächse, die für meinen kleinen Freund so interessant sind, bei entsprechend auf sie abgestimmten Lichtverhältnissen.

Je größer und umso mehr der roten Blätter des Weihnachtssterns, umso aufdringlicher die Werbung in den Medien, die uns – wie jedes Jahr wieder – neben der Beschenkung und Bewirtung zum Feste,  vor allem „Nächstenliebe“ und „Familie“ möglichst schon ab Oktober in Dauertonendlosschleife als die großen herzigen Hauptthemen der letzten Tage des Jahres, schmackhaft machen sollen. In den weihnachtlich geprägten Familienfilmen gibt es meist nach allerlei durchstandenen Turbulenzen ein „Happy End“, im realen Leben kann man sich darauf jedoch nicht verlassen.

Wir mussten auf dem Wege der Liebe unseren Lebensmittelpunkt verlassen und erst einmal etliche Kilometer mit dem Auto fahren, um in der Studentenbude unseres Sohnes, einen Tag vor dem eigentlichen Feste, in seiner „Herberge“ in Jena, wärmstens aufgenommen zu werden. Alle anderen Bewohner waren ausgeflogen und bei ihren jeweiligen Familien zu Hause und wir hatten also die „sturmfreie“ Bude aus diesem Grund, für uns allein.

Sonst nahm ja immer der Sohn die Fahrerei auf sich, doch in diesem Jahr ergab es sich, dass wir den Besuch bei Freunden mit dem christlichen Fest und einer kleinen ersten Weinverkostung (siehe Blog vom Oktober) verbanden. Das Fest der Liebe bedeutet ja nicht nur allein Geborgenheit im Kreise der „Familie“ zu erfahren, auch Freunde haben hier selbstverständlich ihren Platz. Und dies besonders dann, wenn, wie in unserem Fall, leider die familiäre Pein eher zu Traurigkeit Anlass gibt, anstatt zur Freude.

Es gab an jenem ersten Abend bei unserem Sohn ein feines Essen ganz ohne Fleisch, dafür mit allerlei unterschiedlichem Gemüse und Nudeln dazu. Wie bei den meisten jungen Menschen heute üblich, favorisiert er die neue Essenskultur. Unter einem kleinen, liebevoll geschmückten Bäumchen saßen wir später in seiner geräumigen Küche der WG auf dem dicken Ledersofa zu Dritt, unter der großen Weltkarte an der Wand und sahen uns den TATORT auf seinem PC an. Wir schliefen alle gemeinsam in seinem Zimmer unterm schrägen Dach, was mich an meine eigene Studentenzeit erinnerte, damals, als meine Eltern uns in meiner Studentenbude besuchten.

Sie mussten, aneinander gedrängt wie zwei Grillwürstchen, auf meiner betagten „Wanzenburg“ pennen, einem Utensil, dass ich von der Vorbewohnerin übernommen hatte und welches sich dadurch auszeichnete, sich in meinem damaligen, recht kleinen Zimmer, mächtig wichtig hervorzutun. Wenn man zu zweien auf der Liege lag, rollten die Körper zueinander, ob man es nun wollte oder nicht, die Vertiefung in der Mitte machte es unmöglich, sich diesem Vorgang zu entziehen. Im Winter war die Wohnung, die lediglich über einen Kachelofen verfügte, arschkalt. War ich allein und kam mit dem Kohlenschleppen kaum nach, blieb ich möglichst lange in der Schule und verkroch mich dann, spät am Abend zu Hause angekommen, sehr schnell unter meinem dicken Federbette. War ich zu zweien, eröffnete sich das ganze Potential dieser ulkigen Beschaffenheit meiner Wanzenburgliege, deren sprungfederngestaltetes Innenleben, aufgrund längerwährender und heftiger Benutzung vor meiner Zeit, mittig total ausgenuddelt worden war.

Wenn es dann allerdings in meiner kleinen, Leipziger Dachgeschossbehausung derart kalt wurde, dass die Leitungen einfroren und das Klo eine halbe Treppe tiefer gelegen, nicht mehr zu benutzen war, blieb mir nur noch – Weihnachten sei Dank – die Flucht nach Hause.

Unser Sohn hat in heutiger Zeit einen viel besseren Komfort zu bieten! Er wird fernbeheizt und verfügt über genügend Platz für mehrere Besucher gleichzeitig! Auf den zwei Etagen der großen Studentenwohnung stehen den vier Bewohnern zwei schöne Bäder zur Verfügung. Carstens Zimmer ist ausgesprochen warm und gemütlich eingerichtet. Es freut mich immer wieder, alle seine Schätze anzusehen, die das Flair dieses Raumes mit zwei gegenüberliegenden Dachschrägen, jede mit einem Fenster versehen, bestimmen.

Das Ambiente, bestehend aus (kostengünstig) von der Straße eingesammelten, alten Tischchen, darauf gestapelten Büchern, Bildern – mit und ohne Rahmen und Fotos mit humorvollen Texten dazu, diversen Steinen – allesamt liebevoll drapiert in Schachteln, Muscheln aufgereiht an Fäden und Pflanzen in Ampeln, lässt die sensible Hand seines Bewohners erkennen. Interessante Plakate an den Wänden runden das studentische, leicht chaotische Sammelsurium ab.

Überdacht wird all das von einem ungewöhnlichen Geschenk seiner Freundin Aline vom letzten Jahr: einem orientalisch anmutenden, mit Ornamenten reich versehenen Baldachin aus leichtem Stoff. Sich nach unten hin leicht wölbend, schafft er eine ganz eigene, behagliche Atmosphäre. Carstens Schreibtisch mit der Technik von heute, inmitten dieses Raumes und unter dem Baldachin, bildet den notwendigen Kontrast durch das Vorhandensein einer sachlich-klar strukturierten Fläche, die allein der Arbeit untergeordnet ist. Nur ein von Muttern gestaltetes Pflanzenbehältnis mit „Elefantenohren“ darin, darf am Rand stehen und verbindet die Schreibtischwelt mit dem Rest.

Der Blick in dieses einzigartig gestaltete Zimmer gibt Auskunft über einen sensiblen Charakter mit offenen Augen für Natürliches, Absurdes, Lustiges und auch Nachdenkliches. Keine Frage, er tritt in Alexander v. Humboldts Spuren, auch der war einst Student in Jena gewesen und wirkte später dann, ebenfalls stetig sammelnd und findend, als erfolgreicher Naturforscher weit über Europa hinaus – seine gesammelten Exponate kann man heute u.a. im Berliner Naturkundemuseum bewundern. Es ist schön, wenn man als Elternteil miterleben darf, dass der Nachwuchs ganz offensichtlich seinen Weg gefunden hat und dort angekommen ist, wohin sein Herz ihn einst getragen hat und wenn er auf eignen Beinen stehend, sein Leben meistert. Von uns bekam er zu Weihnachten u. a. auch diverse metallene Kisten für all diese Objekte in Aussicht gestellt, damit sie sicher aufgehoben sind, falls er sich denn irgendwann einmal gezwungen sieht, in kleinere Gefilde umziehen zu müssen.

Seine Talente finden sollte jeder junge Mensch bereits möglichst vor der Pubertät. Auch die inzwischen erwachsen gewordenen Kinder unserer Freunde aus Studententagen, bei denen wir als Familie am 24. Dezember weihnachtlichen „Unterschlupf“ gewährt bekamen und mit denen gemeinsam, wir das Fest der Liebe feierten, sind auf guten Wegen. Ihre Talente erspürten auch diese beiden bereits in jungen Jahren schon, lernten stetig hinzu und bauten sie aus. Der Ältere (Max) war schon immer ein musikbegeisterter „Erfinder“ gewesen und ebenso wissbegierig ist auch die Jüngere (Lena), mutig und ausgesprochen sprachbegabt geht auch sie ihren Weg. Haben doch anscheinend wir Alten so manches richtig gemacht! Ein indisches Sprichwort besagt, wer seine Kinder liebt, der lässt sie reisen, da passt auch ganz aktuell, Alexander von Humboldts Satz dazu: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“.

Die Welt bereisen kann ein jeder nur auf seine Weise, mit den finanziellen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, aber im Geiste beweglich sein und es im Alter dann auch bleiben, dazu braucht es kein Geld. Und genau das haben wir versucht unseren Kindern zu vermitteln.

Die „Herberge“ unserer befreundeten Familie verfügt über viel freien Raum und entsprechend dazu, auch über viele Schlafgelegenheiten, so dass es ein paar gemeinsame Tage mehr werden durften. Und was für Tage und vor allem Nächte das unter Hilfe aller Beteiligter, geworden sind!

Das gemeinsame Essen und Anstoßen auf Vergangenes und Kommendes sind wesentlich wichtig zu Weihnachten, aber auch die kleinen, in unserem Falle – Julklappgeschenke – die die Freundschaft erhalten, sind es. Streckenweise waren 10 Personen anwesend, entsprechend munter gestaltete sich das Treiben beim Auspacken und diskutieren darüber, wer-was-von-wem erhalten hatte. Zu später Stunde wurde es dann bei Kerzenschein besinnlich, weil es überall im Raum aus allerlei porzellanenen Gefäßen und solchen, die aus Filz gestaltet worden sind, unter Klavierbegleitung warm herausleuchtete.

Kein noch so großer, in angesagten, modischen Farben geschmückter und kühlem LED-Licht erstrahlender Baum, kann es mit der Wärme aufnehmen, die ein naturbelassenes, beleuchtetes Stückchen Filz spendet, wenn es  in eine solch schöne Form gebracht worden ist, wie unsere Gastgeberin sie zu gestalten vermag. Weniger ist manchmal mehr! Früher gab es in den Höhlen unserer Vorfahren Höhlenfeuer, um die sich alle versammelten. Heute gibt es Kerzenschein.

Die herzliche, heimelige Atmosphäre dieser vielen kleinen Lichter überall in der Wohnung in Verbindung mit den Klängen des Klaviers, beförderte unter dem zusätzlichen Einfluss von alkoholischen Getränken, u. a. der überraschend interessant schmeckenden, ersten Verkostung des eigenen Weines aus Beeren der Sorte „Isabell“, (die ein sehr eigenes Aroma entwickelt und jetzt noch ein wenig ausgebaut werden soll) einen Prozess, der aus der kleinen, ursprünglich weihnachtlichen Hausmusike nach einiger Zeit, eine richtige „Jam-Session“ entstehen ließ.

Unser Sohn hatte vorsorglich seine beiden Djemben mitgebracht, Familienvater Berni spielte, wie schon erwähnt, Klavier und Sohn Max saß inmitten lauter blinkender „Kisten“ auf einem Schafsfell am Boden unterm Weihnachtsbaum, um mit dieser leuchtenden Technik die tollsten, sphärischen Klänge zu erzeugen. Er spielte eine Art „Spontan-Beat“ unter Mithilfe seines PCs und setzte den Synthesizer ein, um uns alle in eine andere Welt zu transformieren. Unsere beiden anderen Musiker dieses Trios reagierten auf den tonangebenden Techno, und dieses spontane Spiel war so energiegeladen und heftig und es ging bis in die frühen Morgenstunden hinein, dass ich mich verwundert fragte, ob denn die Nachbarn wohl verreist sein müssen, mit denen sich unsere Freunde eine gemeinsame Hauswand teilen, sonst wären sie nämlich aus ihren Betten gefallen.

Das Stück, welches wir „Weihnachten orientalisch“ tauften, war dann der Knüller, wobei es sich ergab, dass ausgerechnet ich mit einem Gläschen trockenen Weins zu viel, den Gesangspart übernahm: Schallala, lala, lala, Weihnachten ist da … und schon wieder vorbei …

Dank Handy – unvergesslich

 

 

 

 

Maren Simon am 30. Dezember 2018

30. Dezember 2018

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Farbesatt Numero zwo

Die leuchtend gelben Blätter von Nussbaum und Ginko hielten in diesem Jahr besonders lange aus und wollten sich von ihren Bäumen kaum trennen. Eine kältere Nacht führte nun vor kurzem dazu, dass alle Blätter gleichzeitig fielen und es beinahe ohne Übergang plötzlich kahl im Garten wurde.  

Jetzt ist es tatsächlich November geworden, so, wie man ihn kennt. Jetzt müssen wir es uns drinnen wieder gemütlich machen. Bis vor ein paar Tagen badeten die Spatzen noch zu Fünfzehnt in ihrer Wanne aus Stein, ein letztes Mal und alle gleichzeitig. Sie veranstalten jedes Jahr zum Abschluss der Badesaison, solch ein Fest. Alle unsere Vögel kommen dann zusammen, stellen sich an, warten, bis sie an der Reihe sind und steigen hinein. Dann spritzen sie nur so um sich und haben offenbar einen riesen Spaß dabei, so dass das Badewasser laufend ergänzt werden muss. Ich wundere mich nur darüber, dass die Vögel es im Sommer scheinbar weniger nötig hatten, sich zu erfrischen, als jetzt, wo die Temperaturen doch seit einigen Tagen schon sehr viel ungemütlicher geworden sind. So denke ich, hat es tatsächlich mit der Reinigung zu tun und damit, das Gefieder nach dem Bade ordentlich zu putzen und schön einzufetten, damit der Winter kommen kann. Sie futtern jetzt auch extrem viel und bevorzugen unsere, extra für sie geknackten Nüsse, vom eigenen Walnussbaum.

Wenn es mich bei Nieselregen und ungemütlichen Temperaturen im Minusgradbereich irgendwann doch nach Farben dürstet, habe ich das dringende Bedürfnis meine ehemalige Gärtnerkollegin Margit auf ihrer Arbeitsstelle im Berliner Umland zu besuchen, denn dort gibt es, obwohl draußen alles frostig Grau ist, Farbesatt anzuschauen. Die schönsten Blumen stehen hier in einer kühlen Halle und warten auf Blumenbinder und Floristen, die dann aus ihnen die prachtvollsten Sträuße binden. Margit inhaliert also den ganzen langen Arbeitstag über sozusagen, Schönheit pur. Doch ab und an braucht sie eine Rauchpause und dann ist meine Gelegenheit für eine kurze Stippvisite gekommen. Die Blumen sind fast alle ohne eine Spur von Duft, den haben sie leider der Pracht und Größe ihrer Blüten opfern müssen, aber sie leuchten dafür in den herrlichsten Farben. Nach ihnen sortiert stehen sie in ihren Kübeln und diese Farbenpracht, die in allen Schattierungen des Regenbogens leuchtet, fasziniert mich total und ich sauge alle diese Farben förmlich auf.

Ich habe schon oft während meiner Besuche gedacht, wie meine Freundin da so inmitten dieser blumigen Pracht zugange ist und all diese schönen Gestalten unter ihrer Obhut hat, das ist faszinierend und erinnert mich in gewisser Weise, an die Göttin FLORA, die in ihrem Reich alle Pflanzen unter sich hat und diese hegt und pflegt und behütet. Naturhistorisch betrachtet, wird nach ihr der gesamte Reichtum an grünen Gewächsen auf unserer Erde benannt. Margit kenne ich seit Jugendtagen, als wir beide noch als Junggärtner im Potsdamer Umland arbeiteten. Während ich die Sparte wechselte, blieb sie den Pflanzen treu, heute steht sie im Blumengroßmarkt ihren Mann und kann kräftig zupacken, wenn es sein muss. Ihre Hände und die ganze Erscheinung sprechen davon. Der Gedanke, mich mit dem Bild der FLORA auseinandersetzen zu wollen, kam mir in den Sinn, als sich mir ein Kontrast zwischen den üppigsten Rosengebinden in sämtlichen Farben einerseits und der leisen Melancholie meiner Freundin andererseits, offenbarte.

Gehüllt in eine robuste Arbeitskleidung – warmes, grobes Hemd mit wollener Jacke darüber, entspricht meine Gärtnerfreundin der idealisierten, geschönten und langweiligen FLORA nämlich überhaupt nicht. In sämtlichen bildkünstlerischen Darstellungen wird ja eigentlich immer eine, mit dem Frühling assoziierte, liebreizende und leicht bekleidete, jugendlich anmutende Frau mit Blüten im Haar gepriesen, die besonders den Anforderungen bedürftiger Männerherzen entspricht. Für die schon etwas reifere Frau, nachdenklich, lebenserfahren und mutig sich ihrer Haut erwehrend, ist da kein Platz. Es geht ihr ähnlich so, wie der Werderaner Baumblütenkönigin, die auch nur ganz jung an Jahren sein darf. Mir macht es von daher eine große Freude jegliche Erwartungen zu unterwandern, um bei der Gestaltung meiner FLORA nun, beherzt all die überholten Klischees, links liegen zu lassen.

Wenn meine Freundin ihre Rauchpause genießt und der Zigarettenstummel in ihrer rechten Hand das Ende derselben signalisiert, der nächste Kunde ihre Aufmerksamkeit einfordert und meine Freundin kompetent und souverän, wie immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen gelassen und geduldig bleibt, dann spüre ich, wie wichtig Menschen und ein freundliches Miteinander für sie sind. Derart bodenständig veranlagt, war sie denn auch überhaupt nicht erpicht darauf von mir ins Visier genommen und portraitiert zu werden, im Gegenteil. Ich musste lange warten, bis der rechte Zeitpunkt gekommen schien, und sie sich endlich damit abgefunden hatte, da nicht drum herum zu kommen. Tatsächlich wehrte sie sich, bald 7 lange Jahre schon dagegen, von meinem künstlerischen Blick vereinnahmt zu werden, aber nun war es endlich soweit. Eine kleine Zeichnung von 2011 lag schon seit langem bereit, dazu kamen nun noch zwei neuere, die ich auf ihrer Arbeitsstelle während der erwähnten Rauchpause machen konnte, ergänzt von einer, aus mehreren Fotos bestehenden Fotostrecke. Margit frontal mit Brille und ohne, mal im Profil von der Seite, mal ernst, mal lächelnd, ihr Gesicht mehr von unten oder mehr von oben – jetzt hatte ich genug „Material“ beisammen und nun gab es kein Halten mehr, ich konnte endlich mit der Arbeit beginnen.    

Wenn ich mein Thema gefunden habe und die Person schon längere Zeit kenne, geht es meistens recht schnell. Erst baute ich in groben Zügen den Torso auf, wobei frühere Erinnerungen und heutige Erfahrungen gleichermaßen in meine Hände flossen und die grobe Form beinahe ganz von allein bestimmten und dann widmete ich mich den Einzelheiten. Diesen unterbewussten Prozessen des Findens zu trauen und diese, ohne jeden Druck zuzulassen, ist eine Gabe.

Margit gab mir schließlich ihr o.k. unter der Bedingung, ihre Brille bitteschön wegzulassen. Wir kennen das von Fotos, die wir, wenn wir uns darauf abgebildet sehen, mitunter viel zu kritisch als nötig betrachten. Ihre Befürchtungen ignorierte ich, ließ die Brille aber tatsächlich weg. Jeder Mensch hat schließlich seine ureigenen Schwachstellen, die heute vielleicht enorm wichtig erscheinen und morgen niemanden mehr interessieren. Nach solchen Kleinigkeiten suche ich auch nicht, sondern trachte danach, die Einmaligkeit jedes Menschen und das Besondere, das ihn jeweils ausmacht, zu ergründen. Es geht mir immer um den Kern der Persönlichkeit und diesen lege ich frei und arbeite ihn heraus. Ich verachte das Bemühen um Ähnlichkeit nicht, auch ich versuche es so gut, wie möglich hinzubekommen, dies aber ohne jeden Druck! Deshalb arbeite ich gern an zwei Figuren gleichzeitig, so beiße ich mich nie fest und der Blick bleibt frei. Und manchmal hilft mir auch mein Freund Zufall. Er mischt sich mitunter ein, wenn ich bereits unterschwellig weiß, dass ich ein Problem habe. So muss es auch bei der FLORA geschehen sein, als er dafür sorgte, dass sie mit ihrer gesamten Vorderfront in meiner Werkzeugablage gelandet ist.

Ich bin dankbar, dass dies passierte, wenn ich auch zuerst recht bedeppert geschaut haben muss!

Aber der allzu perfekte Zustand, den meine FLORA Anfangs aufzuweisen hatte und der mir suspekt erschien, der war mit einem Schlag in sein Gegenteil verkehrt worden. Und ich sah sofort, nachdem ich die Tante vorsichtig angehoben und zurück auf ihre Gipsplatte gestellt hatte, dass das Malheur nur als ein solches getarnt – ein Angebot gewesen ist! Ich brauchte nur von innen wieder ein wenig gegenkloppen – ganz vorsichtig, um die Arbeit des lieben Freund Zufall bloß nicht zu zerstören – und gut. Das leicht Schräge, das nach dem Aufprall in ihrem Gesicht jetzt auffällt, steht ihr gut und ergänzt zudem das, einer FLORA eigentlich nicht zugehörige Utensil, diesen krummen, komischen Zigarettenstummel in ihrer, vom Aufschlag ebenfalls leicht verdrehten Hand!

Der geneigte Betrachter wird sich zwar wundern und sich fragen, woher wohl die Abdrücke in ihrem total abgeflachten Pony herrühren, er wird aber auch das Rosige, Frische in ihrem Gesicht bemerken und er wird das Grün in ihren Haaren als nicht störend empfinden, weil es genauso sein muss! Auf ihrem Kleid trägt sie herbstliches Laub, statt Blümchenmuster, ein Füllhorn hat sie auch nicht dabei. Dafür die Kippe! Blumen gebe aber auch ich ihr mit auf den Weg. Poppig und Knallig will ich sie haben, auch wenn Margit Pastellfarben lieber mag. Sie sagt, sie liebt die lachsfarbenen Sorten unter den Blumen, auch Altrosa darf es sein, nur nicht dieses scheußliche Pink. Früher war das nicht so, sagt sie, es wird wohl an den Wechseljahren liegen…

Mir muss das egal sein! Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich möchte, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, der lebendigen Kraft Ausdruck verleihen, die ich mit meiner Gärtnerfreundin in Verbindung bringe. Bei der qualmenden FLORA ist mir nur zweitrangig wichtig, der Realität entsprechen zu wollen, um ein naturgetreues Abbild geht es mir nicht. Nie kann der Künstler die Natur kopieren, nie kommt er in Gänze an das lebendige Original heran! Er muss etwas Neues schaffen. Vielleicht wird FLORA, mit etwas Glück, ein Kunstobjekt, das spricht!

So, wie ja all die anderen tönernen Protagonisten aus meiner staubigen Werkstatt es scheinbar tun, wenn sie sich in ihren Regalen und auf Sockeln stehend, miteinander zu unterhalten scheinen. „Ilse“ Beispielsweise, meine betagte Nachbarin, deren Konterfei wirkt in sich gekehrt und scheint auf etwas zu warten. Die Keramische Plastik des Malers Arno Rink hingegen, durcheilt leicht rückwärtsschauend nach vornehastend, meine Räume. Der Grafiker Horst Janssen hält auf seinem Sockel einen Monolog, während die Xanthippe kämpferisch ihre Hörner zeigt. Nur die alte Tänzerin schaut mir interessiert bei meiner Arbeit am Ofen zu. Sie sieht vorbei an dem erfolgreichen Galeristen ihr gegenüber, der Eier in sämtlichen Sorten und Größen bebrütet.

Wenn nun bald die liebenswert schräge, qualmende und ungewöhnliche FLORA dem Betrachter ihrerseits ein Lächeln ins Gesicht zaubert, habe ich mein Ziel erreicht.

Immer lieber Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu liefern!

Maren Simon am 24. November 2018

25. November 2018

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