Ich bin zurück

Reinhardtsdorf und sein alter, stillgelegter Steinbruch liegen hinter mir und ich bin wieder um einige Erfahrungen reicher. Wir hatten eine ausgesprochen günstige Wetterlage, denn es war warm und sonnig. Im Sommer 2014 habe ich das auch schon ganz anders erlebt, da goss es in Strömen und ich erinnere mich, dass wir uns bei der Arbeit Einkaufstüten übergestülpt hatten, um uns vor der Nässe halbwegs provisorisch zu schützen. Dies Jahr regnete es bevorzugt des Nachts ein wenig und am Tage gab es zudem oftmals recht viel frischen Wind, der hatte so etwas Erquickendes, was ausgesprochen angenehm war …

… und zu betrachten, als Ausgleich sozusagen, zu meiner Gefühlslage, denn, wenn ich unter gestandenen Bildhauern im Steinbruch bin, fühle ich mich notgedrungen, wie ein grünschnäbeliges Junges … deshalb machte es bei mir auch nur: ping, ping, ping, anstatt: PENG!!! … aber der Weg ist das Ziel, ich brauche für alles länger, suche und finde nicht gleich, bin aber beharrlich und geduldig bei der Sache und sauge alles auf, wie ein Schwamm. Dabei sind mir mein kleines Skizzenbuch und das Handy behilflich. Mit Letzterem führe ich eine Art „Bildtagebuch“, so kann nichts verloren gehen.

Wenn einer in einer Sache Meister geworden ist, dann sollte er in einer anderen Sache wieder zum Schüler werden, stellte Gerhart Hauptmann einmal für die Nachwelt fest. Auf diese Weise entgeht man der Neigung, seine Arbeit, wenn sie zu leicht von der Hand zu gehen scheint, in Routine ausarten zu lassen. In meinem Falle kann ich nur sagen, wie dankbar ich war, mein trautes Tonmaterial wieder zu haben! Ich bin nach diesen zwei Wochen im Bruch, die meinen Händen ziemlich zu schaffen machten, mit so viel Elan und Tatkraft wieder an meine eigentliche, „weicher“ ausgerichtete Arbeit gegangen, dass es eine Freude war! Das geschmeidige Material, entspricht meiner Art zu sein wohl eher, weil ich mit ihm arbeiten und nicht dagegen angehen muss. Beim Stein hole ich unter enormen Kraftaufwand Material herunter, da muss als Erstes entschieden werden, was überflüssig ist und möglichst früh schon abgeschlagen werden sollte, um Kraft und Zeit zu sparen. Bei der keramischen Arbeit mit Ton baue ich meine Figuren ganz allmählich auf, von unten nach oben und von innen nach außen. Einziges Problem hier, die Objekte dürfen, solange ich daran arbeiten will, nicht austrocknen.

Ich habe Hochachtung vor den Kollegen und ich habe Ehrfurcht vor den Steinen. Den auserwählten Stein behauen und ihm meine Form aufzwingen zu müssen und ihm sozusagen, unter die Haut zu gehen, macht mir zu schaffen. So ein Steinexemplar hat doch, im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Hubel austauschbaren Tons, seine eigene Biographie! Er ist bereits zu „etwas“ geworden, er ist präsent, hat seine weiche Phase hinter sich! Ich muss lernen, mich stärker noch auf das, was werden könnte oder sollte, zu konzentrieren. Manchen Leuten ergeht es angesichts eines weißen Blatt Papiers ähnlich so. Dann ist die Hemmschwelle, die es zu überwinden gilt, um die unschuldig-weiße Oberfläche zu brechen, auch der Grund dafür, dass aller Anfang sich in die Länge ziehen kann …

Lasse ich der Tonerde eine gewisse Freiheit und gebe auch dem Zufall Raum, kann ich diese freundlich abwartende und großzügige Einstellung dem Stein gegenüber, nicht zur Anwendung bringen. Der Steinbildhauer plant stets genau und vorausschauend, was er tut – denn, was weg ist, ist weg! Steinbildhauer sind klare Menschen, sie schauen optimistisch nach vorn, sonst müssten sie angesichts ihrer harten Arbeit bereits vorneweg kapitulieren! Das tun sie aber nie, angriffslustig nehmen sie die Herausforderung an. Dieser optimistische Ansatz interessiert mich, rein therapeutisch betrachtet, ungemein und ich gewinne während der Arbeit am Stein etwas für mich, egal, ob ich nun eine Glanzleistung hinlege, oder nicht.

Manche der Kollegen sind bereits mit einem vorgefertigten Projekt (in Form eines kleinen Modells aus Ton) in den Bruch gekommen und suchten sich dann ein Exemplar entsprechend der gewünschten Maße, oder schlugen in aufwendiger Prozedur ein entsprechendes Stück eines großen Steinblockes ab. Es ist wirklich sehr beeindruckend, so eine Aktion miterleben zu dürfen. Und wer Gelegenheit bekommt, dabei zuzuschauen, wie allein mit dem Verstande Gewichte gestemmt werden, der kann nur staunen, wozu Menschen fähig sind. Dabei stehen die Frauen den Männern in nichts nach und auch das Alter präsentiert sich im Steinbruch ganz anders, als gemeinhin üblich, denn ich sehe, auch mit über 80 Jahren ist es möglich, noch locker mit Formen (und Steinen) zu jonglieren …

Ich suchte mir (ohne viel Aufwand) einen Stein, der neben anderen, kleineren und größeren Brocken im Grase ruhte und ließ mich dabei von seiner Unregelmäßigkeit und seiner Größe nicht sonderlich beeindrucken. Ich schaute ihn von allen Seiten an und fand ihn sympathisch! Nach Abkloppen der witterungsbedingt entstandenen losen Teile und der Feststellung, die angedachte Standfläche wegen des Vorhandenseins eines sogenannten „Stichs“, der den Stein im unteren Drittel schräg aufwärts durchzog und damit in seiner Festigkeit beeinträchtigte – nicht zur selben ausbauen zu können, wurde aus meinem ursprünglich gewünschten, aufrechten Hochformat dann doch ein queres.

So wird nun letztendlich eine liegende „Reinhardtsdorfer Venus“ daraus, die in ihrer runden Form, mir und dem Stein (siehe Bild oben) entspricht.

Die Berliner Bildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas schaute immer mal auf meine Arbeit und kürzte gewisse, mühsame Erkenntnisprozesse meinerseits, durch ihre resolute Ansprache und Korrektur, direkt auf meinem Stein, ab. Sie hat eine überaus große Erfahrung im Umgang mit Elbsand- und anderen Steinen. Seit 45 Jahren organisiert Marguerite diese Bildhauertreffen in Reinhardtsdorf. Das kollegiale Miteinander tut allen Beteiligten gut. Man erinnert sich gern und vielleicht knüpft sich auch der eine oder andere, neue Kontakt! Das wunderbare, ländlich gesunde Grün und das Glück, innerhalb dieser temporären Künstler WG im Hause Wolf, zeitweise ein Bestandteilchen derselben zu sein, liebevoll bekocht zu werden und im Kollegenkreis beinahe sorgenfrei arbeiten und hinzulernen zu können, ist für mich Luxus pur.

Natürlich bin ich in den 14 Tagen im Steinbruch mit der Arbeit nicht fertig geworden, deshalb gebe ich auch nur obige, kleine Zeichnung aus meinem Skizzenbuch zur Ansicht frei. Ich arbeite inzwischen zu Hause, in meinem wilden Garten an der Vollendung meines Werkes. Während ich meine Plastiken aus Tonerde alle liebevoll als „Tanten“ betitele, spreche ich die schwere Dame aus Stein, des Öfteren mit ihrem korrekten, gewichtigen Titel an, damit aus ihr hoffentlich auch werden mag, was sie einst werden soll: eine Venus.

Meinen herzlichen Dank an Marguerite Blume-Cárdenas und nochmals einen herzlichen Gruß den lieben Kollegen …

Maren Simon, am 5. Juli 2018

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