Wie viele sind wir und wenn ja, wird es reichen?

“Der Schoß ist fruchtbar noch …”, Maren Simon, 2017

Mit Sorge verfolgte ich, wie schnell alles vonstatten ging. Gewisse Sachverhalte ließen mich jedoch seit längerem schon aufhorchen. Während um mich herum nun die Welt vollends auseinanderbricht, sitze ich inmitten meines Scherbenhaufens und füge diese Scherbenstücke zu neuen Konstellationen zusammen. Überall brennt es, die Emotionen überschlagen sich und Menschen gehen auf die Barrikaden. Die Gesellschaft zerfällt in ihre Einzelteile und alle machen mit, obwohl sie dies nicht wollen. Ich komme nicht umhin besorgt festzustellen, dass sämtliche, unser Dasein bestimmende Lebensbereiche, vom Wandel betroffen sind. Wie im Kleinen, so im Großen.

Weltklima, Politik, Kirche, Familie, Kultur, Natur …

Damit etwas wieder „heil“ werden kann, muss es mitunter zuvor mit Kraft gegen die Wand gefahren werden. Unsere Welt liegt zwar noch nicht in “Schutt und Asche”, doch ist es brenzlig. Das, was wir gerade miterleben macht viele Menschen nachdenklich und auch traurig. Der Prozess des Klimawandels ist irreparabel, also nicht umkehrbar, was den “fruchtbaren Schoß” betrifft, wie Berthold Brecht es formulierte, können wir nur auf die Kraft der Vernunft hoffen. Denn alle Parteifarben zusammengemischt ergeben nun einmal der Farbenlehre nach, noch immer nicht Weiß, sondern wie damals, Braun. Weshalb sich Politiker um klare Abgrenzung bemühen, jede Sorglosigkeit unbedingt in Grenzen halten und vorausschauend handeln sollten, damit sich die alten Muster nicht wiederholen.

Das Chaos ist der Urzustand der Welt. Aus ihm ist auch Gaia, unsere Erde, einmal hervorgegangen. So sagt es der griechische Dichter Hesiod. Ich baue nun meinerseits lebensgroße, uns allseits beschützende „Hausgötter“ aus Bergen von Schutt und Unrat auf, denn der begegnet mir überall auf meinen Wegen. So fand ich im Wald und an den Rändern der Autobahn über die Jahre hinweg unglaublich viel an zerschlagenem Scherbenmaterial: alte Dachziegel und Blumentopfscherben, zerbrochene Teller und Tassen und die Reste von Fliesen. Dickwandige Scherben von altem Steinzeug- und Tonkrügen, die früher zum Einlegen von Gurken und Sauerkraut Verwendung fanden, stellen dabei immer wieder etwas ganz Besonderes dar und sind die reinste Freude für die Finderin.

Solche interessanten Scherben verbergen sich manchmal von Pflanzen überwuchert im Boden und müssen zuvor „gehoben“ werden. Die Stellen, wo sie im Wald liegen, fallen mir sofort auf, denn meine Augen sind inzwischen geschult. In Zukunft werde ich mich wohl nur noch mit „Rollkoffer“ auf Ausflugstour wagen, denn meine Passion beginnt für mich (und meistens auch für meine Begleitung) allmählich anstrengend zu werden.

So merkwürdig meine Sammlung, so merkwürdig ist mitunter die Auffindesituation innerhalb der Landschaft, in der ich meine Materialien aufspüre. Mehrere bunte Müslischalen, eine Sauciere, Tassen und Kännchen lagen zum Beispiel völlig intakt und gut erhalten verstreut auf einer Lichtung im Lehniner Forst, als wäre es ganz normal sich solcherart überflüssig gewordener Dinge seines Haushalts zu entledigen. Ich verstehe nicht, wieviel Mühe diese Leute sich machen, ihren Unrat extra in ein Fahrzeug zu verfrachten, um ihn dann – aus den Augen aus dem Sinn – heimlich in abgelegene Wälder zu karren. Was soll das? Wahrscheinlich heiraten die jungen Paare heute noch viel zu selten. Früher gaben Hochzeiten üblicherweise den Anlass dazu, altes Geschirr beim Polterabend geräuschvoll zerschlagen zu können, um es loszuwerden. Die Aufgabe der jungen Eheleute bestand dann darin, diese Scherben gemeinsam aufzukehren, denn sie brachten Glück! 

Mir sind die bauchig gewölbten Bruchstücke die Liebsten. Mein Scherbenpuzzle überragt inzwischen meine eigene Gestalt, so dass ich auf einer Leiter stehen muss, um „Scherbenpracht“ Nummer eins – bestehend aus drei übereinander sitzenden, passgenau gearbeiteten Teilstücken – auf ihre endgültigen 1.80 m zu bringen. Während des Trocknens schrumpft die Plastik noch um ca. 10 % und bekommt Spannungsrisse, weil sich die bereits gebrannten Tonscherben starr im Vergleich zum ungebrannten Ton verhalten, der im Gegensatz zu diesen, Wasser verliert. Diese Risse möglichst klein zu halten und immer wieder auszubessern, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben für die nächsten Wochen.

Die Materialien, die ich innerhalb meines aufgehäuften Schuttberges in der Werkstatt zur Verfügung habe, erfordern von mir erfinderisch vorzugehen. Ich drehe und wende jede einzelne Scherbe in meiner Hand, prüfe und teste sie. Manche zerschlage ich in kleinere Stücke, mit der Mosaikzange lässt sich hierbei auch detaillierter arbeiten. Mit jedem neuen eingebauten Teil, das ich zuvor aus dem Haufen tausender Scherben herausgefingert und für passend befunden habe, lege ich mich fest, bestimme damit die Form und den weiteren Werdegang meiner Figur. Einmal entschieden, gibt es kein Zurück mehr.

Und dann beginnen die Scherben ihre Geschichten zu erzählen.

Während sich die Plastik auf der historischen Drehscheibe, die ich während eines Bildhauersymposiums im Elbsandsteingebirge von einer Kollegin aus deren Bestand erworben habe, in die Höhe schraubt, mache ich mir bereits erste Gedanken über die sichere Aufstellung des Ganzen. Ich bin überaus gern in Bau- und auf Flohmärkten unterwegs und finde hier immer irgendetwas Geeignetes für meine Belange. Auch Schlussverkäufe in Gartencentern können mitunter von Erfolg gekrönt sein. Kürzlich begegnete mir bei solch einer Gelegenheit das I-Tüpfelchen für die noch in Planung befindliche „Scherbenpracht“ Nr. II – eine originalgroße, leicht angeschlagene, keramische Nippesfigur einer reifen Ananas. Ein Glücksfall!

Im Allgemeinen gilt Kunst zwar als elitär, doch der Prozess, wie (und von wem) sie erarbeitet wird, ist oft alles andere als das. Werkstätten und Ateliers sind manchmal regelrechte Rumpelkammern und zu aufgeräumt wirkende Räumlichkeiten mancher Kollegen, erscheinen mir darum auch immer irgendwie verdächtig. Kreativität braucht Raum und Möglichkeiten, Sachen ruhen und sich entwickeln zu lassen. Ich weiß manchmal nicht sofort, wozu ich einen Zufallsfund weiter verarbeiten könnte, dann muss er warten, bis seine Zeit gekommen ist. Dafür brauche ich Platz.

Für meine Mühe beim Recyceln diversen keramischen Unrats und dessen Beseitigung aus der Natur, müsste ich eigentlich einen Nachhaltigkeitspreis verliehen bekommen! Denn mein Platzproblem brachte mich beinahe an den Rand meiner Möglichkeiten. Inzwischen bekomme ich aber wieder mehr Luft. Die Regale werden ab- und woanders wieder aufgebaut. Statt dieser, werden dann mehrere Tische aufgestellt, die mir zusätzliche Möglichkeiten bieten, an mehreren Terrakotten gleichzeitig zu arbeiten und meine Gerümpelberge nicht mehr auf dem Boden verteilen zu müssen. 

Humor hat, wer trotzdem lacht, sagt das Sprichwort und ich füge hinzu, wer sich vom Zeitgeist nicht unterkriegen lässt. Der Zeitgeist ist nämlich manchmal ein wenig charmanter Typ, der mit Leuten wie mir nicht umgehen kann. Ich arbeite dennoch mit ihm und nie dagegen – lasse mich aber auch nicht von ihm dominieren! Collagen, bei denen ich unterschiedlichste Materialien aufeinander treffen lasse, die auf den ersten Blick miteinander wenig zu tun haben, sind offenbar gerade deshalb ein Thema für mich, um den allgemeinen Erscheinungen des Zerfalls, etwas entgegen zu setzen.

Ich erlebe es ja tagtäglich – die eine, immer gültige Wahrheit, die gibt es nicht! Und wenn meine Gefühle dann Achterbahn fahren, sucht sich mein Gemüt ein Ventil. Ich lache gern über mich selbst, weil mir das als die naheliegendste Lösung erscheint, arbeite hierbei nicht nur mit Scherben aus Keramik, sondern verwende dafür auch Papier und reagiere auf Schwingungen, die nicht erst seit Richard David Prechts Bestseller in der Luft liegen:

„Wer bin ich und wenn ja, wie viele“?

Fotographische Selbstportraits sind entstanden, was natürlich an sich nichts Neues ist und keine Erfindung meinerseits darstellt. Cindy Shermann erfreut sich schon seit längerem einer großen Beliebtheit, indem sie sich selbst vor ihrer Kamera und mittels aufwendiger Verkleidungen, inszeniert.

Dagegen ist mein Beitrag eher unspektakulär.

Ich favorisiere das Einfache und Naheliegende und bediene mich brillant gedruckter, bunter Lifestylekataloge und Luxusmagazine, wie zum Bespiel solcher, von Douglas. Wenn Ai Weiwei jetzt erfolgreich mit einem Baumarkt kooperiert, sollte ich mich vielleicht bei denen mal vorstellen: „Komm rein und finde wieder heraus!” Zugegeben, einmal in zwei Jahren benötige ich tatsächlich einen neuen Lippenstift und auch ein wenig schwarze Farbe für meine Augenbrauen und Wimpern, was der Schmink- und Kosmetikbranche aber offenbar immer noch viel zu wenig ist. Weshalb man mir bestechend schöne, immer ein wenig gelangweilt, überheblich oder auch dämlich schauende Gesichter von jungen Frauen nach Hause schickt , die mich – gut ausgeleuchtet fotografiert – darüber informieren, dass mir zum Glücklichsein noch allerhand fehlt.

Bevor diese Heftchen – früher oder später – zu Altpapierbrei verarbeitet werden, nutze ich die Gesichter darin als Ersatzteillager.

Mir kam die Idee, diese Fotos in Schönheit-unterwandernder-Absicht zu benutzen, um mit ihnen das eigene Selbst zu deinstallieren, ganz spontan. Dazu entnahm ich mit der Schere „Organspenden“ und „transplantierte“ sie. Ich schnitt hierfür Wangen, Nasen und Münder, aber auch Bärte und Glatzen aus, um mir diese dann in Folge selbst anzuheften. Es braucht nicht viel – Gesichtsschnipsel in s/w aus der Tageszeitung tun es auch, um mit so wenig dann, zu einer völlig anderen Person zu werden!

“Deinstallation”, Maren Simon, 2020

Ganze „Papiercollagen“ fixierte ich in meinem Gesicht. Dann schoss ich fast ohne jede Sicht mit zugeklebter Brille meine Selfies und staunte nicht schlecht, denn nur wenige Millimeter sollten über angenehm, schräg oder verrückt entscheiden. Und alles wirkte so selbstverständlich, einfach wundervoll. Ist das noch Arbeit oder ist das schon Vergnügen? Eindeutig beides! Der Vorteil meines Berufes liegt ja darin zu arbeiten, selbst dann, wenn ich nur sitze (und grübele). Abgewandelt möchte ich sagen, ich sitze, also bin ich!

Und ich bin immer wieder froh, dass mich der Zufall dazu brachte, mit der Nase auf TON gestoßen worden zu sein, bin dankbar dafür, meine Begabung ausleben zu dürfen, es gibt für mich nichts Schöneres. Mit Genugtuung stelle ich heute fest, dass es richtig gewesen ist, mich durchgesetzt, es durchgezogen und vor allem, durch- und ausgehalten zu haben – denn früher gab es der Kritiker zu viele. 

Daher bin ich nun auch besonders glücklich, einen guten Bekannten der immer an mich und meine Arbeit geglaubt hatte, meine Person schätzte und mich unterstütze, vor gut zwei Jahren bereits portraitiert zu haben. Er verstarb am 22. Dezember des letzten Jahres. Ich bat ihn damals eine Zeichnung anfertigen zu dürfen. Er gab sich darüber verwundert und schaute während unserer gemeinsamen sommerlichen „Sitzung“ im Biergarten am Schlachtensee in Berlin oft nach unten, hielt den Kopf leicht schräg und lächelte verlegen. Ich quälte ihn nicht lange, das Wesentlichste in Kürze zu erfassen, gehört zu einer meiner Stärken.

Das ist schon ein wenig absurd. Früher lächelte man gern über mich und meine angebliche „Gefühligkeit“. Ich war schon immer eine eher ruhige Person, so traute man mir wenig zu. Der Gedanke, aktiv etwas bewegen zu können und jemand mit Führungsqualitäten zu sein, der die Ansagen macht, ließ sich anscheinend mit meiner stillen Wesensart nicht vereinbaren. Dabei ruhen sich die „Nichtgefühligen“ in Wahrheit nur sehr oft auf den Rücken der „Gefühligen“ aus und nähren sich von deren Geduld. Wenn ich heute spüre, dass ich meine Kraft nur verschwende, lasse ich los und gehe meinen Weg allein, auch wenn das manch einem nicht passt. Als Kind „schoss ich stets über das Ziel hinaus“, schrieb mir meine, mich damals beurteilende Grundschullehrerin ins Zeugnisheft – und heute?

Heute bin ich nicht viel besser. Meine Blogeinträge geraten mir zu lang und ich bekomme es einfach nicht hin, mich kürzer zu fassen. Mitteilsam zu sein ist eindeutig ein Manko. Ich bin wenig reduziert, habe in meiner Behausung auch viel zu viele Sachen herumzustehen und weiß genau, dass mein Staubsauger es wirklich gern anders hätte! Allein aufräumen nutzt wenig. Nach einer gewissen Zeit ist der alte Zustand ja doch wieder hergestellt. Ich lasse also die Leute reden und bleibe wie ich bin. 

Allein bei meiner Arbeit fällt es mir ganz leicht radikal zu sein, das Wesentliche zu erfassen und auf den Punkt zu bringen! Eine Handvoll Zeichnungen und einige Fotos mit frechen Spatzen an unserem Biertisch, auch eines von einem lächelnden Professor beim Abschied, sind an diesem Nachmittag am See entstanden und bildeten die Arbeitsgrundlage für die spätere Portraitplastik „Querkopf“ aus dem Jahre 2017.

Christian Gizewski wurde 78 Jahre alt. Unangepasst gab er sich, immer ein wenig umständlich und manchmal auch sarkastisch, dennoch anfangs jedem freundlich zugewandt. Er führte freiwillig ein zutiefst bescheidenes Leben. Gemeinsam mit seinen vielen Büchern bewohnte er die obere Etage einer älteren Villa in Berlin – Lichterfelde direkt unterm Dach. Dort hauste er spartanisch wie ein Student. Aus voller Überzeugung stand dieser Mann am Rande der Gesellschaft, eine Veranlagung, die wir beide miteinander teilten. Sein Gegenüber zwang er stets dazu sich zu entscheiden.

Entweder mochte man ihn oder man tat dies nicht. Ein unentschiedenes „dazwischen“ gab es in seinem Falle nicht. Dieser zeitlebens unbeugsame Charakter, den selbst wohlmeinende Kritiker als mitunter zu „stur“ empfanden, interessierte mich, wenn er auch zum Lebensende hin, mit diesem für ein gewisses Chaos unter seinen Anhängern – contra Familie – gesorgt haben muss. 

Es ging mit ihm bergab, als der alte Mann bereits schwerkrank, aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen, sprich entmietet wurde. Dennoch blieb er optimistisch und trat für seine Rechte gegen jene Vermieter und deren Anwälte sogar vor Gericht ein. Wären nicht Menschen an seiner Seite gewesen, die ihm in diesen schlechten Zeiten halfen – er hätte sich womöglich etwas angetan. Ich erinnere mich jedoch gern daran, wie seine grauen Augen blitzten, wenn der (Galgen-)Humor dennoch mit ihm durchging, trotz all dem.

Zu seiner Beerdigung sollten an diesem schönen Sonnentag im Januar sehr viele Trauergäste erscheinen. Weiße Rosen und Frühjahrsblüher stapelten sich in Fülle über seiner Urne. Auf dem Grab von Gizewskis früh verstorbener Frau Julia daneben, befanden sich nach seiner Beisetzung ebenso viele rote Rosen, wie Besucher da waren. Der schöne Gedanke, dass Professor Gizewski jetzt mit seiner lieben Frau Julia, einer Lehrerin und Künstlerin, wieder vereint sein würde, tröstete nicht nur mich.

Im Internet existiert ein Foto des Althistorikers mit Holzeule. Dieses Bild, von dem ich mich habe inspirieren lassen, zeigt ihn vor seinem Bücherregal stehend so, wie er in Erinnerung behalten werden wollte: nachdenklich, humorvoll, weise und eigensinnig. Diese Bildsprache 1:1 zu übernehmen, hätte ich jedoch als zu plump empfunden, denn sein Eigensinn tat manchmal weh.

“Querkopf”, Maren Simon, 2017

Gizewski war mehr als nur eine Respektperson. Er war für mich vor allem der witzige, sympathische und liebenswerte, kauzige Geschichtsprofessor mit Interesse nicht nur für komische Vögel, sondern besonders gern auch für sogenannte, bunte Hunde! Gerechtigkeit war ihm immer ein wichtiges Anliegen, all sein Mitgefühl galt daher stets den Missverstandenen, Unterschätzten und Schwachen, ihnen half er und setzte sich für sie ein.

Dafür ging er dann mit dem Kopf auch schon mal „quer“ durch die Wand.

– Quod erat demonstrandum –

 

 

Maren Simon am 17. Februar 2020

Kommentar schreiben

*