Mit allen Sinnen genießen!

29. September 2018

Dessert “Vanille-Lakritz Creme”, Restaurant SAVU

In Berlin unterwegs zu sein, hat für uns Landeier immer etwas Außergewöhnliches an sich. Diesmal fuhr ich ganz bewusst mit der „Berg- und Talbahn“. Ich war nicht allein und war es doch.

Ich dachte, meinem Mann zu seinem anstehenden Geburtstag einen Lehrgang der besonderen Art zu schenken und meldete ihn zu einem Workshop mit exklusivem Seminar in einem Restaurant auf dem Kurfürstendamm an. „Kochen und schlemmen Sie gerne?“ So lockte die Tageszeitung mich auf diese Fährte. Ja, natürlich, sagte ich zu mir selbst und ich verbinde gern das Angenehme mit dem Nützlichen! Jörn probiert gern aus und er hat Freude daran, wenn es gut wird. Und das, freut dann auch mich! Obstwein zum Beispiel, ihm galt all seine Aufmerksamkeit in den letzten Wochen und es sind seitdem viele Früchte durch seine Presse gewandert. In diversen Ballons gärte es und in den entsprechenden Röhrchen dazu blubberte es den Sommer über rhythmisch, herrlich, auch diese Farbenpracht von Gelb über Orange hin zu Rot, in sämtlichen Schattierungen. Die ersten Flaschen sind bereits abgefüllt worden, süffig ist er, hat zwischen 9 und 14 %-Vol. und lagert nun im Keller. Beste Erwachsenen-Vitamine für den Winter! Während mein Mann nun mit Gleichgesinnten hinter verschlossenen Türen aus erster Hand von den interessantesten Kochgeheimnissen erfuhr, nutzte ich die Zeit ohne ihn, auf meine Weise und besuchte eine Fotoausstellung im Museum für Fotografie: „Künstler Komplex“. Ich versprach mir einen wesentlichen Erkenntnisgewinn, weil – das Wort „Komplex“ im Ausstellungstitel deutet es an – mich die Psychologie dahinter, interessierte.  

Gegen Sieben wollte ich zum krönenden Abenddinner zurück sein.  

Der Regen begann sich leider unangenehm zu verdichten. Im Garten eine Freude! In der Stadt, eher weniger … außerdem verspürte ich ein leichtes Hungergefühl, also entschloss ich mich, vor dem Kunstgenuss einen aufmunternden Kaffee zu trinken, was offenbar an diesem Tage ein Ding der Unmöglichkeit darstellen sollte. Im Fotomuseum gibt es zwar ein Café „Max“ wie man mir mitteilte, aber nur zum Sitzen – ohne jeden Kaffee. Im nahe gelegenen C/O Berlin und dem dazugehörenden Besuchercafé wurde gerade umgebaut, deshalb gab es auch dort kein Käffchen. Suchend zu Fuß im grauen Berlin bei Regen unterwegs zu sein, ist wenig angenehm. Die Nässe kroch mir förmlich unter die Haut und unter meine Kopfbedeckung, ein Schnäppchen von „Wunderkind“, ein Utensil für Sommer und Sonne! Und dann sah ich das Schild von der McDonalds Filiale, ich war in der richtigen Stimmung und angesichts des anstehenden, exklusiven Dinners am Abend, kam mir spontan die Idee, eine Achterbahnfahrt der Genüsse zu absolvieren und so ging ich beherzt hinein.

Ich muss gestehen, ich war bisher nur ein einziges Mal in einer McDonalds Filiale gewesen und ich orderte damals ein Eis, während mein Mann seine Erfahrungen in Sachen Schnellrestaurant bei einer Burger-King-Filiale absolvierte. Unser Sohn wünschte sich die Saurieruhr, die es damals, vor ca. 20 Jahren, gratis zum Brötchen mit Boulette gab.

Notgedrungen, diesmal mit vielen anderen, regenscheuen Menschen, saß ich jetzt also freiwillig erneut im Burgerparadies. Glücklicherweise gab es auch Milchkaffee in großen Tassen aus Porzellan, dazu ein kleines, in Papier gebackenes Törtchen, umweltfreundlich also und somit ein Angebot, dass man akzeptieren konnte. Ich setzte mich an einen winzigen Tisch mit Sofaplatz und beobachtete das rege Treiben mir gegenüber, wobei drei Automaten, die auch bargeldloses Bestellen für Analphabeten möglich machten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen: Nummer ziehen und eintippen, Menüliste mit Abbildungen anschauen, Auswählen, Ordern durch Anklicken, Bezahlen per Karte, Platz suchen und dort auf die Bedienung warten. Mein Vorurteil gegen diese Form von Essenskultur bestätigte sich dann leider in der Weise, wie sich das Einwegverpackungsmaterial auf den Nachbartischen, mit vorzugsweise jüngeren Leuten daran, stapelte. Interessant, warum diese Tüten und Kartons offenbar so beliebt sind: es geht ums Auspacken! Fast liebevoll öffnete das junge asiatisch wirkende Mädchen ihre Tüte, schnupperte, sah hinein, freute sich … und lächelte selig.

Wenn die Besucher nicht selbst Hand anlegten, kam eine sehr präsente Reinigungsfachfrau und putzte. Sauberkeit ist nicht das Problem. Im Gegenteil, die Leute machen mit. Das Schlimmste sind in meinen Augen überflüssige Plastikbehälter für Flüssiges und Fettendes. Dieser dumme Mensch, der „Kaffee to go“ erfunden hat, sollte ohne Kaffee, aber mit Becher und Trinkhalm in die Wüste geschickt werden. In was für Zeiten leben wir? Und wo ist eigentlich die Vernunft abgeblieben? Schläft sie wieder? Immerzu werde ich mit den gierigen Wünschen und Wachstumsproblemen anderer, mir fremder Menschen belästigt, ich soll kaufen-kaufen-kaufen. Um „glücklich“ zu werden? Mein zu kleiner, alter Briefkasten stöhnt, die Gratiswerbepapiere – besonders jene, die als „Zeitung“ getarnt daher kommen, diverse „Wochenblätter“ und Hochglanzprospekte für Küchenmöbel, sie sorgen bei ihm für Völlegefühl mit Aufstoßen! Wenn ich etwas brauche, weiß ich, woher ich es bekommen kann, ich bin erwachsen!

Die akuten Weltprobleme fallen angesichts dieser überflüssigen Werbefluten, hinten runter.

Mir kommen Gedanken zum Hambacher Forst in den Sinn, hier driften akut Meinungen derart auseinander, dass es nur so kracht und die Baumhäuser wackeln. Jahrhundertealte Bäume sollen der billigen Kohle geopfert werden. Aus ihrem Holz entstehen dann im schlimmsten Falle, auch diese entsetzlich schrill bedruckten Faltschachteln für Fastfood und das haben die Bäume einfach nicht verdient. Bücher auf Papier sind out heißt es, Werbescheiß ist es nie. Fortschritt geht anders.

Der Regen lockte immer mehr Leute ins Schnellrestaurant. Kein Wunder, denn man holt sie förmlich bequemst dort ab, wo sie gerade stehen und erfüllt ihnen dann zuverlässig die antrainierten Wünsche nach kostengünstiger, sorgloser, sättigender, fettreicher und süßer Nahrung. So ein Brötchen zu verspeisen, mit allem was zwischen beiden Hälften steckt, scheint zwar nicht einfach zu sein, es läuft, tropft, kleckert … aber es schmeckt offenbar. Diese Woche ist scharfe Woche angesagt, intensiv Rot beworben – mit Chili.

Das Museum war voller als sonst, der Regen hat also auch in Sachen Kultur sein Gutes! Als ich die fotografischen Portraits „von Baselitz bis Warhol“ betrachte, ist alles gut, obwohl Unordnung beziehungsweise herumliegender Krempel, auch hier auf manchem Bild eine Rolle spielten. Besonders beeindruckend das, mir bereits bekannte, berührende s/w Foto des Fotografen Carlos Freire, welches den Maler Francis Bacon in seinem total zugemüllten Atelier zeigt. Scheinbar verloren befindet sich der Künstler inmitten eines einzigen Chaos um sich herum. Dadurch, dass jede Farbe fehlt, wirkt es noch trauriger. Ein kreatives Durcheinander, welches für Bacon offensichtlich notwendig gewesen ist, um seine Arbeit in dieser, für ihn charakteristischen Form, überhaupt tätigen zu können. Ich bin immer wieder ergriffen von Bacons mehrschichtig angelegten Portraits von Menschen, deren Schmerz er mithilfe zerlegter und in sich verdrehter Körperlichkeit, Ausdruck verlieh. Schmerz ist das große Thema seiner Bilder. Die auseinander driftenden Körperteile passen kaum mehr zusammen und mir tut das richtig weh, es anzuschauen. Konservativ „normal“ veranlagten Mitmenschen ist nicht zu vermitteln, welche Schönheit von seinen Bildern ausgeht. Indem Freire den Menschen Francis hinter dem Künstler Bacon zu fassen sucht, baut er diesen aber eine Brücke: schaut auf seine Schuhe inmitten des Drecks, sie glänzen!

Nachdem ich in der Buchhandlung des Museums wieder ein wenig zu lange zubrachte, musste ich mich beeilen, um nicht unpünktlich zu sein. Als ich schließlich, dank eines freundlichen Busfahrers rechtzeitig und kostenlos im Restaurant SAVU ankam, waren alle Teilnehmer in einer lockeren, gelösten Stimmung und es duftete im ganzen Raum aromatisch und feinwürzig rauchig, kein Wunder, SAVU ist finnisch und bedeutet „Rauch“. Ich bekam ein funkelndes Glas Prosecco gereicht und genoss den Moment, nun, zu später Stunde, mit freundlichen Menschen zusammen zu sein. Alle Teilnehmer des Lehrgangs hatten emsig gearbeitet. Jetzt gab es den Lohn dafür. Mein Mann strahlte, denn kochen ist sein Element. An einem liebevoll gedeckten, langen Tisch aus rustikalem Holz mit Blick in die offen einsehbare Küchenlandschaft des Restaurants, nahmen wir als Gruppe Platz. Nun konnte das Dinner beginnen.

Unser Küchenmeister, Sauli Kemppainen war äußerst gut vorbereitet und er hatte sich vorab viele Gedanken gemacht, um seine Choreographie für diesen Abend auf den Punkt zu bringen. Er erklärte und fasste zusammen, deutete an und sprach aus – nachzulesen auf Papier. Die an diesem Tage gemeinsam bereiteten Speisen wurden jetzt, nach der Ansprache, direkt vor unseren Augen und mithilfe seines freundlichen Teams, liebevoll in Tassen, auf Schalen und Tellern, arrangiert. Es gab mehrere Varianten duftenden Brotes als Einstieg, gemeinsam mit raffiniert zubereitetem Sellerie, zart und schmelzend – ein Genuss! Daran anschließend kam Wärmendes auf den Tisch – auf den Sellerie fein abgestimmt ein Süppchen vom Lachs, später dann auf verschiedenste Weise gegarte, oder auch geräucherte, finnische und maritime Köstlichkeiten, darunter Wachtel mit pochiertem und geeistem Ei, Hummerfleisch und die Arme eines Tintenfischs mit knackigem Gemüse unterlegt, sowie ein ungewöhnliches, sehr feines Dessert … all das begleitet von erlesen, zum Essen genau abgestimmten, weißen Weinen.

Sich ein wenig an die Hand nehmen und somit rein praktisch betrachtet, auch weiterbilden zu lassen, stellt keinen Makel dar, im Gegenteil! Es macht den Reiz des Lebens aus, von unterschiedlichster Lebensweisheit und Kultur, auf direktem Wege und auf Augenhöhe erfahren und profitieren zu dürfen. In diesem Sinne bedanken wir uns sehr herzlich bei Sauli Kemppainen und seinem Team für diese sensible und feine, kulinarische Reise.

Wir haben an diesem Abend viel Neues erfahren und hinzulernen dürfen. Es gibt viele Wege, glücklich zu sein. Kein profitabler Automat kann den Menschen und seine Ausstrahlung imitieren oder ersetzen, dennoch, auch Billig- und Schnellgastronomie haben ihre Daseinsberechtigung. Auch hier kann man sich, zumal bei Regen, aufwärmen und der Situation entsprechend, angenommen fühlen. Derjenige, der womöglich drei Berufe nebeneinander ausüben muss, um über die Runden zu kommen, hat andere Sorgen, als Erhabenes in Anspruch zu nehmen. Er kann sich jedoch glücklich schätzen gegenüber dem, der in seinen Schlafsack eingemummelt, neben seinem Hund unter der Brücke am Bahnhof Zoo, aushalten muss. Wer fragt schon danach, wie Obdachlose sich bei Dauernässe fühlen? Ich gab in den Becher aus Plastik aus meinem Portemonnaie einen Schein. Vielleicht ein Moment des Glücks für den, der ihn dieser Tage im grauen Berlin, zu McDonalds trug.  

Maren Simon, am 23. September 2018

Im SAVU Restaurant, Kurfürstendamm 160, 10709 Berlin

 

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